Thema der Woche 183: Auszüge aus meinem “Zuhause-Afterhour-Gästebuch”

Ihr habt es so gewollt, nachdem ich das ominöse Buch hier schonmal erwähnt hatte hat’s ja dann doch recht lange gedauert bis der gefürchtete Moment kam und das Thema der Woche wurde. Die Einträge sind alle so zwischen 1993 und 1995 entstanden, als dieses Gästebuch bei den Afterhours bei mir zuhause rumgereicht wurde.
Es ist das erste mal seit langem das ich mal wieder die Continue-Reading-Funktion hier benutze. Aus gutem Grund, Schwachherzen, leicht aufgebrachte und labile Charaktere sollten hier jetzt nicht unbedingt auf das “More” klicken.
Ich habe gewarnt ;)


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Thema der Woche 182: Deep House

Ich würde nicht behaupten wollen das ich ein Problem mit House habe, ich blicke nur nicht mehr durch was unter diesem Tag Deep so gelistet werden darf. Früher gab’s mal House und irgendwann separierte sich das dann, melodienbefrachtetes mit Tralala und Uh Uh, in vornehmlich souliger Variante fand sich da unter der Bezeichnung Deep House und ich war dankbar für die Stilbezeichnung, weil den Stapel konnte ich beim Durchhören getrost auslassen, den interessanten Kram gab’s weiterhin ohne diese Voranstellung von Tief. Heute geht das aber so los wie mit Minimal vor ein paar Jahren, alles was irgendwie bei House auch nur Anleihen macht wird darunter eingeordnet weil es verkaufstechnisch gerade paßt.Jeglicher Versuch meinerseits mich da reinzuhören will nicht gelingen, nach ein paar Tracks aus dem Metier steig ich aus, da kommt so ein Unwohlsein auf, obwohl ich mir Mixe von anderen diesbezüglich schon mal geben kann, nur eben nicht zu oft und lieber als Hintergrundbeschallung, das ist wie mit so überzuckerten Lebensmitteln, es gibt Momente da haut man sich auch mal eine ganze Tafel Schokolade rein, aber meistens ekelt schon der Gedanke daran. In satten Momenten kommt mir dann Deep House vor wie die Schlagervariante von House.
Es ist ja auch ein bisschen die Attitude die so nervt bei den Deep House Connaisseurs, so dieses distinguierte, dieses rühr mich nicht an mit deiner Drecksmucke es könnte meine zarten, harmoniegeschulten Öhrchen zerstören und dessen Vertreter sich bei jeder Gelegenheit von irgendwas pikiert abheben müssen. Da kommen dann Typen auf dich zu, die mit erhobener Nase behaupten das Deep House ja schon viel älter sei als Techno, als wenn das auch nur irgendwas sagen würde, schliesslich ist z.B Rock noch älter und der Fatzke der das meint behaupten zu müssen war zu diesem Zeitpunkt nichtmal als Gedanke geboren, ich schon und hab’s vielleicht sogar gespielt, kennen die überhaupt sowas wie Gherkin Jerks oder Earth People? Der frühe Marshall Jefferson und Mr. Fingers wußte mir nämlich durchaus was zu sagen und vieles weitere aus dem Bereich House wußte mir auch zu gefallen, das geht bis heute so, nur das da kein seperatierendes Deep vorgehängt wurde. Da es mittlerweile eben so inflationär geworden ist, mag man beim besten Willen nicht mehr folgen und ich scheine damit nicht alleine zu stehen, ich kenne Menschen die diesen Stil spielen und trotzdem bei dem Wort Deep House fatalistisch facepalmieren, weil ein Housebeat von einer Sample CD aufgejazzt mit drübergepapptem Rhodes und aufgestreuseltem Soulderivaten macht eben noch lange nix deep, ist im Gegenteil sogar eher platt, Flat House, das wäre mal ne Bezeichnung! Aber solange die Voranstellung Deep für billigen Plastiknepp der gefakten Emotion steht und daher in eine eigene Kategorie fällt kann ich eigentlich nicht klagen, wie gesagt, ich freue mich über jegliche Art der Kategorisierung, die mir beim Ausfiltern hilt.

Thema der Woche 181: Die derzeit interessantesten Clubs und welche Musik man dort bekommt

Das mit dem Interessant ist ja immer so eine Geschmacksache, was dem einen gefällt ist für den anderen Tourischupen und was für den einen Club ist ist für mich nur ne Bar, aber ich versuch’s trotzdem mal.
Natürlich sind die Boliden des Clubgeweses nicht umsonst solche, also kann man Berghain, Suicide, Tresor schonmal nennen, die musikalische Ausrichtung dürfte auch klar sein, es überwiegt der klare, straighte Techno, natürlich aufgelockert durch die jeweiligen Fremdveranstaltungen oder Second Floors wo es von experimentel bis Minimal geht.
Des weiteren haben sich als sichere Bank erwiesen, der Horst Kreuzberg, das About Blank, Mikz und Morlox, letztere 3 alle in Friedrichshain mehr oder weniger am sogenannten Technostrich an der Revaler gelegen.
An Neuzugängen gibt es unter anderem Laden wie das Magdalena, also die Ex-Maria, das Gretchen, die Nachfolge des Icon in Kreuzberg, das Subland am Wiesenweg und das Prince Charles in der Prinzenstraße. Einen Ausreisser im Wedding gibt es mittlerweile auch zu bestaunen, die Panke in der Gerichtstraße.
Dann gibt es noch jede Menge neuer Läden die für mich eher unter die Bezeichnung Bar mit Musikbeschallung fallen, davon gibt es aber massig und die Öffnungs und Schliessungsfrequenz geht dermaßen schnell das nichtmal ich hinterher komme, was da noch existiert oder vielleicht gestern schon zugemacht hat.
Welche Musik man da geliefert bekommt hängt meist von den Veranstaltungen ab, da muß man sich eben im Vorfeld informieren, eine klare Linie ist bei den wenigsten gegeben, von Techno bis Dubstep geht das bei den meisten, was ich sehr positiv finde, einige wie z.B. das Prince Charles oder Kili haben sich eher auf Dubstep bis Hiphop und Breakcore oder noch nischigers wie Cumbia spezialisiert, aber im Großen und Ganzen rult schon der 4/4 Takt und elektronische Tanzmusik in all seinen Facetten.
Diese Aufzählung beansprucht übrigens keinesfalls den Anschein der Vollständigkeit, sondern beinhaltet nur Läden die ich entweder kenne oder mitgekriegt habe, das Feld ist aber so wuselig und unübersichtlich das da gut und gerne was übersehen oder einfach mir nicht bekannt ist. Bei Bedarf kann man das ja in den Kommentaren ergänzen

Thema der Woche 180: Techno in der Provinz – Menschen, Musik und Party fern der Großstädte

Da gilt es erst mal zu definieren wo Provinz anfängt. Für Metropolenbewohner ist das ja schon alles an Städten was unter einer Stunde zu durchlaufen ist, das mag z.B. für jemanden aus dem Rhein Main Gebiet oder aus dem Ruhrgebiet ganz anders liegen, vielleicht sollte man sich doch eher auf jenseits des Urbanen einigen? Ich für meinen Teil denke ja immer Techno, so richtig, ist eher was für urbane Gebiete, da wo eine gewisse Anonymität gegeben ist, also da wo keiner komisch guckt wenn mittags um 12 noch die Rolläden unten sind, oder man morgens um 9 erst durchgerockt nachhause kommt und es nicht zum Spiessrutenlauf beim Bäcker verkommt wenn man erst nachmittags die Brötchen holt . Nun bin ich aber bestimmt nicht die beste Adresse um sich über Rural Raves oder Country Clubbing zu informieren, ich bin schliesslich aus guten Gründen damals in den Moloch gezogen. Irgendwann nervte es nämlich ungemein jede Woche die gleichen Visagen im Club zu sehen und jedes neue Gesicht ist entweder Frischfleisch oder kritisch beäugt.
Trotzdem fand ich es in den 90ern absolut spannend, als in fast jedem Kaff ein Plattenladen mit Guaranaauschank existierte, wo man auch die Knicklichter kaufen konnte wenn die örtliche Vereinshalle, Gokartbahn oder Sporthalle mal zu einem Raveaustragungsort umfunktioniert wurde, da gab es schon legendäres zu beobachten. Leider war das nur von kurzer Dauer und das Phänomen legte sich schnell wieder, heute sieht man dafür schonmal eine so annoncierte “Berghain Nacht” in einem Laden in dem an anderen Tagen schonmal der Wet-T-Shirt Contest oder die Miss Bauern Wahl stattfindet.
Aber es geht auch immer noch was in der Provinz, wenn auch eben ein bisschen anders. Die Crux mit der der gemeine Landraver oft zu kämpfen hat heißt z.B. Sperrstunde und weiterfeiern zuhause im kleinen Kreis zu Zeiten wo man in der Stadt nichtmal ans weggehen denkt, was natürlich auch sein Gutes haben kann, gerade im Alter wenn Nächte durchfeiern nicht mehr so gut geht. Die Vorstellung das mal ein paar Rentner ihre gemeinsame wilde Jugend in vertrautem Kreise rekapitulieren erscheint mir in meiner Vorstellung jedenfalls eher ländlich denn urban.
Oftmals habe ich auch schon erlebt das dort mit viel Liebe unspektakuläres im positivsten Sinne, in kleinstem Kreise geplant und veranstaltet wird. Fernab der Großstädte läuft das Leben in ruhigeren Bahnen und das führt auch zu einer sympathischen Unaufgeregtheit. Der in Städten oft vermisste Familygedanke ist dort allgegenwärtig, weil’s eben gar nicht anders geht, jeder kennt nunmal jeden, das kann dann auch gleichzeitig auch die Kehrseite der Medallie sein, weil meiner Beobachtung nach schmoren diese kleinen Szenen eben auch im eigenen Saft, Neues kommt später an, dafür gibt’s da so Possees, die ewig ihrem Stil treu bleiben, was durchaus nichts schlechtes sein muß, denn langfristig gesehen finden diese in der Elektronischen Tanzmusik ein zuhause das auch mit dem Sozialgefüge korreliert, in der Großstadt hat man ja manchmal schon das Gefühl in einem Raum mit lauter Getriebenen ohne Heimat zu sein.
Was mir allerdings desöfteren aufgefallen ist, je kleiner der Ort desto heftiger ist offenbar der Konkurrenzgedanke, während ich es aus der Stadt gewohnt bin das da eher ein laissez-faire Gedanke vorherrscht, der allein schon aus Bequemlichkeit ein leben und leben lassen forciert, gibt es in kleineren Gemeinden schonmal erbitterte Fights um die Vorherrschaft im Veranstaltungsgewerbe und zwar mit harten Bandagen. Plakate überkleben mit “fällt aus wegen Krankheit” bis zu kurzfristig anberaumten Konkurrenzververanstaltungen mit Starlineup, das am Ende beide Veranstalter in die Miesen treibt, alles schon erlebt.
Vermeindlich ist musikalische Innovation in so fluktuaktionsarmen und fern der Netzwerke Gebieten ja eher nicht so das Aushängeschild, was aber in Zeiten des Internet zunehmend relativiert sein dürfte, ich warte ja noch auf den Zeitpunkt der Stadtflucht als Trend, weil das Fehlen der Reizüberflutung und Ablenkung dort einen besser arbeiten und kreativ sein lässt und die Mieten billiger sind.

Thema der Woche 179: Die alternative Realität: Großbrand am 13.12.1991 bei “Die Halle”. Mayday abgesagt, Low Spirit runiert. Wie wäre die Musikgeschichte verlaufen?

Ok, nehmen wir mal an es wäre tatsächlich so gelaufen, obwohl ich die Fragestellung ja viel intertessanter gefunden hätte, wie die Sache verlaufen wäre wenn WÄHREND der Mayday die Halle abgefackelt wäre. Aber gut, was wäre anders verlaufen hätte es die erste Mayday tatsächlich aufgrund genannter Gründe nicht gegeben und was wären die Auswirkungen?
Wolle wäre wahrscheinlich 5 Minuten lang wie ein Rummpelstilzchen vor Freude rumgesprungen, bis er gemerkt hätte das ja nun auch seine Location für die Tekknozid eine Woche später perdu ist. Low Spirit, so wie ich sie kenne, wären mitnichten pleite gewesen, sondern gut versichert und danach noch reicher, oder aber nicht versichert, pleite zwar aber mit Major im Rücken und alsbald unter anderem Namen, wie z.B. Low Budget, wieder vorstellig. Auch der Verlust von Low Spirit hätte der Chose keinen anderen Drift gegeben, es gab ja genügend andere BWLer die bemerkten das die kritische Masse zum Erfolg längst gegeben war. Und mal ehrlich, so auf der Hand liegend wie das Konzept der Mayday ist, nämlich anstatt bei Festivals alle Stunde eine neue Band auf die Bühne zu karren, stattdessen einfach DJs und Liveacts zu nehmen, entweder hätten die dasselbe gemacht oder sich gleich mit irgendeinem Konzerthansel zusammen getan, dazu muß man nur rüber auf die englische Insel gucken, wo genau das passiert ist. Das einzige was anders gewesen wäre, wäre das es nicht Mayday gehießen hätte, was einen Derrick May bestimmt sehr glücklich gemacht hätte.
Nehmen wir mal die ganz unwahrscheinliche Möglichkeit, das Low Spirit pleite gegangen wäre und nie wieder ein Ton von Westbam und Konsorten in eine Rille gepresst worden wäre, dann wäre vielleicht nicht “Somewhere over the Rainbow” der Hit gewesen mit dem Techno seine Unschuld verloren hätte, sondern irgendeine andere Krempe hätte sich unterbezahlt den Fame abgeholt, vielleicht auf ZYX, No Respect, Logic Records oder sonstigem Label, denen man ja bis heute die Rolle des Qualitätsfilters unterstellt. Kontor und andere Grossisten des niederen Geschmacks hätten stattdessen die Pfründe der zusätzlichenTechnomillionen eingefahren, lediglich ein paar Immobilien wären in anderen Händen, musikalisch und kulturell wäre nichts anders, alles andere wäre eine maßlose Überschätzung einer Firma die nichts anderes machte als Acer oder HP heutzutage, nämlich funktionierende Konzepte abschauen und als eigene Erfindung auszugeben und dabei als lautester “Erster!” zu schreien.