Tourbericht: Mayday Polen

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Aufgrund einiger Anfragen möchte ich die alte Rubrik Tourtagebuch einmalig reaktivieren, die älteren unter uns werden sich erinnern, das ich zu Anfangszeiten dieses Blogs so ziemlich jeden Gig in einem Review rekapitulierte, genau das möchte ich jetzt mit meinem Auftritt bei der Mayday Polen wiederholen.
Schon im Vorfeld hatte ich mich lieber für die Flugoption entschieden, weil der Blick in den Bahnfahrplan eröffnete, das die knapp 550 km nach Kattowicz mindestens neun bis zehn Stunden brauchen würden. Also Flugzeug, was zwar auf anderer Ebene ebenfalls der absolute Wahnwitz ist, es gibt keine Direktflüge von Berlin, als hin über Frankfurt und weiter nach Krakau, dabei nochmal runter auf Berlin winken, das man vor kurzem erst verlassen hatte. Zurück über München, ökologisch ist das nicht. Aber auch aus anderem Grunde war ich froh nicht die Zugkarte gezogen zu haben, denn der GDL Streik hätte das ziemlich unmöglich gemacht, konnte man aber zur Zeit der Buchung nicht ahnen, Glück gehabt.

Nun hieß es also erstmal nach Tegel kommen, normalerweise nehme ich die S2 bis Gesundbrunnen und fahre bis Beusselstr mit der Ringbahn weiter um dann mit dem Airport Express die letzten Meter zu nehmen, ging aber nicht wegen des Streiks. Also doch mit dem Auto, zumindest bis zur Haltestelle des Airport Express, wo keine Parkgebühr anfällt. Pustekuchen, denn die Idee hatten ca. Tausend andere auch, nach zwei Runden von jeweils ca. 2 km Länge gab ich auf und biss in den sauren Apfel den Flughafen Parkplatz zu nehmen, mit der Gewissheit das allein das Abstellen dort mit ca. 60 € zu Buche schlagen würde.
Flug war nicht der Rede wert, normal wie immer, früher hatte ich mal ausgerechnet das ich mehr geflogen als U-Bahn gefahren bin, das ist einige Zeit her und dürfte sich mittlerweile wieder zugunsten der BVG verschoben haben. Ich saß bei Raphael Dincsoy, aka Rapha und seiner Bande und die knappe Stunde Flug verging wie in selbigem.

Angekommen in Krakau spuckte der Lufthansa Jet auch noch Talla und Taucher aus, die hatte ich beim Einsteigen gar nicht bemerkt. Bei unserem Shuttlebus sammelten sich dann noch ATB, Tommy Fourseven und irgendwelche mir nicht bekannten schlechtgelaunten, wahrscheinlich Trancehanseln, aus. Ca. eine Stunde braucht’s von Krakau nach Kattowicz, was leider im Dunklen passierte, so das man nur wenig vom Land mitkriegte, also unterhielt man sich. Erste Feststellung: so ziemlich jeder alternde DJ hat sich mehr oder weniger auf’s Land oder den Stadtrand zurück gezogen.

Untergekommen waren alle Artists im Best Western Hotel, guter Standard also und das Abendessen ging auf Maydaykosten, yay! So traf man sich im Restaurant wieder, Talla, ATB, Taucher und ich an einem Tisch, hat man auch nicht alle Tage. So wie andere bei Tisch nicht über Politik reden, ließen wir Gespräche über musikalische Vorlieben lieber außen vor, dann geht das schon. Stattdessen ging’s eher um Landleben und Musik in meta, also Business, bzw. wie anders alles geworden ist, da durfte natürlich Streaming nicht fehlen und ich düpierte die Runde, glaube ich, ein wenig mit der Aussage das es mir persönlich lieber ist wenn die Kids die Musik klauen, anstatt sie zu streamen, weil so wenigstens keiner reich wird anstatt die falschen. Beim Blick auf die Abrechnungen kam dann aber doch mehr oder weniger Zustimmung auf, aber dazu schreib ich nochmal gesondert was.
Danach verabschiedeten sich alle entweder zur Abfahrt zum Gig oder ins Bett, ich in letzteres, denn ich sollte mal wieder das Ende des Classic Floors bestreiten.
Für mich war das spannend, man sollte ja meinen Classics, das sind eh nur Hits, das geht immer, aber weit gefehlt. Mittlerweile sind schon einige Generationen durch Techno gegangen und jene die Anfang oder Mitte der 2000er erst reingekommen sind kennen viele der frühen Sachen gar nicht und stehen dann da wie der Ochs vor’m Berg, so richtige Veteranen finden alles nach 93 oder vielleicht 96 zu neu und werden mäkelig. Hier kam noch die Prämisse Polen dazu, was kennen die da? Wann wurden die musikalisch sozialisiert und wie alt ist der Durchschnitt da? Als ich kam war gerade ATB dran und die Leute schmissen sich bei dem Trancekram mächtig ins Zeug. Ich übernahm dann ab 5:30 und zog mehr ins Technofach rüber, klappte gut um nicht zu sagen super, keine Massenabwanderung whatsoever. Kein Unterschied zu den Classics hier, außer das man vielleicht nicht so sehr in die Nischen rein konnte, aber das ist bei anderthalb Stunden auch kaum möglich, ohne das man dann in einer Nische hängen bleibt und das Licht angeht bevor man wieder raus ist.

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Das Licht ging um 7:00 an und ich mußte nach Standing Ovations noch für die unvermeindlichen Fotos mit Ravern bereit stehen. Hatte ich so nicht erwartet, weil wer bin ich schon in Polen? Aber viele kannten mich tatsächlich, erzählten mir wie oft sie in Berlin waren, im Tresor oder auch im Suicide. Eigentlich auch nicht verwunderlich, sind schließlich nur 550 km, das ist näher als München oder Frankfurt. Die Bilderarie gestaltete sich auch gar nicht unangenehm oder aufdringlich, das lief alles sehr freundlich und ungezwungen ab, aber dauerte. Am Ende war schon fast alles wieder abgebaut und kein Verantwortlicher mehr zu sehen. Die Suche nach dem Büro gestaltete sich dann etwas unübersichtlich, obwohl das Gebäude rund war, aber eben auch riesig, auch hier gab es mindestens vier Floors. Dann zurück ins Hotel, nun war es schon etwas heller und Kattowicz sah aus wie eine schnuckliges ostdeutsches Städtchen vor 10 Jahren, alt schmiegt sich an neu und es ist noch viel Patina vorhanden, die hierzulande längst übertüncht wurde.

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Jetzt hatte ich noch ca. zwei Stunden um meine 4 Stunden Schlaf auf 6 upzugraden, bevor der einstündige Rückweg nach Krakau anstand. Mit mir im Shuttle wieder die schlechtgelaunten, vermutlichen Trancer, nichtmal ein Verabschieden am Flughafen, stattdessen wortloses auseinander stieben, wahrscheinlich sieht man sich eh nie mehr im Leben, die zwei Mal haben wir ja jetzt hinter uns gebracht.

Rückflug also über München und zurück in Berlin fuhren die Bahnen zwar wieder, brachte mir aber nix, Auto wartete ja am Flughafen. Die Rückfahrt ins beschauliche Karow gestaltete sich dann aufgrund der 25 Jahre Mauerfall Feierlichkeiten natürlich etwas komplexer als gewohnt. Zum Beispiel war deshalb ausgerechnet die Böse Brücke an der Bornholmer Straße gesperrt, was eigentlich paradox ist, war doch das die erste Stelle die damals AUF ging. Nun ja. So kam ich in den unfreiwilligen Genuß Teile der Ballonmauer abzufahren, die zu den Festivitäten nochmal den Verlauf aufzeigen sollte. MENSCHENMASSEN! Es war tatsächlich so als würde die Mauer erneut aufgemacht werden. Gut das ich mich auskenne und Schleichwege nehmen konnte, die, wie es der Zufall so will, genau an den beiden Häusern vorbei führte in denen ich seit 95 im Prenzlberg wohnte, kein Kilometer von der Stelle entfernt wo damals der Schlagbaum zuerst aufging und wo heute ein Lidl mit lächerlichen Eigentumswohnungen drauf steht, was dem Ort so gar nicht gerecht wird, oder vielleicht doch, wenn man es als Symbol sieht. So dauerte die Strecke Tegel Karow satte anderthalb Stunden, ca. das dreifache was man sonst so braucht, aber sei’s drum, das Mitkriegen der Feierlichkeiten war’s dann doch wert.
Und hier noch der Mitschnitt:

Soundcloud:

Mixcloud mit Playlist:

Tanith @ Mayday Poland by Tanith on Mixcloud

Und ein kurzer Einblick ins Geschehen:

UPDATE: Mehr Bilder von Michal Nowotniak

(Bilder 1 und 2 via ?ukasz Mariusz F. SyntheticVision 3 via Wikipedia )

Kommentare (24) Schreibe einen Kommentar

  1. die autotour war auch mehr zickzack durch europa. dank guenstiger dieselpreise und interkultureller fahrgemeinschaft in long range suv, zumindest umwelttechnisch ok!
    der rest war wie frueher. phantastisch,YEAH! danke.

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  2. Thank you, thank you, thank you, thank you, THANK YOU! It was marvelous set. You saved this night :) Greetings from Poland. Come again ;)

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  3. teils ziemliche Lautstärkeschwankungen zwischen den Tracks in der Set Aufnahme – war das live auch so? Ich hoffe mal nicht… weil das klingt ehrlich gesagt teils wirklich schrecklich! ;-)

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  4. mehr sollch tour geschichten :-)

    grad ma auf die homepage geguckt nunja 3 floors…der interessantes war…der classic floor… mit dir, taucher, talla und kai tracid und dune vom band ? :-D

    vorallem kai tracid mit seinen klein sachen ausserhalb der charts fand ich schon ganz geil damals…die zusammenarbeit mit mijk van dijk,rob acid und ramon zenker auf seim sublabel acid files zb oder seine letzten beiden vinyl releaese die doch sehr deep waren :-) eigentlich schade das der nix mehr groß macht…

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  5. Ahhh.. wie geil! Sehr schönes Stimmungsbild mit euch da im Flieger, am Tisch, am Set… kann mich dank der drolligen Situationsbeschreibung total gut einfühlen… das Set passt. Einfach phatt und derb. Ich hab´s schon mal gesagt: meiner Meinung nach müsste man nen Club für Dich bauen und für den Nachwelt einen riesigen Rechner mitlaufen lassen, der noch nach hundert Jahren Deinen Stye aus ca. 1000 alten Scheiben und 2000 neuen Tracks auf ewig reproduziert. Du musst nur noch ca. zehn Jahre einspielen und dat Ding würde ewig laufen… hahahah… TECHNO!

    sorry… bin angesichts der Mucke wieder naturstoned :-)

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  6. Super Kolumne – unbedingt weitermachen! Nächstes Mal dann mehr ins Detail gehen. Was die alternen Ravemeister zu erzählen hatten hätte mich dann doch sehr interessiert. Ein paar davon kenne ich noch aus dem letzten Jahrtausend.

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  7. Ja, bitte reaktivieren. Ein sehr langer aber trotzdem zu kurzer Bericht, sehr unterhaltsam. Talla, Taucher, Kai Tracid, …alter Schalter. Früher schwebten diese Frankfurter in Regionen, die hatten doch alle einen eigenen Flieger. Heute zusammen mit einem Techno-Punk aus Berlin am Tisch. Das ist saukomisch :-)

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  8. Sorry bin so auf Krachgarten 3 hängengeblieben ohne dieses Set zu würdigen !! Danke das du es doch noch rausgehauen hast !!! Alte Schule ist die beste Schule !!!!! ;)

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  9. Und das letzte, der Rausschmeißer, ist sowieso immer noch mein persönliches Highlight ! Das neue ( Riton ) ist natürlich auch nicht von schlechten Eltern !! :)

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  10. Was ich auch Gut finde ist, das man auf dem Floor wirklich tanzende Menschen sieht und keine stehende Masse mit leuchtenden Handydisplays über den Köpfen …

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  11. “so ziemlich jeder alternde DJ hat sich mehr oder weniger auf’s Land oder den Stadtrand zurück gezogen.” – Genau! Und es war eine der besten Ideen überhaupt :) Mit 30 anvisiert, mit 40 geplant, mit 45 umgesetzt und jetzt glücklich auf’m Dorf. Vierseitenhof, großes Musikzimmer, 24h pro Tag Lärm machen ohne jemand zu stören, aber in 30 Min in Wannsee, in 60 Min am Alex.

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  12. finde ich klasse, dass du das Tourtagebuch reaktiviert hast. Mich würden auch die Geschichten der polnischen Rave-Veteranen interessieren … wie die Berlin erlebt haben usw.

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  13. Bis auf das Mayday Zeichen müsste das eigentlich immer so sein, mit dem großen TANITH Schriftzug usw. !!! ;)

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  14. Überhaupt sind Event-Reviews völlig zu Unrecht aus der Mode gekommen… Wenn man dann doch mal was liest, dann so halbherzig wie z.B. in der Groove…

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