Thema der Woche 74: Der NEUE Tresor – was ist übrig?

Als ich Dimitri an einem Abend der Verabschiedungswochen des alten Tresors traf, erzählte er mir das er das ganze Interieur des Tresors noch rausholen lassen und den Tresor an anderer Stelle wiederauferstehen lassen wollte. Wir disktutierten dann eine Weile herum, ob das wohl ginge, ausgerechnet den Tresor, der ja so von seiner Location lebte, einfach umsetzen zu können. Sein ursprünglicher Plan war ja sogar den Raum komplett ausbuddeln und umsetzen zu lassen, wie dieses Restaurant am Potsdamer Platz. Das waren aber lediglich ein paar Meter und den kompletten Tresor durch die halbe Stadt zu bugsieren hätte wahrscheinlich jeden finanziellen Rahmen gesprengt.
Ich war während der Diskussion auf dem Standpunkt, das man den Tresor nicht würde transferieren können und Dimitri eifrig darum bemüht, mich von dem Irrglauben abzubringen.
Ca. 2 Jahre später dann machte der neue Tresor auf und ich war überzeugt, der Tresor 2.0 war möglich. Wer hätte auch jemals gedacht, das dafür ein so passende Immobilie wie das riesige ehemalige Umspannwerk in der Köpenicker Straße zur Verfügung stehen würde?

Ich staunte nicht schlechter als bei der Erstbesichtigung des ersten Tresors als ich die Räumlichkeiten sah, fast wie das Original, nur in größer und erweitert wie es einer 2.0 Version zusteht. Die berghainschen Ecken, der lange Gang zum tiefgelegenen Tresor, der Batterieraum wirkte wie ein gezoomter Globus und dazu noch die Bar mit dem Ausblick auf diese riesigen Betonskelette die leeren Etagen bilden und bis heute der Nutzung harren, mehr Industrial Cyberpunk geht gar nicht! Zusammen mit dem Berghain waren das nun 2 Technokathedralen, die diese Stadt beherbergt und die es in dieser Form vielleicht auch nirgends geben könnte, außer hier.
Alles war motiviert, vom Publikum bis zu den Leuten die dort arbeiteten und man war einerseits überglücklich den Tresor wiederzuhaben, andererseits gespannt wie er sich bei dem mittlerweile doch sehr verbreiterten Angebot und dem gewandelten vorherrschenden Musikgeschmack entwickeln würde.
Seit dem sind 2 Jahre vergangen und in dieser Zeit ist viel passiert, unter anderem wurden tatsächlich die Original Tresorschliessfächer eingebaut, aber natürlich ist auch die erste Motivation raus und doch ist es nach wie vor etwas besonderes dort aufzulegen, hier darf es noch darf richtig bollern, muß aber auch nicht, diese Freiheit in der Wahl der Härte hat sich der Tresor bewahrt und damit hat er mittlerweile auch schon fast wieder ein Alleinstellungsmerkmal.
Trotzdem fordert die Größe natürlich auch Tribut, so das man es eigentlich nicht geschafft hat, z.B. aus dem publikums- und ansehenstechnischen Tief, das den Tresor 1.0 am Ende anhaftete, herauszukommen. Denn den Tresor der Anfangstage gab es da ja auch schon lange nicht mehr, die Protagonisten der ersten Stunde, die den Flair des Tresor’s ausmachten hatten sich aus den verschiedensten Gründen über die Jahre verstreut, seien es Abtörn, Weiterentwicklung, Interessenverschiebungen, etc. pp. Zum Glück nicht alle aufeinmal, so das doch eine gewisse Konstanz des Familybusiness gewahrt blieb. Aber über die Jahre hat eben Programm Personal und Feiergenerationen gewechselt. Der Tresor gilt hier mittlerweile als sowas wie die Technogrundschule, hier fängt Berlin und Brandenburg mit dem besuchenden Rest der Welt an zu raven. Das ist zwar einerseits ok, irgendwer muß diese Rolle ja schliesslich übernehmen, aber Fortgeschrittenen kann es schonmal wehtun, wenn man beim Reingehen ein “Aha, Blake Baxter macht heute, kennst du den?” hört. Zum Tresor gehören nunmal auch das Krise kriegen, das ging ja eigentlich schon 1992 los, als man aufgrund der gesunkenen Attraktivität des Tresors versuchte mit NuDisko und HipHop im Globus zu punkten und damit extrem auf die Fresse flog. Solche Fehlentscheidungen gehören also quasi seit Anfang an zum Tresor und bilden gewissermaßen auch eine bleibende Konstante. Es ist nicht lange her, da hat die gesamte Residentriege hingeschmissen und auch sonst herrscht viel Fluktuation im Betrieb, wie man so hört und mitkriegt. Sicher ist es für einen Laden wie den Tresor nicht leichter geworden zu bestehen, Geschichte kann auch Ballast sein, wenn gerade das entgegengesetzte Musikspektrum gefragter ist und die Konkurrenz außer in anderen Clubs auch noch in kostenlosen Open Airs liegt, wo ein ganz anderer Musikstil gepflegt und geprägt wird, der die Stadt in den letzten Jahren zunehmend bestimmt hat. Damit hatten sicher auch andere Läden zu kämpfen, aber keiner hat ein so dermaßen festgelegtes Image wie eben der Tresor.
Die wenigsten Besucher, denke ich, registrieren kaum etwas von den langsamen Veränderungen, eine Nacht im Tresor und Batterieraum immer noch ein Erlebnis und auch die Mittwochnächte konnte man nach langem Exil in der Maria erfolgreich wiederbeleben. Das Publikum ist nach wie vor ein wenig anders als in den meisten anderen Läden, aber nach wie vor sehr offen, feierfreudig und zu jeder Ausgelassenheit bereit, man muß es nur hervorzukitzeln wissen.
Es werden auch wieder der Zeiten kommen, wo die Geschichte und Tradition des Tresors ihm mehr zum Vorteil gereichen, ein paar Änderungen im Booking und ein paar attraktivitätssteigende Maßnahmen und der Tresor 2.0 kann nach wie vor Massstäbe setzen, Anknüpfungspunkte gäbe es zur Zeit genug