Thema der Woche 9: Die Frontpage. Ein ehemaliger Insider packt aus

Es muß so 1990 gewesen sein, als ich Jürgen Larmann kennenlernte. Zu dem Zeitpunkt war mir die Frontpage schon ein Begriff, das kleine Kostenlosblättchen hatte schon einen gewissen Weg hinter sich gelegt, von Talla’s Technoclub Hauspostille über Beileger zu irgendeiner Musikzeitschrift bis zu einer kleinen, eigenständigen Zeitung für Elektronische Musik. Was damals und besonders eben unter Talla’s Ägide vornehmlich Front 242 und deren Epigonen, die sich auch auf seinen Labels wie Zoth Ommog tummelten, bedeutete. JL studierte in Berlin und hatte mit dem Heft zu tun, zur gleichen Zeit entdeckte er, wie Techno hier in Berlin definiert wurde und wollte das ins Heft integrieren. So kam es zur dieser Spaltung Berlin-Frankfurt. Ich fing an Plattenkritiken für die FP zu schreiben und der Technoteil wie er der Berliner Definition entsprach nahm von Ausgabe zu Ausgabe zu. Nicht zur Freude der Frankfurter Fraktion, die das alles finanzierte und zunehmend ihre Felle davonschwimmen sah. Die Anfeindungen und Missgunst traten immer offener zutage, Armin Johnert lieferte sich mit mir in den Plattenkritiken Wortgefechte, die außer uns wahrscheinlich keiner mitbekam, aber umso mehr Spaß machten.
Die Plattenflut der zu besprechenden alten EBM-Industriíalschule wurde dabei immer dünner, während die der berliner Defintiion von Techno Monat zu Monat anschwoll, ich hatte also zunehmend mehr Platz für meine Auslassungen und Johnert weniger für Retourkutschen. Das Ende davon war, glaube ich, ein Satz von Johnert in der Art von “Tja, die Technos haben’s einfacher, Trainingsanzug, Raverhütchen und schon hat man Gemeinschaft” was ich noch mit “Von Techno lernen heißt siegen lernen!” konterte, danach war Schluß mit dem Wortkampf und die Definitionshoheit von Techno in Berlin gelandet, wo man doch ursprünglich gedachte den Begriff Techno auf die quasi über Nacht veraltete Frankfurtvariante zu eichen. Verständlich das Talla’s, Interesse an seinem entarteten Baby schwand und irgendwann war die FP ganz in JL’s Hand und in Berlin verortet. Die komplette Produktion fand zu dieser Zeit in JL’s Neukölner Bude statt, ich schrieb meine Rezensionen zuhause auf einem Apple Classic II und brachte einmal im Monat alles auf Diskette rum. Dort lebte er inmitten von Papierstapeln auf denen die neuesten Entwürfe und fertigen Seiten der gerade produzierten FP verstreut lagen, mehr Platz war nicht. Ab und zu machte ich dann auch mal Interviews, unter anderem führte ich das erste Interview mit Underground Resistance – per Fax. Die nächste Station der FP war Kreuzberg, JL hatte sich dort in ein Büro eingemietet, passenderweise saß in der anderen Hälfte ein Heavy-Metal Magazin, die Infrastruktur konnte man sich teilen. Das hieß zu der Zeit halt noch hauptsächlich Fax und Telefon, ISDN oder Internet waren anno 92 noch Zukunftsmusik. Hier wurde auch Bash Records gegründet, als konsequente Weiterführung der zunehmend kompromisslosen Line, die die Frontpage zu dieser Zeit fuhr. Wir wollten Berlin’s erstes Technolabel gründen, klar gab es da noch Low Spirit, aber die nahm seinerzeit eigentlich keiner ernst oder rechnete denen Relevanz zu, zumindest wenn es um Techno ging. So kam es, das meine Bürobesuche häufiger wurden, was sich ganz gut mit den zwei Nachmittagen vertrug, die ich im Hardwax verbrachte, auf dem Rückweg nach Schöneberg, wo ich seinerzeit wohnte, lag das quasi auf dem Weg. Hier lernte ich schon Laarman’s Gier kennen, man durfte nichts essbares unbeobachtet liegen lassen. Wie oft ist mir passiert, das nachlässig hingelegte Schokoriegel, oder anderes Naschwerk, beim nächsten Hingreifen weg waren, das Wickelpapier fand sich regelmäßig irgendwo in seiner Nähe, ein Wort wurde darüber nie verloren.
Aber auch diese Station währte nicht lange,nach einem kurzen und unproduktiven Intermezzo im Planetbüro ging’s nach Schöneberg, in die Nollendorfstraße. JL expandierte nicht nur körperlich, sondern auch geschäftlich. Die Tage des Einmannblattes waren vorbei, für Grafik, Artikel und Kritiken waren Leute da, ich aber mittlerweile raus. JL’s Verbandelung mit Low Spirit, Loveparade und Mayday führten zu einem unangenehmen Größenwahn, der dazu führte das ich mich zunehmend abkoppelte, irgendwann ist auch zu Platten alles gesagt und das eigene Vokabular aufgebraucht. Man blieb sich freundlich aber distanziert verbunden und der Kontakt riss auch nicht ab, dazu arbeiteten mittlerweile zuviele Freunde dort. Angefangen von Holgi und Armin, die ab 94 die Frontpagetouren planten und managten, über Milli als Fahrer bis zu Tilman als Faktotuum und Leiter des Humorressorts. Zu dieser Zeit glich die Frontpage bereits einem Konzern, Touren, Compilations, einen Fahrtross, der die Frontpage in die entlegensten Winkel der Republik brachten, wenn da nur ein Plattenladen oder Trendstore war, den es anzufahren lohnte. Sowohl bei den Touren, als auch bei den Überlandfahrten der Frontpagepost lernte man natürlich allerorten die Szenegrößen und Aktivisten der jeweiligen Städte kennen. Fear and Loathing über ganz Deutschland müßte der Film heißen, der dazu mal gedreht werden müßte. Auf Touren konnte es passieren das wir erst Dienstag wieder in Berlin ankamen, nachdem man irgendwo in Deutschland für zwei Tage auf einer Afterhour versackt war und ich am Ende meine sogenannten Manager quer durch Deutschland nachhause fuhr. Die Fahrer kamen auch oft Tage später als ausgemacht von ihren Auslieferungsfahrten zurück und hatten zwischenzeitlich hunderte Mark auf Frontpagekosten mit den, damals noch nicht so verbreiteten, Handies verquasselt. Zu dieser Zeit erschien der weitere Aufstieg der Frontpage unaufhaltsam, Techno prägte die Dekade und jeder wollte dabei sein, die Sponsoren standen Schlange. Alles war plötzlich möglich, von Air Rave bis zu Octopussies, für jede noch so schwachsinnige Idee fand sich ein Geldgeber. Geld war innerhalb von ein paar Jahren eine vernachlässigbare Größe geworden, die Frontpage residierte nun am Kudamm, eine der letzten Unterschriften des berüchtigten Bauunternehmer’s Jürgen Schneider war die für den Mietvertrag des Frontpagebüros mit Blick auf’s KaDeWe. Dumm nur, das die Bude bei Sonneneinstrahlung so heiß wurde, das an konzentriertes Arbeiten nicht zu denken war. Bald war man wieder zurück an der Nollendorfstraße, wo die ganze Logistik eh verblieben war. Mit dem Rückumzug war aber auch der Zenit überschritten, es fing an allen Ecken zu knirschen an, die Verpeilung blieb, aber die Euphorie der frühen Tage war dahin, stattdessen schwafelte JL davon ein Magazin europäischen Ranges erschaffen zu haben, ähnlich der Face oder der I-D. Animositäten innerhalb der Belegschaft liessen einen bei jedem Besuch immer erstmal auskundschaften, wer mit wem gerade nicht konnte. Im April 97 war dann soweit, was sich schon lange angekündigt hatte, die Frontpage war Pleite, nachdem der Hauptsponsor abgesprungen war, JL das nichtvorhandene Geld aber schon ausgegeben hatte. Die letzten Tage glichen den Beschreibungen aus dem Fühererbunker, nervös wurde auch noch die kleinste Nachricht aus der unzugänglich gewordenen Kommandozentrale kolportiert. Manche machten sich Sorgen um einen Laarmann der zusehens die Kontrolle, auch über sich selbst, verlor, andere heulten rum, weil nun klar wurde, das die nicht gezahlten Gehälter der letzten Monate nie auf ihrem Konto landen würde, ganz zu Schweigen von den ganzen Leichen die bei solchen Gelegenheiten aus dem Keller ploppen. Schön war das alles nicht, aber besonders berühren tat mich das auch nicht mehr, das Blatt hatte seine besten Zeiten hinter sich, die grafischen Relaunchs und Erweiterung der Themengebiete hatten der Sache nicht gut getan, besser würde es nicht mehr werden, jetzt sowieso nicht mehr. Während die verbliebenen Schreiberlinge die De:Bug gründeten, führten Holgi und Armin ihre Timing Booking Agentur weiter und da nun Ressourcen frei wurden, gründeten wir, als langgehegten Wunsch, ein Label: Timing Recordings.

Kommentare (38) Schreibe einen Kommentar

  1. So, die Augen funktionieren langsam wieder. Schöner Bericht, aber die Farbe des Blogs finde ich immer noch recht grenzwertig. ;-)

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    • voll lächerlich so cool warst du doch damals garnicht, die meisten mochten dich nicht, den frust hört man immer noch raus

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  2. Cool,
    Mehr solche Berichte, die die Anfangstage beleuchten, die Dinge beschreiben. Mir wurde neulich klar wie schwer es ist sich zu erinnern wie ich zum Techno kam und wie das vor 10 bis 15 Jahren war. Das ist wirklich sehr intressant, es ist irgendwie die Geschichte unserer Generation und niemand hat damals daran gedacht Fotos zu machen oder das ganze zu archivieren.
    Mehr davon.

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  3. Ich hätte nicht gedacht das Du einen etwas kritischen Bericht schreibst – ich habe eher eine Jubelarie erwartet. Man sieht – Du kannst noch Überraschen.
    Ehrlich gesagt war mir die gesamte Frontpagekiste äußerst suspekt gewesen. OK – man hat sie gelesen , aber ich hatte die meiste Zeit immer das Gefühl gehabt , das die Macher auf einem anderen Planeten lebten. Auf der einen Seite den großen Undergroundking raushängen lassen & alles dissen , was mit Kommerz zu tun hat & dann gleichzeitig die Mayday organisieren , mit Low Spirit befreundet sein & CD Compilations über Polydor rausbrigen – irgendwie wirkt das schon als Gesamtbild unglaubwürdig.
    Natürlich ist die Frontpage ein Stück Technohistory in Deutschland , aber im Laufe der Jahre ist das ganze schon sehr verklärt worden.

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  4. Schöne Geschichtsstunde, vielen Dank dafür!
    Aber dass da Schokoriegel konsumiert wurden – ich bin schockiert!

    @Tanith: Weißt du, was JL derzeit so treibt? Lange nix mehr von ihm gehört…
    (Und ist das eigentlich Absicht, dass du den Namen Laarmann konsequent falsch buchstabierst? :-) )

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  5. Das lechzt nach einem Ergänzungsblog, als wenn nur dort was abgegangen wäre…vor allem den haag vs. rotterdam vs. amsterdam vs hannover vs. hamburg vs. Owl, hrhr – kennt einer hier die BeamBeat (hrhr)?

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  6. is ja doch noch n ganz anständiges geschichtchen geworden..
    ” Weißt du, was JL derzeit so treibt? ”
    vielleicht legt er sich gerade mal wieder n nettes ‘leinchen’ und träumt von güldernen und längst vergangenen zeiten :)

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  7. Nice…an dieser Stelle fällt mir noch, sollte jemand alte FP haben und diese loswerden wollen, würde ich mich über eine kontaktaufnahme freuen… :)

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  8. dank an den shokkaboy für die links. jo, sowas macht der jetzt und die gestrige podiumsdiskussion dazu war, hm, naja, wie soll ich sagen…eher grenzwertig. dachte nicht das eine diskussion über die verbrüderung zwischen techno und hiphop anno 2007 in berlin steigen könnte. bin nun eines besseren belehrt. dachte eher das ist so ein provinzthema, wo man sich über ein genre definiert. grundtenor: beiden szenen geht es schlecht, machen wir mal was zusammen, damit die ökonomie mal wieder stimmt.
    wobei ich mich frage, wie man auf die idee kommt techno ginge es schlecht? klar, finanziell ist da wenig drin, aber seitdem techno sich von LS, FP und anderem erholt und somit aus dem fokus derer die damit geld scheffeln wollten raus ist, hat ist er doch eigentlich erst wieder erträglich geworden.
    Die compilation strotzt auf dem cover übrigens mit klassischen laarmannismen: “die compilation. der neue stil. die größten hits” oder “nenn es e-hop. nenn es superlectro. es ist neu! es ist…too hot” hihihi

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  9. Am Anfang war das ein richtig cooles Blatt. Ein Trupp Berlin-Ausflügler brachte das s/w Wurschtblatt damals in die Provinz. Man, war das ein Abenteuer, da stand was drin über Techno :-) War immer schön, nach einer Party, die neue FP mitzunehmen und irgendwann nach der Kühlschrankplünderung genüsslich zu lesen. Irgendwann wurde das Ding dann bunt mit merwürdigen Storys und eine Arroganz kam da rüber, dit war nich mehr schön. Von den ganz alten Teilen habe ich noch ein paar. Die neuen bunten Dinger habe ich weggeschmissen. Da gings nur noch um Mayday, seltsame Tracks und irgendwie verpeilt.

    Gestern erst die 030 im Saturn mitgenommen und JL’s Kolumne gelesen. Da gings um E-Hop.

    Tanith, mehr von diesen Berichten ! Klasse !

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  10. “wobei ich mich frage, wie man auf die idee kommt techno ginge es schlecht?”
    Lange nicht mehr in der Provinz, also in Restdeutschland gewesen, Tanith? ;-)

    @shokkaboy: Danke für die Links! Kann man die Podiumsdiskussion eigentlich wo nachlesen oder ankucken?

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  11. @flashfrog: also wie ich das mitbekommen habe wurde das gefilmt und kommt bald online. ich schick tanith den link. vielleicht kann er ihn ja kurz posten.
    es schienen alle ziemlich ratlos was diese diskussion anging. von “anfeindung” der szenen war (meines erachtens) bei den musikschaffenden eh nie die rede und zum schluss wars eher nett danach mal den ein oder andere plausch zu halten.

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  12. @shokkaboy: Naja, irgendeinen dramatischen Aufhänger brauchte die Sache wohl, verbuchen wir das mal unter klassischem Laarmanierismus. :-)

    Aber Zeit für was Neues wärs mal wieder, da hat er Recht, der gute JL…

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  13. techno mit hiphop is was neues? als hätte es hiphouse, big beat, jungle etc nie gegeben. und im pulp mansion ist dann die party, die den neuen trend einleitet :lol: und wer kauft denn heute noch compilations? zumal mit diesem superlativmist, der schon bei der FP und mayday so abnervte. neu ist da gar nix.
    ist derselbe duktus, der techno einst in die scheiße geritten hat und es hat lange gedauert bis der sich von dem FP und LS-quatsch erholt hatte.
    neues passiert doch schon längst, nur läßt sich damit eher kein geld verdienen und man ist auch nicht auf große öffentlichkeit erpicht, aber passieren tut in berlin zumindest eine ganze menge.
    deshalb kommt mir dieser techno mit hiphop driss auch so provinziell und überflüssig vor. klingt so nach jugendzentrumsanimositäten, wo die cliquen jetzt mal besser was zusammen machen sollten, bevor das ding zugemacht wird *prust*

    @shokka: schade das wir so klassenlehrermäßig auseinandergesetzt wurden, wäre lustiger geworden :D

    @Marc: die ganze frontpagekiste war durchaus suspekt, hatte für mich aber in ihrer anarchischen phase durchaus gute seiten. alleine schon die premiere des kostenloskonzepts für magazine ging ja auf deren kappe, das verdient respekt. das abgehobene und weltfremde konnte ebenso guten seiten haben, wenn ich da nur an den tilmaneinfluß denke. auch zu den zeiten als die seele schon gefressen war, fand ich das heft immer noch akzeptabel, weil einfach nicht normal werden konnte und somit anders war als die ganzen anderen gazetten auf dem gebiet.

    @DoctorBenway: also fotos aus der zeit gibt es doch massenweise! jeder ort hatte doch seinen szenefotograf, der überall war. bin mir sicher das da noch viel material schlummert.

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  14. @Tanith: Nö, das is nix Neues, das ist alter Wein in alten Schläuchen und der gleiche olle Hypeschwindel. Leider. (Wundert mich übrigens, dass du dich dafür einspannen lässt. ;-))
    Ich meinte _grundsätzlich_ hat er Recht. Dass mal wieder was Neues kommen muss. Und so eine Art kultureller Thinktank wäre da vielleicht nicht die schlechteste Idee.
    Hier in der Provinz ist Techno tot. Was passiert denn in Berlin wirklich Neues? Das sind doch auch nur Nuancen von Variationen des 20 Jahre Alten.

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  15. Die Frage ist vielleicht: MUSS es überhaupt auf Teufel komm raus etwas Neues geben? Jedes Genre hat seine festen Eckpfeiler. Ein paar eingestreute Spielereien hier und da sind zwar immer drin, aber grundsätzlich wird sich an Rock, Pop, oder elektronischer Musik nichts mehr groß ändern.

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  16. @flashfrog: einspannen würd ich das nicht nennen, ich hatte von vornherein zu verstehen gegeben, das ich die idee provinziell und altbacken finde, er wollte mich dennoch dabei haben. vielleicht auch genau deshalb? ick wees et nich.

    und _grundsätzlich_ sagt das doch jeder, nur wenn etwas neues daherkommt schmeissen sich entweder gleich alle drauf oder es wird nicht angenommen, weil es aus irgendwelchen gründen nicht paßt oder whatever. damit etwas gänzlich neues passiert müssen schon ganz schön viele parameter zusammenkommen, anscheinend ist jetzt gerade nicht so die zeit dafür.
    das neue entwickelt sich auch nur aus den nuancen und variationen des alten, punk hatte vorläufer von iggy pop bis mc 5, techno von nitzer ebb bis throbbing gristle.

    @mainzrunner: hm, bin da skeptisch ob sich bei elerktronischer musik sich nicht mehr groß was ändern wird. ich glaube das nimmt man nur so wahr, wenn man dieser kontinuierlich ausgesetzt ist. zwischen dem was anno 91 rauskam und dem was heute aktuell ist sehe ich gewaltige unterschiede und im feierkontext sehe ich das ähnlich, die ausrasterei und naivität von damals ist doch längst etwas anderem gewichen, das kann sich auch jederzeit wieder in andere richtungen bewegen

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  17. Klar, die Unterschiede zwischen ’91 und heute sind schon groß. Aber genau deshalb sehe ich fast schon das Ende der Fahnenstange erreicht. Es war eben schon alles da. Das Einzige das meiner Ansicht nach fehlt, ist die strikte Verlangsamung der Beats. “Tanzveranstaltungen” würden dann aber wohl eher so aussehen, wie im “Starlight Casino” der Fernsehserie “Raumpatrouille Orion” aus den 60ern. Ich lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen.. ;-)

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  18. >> vielleicht auch genau deshalb? ick wees et nich.
    .

    @Tanith:
    Ich vermute, genau deshalb. Und weil du eine Schwäche für Punk hast. :-)
    (Das bringt mich zurück zu dem Thema, das ich nicht vorschlagen durfte.)
    Es gab da mal eine Zeit, wo Techno ganz unterschiedliche kreative Menschen zusammengebracht hat, befeuert von einem neuen intensiven Lebensgefühl, und der Hoffnung (auch ohne Schokoriegel), dass diese Musik tatsächlich die Welt verändern und möglicherweise zu einem angenehmeren Ort machen könnte. Du weißt das besser als ich, du warst ja im Epizentrum dabei, ich hab nur, Jahre später, die provinziellen Wellen mitgekriegt, aber das reichte schon. Diese Energie, die aus dieser Kernschmelze damals hervorgegangen ist und Millionen von Menschen, sogar in der Provinz, erfasst hat, diese Euphorie der Anfangszeit, wo noch keiner so recht wusste, wo das alles noch hinführt, vielleicht zu einer besseren Welt, ich vermute, das ist es, was JL sucht, irgendwie. Im Grunde seines Herzens. :-)

    Aber vielleicht könnte Jürgen ja selbst mal was dazu schreiben hier?

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  19. >>>Euphorie der Anfangszeit

    was hat das mir Techno zu tun, die ging doch von wo ganz anders aus. Ne bessere Welt wollte man da auch und keine profitgeilen Weltverbesserer….

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  20. techno wollte in der tat nie die welt verbessern, sondern hat dazu eingeladen einfach mitzumachen und sich einzubringen. das war ja das problem das die behörden ursprünglich mit der loveparade als demo hatten, weil eben keine weltverbesserungsvorschläge propagiert wurden, wie sich das für ne ordentliche demo gehört.
    mag sein das das einige bis heute unbedingt wollen, das techno die welt verändert, aber die haben techno dann bis heute eben nicht verstanden und werfen techno eben vor das er versagt hätte. ist aber nur deren sicht, weil techno eben gerade nicht mit diesem anspruch angetreten ist. diese weltverbesserungsmasche war doch von techno schon längst als vehikel erkannt eigene standpunkte durchzudrücken, auszugrenzen und gläubige zum ausnehmen anzulocken, politik und religion gab’s ja schon lange genug um deren funktion zu durchschauen.
    es war aber von vornherein klar, das dann einige um des schnöden mammons willen fadenscheinige weltverbesserung in techno einbringen wollten, ließ ja auch nicht lange auf sich warten.

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  21. @ Tanith, eijentlich war ich froh, nicht bei euch in der familienecke sitzen zu müssen. drei väter und die “presse” war ja auch da. gaaaanz schlecht für mein image. außerdem hät ich die sprüche die mir auf der zunge lagen dann nich für mich behalten… :)

    und für die anderen:
    neue musikrichtung hin oder her. es war und ist (ich denke das ist hier eventuell etwas untergegangen) eine promoveranstaltung für einen sampler gewesen. presse war da, tanith, westbam und cle auch. und wenn das alles nur dazu beigetragen hat das 10 cd und 20 eintrittskarten mehr verkauft werden, haben die beteiligten künstler (ich schätze mal 50% sind ohne plattenvertrag) doch schon etwas von der initiative eines JL gehabt. ich kann mir gut vorstellen das alle oben genannten drei an einem montag nachmittag besseres zu tun gehabt hätten.

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  22. …”Techno HAT die Welt verändert.”…

    In wieweit? In welchen Bereichen kann man das spüren? Trägt diese “Veränderung” irgendwie zur Verbesserung der Lebensqualität bei? Also ich weiß nicht, ob Musik solch einen Einfluss nehmen kann. Und vielleicht sollte man Musik als solche auch nicht ganz so wichtig nehmen..

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  23. jo frag mal tante erna im schrebergarten inwieweit techno ihre welt verändert hat ;-)
    für denjenigen der sich für die sache interessiert oder gar in ihr involviert ist, sicher. aber so richtiges weltverändern kann man doch erst daran festmachen, das es über alles hinwegfegt. techno in den 90ern vielleicht medial in deutschland und einer handvoll anderen ländern getan und somit die dekade geprägt, aber was ist davon übrig?
    reicht doch wenn es viele leben positiv beeinflusst und geändert hat

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  24. Pingback: » Frontpage - Hinter den Kulissen Realvinylz - Onlinemagazin für elektronische Musik

  25. die welt hat sich in den 90ern verändert, ohne frage, aber techno hat damit wenig zu tun. frekis aussage trifft es auf den punkt. wäre techno nicht gewesen, dann wäre es eine andere musik gewesen, wozu die leute exzessiv und bis zum umfallen feierten. techno war nur zum richtigen zeitpunkt am richtigen ort. unter anderem auch in berlin, wo die mauer fiel. dass techno überhaupt entstehen konnte, ist dem technischen fortschritt zu verdanken. diese zwei faktoren sind es nämlich, die die welt verändert haben: zusammenbruch des ostblocks und (kurz gesagt) pcs. techno war bestenfalls essenz und ausdruck dieser umbrüche, aber ganz sicher nicht ihr motor.

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  26. Wenn man Techno nicht enggefasst als spezifische Richtung innerhalb der elektronischen Tanzmusik definiert, sondern als Kultur und Lebensgefühl, dann hat es definitiv das Leben von Millionen in den 90ern verändert. Die Clubkultur, die Musik, die Mode, die Sprache, die Ästhetik, die Drogen und den Umgang damit, den Umgang mit den alten und neuen Medien und die Vernetzungskultur beispielsweise. Bis sogar Tante Erna auf der Loveparade mitgehopst ist. Die Kommerzionalisierung hatte positive (mehr Leute, mehr Geld für mehr Kreativität, mehr Clubs, mehr Platten) und negative (Tante Erna) Folgen.
    Von beidem ist nicht mehr viel übrig geblieben, heute geht die Entwicklung wieder in die entgegengesetzte Richtung.
    Und, nein, diese Musik ist nicht austauschbares Hintergrundgedudel einer Entwicklung die ohne sie und ohne ihre Protagonisten eh ganz genauso stattgefunden hätte. Taniths Leben wäre ohne Techno garantiert anders ausgefallen.

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  27. Aber das ist ja eigentlich gar nicht der Punkt. Was ich schlicht und einfach sagen wollte ist, dass diese Hitzewellegeschichte für mich arg nach Raving Society 2.0 riecht, ich JL aber trotz allem nicht ausschließlich kommerzielle Absichten unterstelle.

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  28. Pingback: Tanithblog » Thema der Woche 122: Jürgen Laarmann

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