Thema der Woche 200: Das verschwundene oder vergessene Thema der Woche 152: UR-Underground Resistance: Wie ein neuer Sound Techno veränderte, speziell Berlin

Es gibt in der Geschichte des Techno ja einiges an Zufällen und glücklichen Fügungen, aber wie Underground und Berlin, bzw. zusammen kamen ist noch mal ne Geschichte für sich. Schon weit vor der Tresoreröffnung waren wir DJs fasziniert von der Dystopie der frühen UR Scheiben die den Weg hierher gefunden hatten, ich machte dann auch für die Frontpage gleich ein Interview mit denen, per Fax, so machte man das damals noch. Die ersten Kontakte waren auch schon geknüpft, da Jeff Mills ja vorher bei Final Cut war und die hatten auf Dimitri’s Atonal im Künstlerhaus Bethanien gespielt. Als der Tresor dann öffnete sollte es auch nicht lange dauern bis Underground Resistance eingeladen wurden. Im Ufo hatte der Soundnicht wirklich zum Ambiente gepaßt, aber im Tresor paßte das wie Arsch auf Eimer und wir alle waren gespannt welches Armageddon uns erwarten würde. Man wurde nicht enttäuscht, aber ich glaube ebenso für die Jungs von UR war der Abend eine Offenbarung, jedenfalls klangen die nachfolgenden Releases noch kompromissloser und so richtig wie für unser Kellerloch gemacht, der Raveeinfluß war danach deutlich zu hören. Hier befruchteten sich zwei Szenen aus zwei kaputten Städten gegenseitig, da das deindustrialisierte Detroit mit all seiner Depression, und hier das mindestens ebenso desaströse Berlin, aber mit einer Aufbruchsstimmung die Hoffnung machte. Die Detroit-Berlin Achse war geboren und sollte in den Folgejahren noch breitere Schneisen schlagen,UR waren nur die Pioniere, die Vorhut, irgendwann gaben sich hier wirklich alle aus Detroit die Klinke in die Hand und werkelten mit Thomas Fehlmann, Moritz von Oswald, Mark Ernestus und anderen zusammen, manche blieben sogar gleich ganz hier, zumindest für eine Weile, ich nenne mal Jeff Mills und Blake Baxter. Von daher finde ich es immer etwas ungerecht zu behaupten das nur Detroit Berlin beeinflußt hätte, ich würde behaupten andersrum war’s ebenso, wenn auch man zugestehen muß, das ohne die Vorarbeit der UR Soundästhetik vieles anders und nicht unbedingt besser gelaufen wäre. Hier in Berlin fiel das alles auf fruchtbaren Boden, viele der Kollaborationen fanden hier statt, Hardwax sorgte für die Verbreitung und die Detroiter Künstler konnten sich hier locker machen, was der Kunst sicher auch keinen Abbruch tat. Sie konnten von absoluter Zustimmung zu ihrem Sound zehren und hatten zudem, im Gegensatz zu den Rip Offs die sie vorher in UK erfuhren, die Gewissheit das man ihnen auf gleicher Augenhöhe begegnete was das Business anging. Denn, das muß ja auch noch erwähnt werden, es gab ja schon früher den Versuch Detroit zu absorbieren, siehe frühe Releases auf Network, gerne auch das Sideproject von Altern8, namens Nexus21, da wurde schon 89 in typisch englischer Art versucht, dem Detroitsound respektvoll nachzueifern, was dann schließlich in Bleeps mündete, aber so eine knallige Reaktion wie UR und Berlin, die dann den Technosound global so beeinflusste, hatte das nicht ergeben, weil eben auch noch so etwas wie eine gemeinsame Philosophie und Ästhetik der beiden Städte dahinter stand.
Wie bei jeder Beziehung und jeder Reaktion müssen 2 Elemente füreinander geschaffen sein, das daraus mehr wird als nur die Summe der Teile und jede Reaktion hat auch mal ein Ende, aber bei diesem Ding zwischen UR und Berlin höre ich in vielen aktuellen Produktionen noch heute die Reechos dessen, was damals passierte, so wie Forscher die immer noch Fragmente des Urknalls nachmessen, möchte ich behaupten, wäre der heutige Berghainsound ohne UR-Berlin nicht vorstellbar und Techno insgesamt würde heute mit Sicherheit anders klingen, wenn es ihn in der Form noch gäbe.

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  1. Ich sag ja…Mills ist sehr bescheiden, solche Bescheidenheit wünschte ich mit von so einigen deutschen Künstlern, die “ich war der Erste” schreihen. Man kann ja gegen die Groove sagen was man will, aber ich lese sie immer noch gerne regelmässig und hab auch alle CD Beilagen ausser der verdammten ersten ;-)
    Aber zurück zum Thema: Ich sehe das eigentlich auch alles seht entspannt. Detroit war nunmal ein wichtiger Einfluss und ich sage ja nicht, dass es der einzige Einfluss war. Aber vielleicht können wir uns darauf einigen , dass es gerade für Berlin ein sehr wichtiger war…

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  2. natürlich war das ein wichtiger Einfluß, bestreite ich doch gar nicht, aber das der nicht gewürdigt würde sehe ich nicht und das die anderen Einflüße sich deswegen verstecken müßten sehe ich eben auch nicht. Das schöne an Techno finde ich ja gerade das hier eine globalisierte Welt aufgezeigt wird wie sie eigentlich sein sollte: einer inspiriert den anderen und alle haben etwas davon.

    Ich sehe auch nicht wo deutsche Künstler von sich behaupten sie seien bei irgendwas die ersten gewesen, darauf kommt es auch eigentlich gar nicht an

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    • sorry Tanith, aber diese Berlin Legendenbildung und Berlin Selbsterhöhung ist einfach grausam. Der Sound kommt aus Detroit genauso wie Kraftwerk aus Düsseldorf. Die Jungs aus Detroit gingen lediglich nach Berlin, weil sie da Kohle verdienen konnten. Von irgendwas mussten die ja leben. Das hätte genauso Krefeld usw. sein können. Der Verdienst der Szene in Berlin ist, dass sie diesen Künstlern eine Möglichkeit gegeben hat Geld zu verdienen und zu leben. Wo sind den von Basic Channel mal abgesehen die berühmten Berliner Produktionen. Oh halt da war ja noch Mottes “Klang der Familie”, das ja angeblich laut dem Doktor auf Transmat illegal released wurde. (see Comment von Motte unter: http://www.discogs.com/3-Phase-Featuring-Dr-Motte-Der-Klang-Der-Familie/release/2020357)

      Manchmal kommt es mir so vor als müsste Berlin sich immer selbst hypen, da es heute musikalisch genauso beliebig ist wie der Rest der Republik. Sorry, aber diese Aussage stammt sogar von Berlinern selbst…

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      • ich geb’s auf, du willst es so sehen, also sieh es so, ich werde daran nix ändern können. Aber das viele der Detroiter zumindest partiell mal in Berlin gewohnt haben und Berlin nach wie vor Anziehungspunkt für viele ist wird nicht nur an einem Hype liegen, sondern auch an irgendwelchen Gründen. Ich für meinen Teil möchte nirgendwo anders in Deutschland leben, weil das ist hier schon was anderes.
        Du kannst den Status einer Stadt nicht nur an Produktionen festmachen, da gibt’s noch mehr Facetten und die Situation Anfang bis Mitte 90er war nunmal einmalig in der Welt, nicht nur für Techno. Das das teilweie bis heute ausstrahlt wird, außer dir, wahrscheinlich kaum jemand in Frage stellen. BTW: wann warst du das letzte mal hier?

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        • Hab ich doch geschrieben, dass die Atmo bis Mitte der 90er etwas ganz Besonderes war. Gar keine Frage. Das letzte mal in Berlin war ich ebenfalls Mitte der 90er, so ’95 rum. Glaube Dir auch, dass Du gerne dort wohnst, und dass es insgesamt immer noch eine sehr spannende Stadt ist. Ich glaube aber, dass bzgl. dem Sound schon ziemlich alles durchdekliniert war in Detroit, London, New York, Frankfurt und Chicago usw. noch bevor in Berlin die ganze Techno-Szene recht groß wurde. Gebe Dir aber recht, dass Berlin ähnlich wie Detroit auf Grund der ganzen Entwicklung der Stadt als Nährboden für Techno eher geschaffen war als andere Städte, die dann eher mit House in Zusammenhang gebracht werden (Chicago, NY, London). Dafür war Berlin dann zeitlich auch etwas später dran.

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    • Abgesehen davon war Anfang der 90er, nach der Wende, Berlin vermutlich der spannendste Ort zum Weggehen weltweit. Da gibt es kaum was zu diskutieren. Diese Aufbruchstimmung und Freiheit (fehlende Regulierung usw.) waren einzigartig. Hier gebe ich Dir vollkommen recht.

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  3. Gökhan Can ich kann mich noch gut erinnern, daß die speerspitze immer wieder nach den tresorabenden dann auch immer wieder einen abstecher in den süden gemacht hat. leider gibt es den alten tresor nicht mehr (“war auch selber nie dort”) das douala in ravensburg gibt es nach 25 jahren immer noch. finde es echt schade das ich da nicht hin bin wo die 2 elemente miteinander verschmolzen sind.
    vor etwa einer Minute · Gefällt mir

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  4. hehe, vor paar stunden noch mal 1,5 h berlin erlebt. ich sach nur noch, kontraste. moeglichst viele, in und nach 2,5 tagen autofahrt, faehren und e.t.c.! gruss an die wanderer, ich musste leider noch (weiter)fahren. RAVE ON und gute reise bis naechstes jahr

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