Thema der Woche 155: DJ Rok


Rok war mir erstmal unter dem Namen Rokki bekannt und bevor er ins Ufo kam legte er in den Schwulendiscos in der Schöneberger Motzstraße auf. Der Bayer in Berlin stieß dann aber schon sehr früh zu den hiesigen Technokreisen und war dann bereits im zweiten Ufo der Freitagsresident, er sagte einfach er brauche das Geld und hatte den Job. Ich kenne sonst keinen der das so gewieft hinkriegt und weiß von Veranstaltern, die darauf pochten das keiner Taxigeld zusätzlich zu den exorbitanten Gagen der 90er bekam – außer Rok und jedem anderen hätte man das übel genommen – außer Rok. Der machte das durch absolut energetische Mixkunst und feinste Musikauswahl wett.
Nicht nur dafür ist ihm Respekt zu zollen, er war auch einer der wenigen, die es irgendwie schafften fast Everybody’s Darling zu sein, ohne sich irgendwem anzubiedern, sondern, im Gegenteil, trotz straighter Ansagen. sein Charisma führte eher dazu, das sich alle ihm anbiederten und hinter der harten Bodybuilderfassade war nicht nur die schwule Zicke, die es immer schaffte irgendwie ihren Willen durchzudrücken, sondern auch ein zuweilen sehr lustiger und ohne Frage intelligenter Mensch, der die ganze Techosache auch sehr distanziert betrachteten konnte.

In den frühen 90ern sahen wir uns fast täglich, neben dem gemeinsamen Feiern nach oder vor dem Auflegen und den Gigs am Wochenende immer dienstags und freitags im Hardwax, wo er hinter der Theke und wir davor die Releases der neuen Lieferungen durchhörten, wobei eine Kopie natürlich immer für ihn reserviert war und die anderen raus gingen, falls zu wenig da waren, was die Regel war, entschied das Ritual mit dem Streichholz, wer das kürzere gezogen hatte bekam die Platte, seine Aufgabe war das Halten der Streichhölzer, wir zogen. Noch davor gab es wahre Rallys durch die WOMs der Stadt, wer zuerst in die hintere Kammer durfte, um die noch nicht ausgepackten Lieferungen nach den seltenen Importen zu durchstöbern und er konnte mächtig sauer werden wenn es Freitag war und er nicht der Erste war.
Als wir dann die ersten Residents des Tresors wurden erhofften sich die Macher das das Schlimmste ausgestanden war und setzen mir Rok vor, von dem man sich versprach das es irgendwie erwachsener, also housiger, zuginge, was bekanntlich nicht eintrat, wir erkannten beide das weder die Zeit für erwachsen werden gekommen war, noch das der Raum dafür geeignet war. Stattdessen wurde es immer härter, was schließlich in Gabber mündete, welchem er noch viel länger frönte als ich.
Er war es auch der Hell ins Hardwax holte, jetzt sozusagen zwei Bayern in Berlin und die beiden tourten lange gemeinsam durch die Lande, aber während Berlin für Hell nur Durchgangsstation war, war Rok hier mittlerweile assimiliert und gehörte einfach zur Stadt dazu.
Was Rok dazu bewegte seinen Job bei Hardwax aufzugeben weiß ich nicht, jedenfalls fing er danach vermehrt an seine Producerskills zu pflegen und sein Album Defender ist für mich heute noch eins der Zeitdokumente des guten Techno aus dieser Zeit.
Da verlieren sich aber auch schon etwas unsere gemeinsamen Spuren, wir legten zwar immer noch gelegentlich zusammen in Läden wie Polar.TV, Suicide und auch außerhalb Berlin’s auf und leben seit Jahren beide nur eine Straße voneinander entfernt im Prenzlauer Berg, aber die Wege kreuzen sich seltener. Es ist mir immer eine Freude wenn wir uns mal zufällig auf der Schönhauser treffen und über Hunde fachsimpeln. Erst letztlich traf ich ihn und da erzählte er mir das er neben seiner neuen Profession im Schwulenpornobusiness wieder vermehrt Lust auf Musikproduktion und Auflegen hat. Also Leute, bucht den Mann, der hat’s bestimmt immer noch besser drauf als das meiste was nachgewachsen ist!

Kommentare (31) Schreibe einen Kommentar

  1. cycle sluts ist echt ‘n toller grenzgänger zwischen techno, house und trance. ganz schrecklicher claude young remix. wie alles, was der damals angefasst hat.

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  2. Sehr interessanter Artikel. Ich war bis gerade eben der festen Überzeugen, dass Rok ein Urberliner ist.

    Für mich definitiv einer der herausragenden Leute. Habe ihn mal Live erlebt und das dort gespielte Set gehört bis heute zu den absoluten Highlights meiner “Feierkarriere”.
    Alleine für Cycle Sluts, welches, nebenbei bemerkt, auf meinem persönlichem Ranking der Techno all time favourites seit Jahren unumfochten auf Platz 2 rangiert, gehört dem Mann ein Denkmal gebaut.

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  3. Cooler Text und nettes Foto (da möchte man fast schon süß sagen). Cycle Sluts war einer der Tracks bei dem die erste Pille meines Lebens kickte, ich glaub´ ich hab´damals vor lauter Glück geheult. Ach ja, die guten alten Zeiten…..

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  4. Hab mal als Jungspund Mitte der Neunziger vor Rok auflegen dürfen und hatte absoluten Schiss, da er ja auch den Ruf der Diva und des Überkritikers hatte. Nachdem er mich ne Weile beobachtet hat kam er her und sagte nur: Oberamtliche Musik, die ich da spiele. War das grösste Kompliment, das ich je als DJ erhalten habe! :)

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  5. Toller Text und super Foto.

    Hat Anfang/Mitte der 90er super aufgelegt. Inzwischen scheint es ja leider ziemlich still um ihn geworden zu sein. Die Tracks auf Myspace stammen von 2007 und seine eigene Webseite verweist nur noch
    auf Myspace.

    Hoffe er legt nochmal ein Comeback hin. Einer der besten deutschen DJs, die ich bisher gehört habe. Wegen solcher Leute war Berlin in den frühen 90ern jede Reise wert.

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  6. Cooles Thema.
    Vor 3 wochen hatte ich mir nochmal die Doku “Berlin – Techno City”
    angesehen und mich gefragt, was aus ihm geworden ist.
    … Ich war da wohl nicht der einzige :-D

    Da die Erde mittlerweile nach und nach immer mehr Djs&Produzenten wieder ausspuckt (siehe Emmanuel Top),
    kann ich mir gut vorstellen, das wir von Rok in zukunft auch wieder häufiger hören.

    würd mich freuen

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  7. .. und der nannte sich mal Rokki!
    In einem unserer flash Gelaber um die Jahrtausendwende haben wir mal rumgesponnen, wie wir zu Rockki ans Pult gehen und ihn mit
    “Eh Rocki kennste die Schtoohns, die fetzen ein, Alta! Escht Suupaknorke!”
    anquatschen.
    Ham uns eingepinkelt vor Lachen.
    Anyway. Großer Meister der. Muß mir gleich mal Defender auflegen- großer Sport damals..

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  8. everybodys darling – häääääääääääääääääääääääääääääää?
    ich glaube es grad nicht. rok war eine diva. und zwar eine schreckliche. er war das personifizierte geschmacksdiktat. wer musikalisch nicht auf seiner linie war, der wurde durch ihn aus dem hardwax regelrecht rausgeekelt. kidpaul hat damals seinen eigenen plattenladen aufgemacht, damit er rok nicht mehr begegnen musste. und so ging das vielen. vielleicht war das gut so, vielleicht auch nicht. jedenfalls gab es im hardwax keinen müll und djs, die nach sowas fragten (was rok für müll hielt), wurden vor die tür gesetzt.

    als dj habe ich ihn damals extremst geschätzt. er war einer der besten. weltweit.

    ich mochte ihn und hatte mit ihm nie probleme. wir schätzten uns. 2003 hat er dann wegen einer völligen nichtigkeit ein booking auf meiner party im tresor gecancelt. der tresor hat ihm dafür trotzdem kurzfristig ein anderes booking gegeben. das reichte ihm jedoch nicht. er wollte noch eine ausfallgage. weil er die nicht bekam, hat er sich dann mit dem tresor und seiner damaligen bookerin verkracht. ich selbst hatte mit dem ganzen eigentlich nix zu tun. aber seitdem grüßt er mich nicht mehr. das ist zwar tratsch, aber bezeichnend für seine art.

    genau wie das mit dem taxigeld :) taxigeld war das eine, seine mietwagenkosten das andere. es mussten immer die fettesten mietwagen sein. was die ahnungslosen veranstalter zu ihrem überraschen stets bezahlen mussten. da kannte er nix. ob er in einer grossraumdisse auflegte oder in einem kleinen ostdeutschen undergroundclub war ihm dabei egal :(

    noch eine fussnote: paul van dyk prahlt in seiner biografie immer, dass der tresor seine erste auflegestation war. die wahrheit ist, dass er dort im september 1991 tatsächlich einmal den anfang machen durfte, weil rok etwas zu spät kam. als rok dann im tresor eintraf, bekam der wegen pvds musik einen kleinen tobsuchtsanfall. er meinte, wenn es noch einmal vorkommen sollte, dass er bei seinem eintreffen solche musik hören müsse, dann fährt er sofort wieder nach hause. das war pvds erstes “tresorbooking” und für ca 5 jahre auch sein letztes. die geschichte ist keine vom “hörensagen”, sondern hat mir pvd zeitnah selbst erzählt.
    sein erstes richtiges booking hatte paul nebenbei erwähnt, auf einer meiner partys. er spielte damals nämlich (noch) keinen kitschtrance, sondern wirklich geniale musik a la blackdog, warp, b12, the orb, fuse etc. und passte daher hervorragend für meine konzeptparty “the brain”. aber das ist eine andere geschichte. ;)

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    • Danke für den Artikel, Tanith! Sehr informativ. Danke für die Antwort, Wolle!
      Menschlich beschrieben, auch wenn ich die Art Kosten auch bei ärmeren Leuten durchzusetzen ehrlich gesagt charakterlich zum Kotzen finde!
      Andererseits hat seine knallharte Selektion im Hard Wax für Qualität gesorgt. Ist natürlich schwierig, weils ja ne subjektive Entscheidung ist, trotz aller Erfahrung. Es geht um Kunst.
      Eins muss ich noch loswerden…auch wenn’s nicht zum Thema gehört ????
      Harald Blüchel hat am letzten Samstag sein zweites Klavierkonzert im Hospiz Schloss Bernstorf gespielt, jeweils eine halbe Stunde am Stück. Er nahm sich die Zeit, liess sich nur die Bahnkosten erstatten. Seine Musik ist ideal, meditativ und die Sterbenskranken hatten einen Klangteppich auf dem sie sich zum träumen niederliessen.

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  9. dass der rok, unabhängig von diesem blog, jetzt einen strang in der mnml-verrufenen RR hat und man dort nach seinem comeback ruft, werte ich mal als positives zeichen.
    der messias kehre zurück und zeige den jüngern, was ein richtig guter dj ist ;)

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  10. Danke für den Artikel. War DJ Rok im Warehouse angekündigt (leider zu selten) war ich auch sicher immer da.

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  11. Ich hab letztens n buch aufm flohmarkt gekauft
    “portrait of a generation”
    da ham se aufa loveparade 96 aufm klein lkw leude reingezogen und n foto gemacht…rok ham se auch geknippst mit nem kleinen satz:
    “Ich leg fast nie auf so großen Vernastaltungen auf. Faschogehopse.
    Da mach ich nicht mit. Liebe in einer kleinen Location, wo alles stimmt”

    wasn faschogehopse ? :-D

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  12. Also das sind mal wahre Technogeschichten wie man es besser nicht schreiben und berichten kann.

    mich würde mal interessieren über wen man den guten Mann bucht.
    Das passt doch sehr gut in mein nächstes Konzept was ich so im Kopf mit mir rumtrage…Achja du Tanith und Wolle übrigens auch….

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  13. Pingback: Berlin 1998, Matrix, Westbam | Open Your Code

  14. Sage mal, Tanith – das Foto: Wurde das vor dem Walfisch aufgenommen? Das sieht mir so nach den altbekannten Platten aus der Köpenicker aus.

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  15. Hey Tanith. erstmal schön, dass es dein Blog gibt, sonst hätte ich die Infos über Rok nicht gefunden. Ich hatte allg. nach evtl. Termin von Rok gesucht, weil ich seit Jahren nix von Ihm gehört hatte. Möchte übrigens auch gerne persönlichen Kontakt zu Ihm aufnehmen. So wir oben schon beschrieben, wird man von seiner Hauptseite auf die MySpace Seite weitergeleitet, was ich extrem schade finde, weil die Rok-Seite cool ist und alle nötigen Infos hatte, so wie ich sie in Erinnerung hatte. Jetzt wünsch ich dir und Rok alles gute und hoffe, dass man sich evtl auch mal über ein anderes Medium schreibt (Facebook, E-Mail). beste Grüße, Mirko (DJ Freeze)

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