Buch Review: Jürgen Teipel – Mehr Als Laut


Wieso Suhrkamp dieses Buch so stiefmütterlich behandelt entzieht sich meiner Kenntnis, schließlich ist es schon etwas länger draußen und ich wurde eigentlich erst darauf aufmerksam, weil Wolle XDP bei der dazugehörigen Lesetour aufgelegte – anderthalb Jahre nach Release. Zumal Jürgen Teipel’s „Verschwende Deine Jugend“ damals ja wirklich ein Meilenstein für das Format Oral History und Verarbeitung der deutschen Punkbewegung darstellte. Nun gut, das es nicht ganz so grandios wie der Vorgänger werden würde, das bremst Teipel ja schon selbst im Vorwort aus, zwar ist die Form ähnlich, Oral History, aber die Perspektive auf das Thema ist offensichtlich eine andere, weniger involviert und so beschränkt es sich hauptsächlich auf Befindlichkeitsbekundungen von nichtsdestotrotz interessanten Persönlichkeiten des Technorummels wie Acid Maria, Dirk Mantei, dem damaligen Macher des Milk! in Mannheim, Richie Hawtin, Andi Teichmann, Hell, Koze, Hans Nieswand, Mark Reeder, Micheal Mayer, Miss Kittin, Pacou, oder Kristian Beyer von Innervisions/Ame. Regional also wenig eingegrenzt und trotzdem bleibt die Sache überraschend homogen.
Zwar erfährt man z.B. im Falle von Mantei, Anki und Beyer auch viel über deren eigene Geschichte, aber das mündet dann größtenteils eben auch in Befindlichkeiten, sei es die ungerechte Geschlechterverteilung und den Kampf dagegen bei Acid Maria oder das Technoleben in Form eines Plattenladens mehr oder minder in der Provinz von Karlsruhe. Dazu noch ein bisschen Techno Jetset in Mexiko und Erzählungen von anderen Orten der Welt wo es einen als DJ halt so hinverschlagen kann.
Im Grunde ist das Buch sogar veraltet, denn die meisten Gespräche fanden so um 2003 statt, das tut dem Buch jedoch keinen Abbruch, sondern macht es, zumindest für mich, interessanter. Das ist ja jetzt schon, im Nachhinein besehen, eine nicht nur musikalisch, längst vergangene Ära, als man noch Plattenkoffer durch die Geografie wuchtete, die Digitalisierung noch nicht so durchhaute und die Gagen auch noch andere waren, so das man Fimmel entwickeln konnte, wie z.B. in Duty Free Shops Kosmetik zu kaufen. Es war die Zeit als Hell mit Electroclash gerade seinen Höhenflug hatte und das merkt man seinen Aussagen auch deutlich an. Andererseits kennt man Kristian Beyer heute eher eher als Teil von Ame, denn als Plattenladen Betreiber und Andi Teichmann’s Werdegang vom allseits gebookten DJ zum Goethe Institut Networker ist auch interessant nachzuvollziehen. Was in so relativ kurzer Zeit alles anders werden kann.
Dankenswerterweise befragt das Buch am Ende die Protagonisten nach ca. 10 Jahren zu ihren Werdegängen und wie sie über den Weg und ihre Aussagen von damals heute denken, was für mich das Buch erst rund macht. Kaum einer ist noch in derselben Position wie damals und die Wege sind schon sehr unterschiedlich.
Ein schönes Buch zum lockeren Weglesen, machmal vielleicht zu sehr in DJ Befindlichkeiten verheddert, nicht wirklich essentiell, aber allemal dazu geeignet aufzuzeigen, das bei Karrieren in der Branche, wenn man davon überhaupt sprechen mag, meist kein Stein auf dem anderen bleibt, die Wege in viele Richtungen gehen und unergründlich sind. Also die klassische Frage „Und wo sehen Sie sich in 10 Jahren?“ wird nach diesem Buch zumindest nicht einfacher zu beantworten sein.

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