Kreativarbeit in Zeiten des Neoliberalismus


Musik/Kultur und ihre Bezahlung bzw. das davon Leben im digitalen Zeitalter 2014, 2 Artikel die mir am Wochenende unterkamen, zu der durchaus komplexen Angelegenheit, die die Problematik von unterschiedlichen Seiten beleuchtet.
Zum einen,Some of Your Friends Are Already This Broke, The Problem With Digital Music der sehr anschaulich beleuchtet was am Ende für den Musiker eines Digital Releases übrig bleibt. Ich möchte ergänzen, das es bei physischen Releases nicht besser aussieht, aber in meiner Ex-Tätigkeit als Content Manager in diversen Positionen mußte ich auch feststellen, das diese Pest der Mittelsmänner im Digitalbereich sich dermaßen ausgeufert hat und durchaus mit den größten Posten in jeder Kalkulation ausmacht.
Der zweite Artikel, ein lesenswertes Interview mit Berthold Seliger beschreibt in launiger Weise was mit Musik passiert ist, wie sie in ihrer jetzigen Form neoliberale Arbeitsverhältnisse fördert und wie eine vernünftige soziale Absicherung für Künstler aussehen könnte:

“Sich selbst würden aber all die lohnabhängigen Arbeiter und Manager, die in der Musikindustrie arbeiten, und all die Künstler jedoch kaum als “Arbeiter”, sondern eben als “Manager” bezeichnen oder im Fall der Künstler als “Selbständige”, als “Unternehmer”. Und da sind wir eben mitten in der Ideologie des neoliberalen Kapitalismus – die Zuschreibung ist ja: Selbst schuld, wenn du arm bleibst! Selbst schuld, wenn du einen unattraktiven Job machst! Du bist Unternehmer deiner selbst! Du bist für deine Selbstoptimierung, für dein neoliberales Selbst verantwortlich. Und all die “Kreativen”, wie es immer so schön heißt, spielen vergnügt die ihnen vom System zugewiesene Rolle als autarke “Miniaturkapitalisten”

Eine Arbeitswelt inszenieren, in der sich Sklaverei wie Freiheit anfühlt
Durchaus streitbare Thesen, aber dafür haben wir ja die Kommentare :)

(Pic via Danielle De Picciotto)

Neue GEMA Tarife moderater als gedacht, DJ Tarif VR-Ö auf schelllackschen Füßen

Die De:Bug berichtet das von den 1000%igen Erhöhungen der GEMA-Tarife nicht viel übrig geblieben ist, verifizieren kann ich das zwar nicht, aber ich nehm das mal so ab. Die neuen Tarife sind bis 2021 festgelegt,alle zahlen das gleiche und richten sich nach Eintritt und Raumgröße und sind teilweise über mehrere Jahre gestreckt.
Gleichzeitig berichtet das Faze Mag das auch der Tarif VR-Ö, also jener der nicht zuletzt von der DEHOGA auf die DJs abgewälzt werden sollte, wackelt:
“im Urheberrecht gibt es den Grundsatz, dass nur solche Nutzungen selbständig lizensierbar sind, die technisch und wirtschaftlich eigenständig sind. Das trifft auf die Vervielfältigungen von Musik, die ein DJ zum Zweck der öffentlichen Wiedergabe dieser Musik bei seinen Auftritten in Diskotheken vornimmt, nicht zu. Zwar handelt es sich zweifellos um Vervielfältigungen im Sinne von § 16 UrhG. Diese können aber nicht als solche – losgelöst von ihrer Verwendung im Diskothekenbereich – lizensiert werden, weil es insoweit lediglich um notwendige, aber rechtlich unselbständige Vorbereitungshandlungen für die damit bezweckte Nutzung (öffentliche Wiedergaben) geht. Der Tarif VR-Ö ist daher – abgesehen von weiteren Fehlern – mit dem geltenden Urheberrecht nicht zu vereinbaren.”

Der komplette Kommentar:
www.digitalanalog.org/phoenix/kommentar

Innerhalb 24 Stunden reagierte die GEMA auf das Statement von Dr. Poll mit einer Gegendarstellung:
www.digitalanalog.org/phoenix/antwort-der-gema

Woraufhin dieser ebenfalls reagierte und der GEMA “laienhafte Kommetare” bescheinigte:
www.digitalanalog.org/phoenix/antwort-dr-poll

Zur guter Letzt hat aber das Berlin Mitte Institut noch einen guten Punkt, nämlich:

“hat sich nichts an der fundamentalen Ungerechtigkeit der Verteilung geändert. Mittlerweile sollten die meisten verstanden haben, dass die Gema nach dem “Dieter Bohlen Prinzip” funktioniert und nur jene Musik technisch nachvollziehbar erfasst wird, die in den Top 50 Formatradios, dem Fernsehen und auf Konzerten läuft. In der Techno/House-Szene spielt die Musik aber hauptsächlich in den Clubs – und dort wird die Musik immer noch technisch völlig unzureichend erfasst. Mit dem sehr wahrscheinlichen Ergebnis, dass die Gema-Einnahmen (auch die neuen Mehreinnahmen) aus den Clubs den großen Pop-Sternchen und Majors zugute kommen. Und eben nicht den MusikproduzentInnen, die die Clubtracks schaffen.”

In der Tat könnte man die neuen Tarife als Zuckerchen lesen, auf das bloß nicht wieder die Diskussion um gerechtere Töpfe aufkommt und alles bei der alten ungerechten Verteilung bleibt.

i-Motion (Nature One, Mayday) an SFX verkauft


Die Meldung ging heute rum wie ein Lauffeuer, das i-Motion, seineszeichens Veranstalter von u.a. Mayday und Nature One, für vorerst 12 Millionen (60%, davon 8 Mio in Cash, der Rest in Aktien, die restlichen 40% folgen) an SFX Entertainment ging, die amerikanische Firma zu der mittlerweile auch Beatport, aber auch die früheren Thunderdomes a la ID&T gehört, die heute so Sachen wie Sensation White veranstalten. Ich hoffe Nic Scher und seine Crew haben es danach mal so richtig krachen lassen.
Inwieweit das Einfluß auf deren Programm hat kann man nur spekulieren, allerdings liest man in der Pressemitteilung verdächtig oft EDM, also den amerikanischen Terminus für aufgeblasenes Tamtam und over the top Eventing. Bleibt abzuwarten inwieweit das nun hier Fuß fassen soll, mir schwant allerdings nix Gutes.
Die Belegschaft der Firma macht auch nicht gerade den Eindruck als ginge es da wirklich um Musik, sondern eher vom Satiriker ausgedacht, siehe obiges Bild, und der Chef des Ladens, Sillermann, hat was von einem anorexischen Darth Vader minus Kostüm

Es geht los: C3S, GEMA-Alternative in Gründung mit Crowdfunding

Nach 3 Jahren Planungsphase ist es jetzt endlich soweit, die C3S als Alternative Verwertungsgesellschaft zur GEMA ist in der Gründungsphase und das nächste Etappenziel heißt läppische 50.000 € via Crowdfunding via Startnext zu generieren, was m.E. ein leichtes sein sollte.
Los geht das ab Mitte Juli, wer aber sofort dabei sein und nichts verpassen will kann jetzt schon mit einer nicht verbindlichen Absichtserklärung zum späteren Beitritt unterschreiben, was ich natürlich gleich getan habe.
Die Unterzeichner erhalten vor der Öffentlichkeit Zugriff auf das Crowfunding.
Die Rewards beim Crowdfunding werden u.a. sein:
- Beratung und Workshops mit Tim Renner (Motor), Sascha Kösch
(de:bug), Luci van Org (Lucilectric, Meystersinger)
- Rechtsberatung durch Anwälte aus der Musikbranche
- Studiozeit, professionelle Unterstützung bei der Musikproduktion

Am Ende der, hoffentlich erfolgreichen, Aktion steht die Gründung der Genossenschaft an der man dann Anteile zeichnen kann (ein Anteil = 50 EUR)

Und das sind die Ziele der C3S:

- freie Lizenzwahl: “all rights reserved” oder Creative Commons
- nicht exklusiv: freie Anzahl und Auswahl der zu verwaltenden Songs
- möglichst exakte, technisch basierte 1:1 Verteilung der Royalties
- 100% Royalties für gering Verdienende
- volles Stimmrecht für jedes musikschaffende Mitglied
- auf lange Sicht: cross-europäische Verwertung

02.04. Mikz, Dienstagswelt Mitternachtstalk zum Gema Tarif VR-Ö

Das könnte interessant werden und trotzdem fehlt da, wie eigentlich immer, was aber wahrscheinlich wieder nicht die Schuld des Veranstalters ist, ein Vertreter der GEMA, die lassen sich bei sowas nämlich nie blicken oder sagen kurz vorher ab. Das Podium ist illuster besetzt und einen Stream soll es auch geben, den werde ich mir geben, reiche ich noch nach wenn ich weiß wo

(via Berlin Mitte Institut)

GEMA Tarif VR-Ö


Ich weiß ja nicht wer in dieser Musikburschenschaft sich diesen Tarif ausgedacht hat und das was im Vorfeld darüber schon ans Licht kam hatte schon schwer groteske Züge, jetzt ist das Undingaus’m Sack und man muß als Mensch aus dem Hier und Jetzt aufpassen wie oft man die Hände über’m Kopp zusammenschlägt, damit das nicht als Beifall missinterpretiert wird. Der De:Bug ist der Versuch hoch anzurechnen sich in diesen Mindfuckeinzutrauen und daraus verwertbare Hinweise zu generieren.
Man fragt sich bei diesem Konstrukt, wer, außer der GEMA und ihren Spezis, davon was haben soll. Das Geld verschwindet, wie immer, in den schwarzen Löchern der GEMA und geradezu hysterisch lachen mußte ich bei dem Hinweis das man sich seine komplette Trackkollektion von vor dem 1.4, also dem Tag ab dem dieser Tarif gilt , egal welcher Herkunft, egal welcher Menge für 125 € nachlizensieren kann. Welches Signal sendet sowas aus, außer “I shut up, as long as I can take your money”? Signale für ein Rechtsempfinden für z.B. ehrliche Käufer von Tracks quasi nichtexistent. Ein 890 Millionen € Verein ist weder willens noch in der Lage auf Anfrage mitzuteilen welche der angeeigneten Tracks überhaupt Vergütungspflichtig sind und ruht sich auf der GEMA Vermutung aus. Dazu noch dieses himmelschreiende Nichtkapieren des Konzepts Kopie im Digitalen Zeitalter macht’s dann komplett, das z.B. die Files, die ein Remixdeck von Traktor auf die Festplatte generiert schon als Kopie gewertet wird, das ein kopiertes File im Gegensatz zum Original (welches Original eigentlich? Ist nicht schon das gekaufte File eine Kopie des Originals vom Server?) lizensierungspflichtig ist, sogar Kopien eigener Tracks für Gemamitglieder lizensierungspflichtig sind, ja tut denn da keiner was? Mit sowas kommt man 2013 durch? Ich fass es nicht!
Mittlerweile wird auch schon die Auslandspresse auf Posse aufmerksam und man darf sich vielleicht noch bei der GEMA bedanken das sie nie etwas für diese Musik getan hat, eher im Gegenteil (Stichwort Pro Verfahren) und durch ihre Verteilungspolitik mit dazugehörigem Abfluß des eigentlich zustehenden Geldes dazu beigetragen hat das diese Szenen heute so prekär dastehen. Man muß schon sagen das man es TROTZ GEMA durch langjährige, ach was sag ich, jahrzehntelange! Aufbauarbeit geschafft hat international nicht nur gut wahrgenommen, sondern sogar weltweit als Nation für Elektronische Tanzmusik respektiert zu werden und dann kommt dieser Verein (es ist ein fucking Verein, das muß man sich immer wieder vor Augen führen!) und mit solch einem quasi mit sich selbst ausgemauschelten Gespött um die Ecke. Ok, natürlich kann man süffisant damit argumentieren das die GEMA es nie schaffen wird sowas wirklich wasserfest zu kontrollieren, aber da sind wir wieder bei den Signalen, was ist mit dem Wirtschaftsstandort Deutschland? Was mit gesundem Menschenverstand? Was mit Fairness und Rechtsempfinden? Das kann doch alles nicht wahr sein! Das nimmt doch keiner ernst!

Nächstes GEMA Kapitel Feinde machen, aber richtig: Auszug aus der Einigung der GEMA mit DDU und DDO

Vor ein paar Wochen erklang ja aus dem Hause der GEMA überraschenderweise das man sich mit den Veranstaltern und DJs geeinigt hätte, nur waren das bei Licht besehen ominöse Organisationen von denen kaum einer je gehört hatte, noch das sie irgendwen relevantes vertreten würden, nachdem man das Licht aber voll aufgedreht hatte kam auch noch zum Vorschein das kaum eine der Lokalitäten überhaupt noch existierte die diese DDUs und DDOs vertreten sollten.
Nun kommt die Einigung mit diesen ominösen Vereinigungen ans Licht und die hat es in sich, nachdem man es sich schon mit den Veranstaltern und Clubs so richtig verscherzt hat, sind jetzt die DJs dran:

- der sog. Laptop-Zuschlag (30% Aufschlag auf ALLES!) soll großzügigerweise wegfallen
- stattdessen soll ein DJ für *jede* mp3 eine Lizenz für “Vervielfältigung” erwerben
- die kostet 13 Cent pro Song (bei Songs über 5 Minuten jeweils 20% mehr für jede weitere Minute!)
- bei z.B. 10.000 mp3s auf dem DJ-Laptop wären das nicht nur 10.000 Lizenzanträge sondern 1.300 Euro (wenn alle Songs unter 5 Minuten sind!)
- das ganze wurde mit den branchenintern unbekannten (Schein-)Verbänden DDU & DDO verhandelt, hinter denen zwei GEMA-Spezies stehen. Die GEMA hat also mit sich selber verhandelt – gelten soll es aber für alle!

Weltfremder geht also immer, und wenn tatsächlich vertretene DJs in diesen Vereinen wären, möchte man schon fast Mitleid mit diesen haben, oder wie und warum sollte man z.B. Lizenzen von Tracks erwerben die es nie zu kaufen gab, sondern von Produzenten via Promopools oder Soundcloud verschenkt wurden, die nie eine GEMA Lizenz hatten etc? Versucht man sich hier zukünftig an Dingen zu bereichern an denen man zum Großteil gar nicht die Rechte hat?

(via fb)

Das Catch 22 der Elektronischen Tanzmusik

Philip Sherburne beschreibt im Spin Magazine sehr schön die Misere die ich schon seit Jahren beobachte und die

” They may not have the skills or interest to be DJs themselves, or to develop a dynamic, compelling live set. Production and performance entail totally different skill sets, and it sucks that a producer who is fantastically talented at one thing — turning out amazing productions — has to stretch her/himself thin by also taking up DJing or live performance.

So they end up releasing tons of mediocre shit, just as talented producers deliver sub-standard DJ sets”

Ich gehe daher auch mit dem Schlußwort konform das besagt “The tightening loop between the studio and the stage is a vicious circle, and it’s strangling dance music’s creative potential.”

Aber wie aus diesem Teufelskreis rauskommen? Das ist die eigentlich spannende Frage