Thema der Woche 9: Die Frontpage. Ein ehemaliger Insider packt aus
Es muß so 1990 gewesen sein, als ich Jürgen Larmann kennenlernte. Zu dem Zeitpunkt war mir die Frontpage schon ein Begriff, das kleine Kostenlosblättchen hatte schon einen gewissen Weg hinter sich gelegt, von Talla’s Technoclub Hauspostille über Beileger zu irgendeiner Musikzeitschrift bis zu einer kleinen, eigenständigen Zeitung für Elektronische Musik. Was damals und besonders eben unter Talla’s Ägide vornehmlich Front 242 und deren Epigonen, die sich auch auf seinen Labels wie Zoth Ommog tummelten, bedeutete. JL studierte in Berlin und hatte mit dem Heft zu tun, zur gleichen Zeit entdeckte er, wie Techno hier in Berlin definiert wurde und wollte das ins Heft integrieren. So kam es zur dieser Spaltung Berlin-Frankfurt. Ich fing an Plattenkritiken für die FP zu schreiben und der Technoteil wie er der Berliner Definition entsprach nahm von Ausgabe zu Ausgabe zu. Nicht zur Freude der Frankfurter Fraktion, die das alles finanzierte und zunehmend ihre Felle davonschwimmen sah. Die Anfeindungen und Missgunst traten immer offener zutage, Armin Johnert lieferte sich mit mir in den Plattenkritiken Wortgefechte, die außer uns wahrscheinlich keiner mitbekam, aber umso mehr Spaß machten.
Die Plattenflut der zu besprechenden alten EBM-Industriíalschule wurde dabei immer dünner, während die der berliner Defintiion von Techno Monat zu Monat anschwoll, ich hatte also zunehmend mehr Platz für meine Auslassungen und Johnert weniger für Retourkutschen. Das Ende davon war, glaube ich, ein Satz von Johnert in der Art von “Tja, die Technos haben’s einfacher, Trainingsanzug, Raverhütchen und schon hat man Gemeinschaft” was ich noch mit “Von Techno lernen heißt siegen lernen!” konterte, danach war Schluß mit dem Wortkampf und die Definitionshoheit von Techno in Berlin gelandet, wo man doch ursprünglich gedachte den Begriff Techno auf die quasi über Nacht veraltete Frankfurtvariante zu eichen. Verständlich das Talla’s, Interesse an seinem entarteten Baby schwand und irgendwann war die FP ganz in JL’s Hand und in Berlin verortet. Die komplette Produktion fand zu dieser Zeit in JL’s Neukölner Bude statt, ich schrieb meine Rezensionen zuhause auf einem Apple Classic II und brachte einmal im Monat alles auf Diskette rum. Dort lebte er inmitten von Papierstapeln auf denen die neuesten Entwürfe und fertigen Seiten der gerade produzierten FP verstreut lagen, mehr Platz war nicht. Ab und zu machte ich dann auch mal Interviews, unter anderem führte ich das erste Interview mit Underground Resistance – per Fax. Die nächste Station der FP war Kreuzberg, JL hatte sich dort in ein Büro eingemietet, passenderweise saß in der anderen Hälfte ein Heavy-Metal Magazin, die Infrastruktur konnte man sich teilen. Das hieß zu der Zeit halt noch hauptsächlich Fax und Telefon, ISDN oder Internet waren anno 92 noch Zukunftsmusik. Hier wurde auch Bash Records gegründet, als konsequente Weiterführung der zunehmend kompromisslosen Line, die die Frontpage zu dieser Zeit fuhr. Wir wollten Berlin’s erstes Technolabel gründen, klar gab es da noch Low Spirit, aber die nahm seinerzeit eigentlich keiner ernst oder rechnete denen Relevanz zu, zumindest wenn es um Techno ging. So kam es, das meine Bürobesuche häufiger wurden, was sich ganz gut mit den zwei Nachmittagen vertrug, die ich im Hardwax verbrachte, auf dem Rückweg nach Schöneberg, wo ich seinerzeit wohnte, lag das quasi auf dem Weg. Hier lernte ich schon Laarman’s Gier kennen, man durfte nichts essbares unbeobachtet liegen lassen. Wie oft ist mir passiert, das nachlässig hingelegte Schokoriegel, oder anderes Naschwerk, beim nächsten Hingreifen weg waren, das Wickelpapier fand sich regelmäßig irgendwo in seiner Nähe, ein Wort wurde darüber nie verloren.
Aber auch diese Station währte nicht lange,nach einem kurzen und unproduktiven Intermezzo im Planetbüro ging’s nach Schöneberg, in die Nollendorfstraße. JL expandierte nicht nur körperlich, sondern auch geschäftlich. Die Tage des Einmannblattes waren vorbei, für Grafik, Artikel und Kritiken waren Leute da, ich aber mittlerweile raus. JL’s Verbandelung mit Low Spirit, Loveparade und Mayday führten zu einem unangenehmen Größenwahn, der dazu führte das ich mich zunehmend abkoppelte, irgendwann ist auch zu Platten alles gesagt und das eigene Vokabular aufgebraucht. Man blieb sich freundlich aber distanziert verbunden und der Kontakt riss auch nicht ab, dazu arbeiteten mittlerweile zuviele Freunde dort. Angefangen von Holgi und Armin, die ab 94 die Frontpagetouren planten und managten, über Milli als Fahrer bis zu Tilman als Faktotuum und Leiter des Humorressorts. Zu dieser Zeit glich die Frontpage bereits einem Konzern, Touren, Compilations, einen Fahrtross, der die Frontpage in die entlegensten Winkel der Republik brachten, wenn da nur ein Plattenladen oder Trendstore war, den es anzufahren lohnte. Sowohl bei den Touren, als auch bei den Überlandfahrten der Frontpagepost lernte man natürlich allerorten die Szenegrößen und Aktivisten der jeweiligen Städte kennen. Fear and Loathing über ganz Deutschland müßte der Film heißen, der dazu mal gedreht werden müßte. Auf Touren konnte es passieren das wir erst Dienstag wieder in Berlin ankamen, nachdem man irgendwo in Deutschland für zwei Tage auf einer Afterhour versackt war und ich am Ende meine sogenannten Manager quer durch Deutschland nachhause fuhr. Die Fahrer kamen auch oft Tage später als ausgemacht von ihren Auslieferungsfahrten zurück und hatten zwischenzeitlich hunderte Mark auf Frontpagekosten mit den, damals noch nicht so verbreiteten, Handies verquasselt. Zu dieser Zeit erschien der weitere Aufstieg der Frontpage unaufhaltsam, Techno prägte die Dekade und jeder wollte dabei sein, die Sponsoren standen Schlange. Alles war plötzlich möglich, von Air Rave bis zu Octopussies, für jede noch so schwachsinnige Idee fand sich ein Geldgeber. Geld war innerhalb von ein paar Jahren eine vernachlässigbare Größe geworden, die Frontpage residierte nun am Kudamm, eine der letzten Unterschriften des berüchtigten Bauunternehmer’s Jürgen Schneider war die für den Mietvertrag des Frontpagebüros mit Blick auf’s KaDeWe. Dumm nur, das die Bude bei Sonneneinstrahlung so heiß wurde, das an konzentriertes Arbeiten nicht zu denken war. Bald war man wieder zurück an der Nollendorfstraße, wo die ganze Logistik eh verblieben war. Mit dem Rückumzug war aber auch der Zenit überschritten, es fing an allen Ecken zu knirschen an, die Verpeilung blieb, aber die Euphorie der frühen Tage war dahin, stattdessen schwafelte JL davon ein Magazin europäischen Ranges erschaffen zu haben, ähnlich der Face oder der I-D. Animositäten innerhalb der Belegschaft liessen einen bei jedem Besuch immer erstmal auskundschaften, wer mit wem gerade nicht konnte. Im April 97 war dann soweit, was sich schon lange angekündigt hatte, die Frontpage war Pleite, nachdem der Hauptsponsor abgesprungen war, JL das nichtvorhandene Geld aber schon ausgegeben hatte. Die letzten Tage glichen den Beschreibungen aus dem Fühererbunker, nervös wurde auch noch die kleinste Nachricht aus der unzugänglich gewordenen Kommandozentrale kolportiert. Manche machten sich Sorgen um einen Laarmann der zusehens die Kontrolle, auch über sich selbst, verlor, andere heulten rum, weil nun klar wurde, das die nicht gezahlten Gehälter der letzten Monate nie auf ihrem Konto landen würde, ganz zu Schweigen von den ganzen Leichen die bei solchen Gelegenheiten aus dem Keller ploppen. Schön war das alles nicht, aber besonders berühren tat mich das auch nicht mehr, das Blatt hatte seine besten Zeiten hinter sich, die grafischen Relaunchs und Erweiterung der Themengebiete hatten der Sache nicht gut getan, besser würde es nicht mehr werden, jetzt sowieso nicht mehr. Während die verbliebenen Schreiberlinge die De:Bug gründeten, führten Holgi und Armin ihre Timing Booking Agentur weiter und da nun Ressourcen frei wurden, gründeten wir, als langgehegten Wunsch, ein Label: Timing Recordings.
So, die Augen funktionieren langsam wieder. Schöner Bericht, aber die Farbe des Blogs finde ich immer noch recht grenzwertig.