Thema der Woche 187: Älterwerden in der Techno-Szene

Dieses ominöse Alterwerden scheint ja ein pressierendes Thema zu sein, so oft wie es in letzer Zeit auf’s Tablet kommt.
Disclaimer vorweg: Ich finde Altern super und spannend, vor allem weil es wirklich nichts mit dem zu tun hat was ich mir früher so darunter vorgestellt hatte, in 2 Monaten bin ich 50 und fühle mich nicht wie ein Opa, sondern bin ja gerade erst Vater geworden, die Neugier nimmt nicht ab, die Zipperlein sind bislang ausgeblieben, die innere Ruhe wächst und die Orientierung in der Welt ist besser als je zuvor. Immer wenn einer früher stirbt als man selbst macht man die Beckerfaust und den jüngeren kann man ein kraftvolles “schaff du das erstmal bis hierher!” entgegen schmettern.
Trotzdem scheint es speziell im Technoumfeld eine besonders verunsicherte Fragestellung bezüglich Altern im Techno zu geben, die mit “Kann man das?- “Ja!” wohl nur unzureichend beantwortet ist.
Die Angelegenheit sieht in anderen Sparten doch schon lange geklärter aus, ein Bob Dylan z.B. darf auch heute noch auf der Bühne stehen und es wirkt nicht komisch, bei Konzertgängern wird die Altersfrage auch kaum gestellt, der Bueana Vista Social Club hätte ohne Alter sogar sicher nicht den Film bekommen, aber bei Techno fragt man sich, Älterwerden und Techno, darf man das und wie geht das? An fehlenden Beispielen kann’s definitiv nicht liegen, also wahrscheinlich eher an der bislang nicht upgedateten Vorstellung das Techno so ein Jugendding ist das man spätestens mit Beendigung der Twenphase hinter sich hat und danach jovial über die eigene Jugend schmunzelt, während man bei Rotwein irgendwas erwachsenes, klischeehaftes wie Jazz oder Klassik hört. Kann man ja machen, zusätzlich, denn nicht nur ein Großteil meines Umfelds befindet sich bereits in den Vierzigern und auch wenn viele nicht mehr so aktiv daran teilnehmen kenne ich doch auch eine nicht geringe Menge an Leuten, auch jenseits der 50, die nach wie vor von und in Techno leben, in der Natur der Sache liegt auch das es jährlich mehr werden.
Natürlich spielen da auch die Umstände eine Rolle, in einer Umgebung wo Techno in dieses subkulturelle Nischendasein gehört, wo man auf Veranstaltungen mit einer 3 oder 4 vor der Null schonmal das doppelte des Durchschnitts auf die Alterswaage bringt sieht’s natürlich schwieriger aus mit Würde und Altern, aber auch da habe ich schon genug Beispiele gesehen die die Kurve kriegen. In Orten wie Berlin ist die Altersfrage eh hinfällig weil da von unter 20 bis über 50 alles vertreten sein kann und viele in den Netzwerken schon die meiste Zeit an irgendwelchen Stellen der Szene gewerkelt haben, es noch tun und wenn nicht, dann immer noch ihre Verbindungen und Freunde dort haben, you never dance alone.
Praktischerweise ist man an exponierter Stelle wie DJ oder Veranstalter sowieso fein raus, da hat sich die Sache mit dem Alter eh schon dankenswerterweise relativ egalisiert, man hat sich an Leute gewöhnt die seit nun fast 30 Jahren hinter Plattentellern stehen das bis heute nicht lassen können, da heimst man sich mit dem Alter vielleicht sogar noch bei dem ein oder anderen ein Quentchen Respekt ein. Was natürlich hin und wieder komische Züge annimmt ist, wenn man dann vor dem Veranstalter steht und der könnte der das eigene Kind sein und nun gibt’s da Nachverhandlungen wegen Gage oder ähnliche Sperenzchen, die so schon unangenehm sind, in der Konstellation aber nochmals dämlicher kommen und man sich unweigerlich fragt, was mach ich hier gerade eigentlich? Aber auch da wächst man rein, ist ja nicht so das man von heute auf morgen älter wird.
Eine nicht unwesentliche Rolle spielt natürlich auch schwindende Nachtstamina und diesen Regenerationsphasen die sich auch immer länger Zeit lassen bis man die so nennen kann, die meist gepaart mit sich änderndem Lebensfokus dazu führen das man gar nicht mehr jedes Wochenende auf der Rolle sein will und sich so zwangsläufig irgendwann außen vor vorkommt, was m.E. und BTW immer noch die ästhetischere Variante ist, als auf Teufel komm raus mithalten zu wollen und sich so zum Jugendzwangdepp zu machen. Ist ja ganz schön das Leben eine Zeit lang mal komplett auf Techno ausgerichtet zu haben, ebenso schön ist es allerdings wenn sich der Horizont wieder weitet. Ich kenne mittlerweile viele, auch DJs, denen es so ergeht wie mir und die mir hinter vorgehaltener Hand stecken das sie am Wochenende auch lieber auf der Datsche chillen würden, als im Club oder bei der Afterhour und außerhalb der eigenen Engagements nur noch sehr selektiv ausgehen. Aber Techno findet eben nicht nur im Club statt. Kinderfreundlich gestaltete Open Airs und Technoforen mit Unterforum für Technoeltern sprechen da Bände.
Das Altern im Techno, das will ich nicht vorenthalten, hat auch durchaus so seine Vorteile und diese sind stark angelehnt an das restliche Altern, man ist z.B. gefestigter im Geschmack, und hat schon ein paar Fixpunkte in seiner Historie, Leute die man auf Veteranentreffen trifft kennt man schon über 20 Jahre! Man muß nicht mehr hektisch jeden Trend mitmachen oder irgendwie gut finden, im schlechtesten Fall schön pillen, weil man meint sonst nicht mehr up to date zu sein oder etwas zu verpassen und wenn’s nur die vermutet beste Party ist, die dann doch lediglich die vermeindlich beste war weil man meinte das die Coolen und Schönen sich genau da aufhalten, was sie dann im Endeffekt doch nicht tun, sondern eben nur die, die der Coolness hinterher laufen und eben hektisch sind. Diese altersimanente Zenruhe kann auch dazu führen das das Sendungsbewußtsein auch mal in ganz andere Richtungen schwingt, nämlich nach innen, man muß nicht mehr die Welt davon überzeugen das der eigene neu entdeckte Scheiß der heißeste ist, sondern ist auch zufrieden wenn man Musik für sich hat, soll die Welt doch tanzen zu was sie will.
Weiterer Vorteil: Man hat schon vieles durch, z.B. diese Slowhousenummer gerade, die hatten ältere Semester schon anno 1990, hieß damals Movement 98 und war glücklicherweise innerhalb von ein paar Wochen vorbei, ein Nichts gegen das was da gerade passiert. Ich glaube ich werde nie so alt werden wie diese Musik teilweise klingt.

Kommentare (53) Schreibe einen Kommentar

  1. Auch grad erst nach Jahren drüber gestolpert….
    Grad bei Goa und Psytrance sieht man meist viele Leute aller Altersgruppen. Juckt mich ein Großfestival ala Tomorrowland oder WCD? Klar, weil ich jetzt die finanziellen Möglichkeiten habe.
    Aber eigentlich waren es doch immer die kleinen Raves und Secret Parties die einen geflashed haben. Das Rhein-Main Gebiet war gerade in den 90er mit eine Hochburg, aber inzwischen gibts ja hier fast nix mehr.
    Ich höre immer noch gerne Techno, auch wenns altersbedingt eher Richtung Trance, Psy und House gerutscht ist…. Die Töchter (15 u. 13) wollen aber immer wieder mal wissen, woher ich die geile Mucke habe… :)

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