Thema der Woche 81: Die Evolution der Berliner Clubs. Vom UFO bis zum Berghain

Wer die Anfänge des Techno Clublebens bis heute miterlebt hat und vergleicht muß feststellen das sich nicht nur musikalisch viel verändert hat, entsprechend anders präsentiert sich natürlich aus das Ambiente. Vieles ist zwar noch gleich aber mindestens ebenso viel ganz anders.
Die ersten beiden Ufos entstanden ja noch vor der Wende, trotzdem nahm das erste UFO schon vorweg, was nach der Wende erstmal der Standard war, man war ja schon zufrieden damit, irgendein verlassenes Kellerloch mehr oder weniger illegal zu vereinnahmen, eine möglichst brüllend laute Anlage plus Nebelmaschine installieren zu können und los ging der Spaß. Nach der Wende brach dann die eigentliche Gründerzeit ab 91 an und über Jahre dominierten die beiden Antipoden Planet/E-Werk und Tresor das Geschehen, wobei der Tresor bekanntlich für die härtere Gangart stand und der Planet und später das E-Werk für eher konsensfähigere housigere Klänge standen und die Fixsterne bildeten, um die sich Clubs wie das WMF, Elektro, Kitkat, Bunker oder der Eimer scharten und ihre jeweilige Variation von Techno und House boten. Anfangs war fast, wie bereits erwähnt, allen Clubs ein gewisser illegaler Status gemein, in den Jahren nach der Wende gab es einfach die Möglichkeiten dazu, im Ostteil der Stadt standen unzählige Locations leer zur Verfügung und die rechtlichen Verhältnisse erlaubten anarchische Möglichkeiten. Clubs schossen aus dem Boden, beteiligten sich damit am Soundtrack der Zeit, der insbesondere in Berlin nunmal Techno war, schlossen aber auch oft ebenso schnell wieder. Manche waren auch lediglich auf kurze Zeit geplant, wie z.B. das Time Limited das die Limitierung ja schon im Namen trug.

Das Konzept hieß damals wie heute Zwischennutzung, bevor eine Bruchbude abgerissen wurde oder einer anderen Nutzung zugeführt wurde ließ man dort gerne alternative Nutzung zu, schliesslich konnte man damit in der Zwischenzeit noch wenigstens ein kleines Salär für die ansonsten tote Immobilie einstreichen. Fast alle Gründerläden waren von heute aus besehen Kellerlöcher, die man mal mehr oder weniger mit Deko ausstattete, aber auch die Patina des Raums wurde gerne miteinbezogen.
Von Anfang an spielte die Afterhour eine wichtige Rolle im Berliner Clubleben, der Walfisch war dann auch die einzige Location die schon vorher gastronomisch genutzt wurde und die Gemütlichkeit einer richtiggehend eingerichteten Location kam dem Anlaß auch sehr entgegen, nach zwei durchtanzten Nächten unter Jahrzehnte altem bröselndem Putz tat es einfach gut sich in ein etwas gemütlicheres Wohnzimmer fallen lassen zu können.
So blieb die Situation auch bis ca.1993, da zog der Planet ins E-Werk und der Walfisch gab auf, die Afterhours fanden daraufhin im Exit, statt. Das Exit befand sich im Ahornblatt, einem architektonisch und akustisch phänomenalen Gebäude an der Fischerinsel, das leider abgerissen wurde um einem häßlichen Novotel Platz zu machen. Auch hier wieder auffällig, das die Afterhours in einer Location stattfanden, die vorher schon gastronomisch genutzt wurde und entsprechendes Gemütlichkeitspotential bot, man wollte es eben kuschlig nach 2 Tagen durchraven, obwohl die Musik sich eigentlich kaum von den anderen Veranstaltungen unterschied. Gut, es durfte schon in wenig kommerzieller und anspruchsloser sein, aber vom Abgehfaktor her nahm sich das nix, auch Sonntagabends waren da noch alle Arme in der Luft, im Gegensatz zu z.B. Frankfurt, wo die Afterhours eher dem entsprachen was man sich damals so darunter vorstellte, trippige Optics und dazu Menschen die komatös in den Ecken lagen.
Das hielt sich so bis ca. 96, zwar wechselten ab 94 die Afterhourlocations, aber die Clubsituation um die Fixsterne Tresor und E-Werk änderte sich nicht großartig. Erst mit der ersten Sinnkrise von Techno, zu der dann auch das Ende der Frontpage und des E-Werks gehörten, kam Bewegung in die Sache. Das Ende des E-Werks hinterliess über Jahre ein Vakuum, das erst mit dem Ostgut wieder gefüllt werden sollte, dazwischen lag eine Zeit in der kleinere Clubs wie die dritte Inkarnation des WMF, das Suicide, Discount, Matrix und andere versuchten auf die neuen Verhältnisse einzugehen, denn nicht nur clubtechnisch hatte sich etwas getan, auch auf musikalischer Ebene stand man nach 96 vor einer neuen Situation, die Stile hatten sich samt der Szene nach dem großen Kommerzclash in zig Kleingruppen aufgesplittert, die einen wollten es wieder kleiner und gemütlicher, andere trauerten da schon vergangenen Zeiten hinterher, Drum& Bass und Breaks schoben sich in die Technohomogenität, andere hatten vom großen BumBum genug und beschlossen ihre Jugend in loungigeren Gefilden.
Erst zum Ende der 90er und im neuen Millenium sortierte sich die Szene wieder neu, mit dem Casino und das Ostgut lagen gleich zwei neue Tanztempel vis a vis und mit der Maria und dem Deli ein paar hundert Meter weiter wurde die Friedrichshainer Mühlenstraße zur neuen Clubmeile. Die Größe erinnerte an das E-Werk, aber die Ausrichtung der beiden neuen Clubgiganten konnte unterschiedlicher kaum sein, war dadurch aber sowas wie die zeitgemäße Umsetzung des Antipodentums von Tresor und E-Werk. Das Casino bediente mehr das Jungvolk und verhedderte sich in nicht so ganz stimmigen Lineups, während das Ostgut daneben anfangs noch ziemlich leer blieb, aber konsequent an seinem Konzept feilte und damit zum neuen E-Werk aufstieg. Aber erst mit der integrierten Panoramabar war dann der Missing Link zur neuen Zeit und seinen veränderten Gewohnheiten gefunden, während es unten im Ostgut gewohnt hart zur Sache ging, vergnügte sich in der Panoramabar eine Mischung aus Jung und Altravern zu einer Mischung aus House und dem bereits aufkeimenden Minimal, der die Keimzelle für das darstellen sollte, was die Nullerjahre von den 90ern unterschied. der Dicke Wums alleine war es einfach nicht mehr, was Berlin ausmachte, dafür verschmolzen die neuen Töne aus Berlin und Köln führten zu einer neuen Feierkultur, die bis heute anhält.
Mit Minimal ging ein weiteres Phänomen einher, die Leute verausgabten sich nicht mehr innerhalb von Stunden, sondern schwooften auf den gemäßigteren Beats länger und im Sommer kam noch eine neu gewachsene die Open Air Kultur hinzu. In Folge konnte es sich eigentlich kein Club mehr erlauben keine Outdoorfläche zu haben, die er zumindest nach dem regulären Betrieb noch zur Afterhour als Tanzfläche anbieten konnte.
Während also im Rest von Deutschland noch die Schranzgrippe grassierte positionierte man in Berlin den Sound der für die Nullerjahre prägend werden sollte und für den Berlin zukünftig stehen sollte. Neue Generationen mischten sich mit der alten und nach und nach entfernte man sich vom Kellerkindertechnoimage, nachdem sich sowohl die Musik, als auch das veränderte Feierverhalten herumgesprochen hatte, wurde das Publikum auch noch zunehmend internationaler, da die Billigfluglinien Wochenende für Wochenende Interessierte aus aller Welt einflog, die von diesem neuen Ding in Berlin gehört hatten. Die Folge davon war und ist, das die Clublandschaft zu einem internationalen Schmelztigel wurde und sich immer mehr Künstler in der Stadt ansiedeln, weil hier die Technoinfraktruktur vor Ort ist. Die Labels und Bookingagenturen sitzen hier, die Mieten sind vergleichsweise billig und zum Club kommt man mit Fahrrad oder Taxi und nicht mehr mit dem Flieger. Das Überangebot von DJS und Musikern erlaubt den Clubs kleine Gagen, dafür bleibt der Eintritt billig. Das sorgt für noch mehr Publikum und damit noch mehr Raum für noch mehr Clubs. Allerdings ist der Berliner nicht mehr unter sich, was dazu führte, das sich eine zweite Kultur neben den bekannten Clubs wie Berghain, Watergate, Weekend, Maria und Tresor bildete, die gar nicht so viel wert darauf legt in den einschlägigen Touristenführern aufgeführt zu werden. Aber auch solche Lokalitäten können durchaus durch ihr Anderssein schnell zum Magneten mutieren wie es beispielsweise mit der Bar 25 passierte, die in den ersten beiden Jahren quasi nur Eingeweihten ein Begriff war und mittlerweile fast als Synonym für die hiesige Feierkultur steht. Dabei verkörpert sie ja auch perfekt das was die Clubkultur hier nach wie vor ausmacht, Zwischennutzung und ganz wichtig: Leute aus der Szene bauen sich selber etwas auf, das, wie die Stadt selbst nie aus dem Provisorium herauskommt und dieses zum Prinzip erklärt. Dazu kann auch gehören das man die Location wechselt, wie es das WMF oder das Cookies schon mehrere Male exerziert haben, dadurch kann sich auch die Ausrichtung und das Konzept mal ändern, aber der Kern bleibt, auch wenn ein programmatisches Update damit einhergehen kann. Konzeptänderungen gehören sogar oft zum Programm, so startete das Watergate ursprünglich als Drum & Bass Laden, aber zum überleben war dann eben mehr und mehr Techno und Minimal in den Bookings. Was hingegen kaum möglich ist, ist von außerhalb zu kommen, Geld auf den Tisch zu legen und zu meinen so könne man hier einen funktionieren den Club etablieren, das haben seit Mitte der 90er so einige versucht und kaum einer hat auch nur die Anfangsphase überlebt, ohne Authentizität und Szeneanbindung geht es hier nunmal nicht.
So ist vom Wesen her vieles gleich geblieben und trotzdem anders geworden, aus Kellerclubs wurden Technokathedralen, die Afterhour ist immer noch ein wichtiger Faktor, hat sich aber musikalisch als auch vom Habitus in etwas ganz anderes entwickelt und die Illegalität vieler Clubs hat sich mit Anerkennung als Wirtschaftsfaktor, aber auch durch einen massiven Auflagenboom fast erledigt, dafür raved man heute auch in Parks und Sparkassen. Früher hat man den Schwund an der Bar, der dadurch entstand das jeder jeden kannte, am Loveparadewochenende kompensiert, als alle Welt in die Stadt strömte, heute tut sie das jedes Wochenende und viele bleiben irgendwann ganz hier, so das der Wegfall der Loveparade keinen großen Verlust darstellte. Was man musikalisch an Diversifikation vielleicht vermissen mag, stellt sich im Ambiente der Clubs ganz anders dar, von der schnieken Aussicht des Weekend bis zum industriellen Schick des Tresors bis zur kinky Funktionalität des Berghain ist alles vertreten und zwar in Größen, die die Clubs der 90er oft blaß aussehen lassen. Wobei aber auch kleine Clubs durchaus weiterhin zu den wichtigen Spots der Stadt gehören, das trashige Golden Gate oder der liebevoll gestaltete Horst führen die Tradition des Clubs als Treffpunkt fort und das neu eröffnete Suicide bezieht sich nicht nur in der Fortführung des Namens auf eine seine Vergangenheit, sondern will bewusst ein modernes Update seiner selbst darstellen. Der Tradition verpflichtet und der Zukunft aufgeschlossen, stand früher mal im Deckel einer Zigarettenpapers Packung, das trifft die Evolution der Clubs in Berlin bis heute ganz gut.

Kommentare (22) Schreibe einen Kommentar

  1. prima – jetzt habe ich das auch mal verstanden – vergessen hast du solche komischen dinge wie unity, big eden und lipstick – clubs die eigentlich zweckendfremdet wurden….

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  2. @tanith: super Artikel!
    @camonist: ich staune, zu welchen Uhrzeiten Du schon aktiv bist. 06:29 ! Wow!

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  3. Pingback: Taniths Berliner Clubgeschichte | myoon

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  5. kann meinem Vorredner nur recht geben, ich lausche gernen solchen Erinnerungen. Und wie immer, ein klasse Artikel.

    Und an dieser Stelle möchte ich mich noch für dieses grandiose musikalische Feuerwerk von heute Morgen bedanken.
    Das war wie ne Kur für meine Minnimal geschuntenen Ohren.
    Auch wenn nicht viel los war aber die die da waren haben es in vollen Zügen genossen.
    WORD !!!
    …back to business
    (der mann am Licht @Lehmann|Stuttgart)

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  6. guter bericht! obwohl ich mir nicht sicher bin was schlimmer ist/war:die “schranzgrippe” oder das “minimalfieber” :-)

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  7. matze, defintiv die Schranzgrippe! Minimal beim chilligen Open Air kann man sich ja noch geben. Schranz hatte Honks angezogen wie ein Fliegenstrip und wo will man Schranz schon hören?

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  8. Gut da hast du recht,mit dem schranz hat echt leute auf die partys gebracht wo man nur noch den kopf schütteln konnte..bin aber mal gespannt wohin die reise soundmässig geht die nächsten jahre,den minimal kann auch keiner mehr so recht hören ausser zuhause beim fensterputzen :-)

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  9. Super Beitrag, der einen runden Bogen über die letzten 20 Jahre Berliner Clubkultur spannt. Macht mich glatt etwas nostalgisch.

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  15. hi Tanith i lived in berlin from 1989-1992 and was one of the original british army lads to come down to tresor planet wallfish you used to rock us back then DJ UWE TANITH DJ ROK KID PAUL SPEZIAL ROLAND DR MOTTE PAUL BROWSE massive respect to all the boys and girls from the block

    mark owen [the original british posse berlin 89-92]

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  16. “Das Ende des E-Werks hinterliess über Jahre ein Vakuum” muss doppelt und dreifach unterstrichen werden. Wir sind danach lange auf der Suche nach Ersatz gewesen… vergeblich.
    Auch wenn es in deinem Artikel um die ganz Großen geht, sollten u.a. das WM66 und auch das Waschhaus in Potsdam welche die Szene bereits Anfang der 90er mit prägten nicht vergessen werden. Klar es gibt da sicherlich noch viele viele Clubs mehr…
    Toller Blog Tanith! Danke dafür!

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  17. Doc,

    ja ein sehr toller Artikel. Es ist schön mit deinem Text durch ein Teil meiner Vergangenheit zu Schwelgen. Die langen Woche(nie)nden. Es wahr die Zeit
    als man nach der Hirschbar ins KitKat ging um mit Gülden zu tanzen!
    Kaum drinnen, stand man schon in Schweiss.

    Danke für die geile Zeit, sie war verdammt schnell!

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    • Auf jeden…rein und durchgeschwitzt trifft es. Zum Abkühlen mal schnell raus ins Perppermint und dann wieder rein zum Abdancen ins Kitty.

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