Über was das Internet so spricht

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Na gut, Reddit, aber als internationaler Indikator geht das ganz gut. Jedenfalls hat sich jemand die Mühe gemacht sämtliche Kommentare seit 2005 dort zu parsen, so das man grafisch sehr schön sehen kann welche Worte wann welche Relevanz hatten. Ich habe das oben mal mit Dubstep und Vaping probiert, was ich recht aufschlußreich finde. Dubstep’s Heydays scheinen also erwartungsgemäß vorüber, Vaping schießt zunehmend durch die Decke. Läßt sich aber natürlich auch genauso mit beliebigen anderen Worten veranstalten. Ich als Sucker für Graphen aller Art finde das durchaus interessant

(Via Nerdcore)

Tageslinks 22.06.15: Gründe für Zivilen Ungehorsam, nein, nicht nur #VDS


Da ist man EINMAL im Urlaub und dann kommt diese Blockflötenpartei von SPD tatsächlich mit der VDS um die Ecke und nötigt mich damit aus dem polnischen Exil zu schreiben.

Ich hatte Samstag dazu schon einiges getwittert:

und Sonntag einiges retweeted.
Heute ruft Jonny Häusler zum Zivilen Ungehorsam auf
und Sascha Lobo zerlegt die bestürzend dümmliche Aussage von, ausgerechnet, Baden Würtemberg’s Innenminister.

Wem die VDS allerdings zum Aufstand noch nicht genügt, es gibt noch massig anderes Material, egal ob zukünftig das Urlaubsfotos teilen teuer werden kann, weil die EU beschließt das Copyright vor Panoramafreiheit geht

oder Jobcenter ihren Klienten gezielt hinterher schnüffeln

Es ist höchste Zeit zivilen Ungehorsam walten zu lassen und es werden täglich mehr

Wozu braucht es zukünftig noch Menschen in der Wirtschaft?


Ein zugleich faszinierendes, als auch gruseliges Interview mit dem israelischen Universalhistoriker Yuval Harari über die Zukunft, in der Menschen mit Technologie verschmelzen, ein Gespräch über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unserer Spezies. In wenigen Monaten erscheint sein neues Werk, zunächst auf Hebräisch und ich hoffe die deutsche oder englische Übersetzung läßt nicht allzu lang auf sich warten. Insbesondere die dritte Seite des Interviews haut ob ihrer Logik rein

Zum 70. Jahrestag der Auschwitz Befreiung, Hitchcock’s Lehrfilm für die Deutschen: Night will Fall

nightwillfall

Momentan ist in der ARD Mediathek die Doku Night Will Fall, Hitchcock’s Lehrfilm für die Deutschen zu sehen.

Hitchcocks Lehrfilm für die Deutschen

Bei ihrem Vorstoß über Europa entdecken die Alliierten 1945 die ersten Konzentrationslager. Aus dem Entsetzen über das Bild der Grausamkeiten entsteht das Bedürfnis, alles zu dokumentieren. Britische, amerikanische und russische Kamerateams beginnen mit ihren Aufnahmen. Renommierte Regisseure wie Alfred Hitchcock und Billy Wilder werden beauftragt, aus dem Rohmaterial schonungslose Dokumente der Todeslager zu erschaffen. Als Teil der Psychologischen Kriegsführung sollen die Filme der deutschen Bevölkerung gezeigt werden.

Doch während die Amerikaner rasch mit einem kurzen Film an die Öffentlichkeit gehen, verzögert sich die Fertigstellung des britischen Films von Alfred Hitchcock. Und es ändern sich die politischen Vorzeichen. Unter dem Eindruck des beginnenden Kalten Krieges und der Wiederaufbaupläne für die westdeutschen Sektoren scheint es plötzlich nicht mehr opportun, die westdeutsche Bevölkerung nachhaltig mit ihren eigenen Verfehlungen zu konfrontieren. Der Film landet unvollständig in den Archiven, eine Filmrolle gilt bald als gänzlich verschollen.

Nach jahrelangen Recherchen und neu aufgetauchtem Material ist es dem Imperial War Museum nun gelungen, den Hitchcock-Film vollständig zu rekonstruieren. Er wurde im Rahmen der Berlinale 2014 erstmals öffentlich in Deutschland aufgeführt. Der Dokumentarfilm „Night Will Fall“ zeigt die Wiederherstellung des Hitchcock-Films mit den verantwortlichen Experten – und rekonstruiert zugleich mit Hilfe von Zeitzeugen – ehemaligen Lagerinsassen ebenso wie ehemaligen Soldaten und Kameraleuten – die Befreiung der Konzentrationslager 1944/45: Ungesehene Bilder und unerzählte Geschichten über eines der dunkelsten Kapitel des 20. Jahrhunderts.

Die Bilder dürften zu dem gräßlichsten zählen was man jemals zu sehen bekommt zu was Menschen fähig sind. Trotzdem finde ich es wichtig sich das gerade auch heute zu vergegenwärtigen und hinzusehen wenn wieder eine Religion gesucht wird die an allem Schuld sein soll oder sonstwie das Rad der Geschichte zurück relativiert werden soll. Wehret den Anfängen!
Der Film endet mit den Worten “Wenn die Welt keine Lehre zieht aus diesen Bildern, kommt Finsternis über die Menschheit.”
Ich hoffe das die Doku, nachdem sie aus der Mediathek depubliziert, wird irgendwo anders dauerhafter auftaucht, dann werde ich sie auch hier embedden.

Update: Dank René in den Kommentaren schon passiert:

Update 2: Für die genervten:

Charlie Hebdo Irrsinn


Da dieses Blog ja auch so eine Art Tagebuch darstellt, muß das hier auch rein. Wie wahrscheinlich die meisten auch habe ich die Ereignisse seit ca. 13:00 immer wieder verfolgt, die Videos der Killer gesehen, die ganzen Cartoons dazu aufgesaugt und am Ende des Tages ein ähnlich mulmiges Gefühl wie damals anno 2011. Das ist eine Zäsur, ohne Frage und ich hoffe das die Welt diesmal besonnener damit umgeht, etwa so wie Norwegen nach dem Breivik Massenmord als der damalige Ministerpräsident Stoltenberg sagte: “Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.”
Was nun gar nicht weiterbringt ist die Ressentiments weiter zu verhärten oder diesen Vorfall als Bestätigung dieser zu nutzen, am scheinheiligsten jedoch ist es, wenn jene, die gestern noch laut Lügenpresse skandierten und den Redaktionen ziemlich ähnliche Behandlung wünschten, heute die freie Presse retten wollen.

(f)Rohe Weihnacht


Natürlich wünsche ich allen Lesern dieses Blogs nur das Beste und besinnliche Weihnachten, aber aus aktuellem Anlaß möchte ich hier ebenso ein paar Worte anderer posten, weil sich meine Besinnlichkeit diesmal in Grenzen hält.
Mir will es nicht in den Kopf sich wieso ausgerechnet vor Weihnachten 17.500 Menschen gegen Flüchtlinge versammeln und Weihnachtslieder singen, deren Ursprung ja Flüchtlinge waren. Dieses vor der Öffentlichkeit Kreide fressen, das auch in dem Forderungskatalog dieser Pegida perfide vorgemacht wird, während im Originalton der Interviews mit den Mitläufern eigentlich nur Ablehnung und Hass die Motivation sind, kotzt mich an.
Und es ist ja nicht nur Pegida. Hier um die Ecke in Buch wird gerade ein Containerdorf für Flüchtlinge hochgezogen, es ist das erste mal seit den 90ern das ich live miterleben kann wie die Ressentiments sich Bahn brechen, jegliche Argumente nicht ankommen und stattdessen eine Radikalisierung der Dummen stattfindet, die von den üblichen Kackbratzen gefüttert wird, die einerseits Meinungsfreiheit propagieren, wenn es um ihre Meinung geht, aber alles weglöschen was anderer Meinung ist- noch nur in Facebookgruppen.
Glücklicherweise hat das hier offensichtlich schon seinen Peak überschritten, aber wie das klingt wenn solche Morgenluft wittern kann man sehen, wenn sie nicht Kreide fressen müssen, wie z.B. dieser ehrenwerte Wohltäter für Görlitz, Winfried Stöcker und der daraus resultierenden Facebook Gruppe die Solidarität mit ihm fordert, dagegen sind alle Sarrazin’s und Pirincci’s Weisenknaben. Ich habe mich schon zigmal an einem Text zu der Sache versucht, war aber nie wirklich zufrieden damit, weil das Ganze in seiner Dimension für mich unfassbar ist. Deshalb Texte von anderen, bis meiner mal fertig ist:

Das Weihnachtsgedicht von 50 DDR Bürgerrechtlern

Weihnachtsgruß von Neunundachtzigern

25 Jahre nach dem Mauerfall

PEGIDA – Nie wieda!

Wir sind das Volk ruft ihr

Freiheit Toleranz Welt offen meinte das ’89

Visa frei bis Hawai war die Devise

Und: Die Mauer muss weg

Ihr aber wollt:

Visa frei nur für uns

Die Mauer muss weg nur für uns

Die Mauer muss her am Mittelmeer

25 Jahre nach Mauerfall

Zusehen wollt ihr wenn die Elenden

Der Welt an neuen Mauern sterben

An euren Mauern

Oder ihr dreht euch weg

Um in Ruhe Gänsebraten zu fressen

Und Weihnachtslieder zu singen

Jesus hätte gekotzt hätte er euch getroffen

Habt ihr euch nie gefragt:

Wer liefert die Waffen für die Bürgerkriege die die Menschen vertreiben

Wer hat der Welt den Neoliberalismus aufgezwungen

Der sie in Ungleichheit Armut Not treibt
Bei uns und im Süden der Erde

Und wer hat die Klimakatastrophen produziert

Die den Sahel zur Hölle machen

Dabei pfeifen die Spatzen von den Dächern:

Es ist das System das ihr nicht schnell genug bekommen konntet

Dem ihr den ’89er Versuch geopfert habt

Den Versuch einer alternativen Demokratie

Einer freiheitlichen solidarischen ökologischen

Doch ihr sprecht nicht über dieses System

Über Kapitalismus seine Gemeinheiten über Interessen

Dafür protestiert ihr gegen die Schwachen

An die Mächtigen traut ihr euch nicht heran

Feiglinge

In Sachsen sind Muslime nur mit der Lupe zu finden

Aber ihr bekämpft die Islamisierung des Abendlands

Euer Abendland heißt Dunkeldeutschland

Ihr riecht nach dem Provinzmief hinter der Mauer

Oder dem in den Tälern der Alpen

Ihr sprecht nicht für ’89

Ihr sprecht für keine Freiheitsbewegung

Ihr seid deren Schande

Schämt euch

Auf euer Abendland haben wir ’89 gepfiffen

Darauf pfeifen wir auch heute

Unsere Solidarität den Flüchtlingen

Und immer noch sagen wir

Eine andere Welt ist möglich

Eine andere Welt ist nötig

Um alle Mauern zu stürzen

Weihnachten 2014

Liebeserklärung an die Vielfalt – eine Weihnachtsbotschaft
der Hedonistischen Internationale

In den letzten Wochen haben Menschen in Dresden und anderswo Angst, Kälte, Kleinmut, Rassimus, Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit auf die Straße getragen. Wir sind nicht nur verunsichert, sondern sehen das friedliche Zusammenleben in diesem Land erschüttert. Was wir in Dresden sehen, sind nicht die üblichen Nazis, aber Menschen, die letztlich die gleiche menschenverachtende Ideologie verbreiten.
Doch unser Land sieht anders aus.
Wir leben schon heute Vielfalt.
Wir finden es normal, dass der marrokanische Schwager mit uns Weihnachten feiert. Und es dann kein Schweinefleisch zu Essen gibt. Wir haben Freundinnen und Freunde aus Russland, Usbekistan, Mali, Österreich und Tunesien. Wir lernen von anderen und merken, dass andere von uns lernen. Das ist Zusammenleben, auch wenn wir manchmal Dinge nicht verstehen. Wir interessieren uns für andere Kulturen, Religionen und Ansichten und werden niemanden eine Kultur überstülpen.
Wir gehen mit muslimischen Bosniern und Iranern und ihren Kindern zusammen auf den Martinsumzug, weil uns allen das Teilen und das Ritual mit den Laternen so gut gefällt. Wir sind gerührt, wenn die 5-jährige Nichte sagt, dass sie in weniger Ländern Ausländerin sei als eine Deutsche, weil sie nämlich zwei Pässe habe.
Wir trinken augenzwinkernd mit Moslems guten Wein und lachen zusammen. Wir trinken Tee beim Opferfest und erkennen, dass Nächstenliebe nicht nur beim christlichen Weihnachtsfest seinen Platz hat und Alkohol trinken nicht zwingend für Geselligkeit nötig ist.
Wir sind neugierig, was der russische Oberst, den wir kennenlernen, zu erzählen hat. Wir sehen Begegnung als Bereicherung des Lebens. Sie eröffnet Perspektiven, die wir davor noch gar nicht erahnen konnten. Wir lachen verschmitzt mit der häkelnden türkischen Oma in der U-Bahn über eine skurille Situation. Und freuen uns über ihr Gesicht, das wir noch Jahre später vor Augen haben. Uns werden täglich die Augen geöffnet von der Vielfalt, die auf uns einprasselt.
Wir lernen Sprachen in der Schule und können uns damit auf der ganzen Welt verständigen. Wir haben keine Angst, wenn Kinder aus aller Herren und Frauen Länder mit unseren Kindern in den Kindergarten und die Schule gehen. Weil unsere Kinder so von klein auf interkulturell lernen. Weil für sie Vielfalt normaler sein wird als für uns.
Wir sehen wie liebevoll eine Bulgarin unsere Großeltern pflegt, wie fair der pakistanische Junge in der E-Jugend Fußball spielt. Wir erinnern uns an den Geschmack von Kardamom, der in einem Tee war, der uns angeboten wurde.
Wir sind nicht stolz auf den Ausgang der Geburtslotterie, die den einen zum Deutschen und die andere zur Bolivianerin macht. Wir leben und lieben in binationalen Beziehungen und Ehen. Wir ziehen unsere Kinder zweisprachig auf, damit sie mit ihren Großeltern im Ausland reden können.
Wir sehen den Austausch der Kulturen als Bereicherung unseres Lebens, egal ob wir dabei portugiesischen Weichkäse oder iranische Heavy Metal Bands kennenlernen. Wir lachen über den serbischen Film, nordamerikanische Serien und Karnevalsbräuche in Ecuador.
Wir übernehmen Wörter aus anderen Ländern in unseren Sprachschatz, weil wir Dinge so besser ausdrücken können. Wir übernehmen Feste und Bräuche und stellen auf einmal ausgehöhlte Kürbisse ins Fenster. Wir sind überzeugt davon, dass Kulturen und Sprachen erst dadurch leben, dass sie sich vermengen, vermischen, bereichern und befruchten.
Wir wollen in einem Land leben, das Menschen auf der Flucht offensteht. Wir leben in einem Einwanderungsland und wir wollen eine Willkommenskultur anstatt die Mauern um Europa zu vergrößern. Wir sind entsetzt darüber, dass so viele Menschen an den Außengrenzen sterben. Wir verstehen, dass Menschen fliehen, egal aus welchem Grund. Wir wollen Flüchtenden ein neues Zuhause geben und die Möglichkeit, frei und in Würde zu leben. Ohne uns dabei auf die Schulter zu klopfen.
Wir sind überzeugt, dass wir zusammen den richtigen Weg finden können, der allen Teilen der Gesellschaft Rechnung trägt. Diese Auseindersetzung wird nicht immer einfach sein, sondern manchmal auch von Konflikten geprägt. Diese Konflikte wollen wir konstruktiv, friedlich und mit Respekt austragen und verhandeln. Dabei ist Migrationshintergrund für uns ein Zeichen der Stärke und Lebendigkeit der Gesellschaft.
In unserem Land ist es egal, welches Geschlecht jemand hat oder sich selbst zuschreibt. Es ist egal, wer wen einvernehmlich liebt. In unserem Land sind alle Menschen gleich. In unserem Land wollen wir sozial gerecht zusammen leben und gemeinsam die richtigen Fragen für die Zukunft stellen. Wir werden diejenigen politisch herausfordern, die soziale Spaltung vorantreiben oder Umverteilung verhindern. Wir wollen gelebte Solidarität, Mitgefühl und Empathie statt sozialer Kälte, Egoismus und deutschen Volksgenossen.
Zusammenleben und Austausch von Kulturen heißt für uns nicht Aufgabe von Werten, Ethik und Idealen. Vielmehr sehen wir, dass es Werte gibt, die in jeder Kultur zuhause sind. Auf ihnen bauen wir auf. Eine vielfältige Gesellschaft ist nicht einfach: Wir diskutieren hart in der Sache, wenn uns etwas nicht passt, aber wir finden gemeinsam Grenzen und Leitplanken des Zusammenlebens.
Wir stehen an der Seite aller Menschen in diesem Land, die friedlich und respektvoll miteinander leben wollen. Egal wo sie herkommen oder welche Religion sie haben. Egal ob sie eine andere Sprache sprechen oder andere Sitten und Gebräuche haben.
Wir wollen einfach zusammen leben. Wir wissen auch, dass viele der Ideale noch nicht umgesetzt sind.
Das heißt für uns:
Wir werden hasserfüllten Angsthasen, Rassisten und Fremdenfeinden dieses Land nicht überlassen, sondern an einer offenen und vielfältigen Gesellschaft weiterarbeiten. Was wir in Dresden und anderswo sehen ist nicht die Mitte der Gesellschaft, sondern Deckungsmasse von Nazis und Brandstiftern. Sie stellen nicht die richtigen Fragen, sondern treten nach unten. Sie sind diejenigen, die einer toleranten und freien Gesellschaft und Kultur im Wege stehen.
Wir danken deshalb all den Menschen, deren Ur-Großeltern, Großeltern, Eltern oder die selbst aus einem anderen Land hierher gekommen sind von ganzem Herzen, dass sie hier sind. Wir danken ihnen, dass wir Neues kennenlernen dürfen. Wir danken ihnen, dass wir immer wieder neu über uns nachdenken. Wir danken ihnen für eine ständige Neusausrichtung von dem, was wir unsere gewachsene Kultur nennen.
Zukunft geht nur zusammen.

Peter Breuer’s Facebook Beitrag von gestern sollte hier auch noch stehen:

Fast genau vor einem Jahr, am 21. Dezember 2013, stand ich mit meinem Auto am Jungfernstieg in Hamburg an einer roten Ampel und sah, wie der erste Mannschaftswagen eines Polizeikonvois einen Wagen rammte, der bei Grün aus der Bergstraße in den Ballindamm fuhr. Die Fahrerin wurde verletzt und die Türen der folgenden Polizeitransporter öffneten sich fast synchron und gleich nach der Bergung der verletzten Fahrerin wurde ihr Auto von zahlreichen Polizisten zur Spurenverschleierung in ein Blumenbeet getragen. Meine Nachfrage nach dem Hintergrund der massiven Polizeipräsenz wurde mit Schlägen auf meine Arme und rüden Beleidigungen quittiert. Jede Seitenstraße der Stadt, die zum Gefahrengebiet erklärt war, war gespenstisch gefüllt mit Polizisten aus ganz Deutschland und etwa eine Stunde später schlug die Polizei die Lampedusa-Demo nach wenigen Metern brutal nieder, weil sich der Demonstrationszug absprachewidrig zu früh bewegte. Was folgte, war ein wochenlanges „Gefahrengebiet“, das im Mix aus schlechtinformierter Legislative und intriganter Exekutive errichtet wurde.
In den zwölf Monaten seitdem habe ich Bilder gesehen, wo ich mir Staatsgewalt gewünscht hätte. Ich konnte es kaum ertragen zu sehen, wie ungeniert in diesem Jahr antisemitische Parolen gebrüllt werden durften. Am 21. Juli wurde vor der israelischen Botschaft von Al-Quds-Demonstranten quälend lange „Feiger Jude, komm heraus“ gerufen und ich habe mich gefragt, warum die anwesende Polizei untätig blieb und nicht schon nach den ersten Rufen zugriff.
Jetzt gerade frage ich mich, wie seltsam paralysiert Politik und Medien mit dem aktuellen Rechtsruck umgehen, der nur vordergründig die „Islamisierung“ eines Bundeslandes mit 0,1 Prozent Moslems zum Thema hat. Es melden sich Politiker zu Wort, die exakt das sagen, was man von ihnen erwartet. Da ist Wolfgang Bosbach, dessen zugemauerter Horizont die Stadtgrenzen von Bergisch-Gladbach grundsätzlich nicht verlässt, aber da ist auch der menschelnde Cem Özdemir aus Urach, der grundsätzlich alles mit einer Tischtennisplatte für die Unterpriviligierten löst.
Ehrlich gesagt interessiert es mich einen Dreck, wie weißgewaschen das Pegida-Positionspapier ist, das vordergründig so tut, als sei es liberal. Die Sorgen und Nöte um das Brutto und Netto von Dresdnern auch nicht. Weil mein Herz nach wie vor im Ruhrgebiet schlägt, wo die Schlaglöcher tiefer sind und die Weltoffenheit auch.
Was mich interessiert, ist wie viele Leute freiwillig einem mehrfach vorbestraften Rattenfänger wie Lutz Bachmann hinterherlaufen und vor allem das, was sie selbst zu sagen haben. Ich habe in den vergangenen Wochen viele Videos gesehen und die Dramaturgie lief immer darauf hinaus, dass kryptofaschistische Aussagen von Bachmann, Dittmer und Heumann mit dumpfem völkischen Geheul quittiert wurden. Was sich vor deren Megaphonen sammelt, sind keine Menschen, die Angst haben, sondern Menschen, die Angst machen wollen. Und zwar denen, die bei uns Schutz vor Gewalt suchen.
Inzwischen habe ich Hunderte von Facebook-Kommentaren gelesen und bin erschrocken, wie bereitwillig die Menschen ihren Fremdenhass in die Welt blasen. Inzwischen auch wahrgenommen aus dem Ausland, das mein Land wieder so einordnet, wie ich es hoffte, nie mehr erleben zu müssen.
Ich hasse Euch dafür, Ihr dämlichen Pegida-Anhänger. Weil ich zwar nicht stolz bin auf dieses Land, aber auf sein Grundgesetz, das für die Freiheit der Gedanken, des Wählens, der Lebensführung, der Wahl des Ortes, der Religion und der Lebensführung steht. Das ist meine Lebensgrundlage und dafür kämpfe ich. Zum Glück bin ich nicht so doof wie Ihr. Auch dafür bin ich dankbar.

(Bild via Ralph Ballschuh)