Thema der Woche 84: Die größten Leichen, die die Technoszene im Keller hat

Leider kommt dieser Artikel mindestens 10 Jahre zu spät, denn die Leichen im Keller hat der Zahn der Zeit schon gründlichst abgenagt und die kläglichen Überreste sind wohl auch schon zu Staub zerfallen. Aber wer weiß, vielleicht ist ja der aktuelle schwarz-gelbe Wiedergänger auch nur die Rache von Electroclash?
So richtig modrig, stinkende Leichen die unvermittelt hochploppen wenn man an der falschen Stelle sucht sind irgendwie Mangelware in dem Bizz, es gab Luden die Technomagazine finanzierten, durch die Nase gezogene Technomillionen, Intrigantenstadl zuhauf und natürlich massenweise Deppeninvestments die nicht aufgingen, aber diese Leichen sind erstens durch die diversen Cuts in Techno kaum noch relevant, zweitens zumeist eher ordnungsgemäß entsorgt denn irgendwo im Keller versteckt und drittens ein Scheiss gegen das was wir in Politik und Wirtschaft erleben.

Wie soll das auch mit dem Leichenverstecken gehen, in einer so schnattrigen Szene, in der jede Bookingbutze mehr mit der Gerüchteverbreitung zu tun hat, als mit dem eigentlichen Kerngeschäft? Und Leichen mit Betonfüßen findet man vornehmlich im eher hochpreisigen Segment, davon ist man ja bei Techno heute generell weit entfernt.
Das Übel sind eher die zombiehaften Wiedergänger wie noch nicht charaktergefestigte Künstler, die meinen zur Professionalität gehört sich eine dämliche Macke zu kultivieren, die sich dann beispielsweise in größenwahnsinnigen Ridern ausdrückt oder in einer unlustigen Sven Väth Kopie, die einfach nur nervt und nicht lustig ist. Oder dieses Territorialverhalten, das umso ausgeprägter ist, desto kleiner die Szene eines beliebigen Provinzstädtchens ist und sich in unangenehmen Möchtegernmogulgehabe der örtlichen Veranstalterhonks manifestiert. Für finanzielle Leichen hat das Finanzamt mittlerweile ein ziemliches Gespür entwickelt, die teilweise unerhörten Schwarzgeldsausen der 90er hörten in den meisten Fällen schon in der Mitte des Jahrzehnts auf und deren Hauptprotagnonisten sind bereits verstorben oder abgehauen.
Würde man die Definition der Leiche im Keller jedoch auf verpasste oder ignorierte Chancen ausweiten, dann käme da bestimmt mehr zusammen und fängt beim hiesigen Ignorieren der großen Samplingschule an, wie sie z.B in England seit Drum&Bass groß geworden ist, während hier die Sounddesignschule das Maß aller Dinge darstellt, das könnte sich nochmal bitter rächen, andersrum natürlich genauso, aber es geht hier ja um die Szene hier.
Als weitere Leiche im Keller im Sinne der verlorenen oder verpassten Chancen empfinde ich die Wegrationalisierung des Chilloutraums, der am Anfang von Techno eigentlich Standard in jedem Club war und die Ambientkultur geprägt hat. Im Laufe der Zeit wurde das zum Housefloor und die heutige Ausprägung ist bestenfalls so wie im Berghain oder Tresor, unten hart, oben softer. Wenn ich mir jedoch aktuellen Ambient oder neueren soften Dubstep anhöre, wünschte ich mir oft, das sowas wie ein Chilloutraum wieder Einzug in Clubs halten würde um auch diesen Spielarten, die nicht unbedingt auf unbedingten Tanzimpuls hin gezimmert wurden, wieder ein Zuhause zu geben, um diese Kultur zu fördern und zu unterstützen, was nicht zuletzt auch der Kommunikation im Club zugute käme.
Zu guter Letzt nervt mich eine hochploppende Leiche immer wieder und zwar die der fehlenden Technikaffinität. Paradoxerweise kommt mir das Gros der Technoszene nämlich nicht so vor als wäre sie da besonders weit vorne, obwohl im Wort Techno ja Technik drinsteckt und angefangen vom Detroitentwurf von Techno alles auf SciFi und Futurismus beruhte. Das erste mal bemerkte ich das als ich 1995 meinen Internetanschluss bekam und dachte nun treffe ich alle im virtuellen Raum und mich wundern mußte, das ich quasi der erste war, der dort jetzt auf die anderen wartete. Es dauerte noch ein paar ganze Jährchen bis relevante Teile der Szene dort anzutreffen waren und die meisten Bookingagenturen vertrauten gar noch bis zur Jahrtausendwende eher Fax und Telefon, als dem neuen schnelleren Medium.
Neueste Variante ist diese seit gefühlten Ewigkeiten andauernde Diskussion um Digitales Auflegen, Mp3 und den damit einhergehenden Veränderungen der Kunst, das das noch im Jahre 2009 ein Thema ist, ist auch so eine Leiche die man gerne mal entsorgen könnte.

Kommentare (19) Schreibe einen Kommentar

  1. hoffentlich wird techno und die “szene” drumherum nicht selbst zur leiche aufgrund einfallslosigkeit und arroganz

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  2. Ja, das stimmt. Die Ambientfloors sind fast alle weg – und somit die Möglichkeiten, mal nett aufzulegen. Aber das schön seit einigen Jahren.
    Ich erinnere mich noch an den Buchladen: Schönes Frühstücksbuffet, lächelnde Gastgeber und meine kreative Form des Mixens der so wunderbaren Musik haben schell viele Gäste angezogen. Mit den Gästen kamen andere, professionelle herangehende DJ´s und damit mehr Party und weniger Kommunikation, da es vielen wirklich schwer fällt, Ambient zu mixen. Schnell gingen dann viele auf “leichten Techno” und mehr noch auf House, 4/4 Takt, abzählen, Beatcounter helfen da doch vielen. (Mit einem freundlichem lächeln zu sehen. ) Mit dem House gingen die Gäste – innerhalb von drei Monaten war der Buchladen Geschichte. In Zwei Cafés exakt dasselbe Spiel.

    Die Arroganz der namentragenden DJ`s wird nicht abgenommen haben und der Kampf um den Crossfader ebenfalls nicht.

    Konserative Kräfte zeterten schon damals gegen CD – und jetzt gegen mp3. Immer wieder und auch morgen noch.
    Inzwischen hat sich mancher digitalen DJ asngesteckt. Wie, ohne Macbook, nur mit Powerbook? Wie, ohne Timecode? Wie ohne DigitalDJController? Das geht nun gar nicht.

    Schön wäre es doch mal wieder, in netten Ambientfloors aufzulegen (es gibt wieder tollen und unheimlich guten Ambient. Digital. In Berlin.

    Obwohl, es nach wie vor als NoGo gilt, Ambient miteinander zu mixen.

    Ich schätze, das Bizz ist satt.

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  3. Digitales Auflegen – alles schön und gut, aber vielleicht ist das auch einfach nur Geschmacksache. Nur weil “Techno” draufsteht, muss nicht auch zwangsläufig immer die neueste Technik zur Anwendung kommen. Manchen gefällt eben das herumgefummel an Drehschaltern und Tonarmen und die Wühlerei in Plattenkästen, andere finden eben ihr Macbook toll. Wo ist das Problem?

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  4. da ist gar kein problem, ich finde lediglich die diskussion darüber müßig, wie einer auflegt ist mir völlig egal, solange dabei ein set rauskommt. ich bemängele ja lediglich die abwehrhaltung gegenüber neuen techniken, die oft genug in diskussionen geführt wird

    @error, das glaube ich eher nicht, einfallslosigkeit kann ich nicht erkennen und die charakterschwäche arroganz, wo findet man die nicht?

    @marin: ich dachte ja ambient hätte vielleicht eine renaissence wenn die ganzen raucherfloors aufgemacht werden, hat aber nicht so ganz hingehauen, ich hoffe trotzdem noch

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  5. “….da ist gar kein problem, ich finde lediglich die diskussion darüber müßig, wie einer auflegt..”_______Da hast du wohl recht. Kann ich auch nicht nachvollziehen…

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  6. zum grosse teil hat ambient ein zuhause gefunden in galleries und arty partys, aber ausser von revival nights gibt es kaum chance zeitgenosich electronic listeing music zu spielen heute . ein sache das nicht hier steht . in uk die ganzen chillout kultur war systematisch geschlossen von drogen dealer gangs weil die kiddies in chillout bereich haben viel weniger geld ausgegeben fur ein piece und ein bishian get together, als fur noch 10 schlecht qualitat pillen und ein gramme irgenwas..nur so aber es war so …leider

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  7. Mehr Ambient wäre gut und auf jeden Fall ein schöner Kontrast zu den Mainfloors. Gibt ja wirklich eine Menge spannendes Zeug im Moment, viele Netlabels etc. Wenn hier Minimal so gut funktioniert hat, warum dann eigentlich nicht auch dark ambient und drones?

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  8. Wenn es chill out oder ambient oder einfach experimentelle spielarten der elektronischen Musik im Ausgehberreich geben würde, wäre ich heute öfters Unterwegs! Aber bitte ohne Cafe del Mar oder so ein….

    Wie würde den ein Chilout bzw. Ambient Mix von Tanith klingen? Gibz daß?

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  9. @T.R.O.: hatte gerade heute mal wieder das vergnügen mich durch drones durchhören zu dürfen. ich versteh den kram nicht, die atmo die das erzeugt taugt glaube ich nicht für nen club, es sei den man will ne ausnüchterungszelle auf nen horrortrip schicken

    @DoctorBenway: also bei mir wäre da auf jeden fall viel von dem neuen dubstep dabei, so a la hessle audio etc. wenn ich den technomix hier fertig habe mach ich mal was in der richtung

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  10. “…desto kleiner die Szene eines beliebigen Provinzstädtchens ist und sich in unangenehmen Möchtegernmogulgehabe der örtlichen Veranstalterhonks manifestiert…”
    wie wahr, wie wahr!

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  11. “Als weitere Leiche im Keller im Sinne der verlorenen oder verpassten Chancen empfinde ich die Wegrationalisierung des Chilloutraums, der am Anfang von Techno eigentlich Standard in jedem Club war und die Ambientkultur geprägt hat. Im Laufe der Zeit wurde das zum Housefloor und die heutige Ausprägung ist bestenfalls so wie im Berghain oder Tresor,”

    Auf Goa Parties gibts noch chillout räume.

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  12. Detroit Techno entstand so 1985-1988:
    Benutzte Synths und Drummachines stammen dagegen fast alle vom Anfang der 80er Jahre und sogar tlw. schon vom Ende der 70er (mit Ausnahme 8bit Sampler Mirage, FM-Synths vom Yamaha sowie andere Digital-Synths z.B. Casio, Kawai aus der Mitte der 80er Jahre).
    Der Sound der Detroiter sollte neu und futuristisch sein, und nicht die Tools. Die Jungs benützen halt einfach alles das was für Sie am Besten funktionierte und verfügbar bzw. bezahlbar war.
    Sorry, aber die Technik ist so was von egal, solange der Sound stimmt und viele der alten Geräte sind halt der Software meilenweit im Klang überlegen…
    Warum braucht z.B. Universal Audio für ihre Plugins soviel Rechenpower, um verschiedene tlw. 20-40 Jahre alte Hardwaregeräte zu emulieren und das m.E. wirklich gut? Und warum ist andere (native) Software so schlecht…?

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  13. Interessanter Artikel Tanith, fehlende Technikaffinität würd ich der Techno-Szene allerdings nun wirklich nicht unterstellen. Erstens bedeutet bereits die Nutzung von Telefon, Fax und auch Plattenspielern das Benutzen von Technik, und zweitens versuchen viele Akteure ihre Probleme durch Nutzen zahlreicher Technologien zu beseitigen, sich neue Möglichkeiten zu schaffen, ihren Wunsch nach sozialem Aufstieg über die Nutzung neuer Technologien zu realisieren etc. Wenn dann doch manchmal zum Telefonhörer anstatt zur Email gegriffen wird, dann hat das häufig vor allem praktische Gründe.

    Für viele, die sich stundenlang nur mit Technik auseinandersetzen, z.B. Musikproduzenten, dient Technologie sogar häufig als “mechanischer Therapeut”. In der Auseinandersetzung mit Technologie erleben sie kreativ zu sein.

    Ich für meine Erfahrungen erlebe zb sehr häufig einen recht unreflektierten Technikoptimismus, der sich auf die pragmatische Beurteilung der technologischen Möglichkeiten und seiner Nutzungskontexte beschränkt.

    Und danke für den interessante Beitrag, grüße!

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  14. @ fresh meatelefon sind semesterferien schon vorbei? :D

    belegst du dieses semester “technik und technikfolgenabschätzung” als wahlpflichtfach? :)

    zum chillout: ich vermisse den chilloutraum auch, aber er hatte früher auch eine funktion (des runterkommens und kurz mal abschaltens) wie sie heute gar nicht mehr beansprucht/gefordert wird.

    könnte mir vorstellen, dass das auch mit der musik und die bpms zu tun hat. einst bei schnellen bpms und stroboskoplicht war ein zwischenzeitliches komplettes runterkommen manchmal echt nötig.

    heute ist techno/house für jeden zugänglich als musikrichtung, weil sie u.a. nicht mehr wie der roland noch pushte nach oben ging von der geschwindigkeit, sondern runter und somit massentauglich. da reicht auch ein kurzes in der ecke sitzen oder an der bar aus.

    chillouträume waren ja, wie der name beinhaltet, auch fern vom geschehen. es gab auch noch die räumliche trennung zwischen tanzfläche und sitzgelegenheiten. das geht heute doch vielmals über und so ist der erlebnisorientierte raver selbst im sitzen noch mittendrin statt nur dabei.

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  15. Pingback: Timetable steht: « WARMTANZEN –> Berlin, Josef 21.12.09

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