Das Vertriebssterben geht weiter

Jetzt hat es wohl Amato erwischt. Und zwar schon letzte Woche, ich hab’s heute allerdings erfahren, aus zwei unterschiedlichen Quellen. Betroffene Labels sind u.a. 20/20 Vision, Border Community, Bpitch, Crosstown Rebels, Dubsided, Kompakt, Kill The DJ, Playhouse und Poker Flat.
Meine letzte Meldung diesbezüglich war am 25. September, mit dem Ende von Hausemusik, das geht ja immer schneller!

Musikdilemma reloaded

Da hat sich aber einer Mühe gegeben das ganze Dilemma von allen Seiten zu beleuchten. Auslöser war wohl die Schliessung der Oinksite und ich weiß das da auch nicht viel neues drinsteht, aber die bedachte Art der Analyse und die Schlüsse daraus gefallen mir so gut, das ich sagen muß, das dies einer der besten Artikel ist, der mir zu dem Thema in letzter Zeit untergekommen ist:
When Pigs Fly: The Death of Oink, the Birth of Dissent, and a Brief History of Record Industry Suicide

Mal weitergedacht…

Ist es der eigene Fokus oder gibt es so Tage, an denen einen die Meldungen zu bestimmten Themen einfach anspringen? Heute morgen war’s mal wieder das leidige Musikbizz mit all seinen Wandlungen.
Hätte zwar nie gedacht das der Name hier mal fällt, aber nu isses durch und hat wohl weitere Signalwirkung: Madonna ist nun ebenfalls nicht mehr bei einem Major unter Vertrag, sondern ein Konzertveranstalter vermarktet in Zukunft alle Rechte. Nach den Abgängen der letzten Wochen wohl der herbste Schlag in’s Gesicht der Majorlandschaft, war die Dame doch geradezu ein Maskottchen für die industrie, zeigt aber auch, wie zahnlos der Tiger geworden sein muss, wenn man gegen Konzertveranstalter nicht mehr parieren kann.
Da sieht man mal wieder das alles Geklage und Lobbytum die Innovation nicht ersetzen kann, denn wenn der Kunde sich einfach umentschieden hat, dann geht hast nix mehr und Ed Felten von der EFF hat das mal weiter ausgemalt:

Sometime in the next decade, we’ll see a $100 device that fits in your pocket and holds all of the music ever recorded by humanity.

This is a simple consequence of Moore’s Law which, in one of its variants, holds that the amount of data storage available at a fixed size and price roughly doubles every eighteen months. Extrapolate that trend and, depending on your precise assumptions, you’ll find the magic date falls somewhere between 2011 and 2019. From then on, storage capacity might as well be infinite, at least as far as music is concerned.

Die neueste Meldung aus dem Hause des Festplattenherstellers Hitachi unterstützt diese These ja fulminant: 4 Terabyte durch Leseköpfe im Nanometerbereich bis 2011!

This has at least two important consequences. First, it strains even further the economics of the traditional music business. The gap between the number of songs you might want to listen to, and the number you’re willing and able to pay a dollar each to buy, is growing ever wider. In a world of infinite storage you’ll be able to keep around a huge amount of music that is potentially interesting but not worth a dollar (or even a dime) to you yet. So why not pay a flat fee to buy access to everything?

und während man noch Windmühlenkämpfe gegen Tauschbörsen kämpft geht nach Felten der Trend dann in Richtung des physischen Tausch’s per Festplatte und die Scharmützel der Industrie treffen ins Leere:

But in a world of infinite storage, no searching is needed, and filesharers need only communicate with their friends. If a user has a new song, it will be passed on immediately to his friends, who will pass it on to their friends, and so on. Songs will “flood” through the population this way, reaching all of the P2P system’s participants within a few hours — with no search, and no communication with strangers

und schließt mit berechtigtem:

Will we see new legal structures? New business models? Or new public attitudes? Something has to change.

Den Personen, die ihrem Geschäftsmodellen der 90er weiterhin anhängen empfehle ich daher Despair.com, dem Allroundanbieter für alles demoralisierende, hier paßt fast jeder Kalenderspruch ;)

International Federation of Pirate Interests [IFPI]

Ach herrlich so ein Internet, besonders dann, wenn so absurde Dinge passieren wie jetzt wieder mit der IFPI, welche man ja normalerweise als International Federation of the Phonographic Industry kennt. Da hat wohl jemand mit der Reservierung der Domain geschlampt und nun ist ifpi.com ganz legal in die Hände von Piratebay gefallen, die daraus die International Federation of Pirate Interests machen.
Zum Vergleich:
ifpi.com
ifpi.org

Trent Reznor verlässt auch das sinkende Schiff

Wie zur Untermauerung der Eingangsthese meines Textes von gestern vermeldet heute Trent Reznor auf seiner Nine Inch Nails Website wieder ein freier Mann zu sein und den Majors in Zukunft den Rücken zu kehren und sich um Vermarktung und Musik in Zukunft via Internet selber zu kümmern:

Hello everyone. I’ve waited a LONG time to be able to make the
following announcement: as of right now Nine Inch Nails is a totally
free agent, free of any recording contract with any label. I have
been under recording contracts for 18 years and have watched the
business radically mutate from one thing to something inherently very
different and it gives me great pleasure to be able to finally have a
direct relationship with the audience as I see fit and appropriate.
Look for some announcements in the near future regarding 2008.
Exciting times, indeed.

Wenn das so weitergeht mach ich ne eigne Rubrik dafür auf :D
Aber mal im Ernst, für Acts wie Radiohead un NIN, die ein entsprechendes Following haben, sicher eine Option momentan, aber für die unzähligen Newcomer und Kleinacts sicher nicht, die stehen so oder so im Regen. Andererseits, je mehr solcher Sprachrohre den Majors den Rücken kehren, desto größer wird deren Problem mit der Reputation.
Exiting times, indeed!

Vertriebe: Anotherone bites the dust

Und der nächste Vertrieb gibt auf. Hausmusik, Vertrieb so rennomierter Labels wie Morr Music, Monika Enterprises, Staubgold, Basic Channel und sich in letzter Zeit insbesondere auch durch Dubstepimporte hervorgehoben hat streicht die Segel:

Der Hausmusik-Umsatz sei im ersten Quartal 2007 um 10 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurückgegangen, im zweiten Quartal um 20 Prozent, im Monat Juli um 30 Prozent, im August um 40, im September sei mit 70 Prozent zu rechnen gewesen

.

weitere erschütternde Zahlen:

Wir haben mit 300 verschiedenen Alben in ganz Österreich 145 Euro umgesetzt“, sagt Petters. Von einer Lieferung im Wert von 6600 Dollar nach Amerika sei nach einigen Monaten fast alles wieder zurückgekommen. „Ich habe eine Rechnung über 50 Dollar geschrieben.“

Scheint so als würde die fortschreitende Umstellung des Kunden und Djs auf Files schneller vorangehen als vermutet. Was aber nicht nur für klassische Vertriebe kein Grund zur Freude ist, denn auch von der anderen Seite droht Ungemach. Heute war es Amazon’s mp3-Shop Beta, der durch die Medien getrieben wurde. Einzelne Tracks kosten zwischen 89 und 99 Cent, Album-Downloads zwischen 5,99 und 8,99 Dollar und das alles freilich DRM-frei.
So erfreulich das einerseits klingen mag, so unerfreulich ist es zu sehen wie Musik mehr und mehr zu Ramschpreisen verschleudert wird. Amazon ist da beileibe nicht der billigste Anbieter, die Preise gehen runter bis auf 0,06 Cent, wenn man so mancher Googleanzeige trauen darf. Musikverschenkerei per Colaflaschendeckel wird mit Sicherheit auch nichts zur Wertschätzung von Musik hinzufügen und so müssen wir uns mit der Zeit wohl oder übel daran gewöhnen, das Musik in Zukunft eben nichts mehr Wert sein wird. Die Zeichen der Zeit scheinen bei solchen Zahlen ziemlich klar und die Krone setzt dem Ganzen Virgin Digital auf, welches seine Pforten schon wieder schliesst und den Kunden nun das rät, was vorher explizit verboten war: man verkauft verkrüppelte Musik, um zu verhindern, dass sie weitergegeben wird. Und nachdem der Shop schließt, rät man den Kunden, die Schutzmaßnahme zu umgehen, Audio-CDs zu brennen und diese nach Wunsch wieder in mp3 zu rippen…. endgültig schließen wird der Dienst dann am 19. Oktober – zu dieser Deadline werden auch alle Songs der Abonnenten nicht mehr abspielbar sein, sollten sie nicht anderweitig gesichert worden sein.
Wer Bezahlmusik unzuverlässiger als den illegalen Download macht oder sie zu Dumpingpreisen raushaut schadet der Musik und dem Wert von Musik in meinen Augen mehr, als der gemeine Downloader, der lediglich für Musik nicht zahlt.

Die Popkomm war ja auch noch

allerdings habe ich davon kaum was bemerkt. Das Schaulaufen der dicken Egos habe ich mir dieses Jahr völlig gespart, wobei ich mit den dicken Egos in den seltensten Fällen die Musiker meine, die meisten davon sind mittlerweile gut geerdet, was bleibt einem auch übrig, wenn man gerade mal so über die Runden kommt, sondern den Rattenschwanz hintendran.
Im Tagesspiegel gab es dazu süffisante Artikel, die das Leiden und den Popanz einer letalen Branche sehr schön beleuchten. Der Artikel Die Wasserverkäufer könnte auch mit Schäuble’s Bonmot “Es ist keine Frage des Ob, sondern des Wann, wir sollten uns die Zeit bis dahin aber nicht verderben lassen” überschrieben sein, Smalltalk, Beats und Bisongras schlägt in die gleiche Kerbe. In der Taz ließ man mal einen Betroffenen zu Wort kommen, der Rapper Textor macht sich die Gedanken, die wohl jeder Musiker heute hat und beleuchtet die verzwickte Lage aus unterschiedlichen Blickwinkeln, eine Lösung kann auch er nicht bieten, wie auch?
Das nun die Bundesregierung sagenhafte eine Millionen für die Milliardenbranche Musik aus Deurschland lockermacht wird an Witz nur übertroffen, wenn man sich anschaut, wer für die Verteilung der Gelder vorgesehen ist: Zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats der Initiative wurde Dieter Gorny gewählt, Vorstands-Vize des Bundesverbands der Phonografischen Wirtschaft. Im Aufsichtsrat sitzen zwölf Mitglieder, die eine Hälfte kommt aus der Politik, die andere aus der Wirtschaft UAAAHHH!!!!
Natürlich muß das Ganze noch ein wenig aufgejazzt werden und so geht es in der Hauptsache um Rock, Pop und Jazz. Techno und verwandte Nischen könnten also mit etwas Glück außen vor bleiben, möchte gar nicht wissen was für ein bürokratischer Vorbau da erstmal zu bewältigen und welche Verrenkungennötig wären, um an die im Endeffekt wahrscheinlich eh ziemlich läppischen Beträge zu kommen.

mp3-Blogs und die Revolution

Das Thema mp3-Blogs scheint ja Thema des Monats zu sein. In der Groove, in der De:Bug und in der Visions (hier wenigstens auch konsequent downloadbar als pdf nimmt das Thema diesen Monat gehörig Platz ein. In allen Magazinen jedoch in einem Atemzug mit der neuerlich festgestellten Flaute beim traditionellen Tonträgervertrieb und der nur teilweisen Kompensation durch Downloads.
Meine Meinung dazu ist ambivalent, so unterschiedlich sich diese Blogs ausrichten, so unterschiedlich ist auch deren Intention und man kann daher schlechterdings das Thema mp3-Blogs pauschalisieren.
Während sich einige in ihrer Ausrichtung ganz klar auf Education und Bewahrer sonst verlorener Schätze ausrichten, wie z.B. The Thing On The Doorstep, bei dem ich mich immer wundere was für seltene Industrialschätze er da hebt und mich freue, das sich einer die Mühe macht, diese längst nicht mehr erhältlichen Schätze einer kleinen geneigten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sind andere lediglich darauf erpicht die neuesten Releases oftmals auch als komplette Alben online zu stellen und da halte ich es eher wie Ewan Pearson in seiner Kolummne in der Groove, wer Musik so liebt, der sollte es dabei bewenden lassen zur Not auf Streams zu verweisen, wie sie z.B. Amazon oder diverse andere Onlinedealer anbieten und ansonsten die eigene Schreibe so zu üben, das das Wort die Begeisterung unterstreicht und das Soundbeispiel lediglich Supplement darstellt, ansonsten kann man’s ja gleich lassen und die Tracks unkommentiert reinstellen.
Dem Phänomen in seiner ganzen Breite wird man bei Hype Machine ansichtig, ein Aggregator für Musicblogs, bei dem dann auch offensichtlich wird, das die erhoffte Revolution der Ausbreitung der Nischen hiermit nicht erfüllt wird, das Gros der dort erhältlichen Tracks entfällt auf den Mainstream, für meinen Geschmack ist da wenig bis gar nichts zu finden.
Überhaupt, Revolution, Nerdcore macht sich Gedanken um den illegalen Download als kultur-revolutionärer Akt:

War die erste Welle des Punk 1977 die Zurückweisung der Kunstfertigkeit, dem Gitarrengekniedel einfach den blanken Hintern gezeigt, dann war die zweite Welle die Aneignung der Produktionsmittel: Techno und Electronica, Musik-Produktion dank immer erschwinglicherer elektronischer Instrumente war ab nun in den Händen aller…
Eine dritte Welle des Punk könnte man also konsequenterweise als Aneignung und Umwälzung der Distributionskanäle überschreiben

Well, da möchte ich erstmal hinzufügen, das die Umwälzung der Distributionskanäle in erster Line auch ein Punkvermächtnis ist, Indies wie wir sie kennen sind ein Ergebnis von Punk und zu einer Revolution gehört m.E. mehr als ein neues Konsumverhalten, das nur einen Klick benötigt. Zu einer Revolution gehört für mich mehr als anonyme Teilhabe an einem Massenphänomen, sondern eben aktive Teilnahme. Klar, mp3-Blogs sind eine solche, nur solange die Frage nicht geklärt ist, wie die Erschaffer der Werke, die man da so revolutionär downloaded, an dieser Revolution teilhaben lassen kann, hat diese Revolution einen schalen Pantoffelrevolutzerbeigeschmack.
Auch klar, Tauschbörsen sind da und werden auch nicht mehr wegggehen, ebenso Usenet, Rapidshare und wie die Megahoster sonst noch alle heißen mögen.
Ich glaube das die eigentliche Revolution fürdererst vom Gesetzgeber ausgehen müßte, der endlich realisieren müßte, das das, was da gerade passiert nicht mehr mit drakonischen Strafen, Durchsuchungen und anderen Tools der Exekutive in gelenkte Bahnen zurückzudrängen ist, sondern man pragmatischerweise anerkennen sollte, das da ein verändertes Konsumentenverhalten entstanden ist, auf das man zu reagieren hat, indem man es monitär umsetzt, sei es durch Kulturflatrate, Pauschalabgaben oder Erweiterung Verwertungsgeschellschaften und Urhebervertreter wie der GEMA, die den P2P Traffic wahrscheinlich eh schon überwacht und sehr genau weiß wie die Verteilung so aussieht (wäre aber ein weiteres Thema, wie man das und die Zuteilung bewerkstelligt).
Es wäre doch ein schönes, wenn in diesem Zuge mp3-Blogs tatsächlich dem Künstler in Sachen Promotion und Verbreitung helfen könnten, ohne ihn seiner Pfründe zu berauben, sondern ihn sogar um den ein oder anderen Euro bereichern.

Konsequenz ist wenn man’s trotzdem tut?

Tut mir leid, eigentlich wollte ich zu dem Thema ja nix mehr äußern, aber wenn’s einem beim Feeds lesen dermaßen auf die Augen gedrückt wird

Dr. Motte zur heutigen Loveparade diese Woche im Stern:

Ich kann keinem empfehlen, an so einem Werbe-Event teilzunehmen. Das ist so geistlos, buäh!

versus Dr Motte am selben Tag in der Netzzeitung zur heutigen Loveparade:

Am Samstagabend will er dennoch in einem Essener Club bei einer offiziellen Loveparade-Party am DJ-Pult stehen. «Das kann mir ja keiner verbieten.»

Aua!

IFPI Versuchsballon Schweiz?

Aus UK hat man ja schon ähnliches gehört, nun also auch in der Schweiz:
Die dortige IFPI will DJs, die mit modernen Mitteln auflegen, also nicht nur mit Vinyl, bis zu 5000 Franken jährlich abknöpfen. Und dabei ist es dann egal, ob die Tracks gekauft, von Vinyl gerippt, oder unlauter erworben wurden. Sogar an den für DJs üblichen Promomix wurde gedacht, der soll mit 2000 Franken bedacht werden und wer nur bis zu 12 mal im Jahr auftritt, käme mit gnädigen 500 Franken davon.
Der Branche muß es verdammt dreckig gehen, der örtliche IFPI-Scherge spricht offen davon das die IFPI neue Einnahmequellen erschliessen will. Dumm nur, das man sich mit solchen Aktionen noch die letzten Enthusiasten vergrätzt und das das Geld mit Sicherheit wieder nicht bei den entsprechenden Artists landet sondern die reichen auf’s neue reicher macht dürfte auch so klar wie transparentes Vinyl sein:

Laut Ifpi-Mitarbeiter Högger fliessen Einnahmen aus den Verträgen mit DJs nicht direkt an Musiker, sondern an die Ifpi-Mitglieder, an Musikkonzerne wie Universal, Warner, Sony BMG und EMI. Verteilt wird nach Anzahl verkaufter Alben.

Techno, House und artwerwandetes dient also ein weiteres mal als Melkvieh um den Majors die klamen Kassen zu füllen, während die genreaffirne Infrastruktur weiter ausblutet.
Und als nächstes sind dort Restaurants und Kneipen dran, die ihre Räume mit Mp3-Playern beschallen.
Gier fressen gesunden Menschenverstand
Quelle: Tagesanzeiger.ch