Thema der Woche 129: Die “Brighton Jungs” – Vogel, Landstrumm, Tarrida, Schmidt

Als ca. 1995 Techno ziemlich durchformuliert und routiniert daher kam war es sehr erfrischend als die sogenannte No Future Posse um Neil Landstrumm, Christan Vogel, Dave Tarrida, aber auch z.B. Si Begg oder Jamie Lidell das Bild mit ihrem nerdigeren Ansatz durcheinander wirbelten. Hier wurde das Technoselbstverständnis von analoger Hardware und Produktion zum ersten mal erfolgreich aufgebrochen und endlich Programme wie Max/Msp oder Supercollider auf Computern, die bislang höchstens Sequenzerberechtigung hatten, ins Technoinstrumentarium eingegliedert.
Ich hab’s trotzdem nicht so verfolgt, da ich zu der Zeit schon auf dem Weg weg von Techno, hin zu den Breaks war. Ich fand das alles zwar theoretisch toll, für meine Sets dann aber meist doch zu sperrig.

In Deutschland waren die Neue Heimat, im Stuttgarter Prag, als natürlich auch der Tresor die Hauptspielplätze dieser neuen Gang aus Brighton, auf deren zugehörigen Labels sie auch Platten releasten. Zum Tresor paßte das seinerzeit auch hervorragend und bescherte nach der etwas in die Tage gekommenen Detroit-Berlin Achse ein weiteres Pferd auf das man erfolgreich setzen konnte und den Laden erneut als am Puls der Zeit auswies.
Interessant für mich war es dann zu sehen in welche Richtungen sich die einzelnen Mitglieder dieser Posse entwickelten. Nachdem alle aus den gleichen Clubs in Brighton kamen und das englische Gen in sich trugen, das meist in einem fröhlichen Stilmashup nicht abgeneigt ist, bildeten sich zuerst Kollaborationen untereinander, bevor dann alle sehr unterschiedliche Richtungen auseinander stoben. Si Begg verfolgte ich gerne als Hans Dampf in allen Gassen, von Techno bis Nuskool Breaks, Christian Vogel verschwand irgendwann von der Bildfläche und produzierte Bands um dann wieder viel ruhiger aufzutauchen. Neil Landstrumm finde ich bis heute interessant,insbesondere wenn er mischt in bleepigen Dubstepgefilden rumwurschtelt und Jamie Lidell entwickelte sich zum Soulentertainer, womit ich naturgemäß nur wenig anfangen kann, wenn auch ich großen Respekt vor diesem Werdegang habe.
Im Nachhinein kann man vielleicht konstatieren, das dieser gerne mit No Future gelabelte Sound seiner Zeit damals weit voraus war, dadurch aber auch zwischen allen Stühlen saß und dadurch nie den Erfolg verbuchen konnte, der ihm eigentlich gebührte. Dumm, das damals Schranz und Tooltechno links und rechts davon popularitätstechnisch vorbeizogenTrotzdem gelang es der Posse Techno mit ihrem Ansatz nachhaltig zu verändern, was sich teilweise bis heute durchhören lässt.

Kommentare (16) Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für den Artikel. Kleine Korrektur. Die Neue Heimat war eine Veranstaltung die jeden Samstag im Club Prag stattgefunden hat. Freitags war der Club Prag die Heimat vom 0711CLUB (hiphop). Der Neue Heimat Macher Daniel betreibt heute die Veranstaltung Salon Rosi im Rocker33 in Stuttgart. Ansonsten war es ne geil Zeit und ich bin froh das ich dabei war.

    Chris (Club Prag Mitarbeiter)

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  2. ah, danke für den Hinweis ich berichtige das mal.
    Wie ist das eigentlich ist der Club Lehmann nun der offizielle Nachfolger für Stuttgart?

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  3. Also der Club Lehmann ist der offizielle Nachfolger des Club Prag. Sprich gleicher Besitzer und Betreiber. Allerdings ohne die Neue Heimat, die Veranstalter der Neuen Heimat machen heute unter dem Namen “Salon Rosi” im Rocker33, Veranstaltungen. Es gibt jedoch immer wieder in verschiedenen Clubs “Neue Heimat” Veranstaltungen. Der Lehmann Club spielt, schon wie damals die “Neue Heimat @ Club Prag” eher das etwas andere Technoprogramm, fernab von normalen klick klack. Wobei heute Techno im Lehmann sich den Platz mit Rock & Co. teilen muss.

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  4. kann ich alles so abnicken, außer, daß lidell doch ein paar ziemliche kopfnicker als soul brother rausgehauen hat. auch wenn’s auf albumlänge für mich ebenfalls nicht funktioniert. aber wenn’s jamies vox und brighton sein sollen, ist Sonelysome(o)ney sowieso die größte bank.

    ach, und irgendwie hatte ich immer den eindruck, daß die jungs bei den tresor-vö’s eher ihre geht-so-tracks rausgehauen haben. nix im vergleich zu dem, was die gleichen leute auf ihren mutterschiffen veranstaltet haben.

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  5. Tobias Schmidt hast du irgendwie völlig vergessen. Ich finde er hat auch ein paar tolle Releases auf Sativae oder Scandinavia Rec. gehabt und war bei mir 96/98 schwer angesagt. Ich fand das war damals sehr komplex arrangierte Soundforschung und hat sich so schön verstört und anders angehört. Dazu hatten viele Tracks von Herrn Schmidt und Landstrumm immer so ne knackig pumpend, pulsierende Bassdrum. Aber irgendwie hast du recht das das sehr schnell wieder abgeflaut ist bzw sich nie richtig durchgesetzt hat. Ich höre einige der Platten heute noch sehr gerne und ein paar ganz bestimmte Tracks von denen gehören zu meinen absoluten alltime favourites!

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  6. Dem kann ich nur beipflichten. Als ich das erste mal mit dieser Musik in Berührung gekommen bin, war ich auch komplett geflasht. Diese Sounds erzeugen eine zum Teil völlig sureale Klangatmosphäre. Sehr faszinierend. Bin bis heute damit beschäftigt, dass sämtliche Sativae, Scandinavia und Mosquito Scheiben den Weg in mein Regal finden.

    Einer meiner liebsten, auch heute noch gern gespielt:

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  7. aus der Brighton-Ecke kam Mitte der 90er definitiv die spannendste Techno-Musik wie sowieso England zu diesem Zeitpunkt technoid ganz vorne war. Da sei z.B. an die Downwards Posse aus Birmingham erinnert …
    Interessant, welche Wege die einzelnen Producer eingeschlagen haben. Bei Cristian Vogel war ja irgendwie von anfang an absehbar, das dieser sich nicht nur auf Techno beschränken würde, ein Ausnahmetalent. Landstrumm war für mich das Brighton-Pendant zu Surgeon: hart, metallisch und oft derart stoisch, dass man gar nicht anders konnte, als abzugehen.
    Persönlich am meisten gerockt hat mich jedoch Si Begg, dessen unverkrampfte, teils humoristische und genreübergreifende Herangehensweise mir viel Freud ebereitet hat. Egal on technoid-straight oder wild wie z.B. bei den Noodles-Veröffentlichungen. Da war immer ein Augenzwinkern bei, was gerade hierzulande vielen Musikern leider abgeht … Ähnlich sieht es – trotz anderer Baustelle – bei Jamie Lidell aus, dessen Funk&Soul-VÖs mir häufig gefallen und der mich live mehrfach voll überzeugt hat. Großer Musiker!
    Nicht vergessen sollte man aber auch so Leute wie Mark Hawkins, Michael Forshaw oder auch Paul Birken, die den Brighton Sound mit geprägt haben.

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  8. Oh Ja…Paul Birken – Speaker Freakin auf Communique oder Surgeon – Pet 2000 auf Downwards. War ne tolle Zeit !!!

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  9. Oh man da sieht man mal, wie verschieden die Blickwinkel sind….Für und gab es damals nichts besseres wie Christian Vogel diese Sounds und Beats waren so krank, zumals es so war, dass es immer sofort kalr war (ohne hinzuschauen) wenn Vogel die Turntables übernommen hat. Unübertroffen war einer der ersten Gigs im Prag von Supercollider, es gab noch nichts von den beiden auf Platte und bei dem Gib hatte ich echt das Gefühl, dass es so war als hätte man zum ersten Mal Miles Davis gehört, so was gab es einfach nicht vorher! Ein halbes Jahr später war die Platte drausen und ich legte sie auf dem Teller ohne zu wissen was es war und habe es sofort erkannt…obwohl nur einmal gehört ! Ich muss auch sagen, dass die Tresor Sachen gut bis sehr gut waren, aber nach meiner Meinung war die Specific Momentific auf Mille Plateaux der echte überhammer…Es ist aber auch schon so das ich damals das meiste von Tobias Schmidt, Nil Landstrum, auf Tresor gekauft habe. Nicht vergessen darf man auch das Mosquito Lable wo echt teilweise die Überhammer von Si Begg und Tim Exile rauskamen…
    Zu Jamie kann ich nur sagen, dass es schon krass ist, was er alles gemacht von überkrasser expermintal Electronic auf Warp, eine Platte mit FM Einheit, SuperCollider und jetzt der Soulman, wobei er doch immer sehr zentral seine Stimme in den Vordergrund stellt und somit Sänger ist, und auch bei den letzten (furchtbaren) Supercollider Auftritten sich als extremer Ententainer präsentiert hat, er möchte halt glaube ich lieber Popstar sein. Ich glaube Dave Tarrida und Justin Berkovi darf man bei dem ganzen auch nicht vergessen. Sativia war natürlich ein wichtiges Lable und ich werde nie den Moment vergessen, als ich begriffen habe was der Titel von der Hell Platte…Die Momente werden nie vergehen, wie Tränen im Regen usw…gemeint war…
    Die Arbeiten von Nil Landstrum und Cristian Vogel verfolge ich immer noch…

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  10. …auch nicht vergessen werde ich eva cazal, cora s, digital princess und ibrahim alfa von der krummen technofraktion. es war super damals. gerade weil der sound nie wircklich großflächig angekommen is, tönt er mir heute noch frisch(er) als so vieles andere aus der zeit.

    “busca invisibles” und “all music has come to an end” zählen für mich zu den besten tresorscheiben die ich kenne. anno 98/99 der punk im techno. ich hoffe die beiden werke werden im zuge der momentanen repressphase auch nochmal aufgelegt.

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  11. und nicht zu vergessen mein mate dave tarrida, der wieder sehr umtriebig ist und immernoch guten stuff raushaut, fernab der normalen minimal-techno tristesse… sativae ruled immernoch (übrigens hat dave mich selbst auf diesen blog aufmerksam gemacht!)….

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  12. Nicht zu fassen dass der Name SUBHEAD noch nicht viel… Wenn die ins Prag kamen war IMMER ausnahmezustand!! Extrem!! Total krank & verschickt! Der “No Future” sound war & ist eigentl. immer noch eher Underground.
    Dass besagte Herren auf Tresor Rec. eher die mittelmässigen tracks released haben seh ich persönlich nicht so. Ist wohl auch subjektives empfinden/Geschmacksache!

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  13. Schon abgefahren… jetzt lese ich diesen Artikel nach ca. 15 Jahren wieder und muss sagen, jupp, dieser gerne mit No Future gelabelte Sound war seiner Zeit damals weit voraus & leider ist bis heute keiner mehr mit solch Ansätzen um die Ecke gekommen. (Bitte berichtet mich, falls doch) Klar gibt es immer wieder mal etwas schräge Sachen, welche auch aus reiner Produktionssicht echt heißer Scheiß sind, aber allen fehlt irgendwie dieser gewisse Funk. Bei Schmidt hatte ich immer das Gefühl ich tauche in einer Biomasse ein. Bei Vogel & Landstrumm war dies ähnlich. Auch Berkovi & Glencross lieferten da geilen Stoff. Jason & Phil von Subhead waren da eher störischer unterwegs, aber dennoch beinhalteten sie den Funk. Doch genug hierüber….. Wenn mir jemand Tipps geben mag über neue Vinyl Erscheinungen, nur her damit. & btw. Schmidt spielt wieder Liveset´s wie früher(mehr oder weniger), genauso wie es Jason macht ;) in diesem Sinne No Future Forever

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