Thema der Woche 92: Die Marke “Tanith” als anderes Ich – leben im Zwiespalt zwischen Ego & Alter Ego?

Das ist ja mal für viele Künstler oder überhaupt Leute die in der Öffentlichkeit agieren ein ganz heißes Thema! Es ist ja so verdammt einfach von seinem Image oder den Erwartungen daran aufgefressen zu werden. Die Versuchung einem öffentlichen Bild gerecht zu werden, das sich automatisch bildet sobald man in den Medien ist, ist ja ständig gegeben, sei es um die Beliebtheit zu erhalten oder zu erweitern oder auch nur um den Flow des schnöden Mammons im fluss zu halten, wobei eine variierende Mixtur aus beidem meist den Ausschlag gibt. Charakterschwache Zeitgenossen, die ein Opfer ihres Images und damit zu einer Karikatur ihrer selbst werden gibt es zur Genüge, auch und gerade in meiner Branche, ich will da gar keine Namen nennen.

Ich selbst stand, glaube ich, nur einmal in Gefahr imagebedingt auf irgendwas hängen zu bleiben, als ich mit den Camolook bekannt wurde, war es quasi Pflicht so aufzutreten und es hätte enden können wie bei Angus Young, der heute noch, mit über 60, in der viel zu kleinen Schuluniform für AC/DC auf die Bühne muß. Zum Glück hab ich da noch die Kurve gekriegt, sonst könnte ich heute sicherlich nicht so unbeschwert in den Spiegel schauen. Irgendwann ist halt alles mal durch und spätestens wenn im TV-Shows bunte Camodeko und auf den Kleiderbügeln von H&M alles voll mit damit ist, sollte man die Zeichen der Zeit erkennen, auch wenn das eigene Publikum vielleicht enttäuscht ist. Genauso verhält es sich natürlich mit Musikstilen, freilich hätte ich immer weiter versuchen können meinem Ruf als härtester DJ der Welt gerecht werden zu können, aber hätte ich dann heute noch Spaß an der Sache? Schließlich war auch das nur eine selektive Wahrnehmung und Festlegung meiner Sets von Leuten die z.B. nie mitbekommen hatten, wie bei mir der Warmup im Tresor aussah. Ich bin aber nie angetreten um irgendwelche Stereotypen und Klischees zu erfüllen, oder irgendwelchen aufdoktrinierten Erwartungen gerecht zu werden, von daher war das jetzt auch nicht so schwer sich dem zu entziehen. Besonders karrierefördernd ist das freilich nicht, aber man kann ja auch Unvorhergesehenheit und Überraschung zum Programm erheben.
So gesehen bin ich eigentlich nie in die Ego vs. Alter Ego Falle getappt, sondern konnte eigentlich gar nicht anders als immer dann, wenn mich etwas genervt oder nicht mehr interessiert hat, ohne Rücksicht auf Verluste hinter mir zu lassen, sei es Camo, der Break von Techno auf Breaks, oder der Massenrave DJ auf Mayday und Loveparade. Nicht nur für Außenstehende mag das wie Brüche aussehen, für mich ist das jedoch immer das Verfolgen meiner roten Linie gewesen, die ich auch in der meiner Musik sehe, auch wenn vielleicht nur ich das so erkenne. Zur gelegentlichen Erdung diesbezüglich reicht es sich anzuschauen, wenn z.B. Newcomer sich die falschen Vorbilder suchen und meinen irgendwelche Macken kultivieren zu müssen, weil sich das für einen Künstler so gehört, es ist eine elende Plage und nicht schön anzusehen wenn Leute nicht in das Kleid passen das sie sich da anziehen. Genauso erbärmlich ist natürlich auch wenn ältere Kollegen meinen immer noch mithalten und den Jungspunt raushängen lassen zu müssen und damit lediglich Assoziationen zum Clown auf dem Kindergeburtstag wecken
Auch meine Äußerungen in der Öffentlichkeit sind nie mit irgendeinem Kalkül unterlegt, oder einem Image verpflichtet schöngefärbt. Sicher, man läßt vielleicht mal Dinge aus, die man im privaten Kreis sagen würde, bei denen man aber weiß, das sie kolportiert über Medien und deren Filter vielleicht ganz falsch ankämen. Aber genau diese Filter sind es auch, weswegen ich mir nie einen Kopf über die Wirkung mache, denn meine Erfahrung sagt, das egal was ich tue oder sage, es sowieso auf die unterschiedlichsten Realitäten prallt und interpretiert wird. Was die einen mir zu Gute halten, stößt die nächsten ab, egal was es ist. Hat man sich damit arrangiert, relativiert sich die Notwendigkeit eines Alter Egos eigentlich sehr schnell, der Einfluss darauf, was die anonyme Masse aus der eigenen Außenwirkung macht ist nunmal sehr beschränkt, so das man gut damit beraten ist nur nach eigenen Massstäben zu funktionieren..

Kommentare (5) Schreibe einen Kommentar

  1. Interessantes Thema und sehr unterhaltsam reflektiert. Der Text ist aus deinem Erfahrungshorizont heraus geschrieben. Ich würde sagen, dass das berufliche Alter Ego in allen Branchen und in allen Berufen existiert. Jede Person ist in der Arbeit, daheim, unter Freunden, in der Familie usw. in einer anderen Rolle und natürlich auch und gerade dann, wenn der Einzelne in der öffentlichkeit steht, und ständig in Interaktion mit ihm nicht bekannten Personen stehen muss. Dennoch ist das Alter Ego bzw. die Berufsrolle nicht den Künstlern oder Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, vorbehalten. Und auch nicht die Reflektion desselben.
    … Toll finde ich noch das hier…. “denn meine Erfahrung sagt, das egal was ich tue oder sage, es sowieso auf die unterschiedlichsten Realitäten prallt und interpretiert wird.”

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  2. Hmm, auf jdenfall ein guter Artikel, aber es wird hier meines erachtens ein Punkt kläglich vernachlässigt (was in gewisser Weise für den Autor spricht). Sich selbst zu verlieren ist nicht einfach, denn dafür muss man sich erst mal finden. Man kann nicht man selbst bleiben, wenn man nie anfängt man selbst zu sein. Das ist die eigentliche Kunst in unserer Gesellschaft, die jedes ihrer Mitglieder zu formen versucht. Man erklärt uns von Geburt an, dass es sich nicht lohnt man selbst zu sein, vielmehr solle man sich bemühen ein wertvoller Teil der Gesellschaft zu werden. Wenn man sich dennoch selbst gefunden hat, wird man das nicht mehr so leicht aufgeben. Die meißten nehmen sich nur leider nicht die Zeit sie selber zu werden. Bei Medienpersönlichkeiten fällt das nur besonders auf, weil sie eben nicht nur eine Rolle in der Gesellschaft spielen, sondern sich stets bemühen, ihre Rolle der aktuellen Nachfrage an zu passen.

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  3. Man muss wohl zwischen Markenidenditität und Ego unterscheiden. Die Marke ist mir persönlich dann sympathisch, wenn ich sie in Beziehung zur eigenen kulturellen Identitätserfahrung setzen kann. Sprich: das Erleben von Techno- und Namen von Künstlern, Djs etc. als quasi Anker- oder Orientierungspunkte, die einem immer wieder mal in den Fokus geraten. Die Marke ist im Prinzip nur solange nützlich, solange sie Wiedererkennung erlaubt. Was ich mal gut fand, lädt dazu ein, mich wieder damit zu beschäftigen. Was doof war, darf mich zwar noch überraschen, hilft mir in der Retrospektive aber vor allem dabei, mich mit etwas Besserem zu befassen. Darüber hinausgehende Ansprüche einer Marke an sich selbst sind mir eigentlich egal, da ich als abgeklärter und desillusionierter Konsument gerne glaube, selbst darüber zu entscheiden, was mir gefällt, wohl wissend, dass dies ein in Kauf genommener Selbstbetrug sein mag. Diese Erkenntnis führt auch dazu, das Marken heute nicht mehr das sind, was sie bis in die 90er waren. Kultur, Ökonomie und Gesellschaft werden immer unübersichtlicher, weil ausdifferenzierter und die Trends gehen in zunehmenden Öko-Bewusstseins eher vom “hip sein” weg, oder man sucht nach anderen Idealen (LOVOS, LOHAS etc.).
    Der Begriff “Ego” ist igendwie weniger fassbar, als der Markenbegriff, da er ja sehr den Persönlichkeitsbereich des Menschen betrifft, der sich hinter einem “Mediennamen” verbirgt. Im Prinzip ist ein “Alter Ego” in seiner Wahrheitsverheißung Beschiss oder wohlwollend ausgedrückt, Zauber. Es beschreibt einen Zustand und blendet die Vielschichtigkeit, Veränderung, Entwicklung eines Menschen tendenziell aus. Sich zu garstig ans Ego zu klammern, erschwert Visionen, Empathie, neue Pfade… Das Ego jedoch aufzugeben, heisst Untergang. Die erstrebenswerte Kunst liegt in der Balance.

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