Review: Laurent Garnier – Elektroschock

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Eine der ersten Biografien von einem DJ der ersten Generation, das mußte ich natürlich lesen! Elektroschock kam schon 2003 heraus, ich kam allerdings erst jetzt dazu mir das recht voluminöse Werk einzuverleiben. Laurent hat einen Journalisten zu Hilfe gerufen um die eigene Geschichte zwischen zwei Buchdeckel zu bekommen und das Endergebnis hinterlässt mich mit zwiespältigen Emotionen. Mir war klar das Laurent Garnier seine Anfänge in England und speziell in Manchester’s Hacienda hatte, nur wie es dazu für den Franzosen kam war es nicht, das ist nun geklärt. Es war seiner Anstellung als Diener in der französischen Botschaft in London geschuldet, das der junge Garnier den Summer of Love in UK erlebte. Die darauffolgende Karriere samt Rückschlägen wie Militärdienst in Frankreich lassen sich auch schön lesen aber dann wird’s doch etwas ungenau, was die Fakten zu anderen Ländern angeht. Berlin verortet er 93 mit Trance, Kid Paul wird als Erfinder der Loveparade erwähnt und ähnliche wahrscheinlich ungewollte Geschichtsklitterungen ärgern dann doch und mindern für mich den Wert des Buches. Ich möchte nicht wissen was in den Beschreibungen der anderen Länder so an Ungenauigkeiten vorkommt.

Was mich aber besonders interessierte war, wie er auf die Schnapsidee mit den Livemusikern so Ende der 90er kam, weil da hat er mich verloren,. Ich hatte mir sein Set mit Jazzeinlagen und Saxophon zweimal angetan und fand das alles nur künstlich und schmockmäßig. Leider hat die Biografie meine schlimmsten Befürchtungen nur bestätigt, es ging tatsächlich darum, Techno in irgendeinen Kulturkontext zu stellen und den Respekt des Feuilletons zu erheischen, also darum Techno in altehrwürdige Kulturtempel zu hieven. Es ging tatsächlich um eine solche Anerkennung, ich bin enttäuscht!
Vordergründig interessant sind dann die Gastbeiträge von Mike Banks und Jeff Mills in dem Buch. Andererseits fragt man sich wozu die in einer Autobiografie vorkommen? Jeff Mills und Mike Banks erklären Detroit und ihre Sicht darauf, sicherlich interessant, aber was hat das mit Laurent Garnier zu tun, außer das er offensichtlich Fan ist?
Besser dann wieder wenn er seine Geschichte erzählt, die ja mit Techno in Frankreich untrennbar verbunden ist.. Die Geschichte des Rex Clubs und wie sich Techno langsam aber sicher über Techno ausbreitete und welche Probleme es in dieser Beziehung mit dem Land gab kann sicher aus keiner authentischeren Perspektive erzählt werden. Hätte er sich nur darauf beschränkt! Das Buch wäre sicherlich ein wenig dünner geworden, würde aber auch nicht so überambitioniert wirken. Etwas das das Buch mit seinen damaligen Sets mit Livemusikern gemein hat, als mir fast die Ohren abfielen, als ich Ohrenzeuge einer Zwangsehe zwischen Techno und Jazz werden mußte.

Kommentare (14) Schreibe einen Kommentar

  1. Besten Dank für die Info.

    Bei amazon gibts das Buch nicht mehr und keiner hat Sterne vergeben. Bestellen werde ichs nun nicht mehr.

    Bin ja mal gespannt, ob Miss Kittin auch ein Buch raushaut ;)

    Haste schon “+/ – 8″ gelesen oder “Gut aufgelegt” von Dirk Duske. Das letzte bekommt nur gute Kritiken.

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  2. Das ist schon bestimmt 3-4 Jahre her, dass ich dies Werk las. Habe nur in Erinnerung, dass mir Laurents Art manchmal etwas übertrieben vorkam, so als ob er Techno quasi im Alleingang in Frankreich erfunden/gepusht hätte. Schöne Anekdoten jedoch sind viele drin.
    Wann kommt denn dein Buch über dich und Techno oder umgekehrt heraus??? Das wäre doch ne schöne Beschäftigung, jetzt wo genug Zeit vergangen ist, um ne ordentliche Retrospektive hinzulegen ;-) Selbstreflexiv genug bist du allemal.

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  3. Also ich hab das BUch auch schon ein Weilchen und finde es eigentlich sehr gut. Auch wenn er vielleicht, gerade was Techno/Trance hier in Deutschland betraf, etwas ungenau ist. Was ich eigentlich nur etwas schade finde ist, daß er die Zukunft von Techno etwas düster findet. UNd ich finde es gibt gerade jetzt unglaublich gute Musik die neu rauskommt. UNd dashalb ist er ja zu Jazz übergewechselt weil Techno irgendwie auf eine neue Stufe bringen wollte. Was ich im Übrigen aber sehr gut finde. Jeder geht nun mal seinen eigenen Weg, und er legt ja mittlerweile irgendwie alles auf. Hab mir vorkurzem mal so ne Radiosendung von ihm runtergeladen, da hat er in 2 Stunden gerade mal 3 Technolieder gespielt, der Rest eher Soul oder Dub. UNd ich meine wenns gut zusammen passt – warum nicht. Alles in allem finde ich seinen musikalischen Horizont und seine Ausflüge zu Jazz sehr gut, nur muss man nicht so “technopessimistisch” sein.
    Soweit erstmal meine Meinung.

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  4. Das er sich weg vom reinen Techno bewegt hat, finde ich prinzipiell gut. Das es nun grad Jazz ist, nun ja ;)

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  5. ja, so geht’s mir da auch. dat is mir zu klischeehaft, will man größeres erreichen geht’s halt in den klasik oder jazzbereich. aber was will man mit sowas beweisen? das man auf dem terrain auch was kann und die feuilletonisten auf seiner seite hat? ist anspruch gleichbedeutend damit vorgefertigte schubladen auszufüllen?
    klar kann das jeder künstler für sich selber entscheiden, wo es ihn hinträgt, aber diese schubladen snd mir einfach zu vorhersehbar. da geht’s mir dann zu offensichtlich um den applaus aus der richtigen ecke und das interessiert mich bei künstlern nicht. ich werde lieber positiv, also unvorhersehbar, anstatt konservativ überrascht.

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  6. Jazz und Techno, so neu ist das nicht da gab es auch schon andere vor Herr Garnier. Die Revolution hat er damit nicht heraufbeschworen aber ich finde es grundsätzlich gut, wenn Musiker versuchen ihren Horizont zu erweitern und nicht immer auf dem stehen bleiben was sie machen und den 3 Tasten Techno hat Laurent mehrfach in Hits umgesetzt. Jetzt geht es also um die ‘”Cloud making Machine” und dieses Platte ist wirklich sehr gut und da sind Sachen dabei, die fühlen sich gut an. Ob das aber wirklich Jazz ist? da habe ich so meine Zweifel. Wenn man Jazz nicht mag sollte man alles was so in die Richtung klingt nicht gleich als Jazz benennen, Herr Tanith. Nur weil da Bugge mitmacht. Hört euch mal so Werke wie Sextet von Herbie Hankock an und dann wisst ihr auch woher sich solche Leute wie Cristian Vogel beinflussen lassen haben. In so einer Vogel Platte ist zumindestens mehr Jazz drinn wie in der neuen Garnier Platte. Jazz kann immer noch sehr aufregend sein und vorallem wenn es mit Elektronik gekoppelt wird kann das sehr geil sein. Die Betonung liegt auf Kann. Aber es ist so mit jeglicher Musik. Jazz ist für mich Böser und Revolutionärer wie Punk und Techno zusammen. Warum. Rock It von Herbie Hanckock und Birdland von Weather Report. Das sind Dinger die Krachen. Sie haben auch das mitdefiniert was wir heute Techno nennen. Jazz muss man suchen und für sich entdecken. Dem einem gibt Benny Goodman der Kick und der andere dreht bei Bitches Brews von Miles Davis durch. Es gibt den Jazz nicht. Zur zeit bekomme ich bei Azia Mustapha Zadeh und ihrer Platte Shamans ein Rohr. Ich hör da Techno, die Frau macht Beatboxing und ballert da manchmal Elektrobeats aus ihrem mund raus. Sie beherscht das Klavier wie keine andere.
    Wenn sie singt, geht sie mit Delays ab und so sachen….Auch histroisch gesehen ist es einfach falsch zu behaupten, jazz wär die super Hochkultur Musik. So ein Bullshit. In Jazz ist soviel Politik drinn, es ist die Musik der Schwarzen. Jazz war Tanzmusik. in den 20er Jahren wurde in Paris und NewYork in underground Schuppen zu dieser Musik getantz. Kaum Licht und drogen inklusive. Elenlange Jams, vergleichbar mit einem DJ set….Es gibt vieles zu dieser Musik zu sagen und Jazz hat sich bis heute immer weiterentwickelt und bleibt selten stehen und der Jazz befruchtet sich jetzt mit der elektronischen Musik und da gibts leuts die machen krankeren Sound wie es je auf Technoplatten gab.Das nur mal so am rande. Jazz und Techno haben viel gemeinsam, auch wenn es auf den ersten Moment nicht so scheint.

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  7. Und übrigens und überhaupt: Die erste Genration der elektronischen Musiker ist schon instutionalisiert. Und da kann man gleich mal an erster Stelle Kraftwerk nennen. Jetzt wartet mal noch 10 bis 15 Jahre, dann werden solche Leute wie Sven Väth und andere die Möglichkeit haben Philharmonien zu beschallen. im Techno oder der elektronischen Musik gibt es nämlich schon ein paar Leute die ArtyFarty machen, was dir ja nicht schmeckt Tanith aber mir persönlich gefallen die Platten von Alva Noto, Monolake und anderen und diese Leute haben Ambitionen in Richtung Kunst und weg vom Feiern. Und überhaupt, ich wäre sofort bereit das Guggenheimmuseum oder was anderes mit ambient oder was immer zu beschallen. Wegen dem Prestige? So ein Quatsch, weil es geil ist.

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  8. neenee, die jazzige seite von techno ist dann wohl doch eher carl craig.
    wobei einige platten von laurent wirklich gut sind.
    das buch gehoert eher nicht dazu. leider!

    schoene sonntag noch & raus in die natur….

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  9. @Doctor Benway : sehr guter Kommentar. Wen ich auch sehr interessant finde, ist Nils Petter Molvaer. Der macht ja auch “Jazz”, spielt Saxophon, aber seine Musik ist auch sehr elektronisch. Hat auch schon beim electronic beats Festival mit Band gespielt. Ich finde zum Beispiel das zu Jazz auch sehr gut Trip Hop passt.

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  10. Drum and Bass und eben auch Trip-Hop haben Jazz in sich aufgezogen und auch so manche Houseplatte und Technoplatte. Aber Jazz und Elektronik ist alt.
    Für die, die da ambitionen haben was zu hören:
    Miles Davis: In A Silent way
    Herbie Hankock : Sextant
    Miles Davis : Bitches Brew
    Weather Report: so zimlich alles
    und noch so vieles anderes da hauts euch den vogel raus, was die in den 60er und 70er so gemacht haben…

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  11. ich hab gar nix dagegen wenn jemand seinen horizont erweitet und mit carl craig ist ja auch schon ein gutes beispiel genannt, wo es einer hinkriegt beides auf eine art und weise zu verschmelzen, das es eins wird. aber einfach so ein ich mag jetzt auch jazz und baue das in techno ein, da bluten mir die ohren!
    vorneweg: ich kann mit jazz nix anfangen, er geht mir nicht ins ohr, er hat mit meinem lebensgefühl nix zu tun, er hört sich für mich nervig an. ich spreche jazz dennoch nicht seine hohe kunst ab, ich vergleiche oft techno und jazz in seiner aufgesplittertheit und seinen verborgenen künsten, auf die man erst nach jahrelanger beschäftigung mit dem jeweiligen genre kommt.
    trotzdem höre ich raus ob da einer nun intendiert seinen techno pseudointellektuell hochzujazzen oder ob der track eine homogene einheit wird. ist schwierig, denn jazz lebt ja von der stilistischen und rhythmischen freiheit, was dem straighten technorhythmus und seiner intention zum tanzen diametral entgegensteht. von daher betrachte ich das schon als hohe kunst, wenn das einer fertig kriegt beides zu vereinen.
    sobald es artyfarty wird kräuselt sich alles in mir, aber einen monolake würde ich da z.b. nicht dazuzählen, das ist lediglich eine andere herangehensweise, die zwar geschult ist und einen breiteren fokus hat und ich hab auch gar nix dagegen wenn sich techno vom tanzboden wegbewegt. nur darf man das bemühen nicht raushören, bemühte musik ist immer bäh, weil sie verkopft und das steht meinem musikverständnis nunmal entgegen. grooven muß es, kicken muß es und wie es das tut ist mir eigentlich egal, das kann auch verschwurbelt und zitatenreich sein, nur bitte nicht bemüht und auf beifall aus der zugegebenen ecke heischend.
    ich hätte auch nix dagegen die heiligen hallen zu rocken, aber nicht auf kosten eines kompromisses, das ich meinen geschmack den dos and dont’s einer nöchtegerngeschmackselite unterordne, sondern eben nach meiner fasson, so! :D

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  12. Jazz ist Musik, die anfangs “aktives” Musikhören erforert, um es genießen zu könnnen. Ähnlich guter Literatur, die den eigenen Geist in Gang setzt.
    Hat man sich durch genaues hören zunächst einen groben Überblick verschaft, geht es beim nächsten Hören schon leichter rein und man fängt an die subtileren Elemente zu erkennen. Dann wirds interessant und nervig ist dann nix mehr, im Gegenteil. Wenn man aber die technomäßige “instant gratification” gewohnt ist, wirds mit Jazz schwierig. Komplett andere Welt des Musikhörens.

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