Review: Liebestänze

Liebestänze
Im Grunde ist das eine klassische Boy meets Girl Geschichte in der es Klischees regnet, der Bankangestellte Felix zieht mit ein paar Kumpels in das Berlin der Mittneunziger und verliert sich im Techno und den Drogen der damaligen Zeit. Dabei stellt er brünftig der DJane Klara hinterher, quasi eine Jugendliebe zu der es nie kommen sollte und die Story hangelt sich daran entlang, wie sich die beiden nach Irren und Wirren zwischen Tresor, E-Werk und Loveparade dann endlich doch noch finden. Irritierend ist dabei, warum die Clubs zwar authentisch nach den Originalnamen benannt werden, einige Protagonisten jedoch nicht und jeder der die Anekdoten aus der Zeit kennt weiß, wer sich hinter dem Professor und dem Paten verbirgt, muß wohl was rechtliches sein. Ja, Motte stand nackt auf den E-Werk Boxen und der Zusammenbruch des Frontpageimperiums fand ähnlich wie geschildert statt, trotzdem es handelt sich hier um keinen Tatsachenroman.

Rainer Schmidt war mittendrin und hat kräftig Nachrecherchiert, vieles aus der Zeit ist weitgehend authentisch wiedergegeben, ist aber letztendlich doch nur Inspiration und zugunsten der Story verbogen. Das ist zwar angenehm und lustig zu lesen, gerade wenn man die Originalstories kennt, trotzdem ergeben hier Fakt und Fiktion eine stellenweise fragwürdige homogene Mischung. So wirkt die Handlung auf mich wie das Skelett, auf das die Anekdoten als Fleisch draufgeklatscht wurden. Man muß den Drogen ja fast dankbar sein, ohne die exaltierten Geschichten, die der Konsum so verursachte, hätte das Buch wesentlich weniger Unterhaltungswert und wahrscheinlich auch Seiten, aber natürlich sehen alle am Ende ein das Drogen nix Gutes sind und nach der Läuterung von diesen geht es allen wieder gut,alle verstehen sich, die Missverständnisse sind ausgräumt und die heile Welt wieder hergestellt, woraus sich die altbekannte Lehre ergibt: zuviel Extasy macht Probleme und Koks ist keine Partydroge.
So hinterlässt das, zugegebenerweise kurzweilige, Buch einen zweifelhaften Lesespaß, einerseits ganz nett die einstigen Szenehöhepunkte in so erzählerischer Weise verarbeitet zu sehen, andererseits die schon erwähnte Vermischung von Fakt und Fiktion, einerseits positiv die Drogenstories so offensichtlich verarbeitet zu sehen, andererseits hab ich mittlerweile auch schon genug Drogenaufarbeitung der 90er gelesen, vor allem wenn es dann in dieses vorhersehbare Happy End mündet, mit dem fast öffentlich-rechtlichen Zeigefinger des “Am Ende sind die Drogen doch böse” geschuldet ist und somit die Eskapaden, von denen die Story lebt, im Nachhinein negiert.

BTW: ich habe, neben vielen anderen, 2 Seiten aus dem Buch vorgelesen

Kommentare (15) Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für die kurze Review. Ich warte aber noch immer auf den Autor, der ein schönes Stück Techno(pop)-Literatur schafft, ohne ein mal das Wort Exstasy zu gebrauchen. Das wäre nicht nur mein neues Lieblingsbuch, es wäre geradezu literarische Avantgarde.

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  2. Doch, definitiv in Ausnahmefällen, zu denen ich mich zähle. Die fallen zwar aus der Statistik – das ist mir bewusst – sie sollen aber nicht unerwähnt bleiben. Der Verwobenheit “XTC-Techno” sitzt mir seit 17 Jahren so quer, wie eine schlechte Pille.

    Aber hier solls ja auch um das Büchlein gehen, das ich mal lesen werde.

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  3. Bin auch so ein Ausnahmefall…habe sogar im Omen nie Alkohol getrunken und in den frühen 90ern nicht geraucht…die Musik hat auch einen so High gemacht….

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  4. ohne XTC wäre die sache nie so groß geworden, ich behaupte mal ein großteiil der leute hat die musik darüber erst verstanden. mich würde es freuen wenn mal ein roman die wirklichkeit abbilden würde wie ich sie erlebt habe. in meinem umfeld war fast jeder mal eine zeitlang druff, aber das verlor sich dann auch wieder von selbst, meist ohne drama und ohne dieses danach war die welt wieder in ordnung, weil das war sie ja während der phase auch

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  5. Die Wirklichkeit wie Du Sie erlebt hast wirst nur Du selber schreiben können, sonst wäre sie ja nicht Deine Wirklichkeit, sondern die eines anderen. Also mal ran an die Schreibmaschine – vielleicht wird es ja noch was als Autor :-)

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  6. auch wenn ich selber, abgesehen vom alkohol und der passiven mitkifferei in der verqualmten bude von freunden, keine drogen komsumiert habe, denke ich auch, dass techno ohne extasy nicht diese reichweite erreicht hätte. den meisten wäre die musik im nüchternen zustand wohl zu “stumpf” gewesen. ich habe den sound auch erst recht spät verstanden, aber bei mir hat schon der tresor gereicht, um mir die ohren zu öffen.

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  7. Gerade das störte mich: “Durch Drogen habe ich die Musik erst verstanden.” Diese Aussagen, die ich als zu tiefst musikalisch demütigend empfand, haben mich dazu gebracht, das Thema XTC völlig auszuklammern. Ich habe die Musik anfangs in einer Form von Selbstschutz abgelehnt, sie dann aber als neu und schiebend empfunden. Ich wollte in meinem jugendlichen Denken zur Stelle sein, wenn mal wieder Medienvertreter auf Raves Druffi-Statements sammeln wollten – auch wenn ich rausgeschnitten worden wäre;-)

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  8. wie süß … ;)

    XTC war für viele ein Türöffner. Nicht wenige aus meinem Freundeskreis, die 1993 und 1994 auf einmal morgens drupp durch die Clubs hüpften und mich selig umarmten, hatten mich noch Ende der 80er und Anfang der 90er bei jeder Party vom Kassettendeck weg geholt, damit sie ihren ewig gleichen Rockscheiß hören können. Acid war für die sowas wie der Teufel … bis sie dann nach durchzechter Nacht am Neujahrsmorgen 1994 gegen 10.00 Uhr von einem guten Freund in unseren Club geschleppt wurden und sich ihnen ein Bild und ein Sound bot, wie sie es wohl in ihren kühnsten Träumem nicht vermutet hätten. Ein völlig entfesselter Club, Drogen, die man nicht kannte und alles locker, freundlich. Ich weiß, dass an diesem Neujahrsmorgen sich das Leben einiger meiner Freunde definitiv verändert hatte. Der Rockstock im Arsch war raus …

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  9. Na ja, süß oder nicht: Falls irgendwer hier mal jemanden sucht, der die Kombination “Glühender Technofreund völlig ohne Chemie” für was auch immer vertritt: Schreibt mir ein Emailchen:)

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  10. Hallo,
    hab das Buch auch gelesen und komme zu einem ähnlich zwiespältigen Ergebnis.
    Es hat durchaus seine sehr lustigen Momente, dafür hab ich wirklich selten ein so lieblos hingerotztes Ende gelesen.

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  11. Für die, die es noch nicht gesehen haben, lohneswerte Doku über die Mannheimer Drum and Bass-Szene.

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