Review: Jörn Morisse, Rasmus Engler – Wovon lebst du eigentlich?

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Schönes Supplement oder Ergänzung zum Evangelium über die Digitale Boheme “Wir nennen es Arbeit”, in dem 20 Interviews mit Menschen geführt werden, die man mehr oder minder der Klientel zuschreiben würde um die es in “Wir nennen es Arbeit” geht. Dankbarerweise sind das nicht nur Berlinr oder Leute zwischen 20 und 40, sondern auch viel Hamburg und andere Städte und Menschen jenseits der 60 sind auch dabei. Die Tätigkeiten decken dabei ales ab, vom Musiker bis zum Maler, von der Fotografin bis zum ehemaligen GZSZ Schauspieler reicht die Bandbreite derer, die über ihr Leben ohne Netz und doppelten Boden berichten. Eins wird in allen Interviews klar, mit Boheme hat so eine eigenverantwortliche Selbstständigkeit meist am wenigsten zu tun und in die Rentenkasse zahlen die wenigsten ein, einfach deshalb weil es dazu nicht reicht. Dafür viel prekäre Lebenskunst und allgegenwärtige Querfinanzierung der Sachen um die es einem eigentlich geht.
Das Buch ist verdammt ehrlich darin, was es hier und heute bedeutet auf das All Inclusive Paket der Festanstellung zu verzichten und sich auf das Abenteuer Selbstständigkeit einzulassen, seien es die Geldlöcher und die damit verbundene Panik, die gelegentlichen Selbstzweifel, ob man da auf’s richtige Pferd gesetzt hat und das schwarze Loch das andere Zukunft nennen. Allen gemein hingegen ist auch die Erleichterung darüber der eigene Chef zu sein und nicht in einer Mobbinghierarchie leben zu müssen, bei der einem ständig der Chef über die Schulter schaut und nachdem im Arbeitssektor eh nichts mehr sicher ist, fällt die fehlene Sicherheit auch nicht mehr so ins Gewicht wie früher vielleicht mal.
Auffällig ist, das fast alle Interviewten mehrere Standbeine aufgebaut haben um über die Runden zu kommen (wo ich mich sehr drin wiederfand) und dabei eine Flexibilität an den Tag legen, die andere vielleicht das Fürchten lehren würde.
Zusammen mit “Wir nennen es Arbeit” eine sehr gelungene Lesekombi für Leute die den Schritt in die Selbstständigkeit und Nichtfestanstellung wagen wollen, sich aber realistisch über die Risiken und Nebenwirkungen informieren wollen.

Review: Joachim Lottmann – Auf der Borderline nachts um halbeins


Im Gegensatz zu seinen letzten beiden Romanen, ist das vorliegende Buch lediglich eine Sammlung von Texten die über Jahre entstanden sind und teilweise im Auftrag von Magazinen und Zeitungen entstanden, teilweise aber auch im Internet ihre Erstveröffentlichung, wie z.b. bei den höflichen Paparazzi, erfuhren. Das Blog zum Buch gibt’s bei der TAZ.
So unterschiedlich wie die Quellen und Themen des Buches sind, so sehr sind auch Licht und Schatten verteilt. Lottmann kann sehr passend angewidert die Dekadenz des deutschen Promipöbels beobachten, allerdings wirkt das auch oft durch lamoryantes Namedropping so, als würde er geradezu um deren Nähe betteln und man als Leser einer Hassliebe beiwohnt. Ganz schlimm wird’s allerdings wenn weibliche Wesen ins Spiel kommen, denn da hat der gute Lottmann einfach zu oft Druck auf dem Füller, als das man ihm die Beobachterrolle abnehmen würde, also mit Frauen hat er noch irgendein Ding abzumachen, irgendwie liest sich da einiges wie von einem notgeilen Opa geschrieben. Am schlimmsten war aber die Tokio Hotel Verklärung zu lesen, wo diese unter anderem mit den Beatles verglichen werden und Lottmann einige Superlative auffährt, die so absurd daherkommen, das man den Ironiebutton sucht. Andere meinen das wäre seine Art des totlobens, ich wäre froh wenn dem so wäre!
Lottmann bezeichnet sich selbst als ehemaligen Popliteraturschreiber, der dafür aber zu alt geworden sei. Die Basics finden sich allerdings auch hier wieder und in weiten Teilen ist das Buch auch durchaus gespickt mit treffenden Beobachtungen und pointierten Beschreibungen, nur eben an manchen Stellen ist’s ein Graus dem Autor als Berliner Stadtneurotiker zu folgen

Review: Brad Warner – Hardcore Zen

Wer mich kennt, weiß um meine Sympathie für eine gewisse Philosophie namens Zen und deshalb war es für mich unabdingbar das Buch zu kaufen, auf dem in dicken Lettern und angepunktem Layout HARDCORE ZEN steht und zudem von einem ehemaligen Punk geschrieben wurde, der heute in der japanischen Monstermovieindustrie zuhause ist. Ich merke es Leuten für gewöhnlich sofort an, ob sie früher mal Punk waren oder nicht und hier stellt man es sogar sofort an der Schreibe fest. Brad Warner schreibt ziemlich down to earth und nix ist mit new agigem Salbader oder esoterischem Bling Bling, stattdessen wird einem hier ein Zen nahegebracht, das mit dem Leben zu tun hat und nicht mit der Hollywoodvariante des alten weisen Mannes, der per Zen Wunderkräfte erlangt. Nichtmal das sonst so für Buddhismus und Zen typisch gehaltene Nirvana, also die Theorie diverse Leben durchleben zu müssen, bis man den Endpunkt erreicht ,kommen hier ungeschoren davon, stattdessen heißt es:

Zen replaces all objects of believe with one single thing: reality itself…
Zen doesn’t ask you to believe in anything you cannot confirm for yourself. It does not ask you to memorize any sacred words. It doesn’t require you worship any particular thing or revere any particular person. It doesn’t offer any rules to obey. it doesn’t give you any hierarchy of learned men whose profound teachings you must follow to the letter. It doesn’t ask you to allow anyone else to choose what is right for you and what is wrong.
Zen is the complete absence of belief. Zen is the complete lack of authority.

Hartcore Zen von einem praktizierendem Zenpunk halt. Und um dieses zu verdeutlichen beschreibt Brad Warner hier seinen Weg von der Punkband Zero Defex, über seine Begeisterung für Ultraman seit Kindesbeinen an und wie ihn diese nach Japan als Sprachlehrer bringt, um ihn dann zu seiner jetzigen Arbeit unter anderem Ultraman in Amerika bekannt zu machen. Wärend all dessen wird aber immer fleissig Zazen geübt und am Ende fast widerwillig den Meistertitel erwirbt, auf den er gar nicht scharf war, von seinem Mentor Nishijima quasi reingedrängt wurde und auch diese Sache ist mit viel weniger Pomp verbunden, als man vermuten mag. Irgendwann hatte er unvermittelt eine Vision der Geschichte des Anfangs und des Endes des Universums die ihm viel reeler scheint als alles vorherige. Dies schreibt er ergriffen Nishijima als Mail mit der Überzeugung nun wohl der mysteriösen Erleuchtung anheim gefallen zu sein, was der Mentor aber lapidar mit den Worten abwinkt, das Leute wie er im Monsterfilmebusiness besser auf ihre Fantasie aufpassen sollten. Wenig später isst Brad eine Mandarine und bemerkt die Vollkommenheit in der gerade zu schälenden Mandarine, was er seinem Mentor ebenfalls mailt, woraufhin dieser replied, ja, Mandarinen essen sei Erleuchtung. Für solche Klarheit und Verschmitztheit schätze ich Zen und davon gibt es in dem 200 Seiten starken Büchlein eine ganze Menge, das auf geerdete Weise aufzeigt, wie ähnlich sich westlicher Punk und östliches Zen in gewissen Punkten, wie z.B. jegliche Autorität zu hinterfragen, sind. Folglich steht das nächste Buch schon in den Startlöchern und macht dort weiter, was sich in Hardcore Zen schon in Zitaten von Henry Rollins bis Bart Simpson andeutete: “Sit Down and Shut Up: Punk Rock Commentaries on Buddha, God, Truth, Sex, Death, and Dogen’s Treasury of the Right Dharma Eye”.
Auch ein Blog betreibt Brad Warner im Sinne von Hardcore Zen und deshalb heißt es auch so: Hardcore Zen

Review: Bringmann & Kopetzki – Wild Life

Die beiden Hotzemacher haben nun ihre gesamten Beiträge für die Raveline in ein Bändchen gesammelt und mit ein paar bislang unveröffentlichten Bonusstories am Ende des 62seitigen Oevres herausgegeben. Für Leute wie mich, die die Raveline eigentlich eher selten erwerben also ein feiner Service, das alles geballt und nicht über Jahre verteilt goutieren zu können.
Geballt, dabei bleib ich nun erstmal. Eine geballte Ladung Lachsalven ist garantiert, ich hab mich ungelogen bei der Lektüre auf dem Sofa gekringelt. Anders als beim ebenso grandiosen Hotze sind hier aber keine fortlaufenden Geschichten das Thema, sondern meist Bilder, die es eben in einem Bild auf den Punkt bringen. Den beiden gelingen mit ihren scharfen Situationsbeobachtungen, aus dem zuweilen anstrengenden, als auch verpeilten Raveleben immer die Pointe herauszuholen und dazu gehört wohl auch ein gerüttelt Maß an Teilhabe an dem Geschehen, das dann mit gebührendem Fatalismus und milder Weisheit karikiert wird.
Sehr schön zu verfolgen sind dabei auch die Verschiebungen der Parameter im Ravekosmos über die Jahre, die Themen ändern sich, nur die Verpeilung ist beständig.

Holm Friebe und Sascha Lobo – Wir nennen es Arbeit


Die beiden Autoren mit eher zweifelhaftem Leumund, so z.B. Trendforscher und Anzeigenkampagne für MTV’s Popetown, legen hier ein Buch vor, dessen Unterschrift der Überschrift lautet “Die digitale Bohème jensseits der Festanstellung” und so ziemlich alle Schwebteilchen behandelt, was in der Web 2.0 Tagnebelwolke an Worthülsen so rumfliegt.
Ich gebe zu, das ich mich zwar sehr neugierig, aber dennoch skeptisch an das Buch begeben habe, zu präsent waren noch die Erinnerungen an die Begleitbücher zur New Economy, wie Cluetrain Manifest oder Funky Business, die mit dem Zusammenbruch derselben ebenso mehr oder minder zu großmäuliger Makulatur wurden. Die beiden stellen es aber schlauer an und versuchen nicht die gesamte Welt umzukrempleln, sondern bringen hier zwischen zwei Buchdeckel, was an aktuellen Möglichkeiten und Hypes so alles im Windschatten von Web 2.0 so entstanden ist. Sei es das Schlagwort des Urbanen Penners, die damit verbundene Welt des gesharten W-Lans, die hier in Berlin insbesondere die Cafekultur momentan nachhaltig verändert, aber im Grunde ist es eine Status.Quo Beschreibung einer zunehmend größer werdenden, hauptsächlich urbanen, Schicht, derer, die von Hartz IV nichts wissen wollen und eigene Wege gehen, Nischen finden, die erst durch das Internet möglich wurden oder sich durch dieses erst ergeben. Dabei wird nicht nur das Hohelied des unabhängigen Freelancers gezeichnet, sondern auch durchaus ehrlich auf die Unwägbarkeiten in diesem rauhen Gelände eingegangen und gewarnt, ja sogar nützliche Tips gegeben, falls man doch mal in die Bredouille gerät und sich einem Arbeitgeber überantworten muß, falls die eigenen Projekte nicht so viel abwerfen oder eben grandios scheitern.
Natürlich haben auch Blogs, Podcasts und damit zusammenhängende, wenn auch eher periphere Dinge wie GTD ihren Teil in dem immerhin über 300 Seiten dicken Wälzer, der zunehmend interessanter wird, nachdem man sich ersmal durch den Anfang und damit die Verortung und Definition dessen gelesen hat, was die Autoren unter digitaler Boheme verstehen. Der weitere Verlauf ist für netzaffirne und Freelancer mit Sicherheit nicht unbedingt neu, das alles hat man im Verlauf der letzten 2 Jahre alles schon verfolgt, selbst erlebt und ist in den entsprechenden Kreisen sowieso Dauerthema (remember z.B: der Typ der auf die Idee kam seine Website zu nutzen um pixelweise Werbung zu verkaufen und tatsächlich in kürzester Zeit auf seine Millionen kam und wie man sich ärgerte nicht selbst auf die naheliegende Idee zu kommen? , aber es liest sich gut, sowas wie ein aktuelles Resümee zwischen zwei Buchdeckeln zu lesen und somit einen Strich unter die Rechnung zu machen und nun ab da weiter zu diskutieren. Ein Ende des Prozesses ist da sicher nicht i Sicht und so haben die Autoren auch konsequenterweise ein Blog zum Buch] gemacht, auf dem nicht nur die Links zum Buch enthalten sind, sondern in schöner Regelmäßigkeit aktuelle Ergänzungen zu lesen sind und auch bei Mario Sixtus Elektrischem Reporter war es letzte Woche Thema.
Fazit: Für denjenigen, der das Abenteuer wagen will aus einem mobbinngverseuchten Arbeitsverhältnis auszusteigen, sicherlich eine motivierende Investition, die auch nicht die vielen Schattenseiten verheimlicht und für denjenigen der aus dem Abenteuer Hartz IV aussteigen will sicherlich auch eine gute Inspiration, das Leben selbst in die Hand zu nehmen. Für Menschen, die sich der digitalen Bohème eh zugehörig fühlen quasi ein Lesemuß, und für diejenigen in Berlin sowieso, da man viele Beispiele persönlich kennt ,weil hier ja anscheinend das brütende Biotop ist, dem das alles hauptsächlich passiert (wenn ich auch nicht verschweigen möchte das hier so gut wie keiner Geld verdient, in Berlin scheint eher sowas wie ein Feierkommunismus zu entstehen, dazu aber an anderer Stelle mehr)
Ach und natürlich kommt das Buch genau recht zum nähereilenden Weihnachtsfest, da kann man es all jenen unter den Baum legen, die das eigene Tun nicht verstehen und denken man würde nur blöde vor dem Rechner sitzen oder brotlose Kunst fabrizieren, wo man doch eigentlich zur neuen Speerspitze der Gesellschaft gehört

Review: Die Kunst des stilvollen Verarmens, Alexander von Schönburg

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Die Phrase des “die fetten Jahre sind vorbei” hört man allenthalben, mit den Konsequenzen zu leben, das hat für viele allerdings in letzter Zeit erst so richtig an Dramatik gewonnen. Wer könnte also besser darüber dozieren als einer, dessen Familie schon seit 500 Jahren am absteigen ist. Mir ist Alexander von Schönburg zum ersten mal in “Tristesse Royal” aufgefallen, jenem blasierten Erguss der damaligen neuen deutschen Popschreiberlinge und aufgrund dessen erstmal unsympathisch. Schön jedoch, wenn man Leuten Besserung bescheinigen muß und sei es durch Einsicht durch Armut. Den Titel des Buches kann man schon wörtlich nehmen, es geht darum wie man in Zeiten schwindender Einkommen dennoch stilvoll und würdevoll gelebt werden kann. Dazu wird erstmal geraten die Bälle flach zu halten und sich nicht an den vulgären Perversionen der Neureichen zu orientieren.
Stattdessen plädiert Schönburg dafür das eigene Leben wieder schätzen zu lernen und dies nicht an materieller Völlerei zu messen, Zeit ist schon lange der Luxus schlechthin, nicht die Rolex, nicht die in der Stadt meist überflüssige Karre. Eloquent auf andere europäische Kulturen und Sitten hingewiesen in denen es durchaus d’accord geht Leute nachhause einzuladen anstatt zum Essen auswärts. Auch zu Kleidung, Hausrat, Kindererziehung zum nonkonformistischen Kind mit Konsumkritikfähigkeiten, medialer Entrümpelung und vor allem Einblicke in Leben reicher, die bei näherer Betrachtung eben durch Geld kein unbedingt glücklicheres Leben führen, gibt es als tröstendes und zugleich abschreckendes Beispiel. Ebenfalls enthalten sins sympathische Tricks das Leben mittels kleiner Schmarozereien, wie z.B. Bankets oder Gallerieeröffnungen zum Völlen zu frequentieren oder sympathische kleine Mopsereien, z.B. im Hotel zu begehen. Das alles in sehr unterhaltender Erzählweise, am gelungensten fand ich dennoch das Schlußplädoyer, in dem alles noch mal sehr menschlich zusammengefaßt wird und ein Hohelied auf die Tugenden Höflichkeit, Liebenswürdigkeit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft gesungen wird, auf die wir uns in Zukunft wieder besinnen müssen, da einfach das Geld fehlen wird, diese in Form wie Dienstleistung, Pflegegeld usw. zu erkaufen oder an abstrakte Institutionen zu delegieren.
Ganz im Sinne des Sparansatzes dieses Buches habe ich dann auch die billigere Taschenbuchausgabe abgewartet.

Review: Simon Reynolds – Rip It Up And Start Again

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Simon Reynolds ist ja schon spätestens durch sein Buch Energy Flash: a Journey Through Rave Music and Dance Culture  und sein informatives Blissblog hinlänglich bekannt. Nun hat er sich, unter dem Titel Rip It Up And Start Againdie musikalisch interessante Postpunkphase von 1978 – 1984 vorgenommen und dabei gibt’s ein feudiges Wiederlesen der Geschichten und Schicksale von so legendären Bands wie Wire, Gang Of Four, PIL, Joy Division, Throbbing Gristle, Tuxedomonn, Siouxie and the Banshees und derlei mehr. Dabei wird der Bogen von Johnny Lydon’s Aussteigerprojekt nach den Sex Pistols, Public Image Limited (PIL), bis zum letzten Aufbäumen der versiegenden Kräfte von Postpunk, der Zeit von Frankie Goes To Hollywood, Trevor Horn und ZTT. Wobei man diskutieren könnte, ob man diese Phase tatsächlich noch zu Postpunkt zählen darf oder ob die Terminierung nicht schon früher anzusetzen wäre.
Das Hauptaugenmerk liegt natürlich und berechtigterweise auf den englischen Schauplätzen und Protagonisten, lediglich DAF, Einstürzende Neubauten und X-Mal Deutschland finden z.B von den hiesigen Beiträgen Eingang. Aus dem amerikanischen Raum finden sich inbesondere mit New York’s No Wave- Ära, Blondie und den Talking Heads die Einflüsse und Verbindungen aus dieser Zeit wieder. Des weiteren wird auch noch ein Blick auf die Geschichte von SST Records und amerikanischen Hardcore Punk aus der Los Angeles Ecke geworfen und Ohio’s Szene um Pere Ubu und Devo ausfühlich dokumentiert.
Wer die Gnade der frühen Geburt und die damalige Zeit Sounds und Spex lesend miterlebt hatte, der wird hier wenig Neues finden, was den Lesespaß aber kleinesfalls verringert. Für Unbeleckte von und/oder Interessenten an dem Thema ein spannend und weitreichend behandelnder Einstieg, bei dem man Reynolds das Kompliment machen muß das er sich trotz der Komplexität des Sujets doch auf eine logische und ausreichende Auswahl von Geschichten, Schicksalen und Verbindungen aufzeigt, ohne an den falschen Ecken zu sparen, so das man sich am Ende über so unterschiedlichen Ansätzen wie Orange Juice und Cabaret Voltaire informiert weiß. Von dort aus kann man dann z.b. mit Cabaret Voltaire: The Art of the Sixth Sense, Wire: Everybody Loves a History[/url] (beide soweit noch erhältlich) oder Touching from a Distance: Ian Curtis and Joy Division, welches ja gerade erst verfilmt wurde, weiter in die Tiefe gehen.
Mich hat das Buch jedenfalls so einige Platten wiederhören lassen und wer sich für die Materie interessiert findet hier mit Sicherheit Anknüpfungspunkte und Impulse um Wissen und Hörgenüsse zu erweitern.

Review: David Battino & Kelli Richards – The Art Of Digital Music

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In The Art Of Digital Music kommen 56 Künstler und Entwickler zu Wort und sprechen, wie der Name schon vermuten läßt, über die Kreation Digitaler Musik. Im ersten Teil werden die Diskutanden jeweils in kurzen Interviews vorgestellt Darunter sind so illustere Namen wie, Robert Henke und Gerd Behles für Ableton, LTJ Bukem, BT, Chrystal Method und Chuck D, aber auch Ray Kurzweil, Roger Linn und viele, deren Namen mir vor dem Buch wenig oder auch gar nix sagten. Der weitere Verlauf des Buches ist dann wie ein großer Stammtisch aufgebaut, die im ersten Teil vorgestellten Künstler und Entwickler reden in Interviewform über Produktion, Philosophie, Business und Zukunft Digitaler Musik. Es ist beileibe nicht nur ein Buch für Experimentalisten oder Laptopmusiker, dafür dürften schon Namen wie Alan Parson, Don Was oder auch Nile Rodgers sorgen. Und das macht dann auch den Vorteil des Buches aus, jeder redet ein bisschen aus dem Nähkästchen und gibt ab und an auch brauchbare Tips oder unvermittelte Einsichten in Prozesse, die man noch nicht kennt. Dabei macht dieses Interview und Konferenzkonzept durchaus Sinn, so kommen Meinungen aus teilweise sehr unterschiedlichen Environments nebeneinander zum tragen und ergeben ein sehr entspannt vorgetragenes mehrstimmiges Studiofachgespräch, das durchaus unterhaltsamen Charakter hat. Wirkliche Cracktips sind darin eher nicht zu finden und das das Buch aus den USA stammt, merkt man sowohl in der Artistauswahl, als auch dem Gespräch an. Nichtsdestotrotz nett zu lesen, da man sich mitten in einer Musikpodiumsdiskussion zu Themen wähnt, die einen eben auch tangieren, wenn man täglich mit dem Sujet zu tun hat. Es ist nicht zu hightbrow aber eben auch nicht zu verfrickelt gehalten und gibt trotzdem noch die ein oder andere gute Anregung mit auf den Weg.
Die beigelegte DVD bietet neben ein paar Samples und Videos kaum Erwähnenswertes, muß wohl aber beim Thema Digital dabei sein. Hätte man sich getrost sparen können und lieber ein paar Dollar billiger machen können.

Review: Janko Röttgers – Mix, Burn & R.I.P Das Ende der Musikindustrie

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Passend zum aktuellen Thema, siehe den Artikel hier untendrunter, hat der Journalist Janko Röttgers ein Buch mit provozierendem Titel herausgebracht, das ich einem jeden ans Herz legen möchte, der sich mit den momentanen Umwälzungen im Musikbusiness auseinandersetzen mag.
Janko Röttgers wird vielen durch seine Artikel u.a. in De:Bug und Telepolis bekannt sein, wo er sich meist auch schon mit dem Thema dieses Buches beschäftigte und so sind Teile davon auch schon bekannt, wenn auch aufgearbeitet.
Es fängt mit der Geschichte der P2P Netzwerke an und beim lesen wundert man sich, das das ganze noch so jung ist, Napster, ist das tatsächlich erst 3 Jahre her? Inzwischen sind aufregende Zeiten vergangen, aber die Situation hat sich nur wenig verändert. Die Geschichte der Netzwerke und damit auch eng verknüpft der Formats Mp3 nimmt denn auch die ersten 5 Kapitel des Buches ein. Dann kommt die unglückliche Geschichte der CD und das aufkeimende Ende dieses Formats, das, man kann es nicht oft genug betonen, von der MI eingeführt wurde und ihnen in der Vergangenheit zu fast ungehörigen Geldzuwachs aus alten Konserven beschert hat. Nun dämmert das Ende und, wie man das auch aus Privathaushalten kennt, hat man sich an die Fettlebe gewöhnt und hoffte das es nun bis zum Sanktnimmerleinstag so weiter ginge. Tut es aber nicht und der Schuldige ist paradoxerweise die CD, natürlich die selbstgebrannte und natürlich der Feind Nummer 1, der Downloader.
Besonnene Debatten werden von anderen geführt, die werden einem in Kapitel 7 vorgestellt und zeigen, das es durchaus Konzepte gibt, die Branche zeitgemäß zu gestalten. In den darauffolgenden Kapiteln werden diese dann ausführlich und mit Beispielen beleuchtet. Erfolgreiche Nischenaktivisten wie CDBaby, neue Konzepte wie Pauschalen und deren für und wider werden endlich mal gerafft und ausführlich unter einer Überschrift erläutert. Das Ende runden dann Interviews ab, mit so unterschiedlichen Personen wie Tim O’Reilly, Herausgeber der bekannten Computerbücher des gleichnamigen Verlags und offener Befürworter des Open Source Konzepts, Smudo von den Fantastischen 4, Gerd Gebhardt, Vorsitzender des Bundesverbandes der Phonografischen Wirtschaft, der genauso ignorant und zynisch antwortet, wie man es erwartete u.v.a.
Wie gesagt, ich empfehle es allen, die an der momentanen Situation von Musik als Gut interessiert sind. Das Buch ist gelungen, gut recherchiert und dürfte jedem neue Einsichten und Diskussionsgrundlagen verschaffen.

Zu dem Buch gibt es auch eine Site des Autors: Mix, Burn & R.I.P, wo man in Foren weiterdiskutieren kann, ein Blog neueste Entwicklungen festhält und Supplements zum Buch rumliegen

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