Interview: Frontpage ’95

Wie man an deiner DJ Geschichte sehen kann, gab es einige Breaks, wo du deinen Musikstil geändert hast. Oft waren deine Fans davon vor den Kopf gestoßen. Wie ist es dazu gekommen ?

Tanith: Nach einer Weile ists genug: man versucht, etwas zur Vollendung zu bringen, aber man merkt dann, daß der Musikstil nichts mehr bringt. Das war so mit den Breakcore, mit Hardcore und auch mit den Progressive-Sachen. Diese Stile haben ihre Zeit und irgendwann werden die Produktionen klischeehaft, es kommen keine neuen Elemente hinzu, also könnte man im Grunde auch die alten Platten spielen. Dann suche ich lieber nach neuen Sachen, die daran anschließen. Manches ist gar nicht so weit weg. Das meiste an Musikstilen ist eine Mediengeschichte, denn die meisten haben viel gemeinsam. Sei es die Rhythmik oder die Atmosphäre, es ist lediglich ein anderes Deckmäntelchen drüber. Wie bei Happy-Hardcore damals. Bis zu den Sachen wie Force Mass Motion sind die Leute noch dabei, wenn danach dann Breakbeats kommen, ist der Schritt für die Leute groß, obwohl beides im Grunde zusammenhängt. Das ist eigentlich kein Sprung, sondern eine Weiterentwicklung, die evolutionär von statten geht.

Analog dazu läuft bei dir eine Entwicklung von den eher Industrial-geprägten Wurzeln hin zu Tanith, der mittlerweile auch schwarze Housemusik spielt.

Dabei sehe ich keine Trennung. Wenn ich mir frühe Lil-Louis-Stücke wie Videoclash anhöre, das ist für mich auch Industrial, wie es Ministry mit einem anderen Instrumentarium gemacht haben. Schwarz und Industrial passen schon zusammen. Auch sonntags im Tresor hört man jetzt Sachen, die in anderen Läden vielleicht zu hart wären.

Es liegt also nicht daran, daß du alt geworden bist?

Du kriegst einen anderen Überblick, wenn du dich so lange mit der Musik beschäftigst. Wenn du siehst, was man mit elektronischer Musik machen kann, dann kommt es nicht mehr drauf an. Wenn ich hart hätte bleiben wollen, dann würde ich immer noch Laibach oder Revolting Cocks spielen. Oder auch Foetus, das war härter, als es Gabba heute ist. Aber es ging mir nie um die Härte. Es kommt immer auf die Kombination an.

Hast du da auch aus anderen Bereichen Anstöße gekriegt?

Das ist schon immer ein Grenzgang. Wenn ich 100%ig das machen würde, was ich wollte, dann wäre da auch Metal, HipHop oder Dub mit bei. Aber das kann man einem Publikum, das nicht darauf vorbereitet ist, nicht zumuten. Ich kann nicht in irgendeinen Laden gehen und nur spielen, was mir Spaß macht. Ich spiele House bis Techno, was so ungefähr 70% von dem ist, was ich höre. Die anderen 30% behalte ich für mich, weil das bestimmt sehr viele auf einem Rave z.B. gar nicht kapieren würden. Wenn die Möglichkeiten gegeben wären, also vielleicht auch mal ein brauchbarer CD-Player vorhanden ist und nicht diese Hifi-Schrott-Dinger, dann würde ich soetwas auch mit einfließen lassen. Im Tresor habe ich das ab und zu schon gemacht. Da spiele ich die ersten 2 Stunden Jungle, da sind nicht so viele Leute da und die, die da sind, stört es nicht. Ob ich die Metal-Sachen auch bringe, weiß ich nicht. Aber es kommt die Zeit, wo das machbar ist. Aber im Moment ist es noch nicht soweit. Ich habe auch jeden Tag mit Musik zu tun, ich setze mich jeden Tag damit auseinander und so ist es für mich einfacher, nachzuvollziehen, warum da jetzt ein vermeintlicher Stilwechsel erfolgt. Während es für Leute, die Techno nur am Wochenende durchziehen, nicht so einfach ist.

Du warst mal das Flagschiff des Hardcore. Wie wichtig war das damals, wie wichtig ist es Dir heute?

Für mich ist Hardcore nach wie vor ein gewisser Lebensstil. Fälschlicherweise betrachten viele Hardcore als gleichbedeutend mit Gabba, weil beide zur gleichen Zeit entstanden sind. Ich meinte damit immer einen, anderen, harten Lebensstil. Raven im Maximum. Mittlerweile gibt es so viele, die ihr Leben lediglich durch Techno bestreiten, in dem Riesending arbeiten, dort ihr Auskommen haben, am Wochenende auf Parties gehen, dort Leute kennenlernen, mit denen was zusammen machen, vielleicht mit denen arbeiten. Das ist für mich eigentlich Hardcore. Ein Leben nur im Ravebusiness.

Das machst Du auch so?

Nicht mehr so extrem wie früher. Wenn Du das drei Jahre machst, dann hat sich das nach einer Weile erledigt. Du kennst jede Nuance, jeden Zustand deiner Freunde, jeden deiner eigenen, jede Paranoia. Für mich gibt es mittlerweile andere Sachen. Anstelle jede Woche in einen Technoladen zu gehen, gehe ich auf Metal-Konzerte oder fahre an den See. Es gibt Sachen wie La Fura dels Baus (spanische AnarchoTechnoZirkus-Show), die ein bißchen anders sind.

Wirst du da auch mal aktiv?

Bis jetzt bin ich da nur im Publikum. Mir ist Veranstalten zu stressig. Andere Leute haben da ein Gefühl für, denen macht es Spaß, die können gar nicht anders, als ständig zu telefonieren. Ich mag das nicht und deswegen mache ich es auch nicht.

Nach dem Abstecher in Richtung Breakbeats kam dann deine populäre Phase im Walfisch und später auch im Exit, was musikalisch das gleiche war. In beiden Läden hast du mit DJ Spezial einen Happy-Stil geprägt, der im Prinzip der Vorläufer des Kommerz-Techno von heute war. Frustriert dich der Erfolg der Leute, die heute auf dieser Schiene fahren?

Nö, das geht mir am Arsch vorbei. Damals war das ganze innovativ und keiner hat das kommerzielle Potential darin gesehen. Es waren zwar auch “Hits” dabei, wie die Brainstorm Sachen aus Italien, aber auch die waren nie in irgendwelchen Charts. Für mich war das auch kein Thema, es war einfach neue, frische Musik, die nach House und Techno oder anderen, komplizierten Strukturen einfach die beste AfterHourMusik bot. Das war ohne Überlegung richtige “Bauch”-Musik für Europäer. Die Amis haben ihr House in verschiedenen Spielarten und die werden hier in Europa alle als etwas besonderes gehandelt, weil es den “Groove” hat, weil es Tradition hat oder was weiß ich. Wenn wir nicht auch mal anfangen, egal, ob es kommerziell ist oder nicht, werden wir auch nie irgendwelche Wurzeln entwickeln können. Einen Stil nur deswegen zu dissen, weil er einfach ist, das kann doch nicht der Sinn der Sache sein. Wenn die Musik tatsächlich auch dem Bauch kommt, dann haben kommerzielle Sachen auch ihre Berechti-gung. Also, die billigste Kommerz-Scheiße mit Micky Mouse-Stimmen oder immer den gleichen Produktionsmitteln mal ausgenommen. Sowas wie “Hardcore Vibes” hätte ich damals z.B. nicht gespielt, da paßt doch nichts zusammen. Wenn wenigstens hintendran noch was dialektisches käme, wär es ja okay, aber mit dieser billigen Melodie für die ganze Familie, ich weiß ja nicht. Da wird ganz genau geguckt, ob das bei den Massen auch ankommt. Die Platten von No Respect hat z.B. jeder verflucht damals, ein paar davon fand ich halt richtig geil, weil die englischer waren als irgendwelche Engländer. Was jetzt jemand wie Blu Peter in England derzeit so hoch lobt, dieses NewNRG Zeug, hatten wir hier schon vor ein paar Jahren.

Also ist die Musik immer noch dein Interesse Nummer eins?

Die Musik sollte bei einem DJ immer die Nummer eins sein, oder zumindest die Nummer zwei.

Bist du nie in Versuchung geraten, das ganze mal für viel Geld zu verkaufen? Gab es da nie Leute, die an dich rangetreten sind mit der Absicht, viel Kohle mit dir zu machen?

Die Chance hätte ich zweimal gehabt, aber was hat man davon? Ein halbes Jahr lang scheffelst du Kohle und kannst danach deinen engsten Freunden nicht mehr ins Gesicht sehen, weil ich das, was ich in 32 Jahren bei mir kultiviert habe, verraten müsste.

Deine Ideen sind also nichts für die großen Massen? Das wäre dann Verrat?

Wenn meine Ideen, mein Ding, so wie ich es verstehe an die große Masse ging, dann wäre das okay, aber in dem Moment, wo Leute hinter dir stehen und sagen: Wir machen dich zu dem und dem, dann ist es vorbei mit mir. Aber ich habe nichts dagegen, wenn 5.000 oder 50.000 Leute einen anderen Geschmack entwickeln, der neben dem ausgetretenen Weg liegt, wo man ein bißchen unter die Oberfläche sieht. Dagegen habe ich natürlich nichts. Aber so, wie man es im Moment vorgemacht kriegt, geht alles in eine Richtung, alles ist gleich oder es werden Sachen betont, die völlig unwichtig sind. Bei jedem Hype geht es nicht um die Musik, sondern um die Verpackung, ums Image, das produziert wird, um die Musik zu verkaufen. Eigentlich muß das andersrum laufen, die Musik verkauft sich und darüber ergibt sich ein Image. Ein Frank Zappa zum Beispiel, der denkt krude, dem wird dann auf die Finger geschaut. Heute ist es genau andersrum, wenn jemand Tarnklamotten trägt, dann muß der auch eine bestimmte Musik machen. Das ist die gleiche Verdummung, wie sie auch im Fernsehen stattfindet, wo Leute Sachen kaufen, die sie nur im Abbild sehen können. Das will ich mit mir nicht machen lassen.

Du warst mit Cyberspace einer der Originators der berliner und der deutschen Techno-Szene. Gab es damals Kollegen, die dich beeinflußt haben und gibt es heute neue DJs, die dich beeindrucken?

Beeinflußt kann man nicht sagen, es gab aber immer einen Austausch. Wir waren 4, 5 DJs, haben in dem gleichen Laden eingekauft (Hardwax), das waren Jon, Motte, Rok, Kid Paul und ich. Aber ich wußte immer, daß ich nicht auf das raus will, was die anderen wollen, weil die alle mehr oder weniger auf House aus waren. Mein Stil lag zwischen Industrial, EBM, Noise und dem, was dann mal zu Techno wurde. Was den Nachwuchs angeht, sehe ich da keine neuen, charismatischen Persönlichkeiten. Die, die den Ton angeben, sind immer noch von der alten Garde. Es wächst einfach nichts nach. Es gibt nur junge Leute, die die Großen bewundern und genauso sein wollen. Es gibt schon vielversprechende Ansätze, aber entweder spielen sie gute Musik, kriegen das mit der Persönlichkeit aber nicht rüber oder sie sind richtig coole Leute, spielen aber Scheiß-Musik. Die glückliche Kombination, die es bei der ersten und auch noch der zweiten gegeben hat, trifft heute keiner mehr. Ich denke immer, die Leute sollten was aus sich machen. Wenn man wie ein Schnuller in der Gegend rumsteht, dann macht man auch Schnuller-Musik, weil einem die Leute auch nichts anderes abnehmen. Hinter der Musik muß Persönlichkeit stehen. Ich finde es schlimm, wenn bei den Leuten immer nur Techno rauskommt und nichts eigenes, anderes.

Davon hast du als 32jähriger DJ auch bestimmt mehr als ein 17jähriger Azubi in der Provinz.

Ey, ich komme aus Wörrstadt, hab da bis 20 gewohnt, und als ich nach Berlin wollte, haben mir alle erzählt, da würde ich es nie schaffen, weil es da so viele “abgefahrene” Leute geben würde. Damit gibt es kein Problem. Wenn jemand wirklich was im Schädel hat, schafft ers in jeder Stadt. Es kommt nicht darauf an, woher du kommst, sondern was du aus dir machst, inwieweit du deinen Idealen treu bleibst.

In einem Interview mit VIVA hast du Mayday kritisiert und angedeutet, daß du dort nicht mehr auflegen wirst. Du meintest, daß die Mayday dir als Veranstaltung nicht mehr gefallen würde. Gibt es ein Konzept von dir, wie es anders laufen könnte?

Das Konzept der Mayday finde ich nicht schlecht, immerhin ist es nach wie vor der amtlichste Rave von allen. Ich finde es lediglich scheiße, wie man dort als Mayday-Artist behandelt wird. Ich habe meine Interview-Termine nicht gesagt bekommen, in meinem Vertrag stand auch noch drin, daß ich mich damit einverstanden erkläre, wenn Bildmaterial von mir mit anderer Musik unterlegt würde. Auf so einen Scheiß lasse ich mich nicht ein, ich sehe nicht ein, daß ich, wenn ich nicht auf diese Art Techno stehe, mich als Mayday-Artist nicht davon abgrenzen kann. Ich möchte eben ein anderer Teil der Mayday sein und nicht mit irgendwelcher anderen Musik unterlegt werden.

Wie soll es anders laufen?

Ich glaube, die Veranstalter wissen, daß ich bei der Mayday eh nicht so gut aufgehoben bin, es gibt Kollegen, die gleichen sich besser an als ich. Für mich ist es eine Möglichkeit zu zeigen, daß es noch andere Musik geben kann, deswegen bin ich auch gerne so spät dran. Ich kam mir einfach bei den letzten Maydays hintangestellt vor, oder eigentlich schon wie ein Störenfried. Darauf habe ich keinen Bock. Wenn sie mich nicht mehr wollen, dann hätten sie es mir längst sagen können. Aber das so hintenrum zu erledigen, das brauch ich nicht. Außerdem erwarte ich auch von einem so großen Rave ein bißchen Understatement. Daß man eben nicht zwei Wochen vor der Mayday noch einen Flyer raushaut, auf dem sich alle wieder ganz toll finden. Es ist ausverkauft, da braucht die Scheiße doch kein Mensch. Hinter sowas kann ich nicht stehen. Irgendwie sollte Techno was besseres sein als alles andere, sonst bräuchten wir ja nicht mehr stolz drauf zu sein.

Wie lange macht Tanith noch weiter?

Solange es Spaß macht. Im Moment macht es sehr großen Spaß in einigen Gegenden, in anderen nicht, aber das ändert sich auch wieder. Wenn ich irgendwann mal ein halbes Jahr nur Scheiß-Gigs habe, dann mache ich was anderes. Aber solange ich Leuten Musik näher bringen kann und die kapieren das, solange höre ich nicht auf.

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Ha, die hab ich noch im Keller irgendwo. Könnte man ja auch mal wieder rauskramen und drin schmökern, wenn das meine Augen heute noch mitmachen.

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.