Thema der Woche 11: Tanith und sein Verhältnis zu anderen Berliner DJs der “ersten” oder “zweiten” Generation

Oh oh, das könnte langweilig werden, denn wie das unter Veteranen so ist, eint die gemeinsam erlebte Zeit an der Front. Schliesslich haben wir Techno ja als erste definiert, geprägt und gestaltet, natürlich immer mit Hilfe vieler anderer Musiker, Veranstalter, VJs, Türsteher, Barleuten und natürlich Publikum, ohne das wir bis heute lediglich Homedjs wären, aber eben auch immer im Fokus und an vorderster Stelle, eben an der Front. Das verbindet und von daher ist hier kein Diss oder Enthüllungen zu erwarten. Wenn man so große Zeiten miteinder geteilt hat, dann sind etwaige Charakterschwächen läppische Kleinigkeiten über die man jovial hinwegblickt, weil man mit dem Kollegen eben auch jeweils unwiederbringliche Momente erlebt hat. So gesehen habe ich mit keinem einzigen ein wirkliches Problem. Gut, mit Wolle gibt’s derzeit ein paar unangenehme Spannungen, aber das sind wir voneinander gewohnt und zieht sich durch unsere Freundschaft, seitdem wir uns kennen und ist ja auch schon in dem aufschlussreichen Spexinterview ersichtlich, das ich hier mal gepostet habe. Irgendwie kriegen wir uns dann auch wieder ein, sonst fehlt uns was, wäre ja auch blöd wegen solcher Lapalien die gemeinsam erlebten Jahre zu negieren, aus dem Heißspornalter sind wir mittlerweile wohl alle raus. Aber ich hab jetzt mächtig was gut Alter!! ;) Der Rest der ersten Generation läuft sich mittlerweile leider viel zu wenig über den Weg, was unweigerlich die Folge davon ist wenn jeder seinen eigenen geht. Rok wohnt zwar hier bei mir um die Ecke, aber wir sehen uns immer nur zufällig wenn wir mit unseren Hunden unterwegs sind. Wir nehmen uns dann immer vor das wir mal zusammen mit den Hunden was machen, geklappt hat’s dummerweise noch nie. Bei Rok habe ich immer seine überzeugende Art bewundert, der Mann sagt was und es ist Gesetz, so riss er sich den Freitag im zweiten Ufo für sich allein unter den Nagel, der einzige Satz den es brauchte war “Ich brauch das Geld”. Hätte ich auch sagen können, hätte aber niemals funktioniert. Das hat der bis zur Perfektion kultiviert, bei jedem noch so knauserigen Veranstalter hat nur er es geschafft zur Gage auch noch Taxigeld rauszuleiern und im Hardwax war seine Meinung über eine Platte das Urteil über Erfolg oder Misserfolg in den Verkaufscharts, das muß man erstmal hinkriegen und verkörpern!

Jonzon war und ist der Grand Seigneur oder Elder Statesman unseres Haufens, weiß gar nicht was der so macht, ich sehe seinen Namen nicht mehr oft. Was schade ist, denn Jonzon hatte schon immer einen sehr distinguierten Geschmack, vor dem ich immer viel Respekt hatte. Den würde ich gerne öfter auf Flyern sehen, allein schon wegen der Geschmacksbildung und der Verbundenheit zu den Ursprüngen von Techno und House die der Mann verkörpert.
Überhaupt könnten Jonzon und Motte aus ihrer Sicht mich schon als zweite Generation der DJs ansehen, schliesslich waren die beiden die ersten bei denen ich anno 88 in der Turbine Rosenheim in Schöneberg zu dem abhottete, was ich zuvor bei Barry Graves oder Monika Dietl im Radio gehört hatte. Das Verhältnis zwischen Motte und mir war von Anfang an problematisch, irgendwie ticken wir total unterschiedlich. Die Probleme fingen damals an, als er mich von der Loveparade raushalten wollte, weil ich wahrscheinlich mit Tekknozid zu sehr an ihm vorbeizog und in seinen Augen wohl den ihm zustehenden Platz streitig machte. Das war schon unangenehm, hatte sich dann aber irgendwann durch seine Planetresidency auch erledigt. Trotzdem trennten uns Welten, ich mochte es zu polarisieren, während er ja gerne alles, bis zu absoluten Trivialität hin lieb hat und geliebt werden will. Später kam’s mir dann so vor, als würde er sich überall da ranhängen wo ich schon war oder kopieren, was ich machte. Das reichte von plötzlicher Breaksbegeisterung bis dahin, das er mein Management für sich bemühen wollte und ähnlich befremdlicher Koinzidenzen. Ich kenne Motte auch ganz anders und down to Earth, nicht so wie das Medienbild das man immer von ihm sieht. Ich nenne das immer das Nina Hagen Syndrom, die durfte ich mal im Ex & Pop, einer ziemlich ranzigen Undergroundkaschemme Ende der 80er in Schöneberg kennenlernen und da war’s dasselbe, im privaten Rahmen sehr umgänglich und normal, aber wehe eine Kamera oder Presse taucht irgendwo auf, da kippt ein Schalter und man fragt sich was mit der Person passiert ist, mit der man sich eben noch völlig normal unterhalten hatte. Etwas das er auch mit Marusha gemein hat, deren Sets ich nie verstanden habe, aber meine Hochachtung gilt ihrem Durchhalten mit ihrer Radiosendung auf Radio Fritz über all die Jahre. Auch die konnte ich mir zwar kaum anhören, aber sie betrieb damit unbestritten wertvolle Basisarbeit.
Mit Westbam saß ich ja letztens erst auf der Bühne einer Podiumsdiskussion, nun, auch da verhält es ich ähnlich wie mit Motte, so richtig warm sind wir nie geworden, dazu waren die Ansichten und Ziele einfach zu unterschiedlich, die Politik seines Hauses kotzte mich sogar richtiggehend an, was sich immer unüberwindbar zwischen uns stellte. Alles aus der Westbamecke war für mich kopiert und verwässert, nichts originäres kam von da und man ließ sich trotzdem außerhalb als die Berliner Instanz feiern. Spätestens nach meinem Maydayaustritt anno 95 war ich dort auch nur noch ein rotes Tuch, ich gebe zu, ich habe es genossen. Mittlerweile scheint aber auch da Gras über die Sache gewachsen zu sein, bei dieser Diskussion standen wir uns recht locker gegenüber, während das vorher immer recht verkrampft und daher unangenehm ablief. Das Alter macht milde, auch bei mir.
Dann gibt es da noch die lange Reihe derer, die über die Jahre verlustig gegangen sind, wie z.B. Roland, er ja nun auf der Back To Basics sein großes Revival erfährt, was mich für den Knaben wirklich freut. Seine Skills sind Legende und als ich ihn letztes Jahr bei Back To Basics wiedertraf ,war ich hocherfreut das er als Mensch auch immer noch dieselbe gutherzige Seele geblieben ist die er immer war. Aus diesem Grunde hoffe ich, auch wenn ich nicht dabei sein werde, das die Party bombenmäßig gut wird und Roland einen Return beschert der ihm gebührt. Falls du das liest Roland, alle Daumen hoch für dich, zeig der Meute wo der Bartel den Most holt!
Kid Paul, haben ja viele als den Antipoden zu mir verstanden, während wir beide das gar nicht so sahen. Wir teilten unter anderem unsere Begeisterung für gebrochene Beats und die eher englische Variante des Ravens, standen damit aber bei den Kollegen mit deutlicher Chicago- und Detroitprägung auf ziemlich verlorenem Posten, sowas verbindet. Herrje, wir hatten sogar mal zusammen im Tresor Silvester veranstaltet! Ich fand es damals schade als er aufhörte, war aber noch oft in seinem Delirium Plattenladen einkaufen, dann verlor sich der Kontakt irgendwann komplett und ich habe den danach leider nur einmal wiedergesehen, als ich ihn überreden wollte einen Remix für Bash-Again zu machen, was bedauerlicherweise auch nicht hinhaute. Mijk van Dijk sieht ihn noch öfter beim Fußball, wie er mir erzählte, womit wir eigentlich schon bei der Second Wave angelangt wären. Die rekrutierte sich zum einen eben aus Leuten, die vorher lediglich produzierten oder veranstalteten und die sich stets dagegen zu verteidigen hatten, das sie das jetzt wegen des Geldes tun, hähä. Mit Mijk bin ich nach wie vor noch öfter in Kontakt, meist per Mail, aber so zwei bis dreimal im Jahr kreuzen sich auch unsere Wege. Mijk hatte auch mein Studio in der Torstraße übernommen, nachdem ich das nachhause verlagert hatte, dort war seit Anfang an auch Jauche mit seinem Studio untergebracht, ebenfalls einer der ersten Stunde, den es auch bis heute noch gibt und dem Respekt dafür gebührt, das er konsequent seinen Weg geht. Ebenso wie Cle, der ja mittlerweile mit seinem Projekt Märtini Brös die größten Erfolge von uns allen feiert und der ebenso bei der Podiumsdiskussion vertreten war.
Wie es der Zufall so will, gibt es auch gerade in der Raveline ein Feature über Berlin, in dem sich Rok, Jauche, Cle und ich über die Anfänge und das Werden der Berliner Technoszene auslassen durften und das ich als Supplement zu diesen Zeilen nur empfehlen kann.

Kommentare (7) Schreibe einen Kommentar

  1. Vielleicht ist das reiner Selbstschutz bei Motte und Leuten, die so in der Öffentlichkeit standen? Oder vielleicht fängt man irgendwann selbst an, an sein eigenes Image zu glauben?
    .
    Aber der Raveline-Artikel hat einen eigenen Blogeintrag verdient! Das überliest man hier unten ja.

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  2. Intressant, auch wenn du es langweilig finden magst, sind das alles ja Leute die Ottonormalverbraucher nur als Plattendreher kennt.. Was ist eigentlich mit Frank Müller und Disko oder hast du nur von den dir bekannten erzählt? In welche Generation würdest du die zählen?

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  3. Und wie siehts mit Leuten wie Marcos Lopez oder Special aus? Gerade über den Special weiss ich so gut wie gar nichts, ausser das du mit ihm immer auf irgendwelchen After Hours aufgelegt hast und hier vor einiger Zeit auch mal ein alter Walfisch Livemitschnitt von euch beiden drin war.

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  4. @flashfrog: selbstschutz wenn die ganze welt danach für nen durchgeknallten freak hält? ick wees nich…
    das nina hagen syndrom scheint mir eher so’ne übersprungshandlung zu sein, weil man mit medien nicht klar kommt, die eigene person tickmäßig aufhübschen muß, weil man denkt man wäre sonst zu uninteressant oder whatever. du siehst, so richtig einen reim kann ich mir darauf nicht machen.

    @DoctorBenway & Elektrosandy: gut, disko hätte in der tat noch mit rein gekonnt, gehört für mich übrigens zur 2. generation, da ich den noch als barmann im tresor kennen lernte. frank müller kam erst so 93/94 in meinbewußtsein. marcos lopez und special sind schon so lange weg vom fenster, das ich da wahrlich nicht mehr von einem verhältnis sprechen kann. ich habe beide ewig nicht gesehen und auch nichts von den beiden gehört :-(
    wäre vielleicht mal ne reihe wie “was macht eigentlich…” wert.

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  5. ick find dit thema gibt nich wirklich viel her. die leute sind mir zwar alle namentlich bekannt, auch deren musik aber mehr muss ich auch nicht über sie wissen.
    schöne anekdote…mmhhh
    aber was ich wie schon ein paar andere vor mir kritisieren muss, ist deine im block geschriebene weise. 2-3 absätze mehr würden den augen echt gut tun, es ist manchmal ein wenig anstrengend die langen texte zu lesen.

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  6. Anstrengend finde ich vor allem die Hintergrundfarbe. Ich kopiere mir die Texte jedesmal in eine Worddatei rüber.

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