Thema der Woche 26: “Universe Mind Body & Soul” oder wie Tanith den `wahren` Hardcore nach England brachte’

Zu meinem ersten Auftritt in England kam ich wie die Jungfrau zum Kind, irgendwann im Sommer 92 rief jemand in englisch an und erzählte mir was von “Big Rave”, “lots of tents” und ”even more DJs”. Ich wußte zwar noch nicht was Universe in England bedeutete, freute mich aber natürlich endlich meine Englandpremiere zu haben und dann auch noch gleich auf einem dicken Rave! Man hatte ja viel gelesen über englische Raves und deren schiere Größe zu der Zeit. In der weiteren Kommunikation stellte sich heraus, das Veranstalter und Chef des Ganzen Paul Shurrey mich persönlich angerufen hatte und das ich der erste deutsche DJ sein würde, dem die Ehre zuteil wurde auf einem englischen Riesenrave zu spielen. Zu meinem Glück kam ich durch die Loveparadeveranstaltung in diesen Hangars, da hatte mich das angereiste Universekomitee gehört und mich als “outstanding” befunden, woraufhin man mich eben für das Festival verpflichten wollte. Es lief auch alles perfekt, Universe kümmerte sich um meinen Flug und alles weitere. Im September 92 flog ich also zum ersten mal zum Auflegen in das Mutterland der Raves, UK. In London wurde ich wie besprochen abgeholt um die nicht gerade kleine Strecke nach Bath zurück zu legen. Ich war zu Paul nachhause eingeladen, so ein typisches pitoreskes englisches Reihenhaus, wo er mit seiner Freundin lebte. Am Tag des Auftritts wurde schon Meilen vor dem Fest der Linksverkehr immer dichter und das fortschreitende Chaos kündete an, das wir es wohl bald zm Zielort geschafft haben würden. Schon von weitem war zu erahnen was mich erwarten würde, die wabernde Lichtglocke inmitten in der Pampa versprach riesiges! Und in der Tat, ich hatte mir das ja schon groß vorgestellt, aber die Hektarausmaße mit zig Zelten und Bühnen, dazu noch, wie ich bald lernen durfte, typisch für englische Raves, ein Vergnügungsviertel von nochmal derselben Größe mit Luftschlössen zum drauf rumtollen, einem kompletten Kirmes und unzähligen Verkaufsständen, das hatte ich nun wahrlich nicht erwartet. Ich wollte mir einige DJs und Acts anschauen, war aber erstmal so erschlagen von der Größe, das ich mit offenem Mund und Augen über das quirlige Gelände taberte und begierig Eindrücke aufsaugte. Das würde mir in Berlin keiner glauben! Englische Raves waren zu der Zeit doch etwas anders geartet als bei uns, man hatte anscheinend ein viel unverkrampfteres Verhältnis zu Dingen, wo man bei uns schon von Kommerz gesprochen hätte. Musikalisch war alles vertreten, von House über UK Hardcore, die ganzen Rave Dons und Laurent Garnier auf dem Mainfloor und noch zig weitere Styles. Ich war in einem mittelgroßen Zelt vorgesehen, wo vor mir Mickey Finn auflegte, der zu der Zeit mit seinem Label Whitehouse dort große Erfolge in der Sparte feierte, die zwar nicht mehr UK Hardcore war, aber auch noch nicht Jungle. Hinter der Bühne wartete Paul mit einigen Artists und Leuten der Universecrew und waren gespannter als ich, wie das was sie von mir kannten hier wohl ankommen würde. Bis ich dran war war ich druff wie eine Haubitze, aus allen Ecken wurden mir die Substanzen angeboten und zugesteckt, von komisch gepresstem Gras, das in UK der Standard zu sein schien über Speed und Pillen, die hier ganz andere Namen hatten, mit “Hey mate, want some Whizz” konnte ich erst gar nix anfangen, nahm aber nicht an das es das gleichnamige Brausepulver sein würde. Ein hilfreicher Exsoldat, der mich noch aus seiner Zeit der Stationierung in Berlin und somit aus dem Tresor kannte erklärte mir dann, das das der Name für Speed hier sei. Ich schenkte das Zeug größtenteil weiter, ich wußte diesbezüglich immer wo meine Grenzen liegen und wollte das gelingen meines Sets nicht durch sowas versauen, allerdings verhalf es mir ganz gut dazu, in den englischen Vibe zu kommen, der sich doch arg von dem in Deutschland unterschied. Ich war nun ganz eins mit meinen neuen Freunde hinter der Bühne, die nun zwar immer noch gespannt waren was passieren würden, aber keine Zweifel mehr hatten das irgendwas tolles passieren würde und wenn es total schiefgehen sollte, dann wäre noch Mickey Finn da, der sich bereiterklärt hatte zu warten um zur Not einspringen zu können falls da ein tobender Mob wieder einzufangen wäre.
Dann fing ich an und die erste Viertelstunde war lustig anzusehen, schnell war deutlich das die Meute hier sowas noch nicht gehört hatte,zumal nicht in der Konzentration und solcherart zusammengemixt, obwohl viele der Tracks originär englisch waren, wie z.B. Force Mass Motion oder GTO. Hinter mir wurden Blicke gewechselt, vor mir stand eine polarisierte Menge von der die eine Hälfte mich mit großen Augen und völlig ausgebremst anglotzte, während vielleicht ein Viertel mit noch größeren Augen extatisch durch die Menge bouncte und Jubelschreie ausstieß. Das steckte aber an und zwar so sehr, das bereits eine halbe Stunde nach Setbeginn eine wilde Stampede vonstatten ging, die wohl sogar in England ihresgleichen suchte. Im Zelt wurde es immer voller und heißer, sogar davor drängten sich die Leute und ich wurde von vorne und hinten mit euphorischem Lob überschüttet, der Bann war gebrochen und irgendwas großartiges passierte da gerade. Paul war danach natürlich irre stolz den richtigen Riecher gehabt zu haben und grinste breit. Gefühlte tausend Hände hatte ich zu schütteln und bekam währendessen auch noch von allen Seiten auf die Schulter geklopft, in dem Spachwirrwarr war nicht viel verständlich für mich aber “good one matey” und ähnliche, typisch englische Einzeilerprops hörte ich raus. Ich hatte kurze Interviews zu geben und wurde behandelt wie ein long lost Friend und Held. Geht zwar runter wie Butter sowas, aber irgendwann war’s mir zuviel und ich verdünnisierte mich in die Anonymität der dunklen Wiese und der anderen Zelte. Ich hatte meine Gage bereits in die Hand gedrückt bekommen und schlenderte die Verkaufsbuden ab um meinen Freunden in Berlin Souvenirs mitzubringen. Ich deckte mich mit T-Shirts ein und wollte meinem kompletten Feierhaufen diese Plastikhörner mitbringen, die hier gerade der letzte Schrei waren und stellte mir vor wie das wohl im Tresor oder Walfisch kommen würde. Leider hatte ich mich im Preis vertan und mußte den Stapel für die zukünftige Whistlepossee dann doch da lassen, weil die Menge meine komplette Gage aufgefressen hätte. Am nächsten Tag schlenderte ich noch mit Paul durch Bath und verprasste doch noch den größten Teil der Gage für Mitbringsel für die zuhause gebliebene Freundesschar. Am Sonntag flog ich zurück und ging abends noch zur Afterhour im Pleasure Dome an der Hasenheide, wo ich jedem von meinem Abenteuer begeistert und in den buntesten Farben berichtete. Natürlich hingen mir alle an den Lippen, aber die Großartigkeit des gerade erlebten konnte natürlich keiner so recht nachvollziehen.
Den nachhaltigen Eindruck, den ich hinterlassen hatte, wurde mir erst viel später bewußt, als immer mehr Engländer im Tresor entweder ehrfürchtig ihre Aufwartung machten oder mir gleich von dem Grund dieser Verehrung berichteten. Das Set war aufgenommen worden und offenbar der Renner in UK, alle erzählten mir wie beeindruckt sie von dem Tape wären und wievielen von ihren Freunden sie das kopiert hätten. Bis heute werde ich noch auf diesen Mitschnitt, der aber lediglich ca. ein Viertel des gesamten Sets darstellt, angesprochen und gefragt ob der noch zu haben sei, das Tape war nie in meinem Besitz gekommen, aber irgendwann hat mir einer mal das File davon geschickt, ist zwar nicht die beste Qualität, aber um zu hören wie das damals klang ist es wohl ausreichend und deswegen hänge ich es einfach mal hier ran:

Tanith@Universe92

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Kommentare (16) Schreibe einen Kommentar

  1. Schön, wenn man so was erleben durfte. Ja, so klang er damals der Tekkno…. :-) irgendwie weden da Erinerungen wach. Oder lieber mit 3 K? Tekkkno !!!!

    Den Sirenensound hab ich allerdings gehasst, aber klar…ich kann jetzt schon auch verstehen wieso und weshalb….

    :-)

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  2. Was für ein herrlicher Bericht! Der Mitschnitt des Sets lässt einiges von der Stimmung erahnen und kickt heute noch ungemein und treibt mir ein breites Grinsen ins Gesicht. :-)

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  3. Sehr schöner Text :) Wobei ich es leider immer schwer finde deine langen Texte zu lesen, sehe danach als würd ich durch buchstabensuppe gucken *gg

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  4. @mrBTH: 4 minuten? das müßten fast 40 sein!

    @escii: na gut, ähnlicher gusto. und von dem gelände würde man da wenig sehen, war recht dunkel draußen.

    @flashfrog: ja ist komisch, aber die musik verliert über die jahre echt wenig. würde zwar heute nicht mehr so im club funktionieren, aber jeder versteht nach wie vor wie und warum die wirkte. ist schon ein phänomen

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  5. @m4n14cm4n: kleiner tip: raukopieren und im editor deiner ahl lesen, mach ich bei langen texten in anderen blogs oft auch so :)

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  6. @m4n14cm4n: Drücke die Taste Strg (bzw. Ctrl) und bewege das Mausrad nach unten, dann vergrößert sich die Schrift um jeweils eine Stufe. Geht auch mit Strg (bzw. Ctrl)& + und natürlich die F11-Taste. hmm

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  7. hat mir wieder sehr gefallen dein geschreibsel..hab den text verschlungen wie andere harry potter :) eine frage hätt ich noch.war es eigentlich dein einziger dj ausritt nach england oder kamen nach den umbs gig noch weitere techno/raveevent angebote ?

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  8. mann, ich weiß nicht ob ich lachen oder weinen soll!!!
    I C H W I L L D A S A U C H ! ! ! ! !
    @tanith: Hörprobe hervorragend- thx!
    ____________
    @freki:so ähnlich mach ich`s auch..und ich dachte nur ich hätte das Problem :D

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  9. Toller Bericht, sowas ließt man gern, gerade wenn’s sich dabei um Technogeschichte handelt. RAVE ON!

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  10. Cooles Set, n’bekannter aus England sagt er habe 90 Minuten davon. Er will mir eine CD schicken, sobald diese da ist werde ich es hochladen. Können wir uns nochmal an eine Tracklist setzen?

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