Thema der Woche 41: Dubstep – ein Ausblick

Dubstep selbst stellt ja eigentlich nur die neueste Variate des britischen Hardcore Continuums dar, welches seit frühesten Breakszeiten in Großbritanien immer irgendwo mitschwang. Es gab immer die Tendenz eine Trends in eine kommerzielle, cheesy Version zu verniedlichen um damit unter Unterbietungen der Geschmackgrenzen hinaus irgendeinen Reibach zu machen und das junge Ding möglichst schnell auszuweiden und die abgenagten Knochen dem Mainstream zum Recyclen zu überlassen. Auf der anderen Seite werkelten schon immer ungestüme und im positiven Sinne unbedarfte, junge Produzenten an der düsteren und futuristischen Version des Breaksgenres weiter. Das zieht sich spätestens seit Jungle wie ein roter Faden durch die britische Stilgeschichte und fand im Breaksgarage, dem Bastardbruder von 2Step, Anfang des Milleniums seinen letzten messbaren Ausschlag.
Das eigentlich faszinierende, neben der Produktionsweise und den raumlassenden Beats, am Dubstepphänomen ist, das sich damit Techno, bzw. Minimal das erste mal auf einen Style mit gebrochenen Beats einlässt, seitdem die Trennung der Genres aufgrund der unterschiedlichen Beatstruktur Anfang der 90er stattfand, damit werden zum ersten mal seit langem wieder fast Eiserne Vorhänge gelüpft.

Diese Annäherung der Genres hat zu einigen der interessantesten stilistischen Befruchtungen der letzten Zeit geführt, sei es durch Remixe, dadurch das Dubstepproduzenten Minimal für sich entdeckten und gemeinsam mit Minimal- oder Technoproduzenten an dem Missing Link forschten oder durch ledigliche Inspiration auf neue gangbare Wege in der Musik. Der gegenseitige Austausch reicht dabei von Shackleton bis T++ oder von Skream bis Modeselektor. Da ist plötzlich eine Produzentengarde am Start, denen die diese Abgrenzungen völlig egal sind.
Als Dubstep vor ein paar Jahren allmählich aus der Asche aufstieg, die Breaksgarage und 2Step hinterlassen hatten, war davon noch recht wenig zu spüren. Zum ersten mal mehr als lokales Aufsehen erregte Dubstep wahrscheinlich mit der komplett falsch betitelten Compilation “Grime” 1 und 2 auf Rephlex, erlangte aber außerhalb der üblichen Kreise nur wenig Aufmerksamkeit und hatte somit weitere Zeit sich außerhalb des blutsaugenden Hypefokus zu entwickeln. Spätestens mit Skream’s “Midnight Request Line” sollte sich das ändern, was nicht zuletzt auf Ricardo Villalobos Einsatz in diversen mitgeschnittenen Sets beruhte. Wie das so ist, war dadurch eine Lanze gebrochen und der Blick auf das Genre nicht mehr sankro sankt. War zu der Zeit auch dringend nötig, denn minimaler Techno stand mal wieder etwas verlegen und ideenlos in der Gegend herum. Während sich für das Ketapublikum auch weiterhin nichts ändern mußte, war offensichtlich, das man mit den üblichen Shuffles und Plinkeretüden irgendwo an Grenzen gestoßen war und zu dem einst lustigen Thema bereits alles gesagt war. Das die beiden sich früher oder später beschnuppern würden war, ob der ähnlichen Strukturen und dem Vorbild Basic Chanel als die neuen Kraftwerks. Bis auf die unterschiedlichen BPMs liegen die beiden Sachen nämlich eigentlich ganz nah beinander, ein gewisser Minimalismus ist ja beiden Genres ja per se gemein. Aber auch Dubstep tut der Ausflug in neue Gefilde ganz gut, sei es die Besinnung auf die 2Stepwurzeln, oder das flirten mit deutschem Minimal, was nicht zuletzt auch darin begründet sein mag, das so mancher Dubsteporiginator, wie z.B. Scuba und Shackleton mittlerweile in Berlin ansässig sind und womöglich die Feierkultur hier aufgesaugt haben.
Gerade macht sich die nächste Generation auf, den Dubstep 2.0 zu verfeinern, Namen wie Martyn, TRG, 2562 und andere haben in letzter Zeit mit Tracks und Remixen aufhorchen lassen, in denen neben Dubstep House, 2Step und Detroit so verwoben sind, als wären das nie getrennte Genres gewesen. Das lässt hoffen, das Dubstep nicht nur mal eine kurze Blüte zeitigt und dann im Testosteronwobbeln untergeht, wie man das bei Drum & Bass leidvoll beobachten konnte. Dubstep hat ja über die Jahre eine enorme Bandbreite entwickelt, die von Burial bis Caspa reicht und sich dabei eine reichhaltige Soundpalette angeeignet hat, die auch mehr und mehr zu anderen Styles kompatibel ist. Auf der anderen Seite steht die Gefahr, das sich genrische Drum & Bass Produzenten nun an Dubstep versuchen und die gleichen Fehler nochmals begehen, die Drum & Bass und Breaks schon in formelhafter Bassproduzentenmucke enden liess, die alles bis auf ein paar Diehardfans vergrätzte und sich mit so einer Härter-Tiefer-Breiter-Ausreizung der Producerskills in noch schneidendere Drums und noch krasseren Bass beschränkte.
Über kurz oder lang wird auch hier mit Sicherheit wieder eine Trennung anliegen, wobei sich jetzt schon die Sollbruchstelle abzeichnet, auf der einen Seite die ätherischen Tracks, immer wieder Räume ausloten Raum und stets am dadurch möglichen Neuen forschen. Auf auf der anderen Seite eben der Partywobblespaß, der durchaus auf der Tanzfläche seine Berechtugung hat, aber außerhalb davon nur schwerlich zu goutieren ist und eben Gafahr läuft der bereits erwähnten Sackgasse zu enden.
Interessant sind auch die zunehmenden Liveprojekte wie Various Production oder Jazzsteppa, die diese Musik einerseits live umsetzen, sich aber nicht auf puren Dubstep reduzieren und im Nachhinein vielleicht wie sowas den Triphop dieses Jahrzehnt’s ergeben..
Die Akzeptanz von Dubstep beim Publikum läßt zumindest hier in Berlin nichts mehr zu wünschen übrig, sei es bei puren Dubstepevents wie z.B. im VCF oder bei gemischten Events wie letztens im Tapeclub, als Modeselektor, Kode9 & Spaceape, 2562, Pole und weitere die Bühne teilten oder ganz aktuell die Reihe Sub:Stance, initiiert von Scuba von Hotflush, im Berghain, die am Freitag erstmalig stattfand und zu einer Schlange vor dem Laden führte, die dieser auf einen Freitag nur selten gesehen hat. Sowohl Produzenten, als auch Publikum sind sowohl in Techno als auch in die Klangmelange die Dubstep ausmacht groß geworden und irgendwie ist dabei die strikte Genrebegrenzung, wie man sie bisher gewohnt war, plötzlich ein bisschen obsolet geworden.
Wohin sich Dubstep entwickelt ist nicht zuletzt daher unmöglich vorherzusagen. Auf der einen Seite gibt es aktuell nur wenig Inspirationsquellen mit solchen Neuerungen, wie das bei Dubstep gerade der Fall ist. Auf der anderen Seite wäre es nicht das erste mal, das Genres kurz miteinander flirten und nicht mehr daraus wird. Die Chancen stehen diesmal ganz gut, das da diesmal ein bisschen mehr geht.