Thema der Woche 69: Phänomen Zeitmaschine oder warum wir alle nicht “davon” lassen können

Womit jetzt erstmal zu klären wäre was von was wir nicht lassen können, die Zeitmaschine oder das ominöse “davon”? Wahrscheinlich soll es aber um die Verquickung der Facebookpage “Zeitmaschine” mit den ganzen Urravern gehen, die sich dort nun wiedertreffen und erneut vernetzen. Leute mit denen man vor 15 und mehr Jahren überall im Land gefeiert hat, die aus den unterschiedlichsten Ecken kamen und sich trotzdem auf zig Events trafen. Über die Jahre stoben alle auseinander und sind nun, Facebook sei Dank, wieder connected. Die gemeinsame Geschichte ist in Bildern wieder gegenwärtig und gleichzeitig kann man sehen, wer ist noch da?, wer ist noch dabei? Und das sind erstaunlich viele, eine unverwüstliche, scheinbar nicht tot zu kriegende Generation dokumentiert sich selbst und gibt damit die kompletteste Ethnografie einer Subkultur ever ab, well done!

Angestiftet von meinem alten Camorad Tilman, der seinerzeit Hausfotograf der Frontpage war und die Seite Anfang des Jahres initiierte, kramten nun viele, wie auch ich, ihre alten Feierbilder vor und so ergibt sich, zusammen mit den Fanbildern, ein ziemlich authentischer Szenekatalog der 90er Feierkultur. Von Glitz bis Druff, von Rave & Cruise bis Rave & Provinz, alle Gemeinsamkeiten und Unterschiede nochmal nachschaubar und aus dem zeitlichen Abstand heraus, zumindest für jeden der damals dabei war, und das waren ja nun nicht wenige!, hochinteressant.
Die Zeitmaschine dokumentiert in Bildern das, was Tobias Rapp’s Buch für die Technogeneration nach dem Milleniumwechsel erledigt. Aber wer hätte gedacht, das die oftmals noch gar nicht so computeraffirne Technogeneration1.0, fast zeitgleich mit der Printversion der Technogeneration 2.0, ein solches Web 2.0 Debut hinlegt? Viel .0 aber hier durchaus anbringenswert, denn im Falle von Facebook konnte man feststellen, das viele die vorher, aus welchen Gründen auch immer, nicht unbedingt am Webfortschritt interessiert und mit IE und Outlook bestens bedient waren, hier erstmalig umdachten. Was sicherlich auch den haste-schön-gesehen-Gesprächen um die Zeitmaschine geschuldet sein mag. Überhaupt las ich letztens erst in einer Analyse, das der größte Zuwachs bei Facebook bei den 35-50 jährigen liegt, also genau die Altersgruppe derer, die damals Techno mitkreierten, deren Kinder jetzt in die Schule gehen, vielleicht die erste Scheidung bereits durch haben und nun wieder auf der Tanzfläche erscheinen, von daher liegen wir also immer noch voll im Trend, hey, hey! :D
Der Zeitpunkt für die Zeitmaschine hätte also kaum besser liegen können, aber auch aus anderem Grund, wo sich doch gerade 20 Jahre Mauerfall, 20 Jahre Loveparade, also kurz, 20 Jahre Techno jähren und der Fokus auch in anderen Bereichen wieder auf die Anfangszeit von dem was Berlin und Techno heute ist, fällt.
Ob sich das jetzt, wie von einigen befürchtet, zum 90er Retro Hype auswächst, bleibt abzuwarten. Musikalisch deutet sich diesbezüglich sicher einiges an, aber ob sich das jenseits von Hoovern und Ravepiano mit Leuchtstab und Pille durchsetzen kann, da bin ich doch sehr skeptisch. Verlorene Naivität gibt’s nunmal nicht zurück.

Kommentare (6) Schreibe einen Kommentar

  1. schön geschrieben – ich denke dass aber auch noch ganz andere faktoren den “erfolg” der zeitmaschine ausmachen. abgesehen vom retrotrend gibt es viele menschen die auf den fotos zu sehen sind, die ansonsten keine bilder aus dieser zeit von sich haben. die fotos sind also eine art “visualisierte existenzbestätigung”. der “ich war dabei” effekt stellt sich ein und die kinder oder enkel können so sehen was die “alten” so getrieben haben. Ich habe lange gewartet diese bilder wieder anzufassen, zu sichten und zu scannen. es braucht eben manchmal ein paar jahre abstand um die dinge aus einer anderen sicht betrachten zu können. nostalgie kommt dabei nicht auf, eher eine art wiederekennen wie das auch bei kinderfotos ist, wo man genau weiss welche farbe die tapete hatte oder welches spielzeug wie funktioniert hat. wir haben definitiv eine wichtige und auch unwiederbringbare zeit miterlebt und ich möchte keine stunde missen. es war unsere party und ich freue mich über jeden kommentar bei unserem digitalen klassentreffen auf der zeitmaschine.

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  2. Hmm, Ich denke mal, das es “Phänomen Zeitmaschine” nicht nur um die “Facebook-Zeitmaschine” geht, sondern generell die Neigung der Menschen, gerne in Erinnerungen zu schwelgen (Was man auf Facebook gerade ja besonders deutlich sehen kann :)

    Vielleicht kommt es auch ein wenig daher, das man so ab 30 die “Nachgeneration der heutigen Jugend” bewußt wir und man sich unweigerlich überlegt, wie man selbst zu der Zeit war.

    Was ich aber nicht verstehe ist, warum denn jetzt einige “befürchten”, es gäbe einen 90er Retro Hype? Das klingt so negativ.
    Ich kann dem schon einiges an Positivem abgewinnen:
    Zum einen wären die älteren Tracks mal eine willkommene Abwechslung zu dem mittlerweile fast invasiven Mix von Minimal,Hands-up,und diesem “Neo-Eurodance” (welches heutzutage als Trance verkauft wird), der einem aus jeder Ecke entgegen strömt;
    und zum anderen Entstehen durch solche Retrowellen ab und zu wieder neue Musikrichtungen.
    Von daher hoffe ich sogar darauf ;)

    Ich denke allerdings auch, das sich der Geist und die Aufbruchstimming von damals bestimmt nicht wieder kommen wird. Wie auch?
    Nach 20 Jahren hat sich enorm viel in der gesellschaft geändert

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  3. ich unterschreibe da auch gerne beim Camonisten! Denke auch der Blick zurück muß nicht retro oder nostalgisch enden. Ich sehe da eher lauter lose Enden :D

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  4. is schon interessant und bleibt vorallem spannend und abzuwarten wie die musikalischen ströme altbewertes mit neunen möglichkeiten (ich denke da an die qualität des sounds z.b. kombiniert werden.ganz wichtig sind natürlich die leute heute wie damals.es bleibt spannend.

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