Interview: No Pills Neccessary (Frontpage ’92)

Zu Tanith muß in dieser Publikation kaum noch etwas gesagt werden, oder etwa doch? Die Dinge ändern sich und spätestens nach dem auch das letzte Medium Tanith als den “härtesten DJ blah blah” vorgestellt hatte, hatte dieser seinen Stil variiert und entsprach gar nicht mehr dem gar zu eingängigen Image des Brettkönigs. Breakbeats, dann und wann gar Pianos, wer hätte das gedacht.

FP: Hat sich Dein Stil geändert oder verstehen die Leute was falsch?

TT: Dadurch das der Stil sich geändert hat, verstehen es manche Leute eben falsch.. Mein Anliegen war es nie gewesen, die Leute bis zum Anschlag zuzubrettern. Zugegeben, 1991 war ein Ausnahmezustand. Ich hab nie viel von Trantütenmusik gehalten. Aber Härte ist nichts eindimensionales. Wenn ich heute softere Passagen in meinem Set habe, dann immer auch aus dem Grund weiL diese in der Kombination mit Hardcore neu sind. Die härteren ELemente vergewaltigen die soften, es gibt immer Ecken und Kanten. Es ist eben Härte mit anderen Mitteln

FP Dennoch hat ja insbesondere in puncto Breakbeats bei Dir eine Kehrtwendung stattgefunden. Vor gar nicht langer Zeit hast Du die, wie fast alle anderen deutschen DJs auch, kategorisch abgelehnt, durch Deine Breakcore-Veranstaltungen und Deine heutigen Sets bist Du fast einer der energischsten Verfechter von Breakbeats geworden

TT:Ja, das ist schon wahr. Ich habe bis vor kurzem Breakbeats als so eine Art Kleinkinderpopmusik aus Engand gesehen. Kurz nach Mayday kamen dann allerdings die ersten Platten, die nicht versucht haben Popstücke in ein Ravegewand zu drücken, sondern die eine eigene sehr gute Partymusik daraus gemacht haben

FP: Gab es dabei Dir irgendeine Initalzündung,spezielle Tracks…

TT: Ganz früher zum Beispiel Altern8s Frequency, oder irgendwann letztes Jahr war schon in meinen Charts Omar Santanas “Come On Let’s jamª.
Neulich habe ich bei mir auch eine Breakbeatkassette gefunden, die ich irgendwann 1991 aufgenommen hatte, aber in Deutschland hat das tatsächlich damals keine entscheidende Rolle gespielt. Vielleicht kamen ja auch die richtig guten Platten nicht an.

FP: Lag es vielleicht auch daran, das im ietzten Jahr in Technokreisen England ohnehin vollkommen abgemeldet war und niemand darauf geachtet hat.

TT: Ja, das stimmt, bis auf wenige Ausnahmen wie den Aphex Twin und GTO. Beim Breakbeat ist es ja auch so das das ganze sich vom Overground zum Underground vorgearbeitet hat, also genau umgekehrt, als wie es sonst so läuft. Nach wie vor gibt es haufenweise miese Breakbeatplatten, aber auch immer mehr gute. Es gibt überhaupt mehrere Stile von Breakbeats, einmal die mehr hitorienitierten -was mir da gefällt ist Ratpack “Searchin for my Rizla´, das glaubt mir kein Mensch. Dann gibt es mehr die krachigen Sachen, da liegen nach wie vor die Masters Of Disasters vorne, und dann gibt es mehr die experimentelle Ecke die von Labels wie Ibiza und Basement Records vertreten wird.

FP: Inzwischen legst Du auch mit DJs wie Kid Paul zusammen auf. Das wäre voreinem halben Jahr noch schwer denkbar gewesen es sei denn als Kontrastprogramm.

TT: Paul hat schon immer sehr auf englische Sachen gestanden und Techno und England ging eben Lange Zeit nicht zusammen, so daß das nicht sinnvoLI erschien. Aber selbst wenn wir heute auflegen, wird es nur zu zehn Prozent Uberschneidungen geben, das restliche Programm ergänzt sich allerdings. Aber momentan ist es in Berlin so, daß dadurch, das die Musik so verschieden geworden ist, jeder DJ ein sehr unterschiedliches Set hat, so daß im Prinzip jeder mit jedem
auflegen kann.

FP: Hast Du das Gefühl dasim Moment die Karten neu gemischt werden?

TT: Es gibt wohl im Moment eine Top Ten der DJs und einige stehende Größen, um einen Rave abgehen zu lassen. Was ich vermisse, ist beim Nachwuchs das innovative Potential, DJs die was vollkommen neues bringen. Man erkennt immer die Vorbilder, und da ist es klar, daß die
Leute sich mehr für die Orginale interessieren. Es müßte etwas passieren.

FP: Was hat sich für Dich in puncto DJ Status im letzten Jahr geändert?

TT: In Berlin nicht viel, in WestdeutschLand schon, weil dort die DJs manchmal so einen gottähnliches Image haben, was ich gar nicht so positiv finde. Techno war schließlich mit dem Ziel angetreten, diesen ganzen Startum abzuschaffen. Ein DJ sollte eigentlich ein richtiger Raver sein, der während er auflegt genauso zu der Musik abfährt wie sein Publikum….

FP: Klingt nach Sven Väth.

TT: Zum Beispiel.

FP: Aber der ist mehr noch als andere ein DJ-Star.

TT: Der Sven ist so und deswegen geht es immer so ab bei seinen Sets. Wenn ich das machen würde wärs lächerlich. Ich gucke eben auf die Tanzfläche und überlege mir den nächsten Track. Das ist eben von Person zu Person unterschiedlich.

FP: Und Du kriegst inzwischen anderthalbtausend Mark dafür.

TT: Das ist der erfreuliche Aspekt.

FP: Im Tip wurden mal die “national DJs” als moderne Geschäftsreisende beschrieben, die statt mit Akten- mit Plattenkoffer von Stadt zu Stadt fahren, um abzusahnen. Schliesst sich das nicht mit jedem Underground Anspruch aus?

TT: Nicht zwangsläufig.Die Gefahr liegt nahe, das man zu faul wird, und sich nicht mehr um die Musik kümmert .Das ist bei mir nicht der Fall…

FP: Wieviel Geld gibst Du im Monat für Platten aus?

TT: Zwischen 3000 und 5000 Mark.

FP: Wieviele davon spielst Du auch?

TT: Etwa 2/3

FP: Und der Rest?

TT: Den enthalte ich dem Publikum vor, weil er einfach zu gut ist.

FP: Welche davon bespichst Du für Frontpage?

TT: Nur, die die mir besonders auffallen.

FP: Wo informierst Du Dich über die PLatten?

TT: Im Plattenladen, im Gespräch mit den anderen DJs, mit den Leuten, die selbst Musik machen oder was damit zu tun haben, den Künstlern auf Raves, wo man jeden trifft, über die Neuigkeitenlisten von Großhändlern und manchmal über englische Musikzeitschriften.

FP: Wo Legst Du am liebsten auf?

TT: Auf der Love Parade, da war ein sehr gutes Publikum (am Freitag, wo ich auflegte.) Im Prinzip überall da, wo die Leute abgehen, da ist es egal ob in einem kleinen Club oder auf einem Riesenrave.

FP: Gibt es etwas was Du an Riesenraves im speziellen kritisierst?

TT: Ich hab nichts gegen große Raves. Wo hat man sonst die Möglichkeit, soviele Leute auf die gleiche Musik abfahren zu sehen, das gilt auch fiur das Publikum. Was ich frustrierend finde ist, daß man oft bei den Riesen-Line-Ups in der einen Stunde die man da auflegt, nicht wirkLich zeigen kann, was man draufhat, weil die Zeit zu kurz ist.

FP: In welchen Clubs legst Du gerne auf?

TT: In Salzburg hat’s mir gut gefallen, im Warehouse, dem damaligen Spaceclub wars okay, als ich da das erste Mal aufgelegt habe. Jetzt in Berlin wird hier einiges im Bunker passieren. Der CLub mit dem besten Publikum DeutschLands, ist allen Unkenrufen zum Trotz der Tresor, wo ich bei manchen Parties immer noch auflege, obwohl ich da eigentlich gekündigt habe.

FP: Warum eigentlich gekündigt?

TT: Ich fand es nicht akzeptabeL, das für die obere Etage, die Neo-Disco-AbteiLung richtig inverstiert wurde während für den Keller seit langem nichts getan wurde. Was ich vergessen habe, ein weiterer unvergleichbarer Club in Berlin ist der Walfisch, bei dem auch meine ganze Sympathie Liegt.

FP: Wie beurteilst Du die Berliner Szene im Moment? Wie kam es zu Deiner recht legendären “Blah blah” Party?

TT: Hätte man mich vor einem Monat gefragt: Schimpf und Schande, und das war auch der Anlaß zu dieser Party. Dieses ganze “Früherwarallesbesser” Gejammer wurde unerträgLich. Immer wieder die gleichen Sprüche und das Nostalgiegeschwätz. Auch früher gab es schon Wochenenden, an denen wir uns hier verdammt gelangweiLt haben. Da guckte man immer wie gebannt auf EngLand und sagte, booooah: da gibts Raves mit über 10000 Leuten und dann gabs die auf einmal auch hier, und dann schrieen wieder einige: so groß haben wirs dann doch auch nicht gewollt. Das war eben das ganze blahblahblah-Inzwischen ist Hoffnung spürbar.Es gibt wieder ein paar neue unverbrauchte Gesichter auf der Szene. Wenn jetzt noch ein, zwei neue Clubs kommen, wird es ein guter Herbst.

FP: Was hat zur Krise im Berliner Nachtleben geführt?

TT: Also, wie gesagt, worauf es mir ankommt ist, daß die Leute abgehen können, völlig zwang- und hemmungslos, alles, was sie unter der Woche eben nicht machen. Und das war eben im Berliner Nachtleben an einigen Stellen nicht so. Konterrevolutionäre Momente wie das Sehen und Gesehen werden und kleine Elitezirkel, die auf einmal wieder sagten, was man darf und nicht darf, tauchten auf, genau wie der erhobene Zeigefinger, der irgendwas von Intelligenter Housemusik faselte. Gerade von besonders verlogenen Leuten wurde immer die These so hingestellt, das Techno für Blöde, House für Intelligente ist. Da ist ein Konkurrenzkampf hochgezüchtet worden, der vollkommen überflüssig war. Das passte alles nicht zu dieser Musik, die ja dadurch ausgemacht wird, daß sie alle Strukturen auflöst.

FP: Welche Rolle haben Drogen gespielt?

TT: Ach mit Drogen, das ist doch eine individuelle Sache. Manche Leute nehmen Drogen überJahre und sind immer noch gut drauf und andere machen nach ein paar Wochen schlapp.

FP: Wo siehst Du speziell die Ansätze, das es wieder besser wird?

TT: Die neuen Leute, die z.B. auch durch die Breakcore-Parties mit mir, Uwe und Special dazukamen, oder eine neue Szene im Walfisch und seit neuestem der Bunker…

FP: Wie sehen die Breakcore-Fans aus?

TT: Sie haben Raver-Schlapphüte, teuere Trainingsanzüge und Turnschuhe und sind alle knapp unter oder über 20.

FP: Wirst Du von Deinem Camo-Outfit umsteigen?

TT: Wär nicht mein Ding. Es sei denn es gibt auf einmal Camotrainingsanzüge.

FP: Wie wird es mit Breakcore weitergehen?

TT: Kann man nicht sagen, vielLeichtist das in 3 Monaten schon wieder vorbei oder es entsteht etwas vollkommen neues daraus.

FP: Was macht eigentlich Deine Produzentenkarriere. Man hat schon ewig nichts mehr von Dir gehört.

TT: Das stimmt. Das liegt daran, daß ich nicht mehr mit irgendwem zusammenproduzieren will. Solange ich nicht vollständig mit dem Equipment umgehen kann, ist es mir nicht möglich auch das zu machen, was ich wirklich will. Und deswegen spare ich schon die ganze Zeit für ein kleines Studio, das ich mir noch diesen Herbst zulege. Und dann wird erst die Post abgehen.

FP: Wie beurteilst Du Berlin nach dem, was hier produktionsmäßig abgeht? Was meinst Du zum Tresor-Sampler?

TT: Man muß sehen, daß doch noch alles sehr in den Kinderschuhen steckt. Aber momentan sind ja doch einige Leute im Studio und man wird sehen müssen, wie die nächsten Releases aussehen. Die Tresor Compilation ist ganz gelungen, über das ein oder andere Stück kann man sich natürlich streiten. Auf der Frontpage Skala würde ich viereinhalb Sterne geben.

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Cool, das ist auch die einzige Ausgabe die ich noch im Original habe. Von all den DJ-Fratzen warst du immer der Mister No. 1 für mich, was natürlich unsere späteren Kontakte nicht gerade einfacher machte.
    Aber das ist lange her und steht auf einem gaaaanz anderen Papier….

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.