Review: Jason Timothy -Music Habits, The Mental Game Of Electronic Music Production

Mental Game

Jason Timothy kennt man als als Tutor von Ableton Tutorials auf www.MusicSoftwareTraining.com, lustigerweise rät er von deren extensivem Gebrauch in seinem Buch eher ab. Was paradox klingt macht aber durchaus Sinn und so geht es in diesem, man möchte fast sagen, Ratgeber öfter zu. So ist das halt mit kreativen Prozessen.
Schon das Inhaltsverzeichnis verrät einen gesunden Pragmatismus und richtet sich in erster Linie an die ewigen Probleme von Musikproduktion wie Prokastination, wie kriegt man einen Track fertig und die neuen, z.B. Ablenkung durch Social Media.
Eingeführt wird mittels 10 goldener Regeln, die da wären:

  1. Your first attempts at making music won’t be great, and that’s the way it should be
  2. Nobody creates in a constant peak state
  3. Most of what you think you ned to know, doesn’t matter
  4. Most of the tools you think you need, you don’t
  5. Your habits count more than your knowledge
  6. Everything you want comes through people
  7. You don’t have to be miserable to make good music
  8. Musicianship is optional
  9. Time is the only difference from you and those who are now sucessful
  10. Everybody steals

Dermaßen geerdet werden dann viele Themen abgeklappert, die einem bei der täglichen Arbeit, nicht nur bei Musikproduktion, so oder in ähnlicher Form begegnen, Sampling vs. Sounddesign vs. Workflow und dabei immer die so wichtige Gewohnheitsbildung im Blick, die die „Ich habe keine Zeit“ Entschuldigung in der Luft zerreisst und darauf drängt einen Track nach dem anderen fertig zu stellen, anstatt sich in zig Projekten oder angefangenen Loopschichtungen zu verlieren, oder ob man das begehrte neue Stück Equipment wirklich braucht, oder ob das nicht nur auch wieder eine Ersatzbefriedigung ist.
Erfreulich das dabei grundsätzlich Elektronische Musik wie Techno, bzw. Clubtracks stets im Vordergrund stehen.
Im Letzten Drittel geht’s dann von der Lebensberatung in die Praxis. Die Essential Tricks beinhalten durchaus brauchbare Pi mal Daumen Hilfen in Sachen Compressor, EQ und Arrangementtips, die vieles erstmal auf simpel herunterbrechen um später erfahrungsgemäß dann doch wieder in der Praxis gebrochen zu werden, aber an Anhaltshilfe durchaus brauchbar. Wie bei so Youtube Tutorials, nur zum lesen und gleich umsetzen, geht zudem viel schneller!

Abgesehen von der down to earth Attitüde und den wirklich brauchbaren Anstößen hat mir das Buch vor allem durch seinen Verzicht auf jegliches Audio Voodoo und Kunst Blabla gefallen.
Gibt’s bei KindleUnlimited für kostenlos, ansonsten sind 8,92 für die Kindle Version fällig und zur Abwechslung gibt es Print mal nicht.
Der Blick ins recht lange Inhaltsverzeichnis lohnt sich falls irgendwelche Fragen offen geblieben sind:

Music Habits – The Mental Game of Electronic Music Production: Finish Songs Fast, Beat Procrastination and Find Your Creative Flow (English Edition)

Review: Karl Ove Knausgård – Träumen

knausgardträumen
Ich habe den norwegischen Schriftsteller Knausgård eigentlich relativ spät entdeckt, nämlich erst bei Band 5 „Träumen“ seines autobiografischen Romanzyklus, der, verständlicherweise außer im deutschen, mit „Mein Kampf“ betitelt ist. Die anderen Bände heißen Sterben, Lieben, Spielen und Leben, die habe ich noch nicht gelesen, es läßt sich aber auch gut bei Band 5 einsteigen, soviel sei vorweg gesagt.
Knausgård wird, insbesondere in seiner Heimat, als literarische Sensation und Faszinosum wahrgenommen, er schildert Alltagsdinge und Banalitäten in einer skandinavisch, knorrigen Tagebuchgenauigkeit, die aber erst diesen Fluß ergibt, auf den man sich halt einlassen muß um durch die immerhin ca. 800 Seiten zu kommen und, ich weiß nicht ob es am Alter liegt und der gleichen durchlebten Epoche, man findet sich gerade dadurch, oft darin wieder.
Träumen behandelt die Zeit von den frühen 80ern bis ca. 9/11, die Zeit als Knausgård mit 19 auf einer Schreibakademie verzweifelt, Schriftsteller werden will und nichts gelingt, sich als Krankenpfleger über Wasser hält und die Einsicht der fehlenden Fantasie für die Berufung und das Eingeständnis des Scheiterns im Suff und auf Parties ertränkt. Wobei Alkohol ihm definitiv nicht gut tut, daran zerbrechen nicht nur zwei Beziehungen. Er ist einer dieser Typen, die jeder kennt, kaum ist Alk im Spiel wird es maßlos und zuweilen aggressiv. Ob da eine Präposition von seinem Vater, der Alkoholiker war und daran in Buch stirbt, vorliegt, weiß man nicht, man ahnt es aber. Geraucht wird auch viel in dem Buch, quasi auf jeder Seite, aber so war das nunmal seinerzeit, als auch noch Raucherabteile in Flugzeugen und Bahnen gab.
Später dann gelingt ihm dann, nach den üblichen Literaturzeitschriftbeitrag Geplänkel tatsächlich ein Roman, aber glücklicher macht ihn das auch nicht, Selbstzweifel und ewiges Nichtgelingen eines Nachfolgers lassen das nicht zu. Als das dann doch endlich gelingt, geht darüber die Ehe kaputt. Man möchte danach das Los der Einsamkeit eines Schriftstellers nicht unbedingt teilen.
Das Buch ist fast brutal in seiner Genauigkeit, Reflexion und Offenheit der inneren Vorgänge des Protagonisten. Je tiefer man in der Geschichte drin ist, desto empathischer wird man für ihn, der sich hier erbarmungslos für die Icherzählform entschieden hat und gerade Menschen, die sich nicht unbedingt den üblichen Karriereweg entschieden haben dürften einige Facetten von sich darin wieder erkennen.
Ich bin jedenfalls nach diesem Band schon sehr auf die anderen gespannt, die keineswegs kürzer ausfallen.

Buch Review: Jürgen Teipel – Mehr Als Laut


Wieso Suhrkamp dieses Buch so stiefmütterlich behandelt entzieht sich meiner Kenntnis, schließlich ist es schon etwas länger draußen und ich wurde eigentlich erst darauf aufmerksam, weil Wolle XDP bei der dazugehörigen Lesetour aufgelegte – anderthalb Jahre nach Release. Zumal Jürgen Teipel’s „Verschwende Deine Jugend“ damals ja wirklich ein Meilenstein für das Format Oral History und Verarbeitung der deutschen Punkbewegung darstellte. Nun gut, das es nicht ganz so grandios wie der Vorgänger werden würde, das bremst Teipel ja schon selbst im Vorwort aus, zwar ist die Form ähnlich, Oral History, aber die Perspektive auf das Thema ist offensichtlich eine andere, weniger involviert und so beschränkt es sich hauptsächlich auf Befindlichkeitsbekundungen von nichtsdestotrotz interessanten Persönlichkeiten des Technorummels wie Acid Maria, Dirk Mantei, dem damaligen Macher des Milk! in Mannheim, Richie Hawtin, Andi Teichmann, Hell, Koze, Hans Nieswand, Mark Reeder, Micheal Mayer, Miss Kittin, Pacou, oder Kristian Beyer von Innervisions/Ame. Regional also wenig eingegrenzt und trotzdem bleibt die Sache überraschend homogen.
Zwar erfährt man z.B. im Falle von Mantei, Anki und Beyer auch viel über deren eigene Geschichte, aber das mündet dann größtenteils eben auch in Befindlichkeiten, sei es die ungerechte Geschlechterverteilung und den Kampf dagegen bei Acid Maria oder das Technoleben in Form eines Plattenladens mehr oder minder in der Provinz von Karlsruhe. Dazu noch ein bisschen Techno Jetset in Mexiko und Erzählungen von anderen Orten der Welt wo es einen als DJ halt so hinverschlagen kann.
Im Grunde ist das Buch sogar veraltet, denn die meisten Gespräche fanden so um 2003 statt, das tut dem Buch jedoch keinen Abbruch, sondern macht es, zumindest für mich, interessanter. Das ist ja jetzt schon, im Nachhinein besehen, eine nicht nur musikalisch, längst vergangene Ära, als man noch Plattenkoffer durch die Geografie wuchtete, die Digitalisierung noch nicht so durchhaute und die Gagen auch noch andere waren, so das man Fimmel entwickeln konnte, wie z.B. in Duty Free Shops Kosmetik zu kaufen. Es war die Zeit als Hell mit Electroclash gerade seinen Höhenflug hatte und das merkt man seinen Aussagen auch deutlich an. Andererseits kennt man Kristian Beyer heute eher eher als Teil von Ame, denn als Plattenladen Betreiber und Andi Teichmann’s Werdegang vom allseits gebookten DJ zum Goethe Institut Networker ist auch interessant nachzuvollziehen. Was in so relativ kurzer Zeit alles anders werden kann.
Dankenswerterweise befragt das Buch am Ende die Protagonisten nach ca. 10 Jahren zu ihren Werdegängen und wie sie über den Weg und ihre Aussagen von damals heute denken, was für mich das Buch erst rund macht. Kaum einer ist noch in derselben Position wie damals und die Wege sind schon sehr unterschiedlich.
Ein schönes Buch zum lockeren Weglesen, machmal vielleicht zu sehr in DJ Befindlichkeiten verheddert, nicht wirklich essentiell, aber allemal dazu geeignet aufzuzeigen, das bei Karrieren in der Branche, wenn man davon überhaupt sprechen mag, meist kein Stein auf dem anderen bleibt, die Wege in viele Richtungen gehen und unergründlich sind. Also die klassische Frage „Und wo sehen Sie sich in 10 Jahren?“ wird nach diesem Buch zumindest nicht einfacher zu beantworten sein.

Review: Westbam – Die Macht der Nacht


Irgendwie ein trauriges Buch, nicht nur wie das alles endet, so mit dem Verlust von allem was einem mal wichtig war, sei es die Firma, Lupo und dann noch, ohne im Buch vorzukommen, aber letztens halt, punktgenau zum Release, William Röttger, sondern auch weil es so emotionslos gegenüber dem ist, was ihn ja so groß gemacht hat, der Musik. Das gipfelt dann im letzten Drittel in dem Satz „Musik ist ein unperfektes Werkzeug. Wenn du oben angekommen bist kannst du es wegschmeißen.“ Und so fühlt sich das auch die ganze Zeit beim lesen an. Das erste Drittel, als klein Max noch als Punk in Berlin ankommt liest sich noch ein bisschen anders, da hat einer noch Neugier und steckt voller Elan, das Leben, in diesem Falle halt Nachtleben, zu entdecken und man kann das durch die unterhaltsame Schreibe durchaus nachvollziehen. Aber dann reiht sich ein „Erster!“ an den nächsten, der erste Hippy Deutschlands mit 4, der erste Punk in Münster, die erste Houseparty in Deutschland (als wenn das im Ex und Pop damals wirklich jemanden interessiert hätte), der erste mit diesem oder jenem Preis, der erste in irgendwelchen Charts, erster whatever, irgendwann nimmt man das Erster! Gehechel einfach so hin und hat fast Mitleid mit diesem selbstauferlegten Hase und Igel Spiel, wo man doch seit Bowie weiß das es gar nicht darauf ankommt wer es als Erster macht, sondern wer es als Zweiter zu nutzen weiß.
Ansonsten glänzt das Buch mit Auslassungen, bzw. einer Oberflächlichkeit, die es Westbam möglich macht den distanzierten Beobachter zu geben. Mag ja sein das man im Nachhinein, in der Rekapitulation, diese Position einnimmt, wenn man die kurvige Geschichte jedoch quasi hautnah mitbekommen hat, dann ist das alles etwas unbefriedigend und verbogen in seiner Verkürzung. Wohlgemerkt, da stehen keine wirklich falschen Fakten, aber die vielen fehlenden Einzelheiten zeichnen m.E. ein sehr weichzeichnerisches Bild.
Ok, das ich zu UFO Zeiten eine Topffrisur hatte und auf dem Klo angeblich der Satz stand „Tanith kann nicht tanzen“ ist definitiv geflunkert, aber was tut man nicht alles für eine Pointe. Ich muß also meine ursprüngliche Befürchtung eines Dissens meinerseits zurück nehmen, dissen geht anders und auch mit den anderen Erwähnungen im Text kann ich leben, kann man so sehen wenn man will. Mit Wolle hat er es heftiger und trotzdem konnte ich mir bei mancher Beschreibung das Schmunzeln nicht verkneifen: „Es war schwer, nicht zu wissen, wie er über irgendwen oder irgendwas dachte….Wolle konnte allen was beibringen: den DJs über Musik, den Lightjockeys über das Licht und der PA-Firma über den Sound.“
Oder über den XDP Wagen anno 91 auf der Loveparade:
„Folgende Ideologie stand hinter Wolles »Bass Test«-Konzept: Die Leute tanzen bekanntlich zum Bass. Demnach sind Mitten und Höhen Kommerz. Daraus ergibt sich die Konsequenz: Ab jetzt nur noch Bass! Alles andere ist Verwässerung! Übrig blieb beim »Bass Test 1« ein amorphes, dumpfes Wabern, das natürlich keinen Spaß machte. Die ganze Idee war komplett irre.“
Hehe hehehe. Aber auch:
“Seine Kritik am Mayday- Konzept klang irgendwie hohl, weil er selbst das gleiche benutzt hatte. Nur mit weniger Erfolg. Zwei Wochen nach Mayday war Neugebauer mit seinem Tekknozid daher gekommen. In einer modifizierten Variante: Auch in der Halle Weißensee. Auch mit einem großen Line-Up. Auch mit nationaler Werbung. Und seine Inspiration war? Die offizielle Loveparade-Party. Bloß »ohne Love und ohne Parade«, wie er sich ausdrückte. Sein Motto: »The biggest rave ever.« Mayday fand er aber zu groß und zu kommerziell. Wir hätten alles kaputt gemacht. Er stellte seine Tekknozid-Serie sofort ein und ärgert sich noch heute.“
Und da fängt schon wieder so ein bisschen die Flunkerei bzw. Verkürzung an, das ist erstens auf vielen Ebenen so nicht richtig, unter anderem wußte jeder der den damaligen Fight zwischen Mayday und Tekknozid mitbekommen hatte, das da hinter den Kulissen seltsame Spielchen liefen, auch wenn das Ergebnis wahrscheinlich trotzdem nicht anders ausgefallen wäre und zweitens war die Mayday eigentlich, trotz früherem Termin, die spätere in der Planung die hektisch zusammen geschustert wurde nachdem der Termin für Tekknozid fest stand und auf dieser, in dieser weichenstellenden, sensiblen Zeit, keiner von den Low Spirit Acts vorgesehen war.
Die Beschreibungen von Wolle und anderen zeigen mir aber auch, das er den Osten nie wirklich verstanden hat, das bleibt durch das ganze Buch merkwürdig distanziert, so wie das beharren auf West Berlin in der Anschrift auf den Plattencovern von Low Spirit bis weit in die 90er hinein. Andererseits impliziert das ja schon der Name Westbam in gewisser Weise, nicht anders läßt sich vielleicht auch das Paradox erklären, das ausgerechnet einer aus Frankfurt, die Nemesis seiner 90er, nämlich Jürgen Laarmann, quasi die Verkörperung des westlichen Glücksritter Tschabo’s, bis heute sein bester Budddy ist. Das war nicht immer so und auch hier fehlen mir ein paar Fakten aus der Zeit als Frontpage pleite ging und Laarmann ziemlich gleichzeitig seine Anteile an Mayday und Loveparade verlor, ähem.
Auch in Bezug auf diese Beziehung bleiben also die Äußerungen nur vage, aber immerhin, so erfahre ich zum ersten Mal das es eine Override Summe für Bash gab, dem gemeinsamen Label von mir und JL damals, als der von mir dort untergebrachte Ströbel zu Low Spirit wechselte, so lief das damals, aha! Unnötig zu erwähnen das ich von unseren gemeinsamen Labelerfahrungen, weder von Releases, noch von Lizensierungen, noch von irgendwas irgendwann mal Geld sah.
Auf den ganzen Themenkomplex Kommerzialisierung und Ausverkauf war ich natürlich besonders gespannt und wurde in Sachen Relativierung natürlich nicht enttäuscht, ein wenig Distanzierung hier (Mark O) ein bisschen Unverständnis da (Musiknerd Reviewer bei Frontpage wie Bleed und Triple R), ein bisschen drüber Ablachen wie das diese von jeher realitätsscheuen Uraktivisten sehen, aber am Ende halt egal, weil die Zahlen sprechen ja für sich.
Diesbezüglich scheint die ihn prägendste Zeit wohl die „irren Jahre“ zwischen 1994 und 1996 gewesen zu sein, da rasselt es nur so die Zahlen der Abverkäufe, das ein Businessplan blaß vor Neid werden könnte. Dazwischen ein paar lustige Drogengeschichten zur Auflockerung und dann geht’s auch schon ins E-Werk, bei dem er sich allen Ernstes als Soundobermacker darstellt, was ich gegenüber denjenigen die wirklich für den E-Werk Sound standen etwas unfair finde, als da wären, Cle, Terri Belle, Disko, Woody, Hazel B und meinetwegen noch Motte, aber bei Westbam war doch der Running Gag das man nach einem Set, damals legte jeder DJ noch paarmal nacheinander mit dem jeweiligen anderen der Nacht auf, gehen könne, weil es käme nachher das gleiche wieder.
Auch seine Version des von ihm wiederentdeckten Electro dort, natürlich als Erster und vorläufig Einziger, zeugt von einer sehr solitären Sicht der Dinge, nachdem zu dieser Zeit Big Beat mit z.B. Chemical Brothers oder DJ Icey eigentlich schon überall angekommen waren.
Die Zäsur kommt dann schrittweise nach 9/11 bis 2006 als Low Spirit verkauft wird und er auf den Wechsel des Zeitgeists zu Minimal nicht klar kommt, was ja vielen so ging, aber mit dem Namen Max hat das natürlich eine besondere Ironie.
Das Ende der Spaßgesellschaft, markiert durch 9/11, postuliert von Scholl Latour, scheint da bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben, ab da wirkt alles konzept und lustlos, man wurschtelt halt irgendwie weiter, natürlich auf relativ hohem Niveau, aber Geld ist halt nicht alles und das Ende des Buches liest sich mit dem Tod von Lupo fast wie der eigene Nachruf. Es wirkt als würde die Begrifflichkeit des Namens Low Spirit erst nach dem Verkauf seine persönliche Wirkung entfalten.

Review: Sven Regener – Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt

Ich hätte ja nicht gedacht von dem alten Urheberrechtsgrumpy Sven Regener jemals noch etwas gut finden zu können, aber Chapeau, mit Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt (Amazon Partnerlink)
hat er mich dann doch wieder gekriegt. Der Inhalt geht folgendermaßen:
“Karl Schmidt, der beste Freund von Frank Lehmann Als Karl Schmidt, Opfer eines depressiven Nervenzusammenbruchs am Tag der Maueröffnung, nach Jahren der Versenkung von alten Kumpels zufällig in Hamburg als Bewohner einer drogentherapeutischen Einrichtung wiedergefunden wird, ist das der Anfang einer seltsamen Zusammenarbeit: Die alten Freunde, mittlerweile zu Ruhm und Reichtum gelangt, wollen mit ihrem Plattenlabel auf einer Tour durch Deutschland den Rave der 90er Jahre mit dem Hippiegeist der 60er versöhnen und brauchen dazu einen, der immer nüchtern bleiben muss. Das kommt Karl Schmidt gerade recht, denn der hat keine Lust mehr, sich in einer Parallelwelt aus Drogen-WG, Hilfshausmeisterjob und gruppendynamischen Wochenendausflügen zu verschanzen. Und so beginnt eine Reise durch ein Land und eine Zeit im Umbruch, unternommen von einer Handvoll Techno-Freaks, betreut von einem psychisch labilen Ex-Künstler, für den dies der Weg zurück in ein unabhängiges Leben sein soll.”
Und diese Erzählung, übrigens in der Ichform, ein Novum für Regener die dem Roman sehr zugute kommt, gelingt ihm sehr authentisch, oft genug sogar beängstigend authentisch, so das man denkt, woher kann der Kerl das so genau wissen? War der damals bei meinen Timing- oder Bashtouren, oder sonstwelchen Technotouren, die es Mitte der 90er ja tatsächlich inflationär gab, dabei? Dieser Springtime Rave den er in Essen verortet und der von Beschreibung und Architektur ziemlich genau einer Mayday entspricht, war der damals tatsächlich dabei? Nicht nur diese Labelcharaktere sind dem damaligen Leben ziemlich aus selbigem gegriffen und auch den Sprachduktus der Zeit kriegt er mit ständig wiederholten Phrasen wie “Wie bist du denn drauf?” ziemlich gut hin, lediglich “Gummistiefeltechno” habe ich hier zum ersten mal gelesen.
So ziemlich jeder der in den 90ern bei Techno dabei gewesen ist wird hier typische Situationen wiedererkennen und so gilt es tatsächlich Sven Regener für einen absolut großartigen Techno Roadmovie voller Humor und drogeninduzierter Situationskomik in Buchform zu danken, dessen Verfilmung, die ja wie üblich folgen wird, ich schon mit Spannung erwarte.

Update: hier noch 2 Interviews mit Regener, die u.a. erklären woher die Einsicht ins Metier herrüht:

Tagesspiegel: Bumm Bumm Schmidt

Zitty: »Party ist Party!«: Der neue Roman von Sven Regener

Review: Felix Denk und Sven van Thülen – Der Klang der Familie


Im letzten Jahr wurde ich von Felix Denk und Sven van Thülen diverse Male zum Thema Techno und Berlin Interviewt, so wie die anderen Protagonisten in diesem Buch wahrscheinlich ebenfalls und im Lauf der Interviews wurden die Fragen stets konkreter und bezogen sich auch teilweise auf das was diese bereits gesagt hatten.
Am Ende waren auf diese Weise wohl über 240 Stunden Audiomaterial zusammen gekommen und so ein bisschen hatte man das Gefühl bei der Entstehung des Buchs mittendrin dabei zu sein. Von daher erwartete ich das Endergebnis natürlich mit Hochspannung.
Um es gleich vorweg zu nehmen, das Warten hat sich gelohnt, das Buch gibt die Stimmungen und Denken der unterschiedlichen Charaktere sehr gut wieder und sogar ich konnte noch einiges für mich Neues in den unterschiedlichen Kapiteln erfahren. Gliedern tut sich das in drei Teile, die 80er Jahre, also Pre-Techno, bis UFO und Mauerfall, 1990-91, von Nachmauerfall bis Tresor und Tekknozid und Mayday, 1992-1996 mit allem von E-Werk bis Frontpage und im Epilog versuchen wir uns dann nochmal alle zu erklären.
Es muß eine Heidenarbeit gewesen sein, das ganze Rohmaterial so zusammen zu schnippeln und in die Form zu bringen als wäre man bei einem großen Roundtablegespräch dabei, maximum Respekt dafür.
Natürlich kommen beim Lesen auch wieder die unterschiedlichen Ansätze und Wahrnehmungen der einzelnen Mitglieder und Gruppierungen dieser Urfamilie des Berliner Techno zum Vorschein, die man ja auch schon in der Doku “We call it Techno” wahrnehmen konnte, trotzdem ist das in Schriftform natürlich noch tiefer schürfend, nicht nur weil sich hier ausschliesslich auf die Berliner Geschichte konzentriert wird, sondern eben auch weil man sich in der Fortdauer der Interviews auf gegenseitige Aussagen beziehen konnte und dezidiert nachfragte.
Das einzige was mir im Laufe des Buchs negativ auffiel war, wie oft hier Erster! geschrien wird, wo man doch seit David Bowie weiß das es eigentlich wichtiger ist der Zweite zu sein, der nämlich heimst den Erfolg ein.
Jedenfalls kann sich unsere Generation 1 des Techno nun wirklich nicht mehr beschweren, wahrscheinlich ist keine Entwicklungsgeschichte einer kleinen Subkultur bis zum großen Knall der Kommerzialisierung und einhergehendem Kater jemals besser dokumentiert worden als mit diesem Buch und der schon erwähnten “We call it Techno” Doku. Wer es noch ergattern kann dem sei als Supplement noch das hier auch schon öfter erwähnte Love Parade Story 89 – 99. O- Töne einer Bewegung empfohlen.
Aber wie gesagt, hier geht es eben mal in gelungener Weise einzig und allein um die Geschichte und Entwicklung der Berliner Urzelle mit all seinen Protagonisten, deren Namen und Werdegang im Anhang auch nochmal nachzulesen sind und spätestens nach dieser kurzweiligen und amüsanten Lektüre finde ich, so unterhaltend wie das ist haben wir uns das auch verdient

Review: Airen – Strobo

strobo

Na, das ist doch mal ein Technoroman für die ganze Familie! Eltern werden in ihren schlimmsten Befürchtungen bestätigt, was mit ihren Kindern im Technomoloch Berlin so passieren kann und die Kids kriegen brühwarm erzählt, was das da so mit dem Berghain und den Darkrooms so geht. Durch multitoxische Drogeninduktion springen die Schwänze nur so in die Münder und was für Kombinationen an legalen und illegalen Substanzen geht wird gleich mitüberliefert. Wer Airen’s Blog kennt, weiß in etwa was zu erwarten ist, dabei fängt sein Roman vor seiner Mexikoabreise an, mit der sein Blog vor ein paar Jahren startete.
Weiterlesen

Review: Liebestänze

Liebestänze
Im Grunde ist das eine klassische Boy meets Girl Geschichte in der es Klischees regnet, der Bankangestellte Felix zieht mit ein paar Kumpels in das Berlin der Mittneunziger und verliert sich im Techno und den Drogen der damaligen Zeit. Dabei stellt er brünftig der DJane Klara hinterher, quasi eine Jugendliebe zu der es nie kommen sollte und die Story hangelt sich daran entlang, wie sich die beiden nach Irren und Wirren zwischen Tresor, E-Werk und Loveparade dann endlich doch noch finden. Irritierend ist dabei, warum die Clubs zwar authentisch nach den Originalnamen benannt werden, einige Protagonisten jedoch nicht und jeder der die Anekdoten aus der Zeit kennt weiß, wer sich hinter dem Professor und dem Paten verbirgt, muß wohl was rechtliches sein. Ja, Motte stand nackt auf den E-Werk Boxen und der Zusammenbruch des Frontpageimperiums fand ähnlich wie geschildert statt, trotzdem es handelt sich hier um keinen Tatsachenroman.
Weiterlesen

Review: Haruki Murakami- Wovon ich rede wenn ich vom Laufen rede

murakaimi_laufen1.jpg
Frühlingszeit, Zeit sich wieder zum Laufen zu motivieren und dann fällt mir auch noch ein neuer Murakami wie gerufen in die Hände! In diesem gerade mal 164 Seiten längen Büchlein redet Murakami nicht nur vom Laufen sondern auch viel über sich und die Schriftstellerei in Bezug auf sein Lauftraining. Murakami ist seit Angang der 80er begeisterter Läufer und hat schon diverse Marathons und einen100 km Lauf, bis zu Triathlon mitgemacht, diese Erlebnisse erzählt er hier und auch die Malässen mit denen man mit im fortschreitenden Alter zu kämpfen hat. Leben und Laufen ist hier wenig getrennt und so erfährt man nebenbei auch noch eine Menge über den Lebensweg Murakami’s, dabei kommt auch immer mal wieder die ein oder andere philosophische oder selbstreflektive Einsicht zum Vorschein, wie man sie wohl nur in Verbindung mit dem Laufen entwickeln kann. Die einzelnen Kapitel wurden über Jahre zusammengeragennund unterscheiden sich teilweise erheblich, in einigen nimmt er Bezug auf seine aktuellen Laufvorbereitungen, in anderen spielen eher seine Lauferfahrungen die tragende Rolle und in wieder anderen rekapituliert er besonders prägende Erfahrungen, wie z.B seinen Original Marathon von Athen nach Marathon bei sengender Hitze für ein Laufmagazin nachgerannt ist
Insgesamt mal wieder ein kurzweiliger Murakami, auch, oder gerade auch weil, es sich diesmal um keinen Roman handelt, sondern um seine autobiografisch gefärbte Läuferbiografie.

Review: Laurent Garnier – Elektroschock

elektroschock1.jpg
Eine der ersten Biografien von einem DJ der ersten Generation, das mußte ich natürlich lesen! Elektroschock kam schon 2003 heraus, ich kam allerdings erst jetzt dazu mir das recht voluminöse Werk einzuverleiben. Laurent hat einen Journalisten zu Hilfe gerufen um die eigene Geschichte zwischen zwei Buchdeckel zu bekommen und das Endergebnis hinterlässt mich mit zwiespältigen Emotionen. Mir war klar das Laurent Garnier seine Anfänge in England und speziell in Manchester’s Hacienda hatte, nur wie es dazu für den Franzosen kam war es nicht, das ist nun geklärt. Es war seiner Anstellung als Diener in der französischen Botschaft in London geschuldet, das der junge Garnier den Summer of Love in UK erlebte. Die darauffolgende Karriere samt Rückschlägen wie Militärdienst in Frankreich lassen sich auch schön lesen aber dann wird’s doch etwas ungenau, was die Fakten zu anderen Ländern angeht. Berlin verortet er 93 mit Trance, Kid Paul wird als Erfinder der Loveparade erwähnt und ähnliche wahrscheinlich ungewollte Geschichtsklitterungen ärgern dann doch und mindern für mich den Wert des Buches. Ich möchte nicht wissen was in den Beschreibungen der anderen Länder so an Ungenauigkeiten vorkommt.
Weiterlesen

12»