Thema der Woche 168: Jeff Mills

Egal wie zu den Sachen steht, die Herr Mills in letzter Zeit so herausbringt, muß man doch neidlos zugestehen das da einer einen weiten Weg gegangen ist und sein Ding durchzieht. Zwischen Final Cut bis zu diesem putzigen Merchandise von Skateboard hin zu Axis 20th Aniversary Kaffeetassen und Axis Autofahrhandschuhen liegen eben halt auch mal mindestens 20 Jahre und dazwischen ein Output der der Hektik eines Millsets in nichts nachsteht. Meine erste Begegnung mit Mills Schaffen war tatsächlich Final Cut, deren erstes Album irgendwie in meine Finger kam und genau in diese Zeit des Umbruchs zwischen EBM und Techno passte. Ich spielte das Dimitri Hegemann im Fischlabor vor und von da an nahm die Geschichte ihren Lauf. Dimi lizensierte es, ich kuratierte die Lizensierung und kurz darauf spielten Final Cut beim Berlin Atonal Festival. Dann kurzes Fast Forward und wir haben Underground Resistance die im Tresor alles auf den Kopf stellen und deren Tracks bis heute für mich wie nichts anderes für die Frühzeit des Tresors stehen. Bald darauf allerdings auch schon wieder den Split von Mills von UR und seine Rastlosigkeit zwischen New York, Berlin und Chicago. Die Neunziger sind schwer geprägt von seinem Auflegestil und wie das mit authentischen Ikonen so ist, sind deren Epigonen umso lächerlicher, desto heller das Idol leuchtet. Legionen von hektisch zappelnden, nervös an den Fadern und EQs zuppelnden Möchtegernmillsern haben sich durch die Clubs geheizt, aber keiner von denen hatte z.B. die Traute wirklich die Platten einfach hinter sich zu schmeissen, wie es Mills damals bei seinen Tresorsets tat. Aber auch ein Jeff Mills ist da mit den Jahren ressourcenschonender geworden, bei den letzten Sets die ich von ihm gesehen habe flog nichts mehr durch die Gegend und das letzte Mal als ich ihn sah legte er zusammen mit Laurent Garnier Klassiker auf, was im Gegensatz zu früher schon fast Tanztee Qualitäten hatte, so entspannt und relaxt ging es da zu.
Legendär sind ja sein Setmitschnitt aus Tokyo’s Liquidroom

und das Purposemakervideo geworden, auf denen sehr schön sein jeweiliger musikalischer Status Quo festgehalten ist.

Auch wenn er bei seinen Sets nach wie vor noch gut bratzt und zu seinem Arsenal gerne die wummerige 909 hinzu nimmt, ist auf seinen Releases in den letzten Jahren jedoch eher der erwachsene, gereifte Jeff Mills, zu hören, sei es durch die Neuvertonungen von Filmen oder, wie das offenbar als Zeichen des Erwachsenwerdens eines Künstlers unvermeidbar ist, mit Orchesterbegleitung, hier z.B. die fast nicht wieder zu erkennende Version von The Bells

wobei mir die Jingle Bells Version ja eigentlich viel besser gefällt, die nehme ich ganz gerne mal bei Sets in der Vorweihnachtszeit mit rein

Was er mit Sicherheit so nicht gewollt hat und das einzige was man ihm ankreiden könnte (außer Ausstellungen über seine Ohren und Hände) ist die Erfindung der DJ Tools, also Tracks, die eigentlich gar keine sind, sondern nur dazu dienen sollen unter- oder miteinander gemixt zu werden. Wahrscheinlich hat er gar nicht geahnt was er damit anrichtet, aber Ende der 90er war dann bei vielen JungDJs erstmal Tooltime angesagt, die für mich direkt in dieses Geschranze mündete, belegen kann ich’s nicht wirklich, bis auf das in einigen Ecken Schranz zuerst fälschlicherweise Detroit hieß, bevor der Schranzbegriff sich durchsetzte.
Allerdings muß man Mills zugute halten, das er den Toolbegriff sicher anders gemeint hat, als er dann letztendlich auf uns niederprasselte und er kann es auch bis heute nicht lassen, so hat er erst kürzlich eine Sammlung Namens Drummer 26 herausgebracht, die, man ahnt es, Hommage an Drummer per Roland 808 widmet. Frecherweise nur als Mp3 erschienen, was sicherlich einige Fans hat vom Glauben abfallen lassen, andererseits m.E. auch nicht gerade seine Meisterleistung. Wenn man sich z.B. den Track Bonham, der dem verstorbenen Led Zeppelin Drummer gewidmet ist, anhört, fragt man sich schon, wo da die Bonhamnote verborgen ist, das Gepluckere erinnert mich jedenfalls nicht an das Spiel eines der kraftvollsten Drummer ever.
Letztes Jahr war überhaupt ein outputstarkes Jahr von Mills, alleine 3 Alben auf Axis, die trotz ihrer soundtrackhaftigkeit genug millstypische Rhythmik enthalten um das durchgängige Hören nicht langweilig werden zu lassen. Vielleicht dem Club etwas entwachsen, aber für altersgerechtes Homelistening durchaus empfohlen.

Update: Bonus, weil Wolle in den Kommentaren über sein Mixing meckert. Das wäre schlecht Wolle ;-)

Thema der Woche 167: 10 Platten die Tanith’s Leben veränderten

Das Leben veränderten ist vielleicht etwas dick im Pathos aufgetragen, obwohl mir diese Platten zu ihrer Zeit den Kopf dermaßen verdrehten, das man im Nachhinein vielleicht wirklich davon reden kann, ich gehe mal in chronologischer Reihenfolge vor:

Alice Cooper – Billion Dollar Babies

1972: Meine erste bewußt selbst gekaufte Platte war und sie hatte Prägedruck und Klappcover, damit sollte quasi das Schicksal seinen Lauf nehmen. Ich wurde sogar einmal von der Schule wieder nachhause geschickt, weil ich mich wie Alice Cooper bemalt hatte. Kommentar der Lehrerkollegen zu meinen Eltern: Mit dem werden Sie noch Probleme haben, sie sollten Recht behalten.

KISS- Alive

1975: Nur konsequent nach Alice Cooper mit Kiss weiterzumachen, damals als sich der Rest in meiner Klasse eher darum kloppte ob nun Sweet oder Bay City Rollers per Starschnitt an die Wand gehörten gab es für mich nichts größeres als Kiss, ich hatte dann irgendwann alle Alben von denen. Von der Alive war eigentlich nur das erste Album richtig gut, das reichte aber um bei mir ordentlich Eindruck zu schinden. Heute klingt das Album bestimmt total konservativ rockig, damals war es nicht nur musikalisch, sondern auch optisch eine Offenbarung.

Sex Pistols – Never Mind The Bollocks

1977: Ich sag ja, so im Nachhinein ist da schon der rote Faden zu erkennen, immer das was seinerzeit der schlimmste Elternschreck war, ich stand drauf. Eigentlich müßte ich noch die ersten Alben von The Clash und The Damned dazu nehmen die waren alle 3 gleich wichtig. Wieder stimmte alles, Musik, Optik, und damals, ich war gerade 15, Antihaltung, sehr wichtig als Lehrerssohn! Punk klang damals wie die absolute Antithese zu Rock, wenn auch das vielleicht heute nicht mehr so nachzuvollziehen ist, aber die Attitude und das Aufbegehren hört man den Alben m.E. heute noch an.

Throbbing Gristle – Heathen Earth

1980:Mit Punk ging es so langam für mich zuende und fing dafür an zunehmend elektronisch zu werden, von gewöhnlicher Instrumentierung hatte ich jetzt irgendwie genug gehört. Heathen Earth war für mich eine zeitlang der Soundtrack den ich mindestens einmal am Tag hören mußte und mich dazu brachte unbedingt Synthesizer und ähnliches haben zu wollen. Eigentlich müßte hier auch noch Cabaret Voltaire’s Voice Of America stehen.

Einstürzende Neubauten – Kollaps

1981: Auch hier wieder Offenbarung, Lärm als Musik, da wollte ich ja sowieso hin zu der Zeit und dann noch so billig! Sei schlau klau beim Bau. Seinerzeit gab es nichts was meine Ohren mehr öffnete und meinem Lebensgefühl näher kam.

SPK – Leichenschrei

1982: Was hatte ich damals rumtelefoniert um noch das Originalalbum mit dem Originalcover zu bekommen, bis nach Australien! Bis heute noch mein unerreichter Favorit an Klaustrophobie in Musik. Das Sounddesign war bahnbrechend und toppte alles was ich bis dahin gehört hatte.
Ich hab das dann gerne aufgelegt wenn mal so Cure oder Depeche Mode Gothics zu Besuch kamen, Afterhour hatten wir nämlich damals schon- als die Clubs um 2:00 zu machten- die Beklemmung im Raum war mit den Händen greifbar.

Skinny Puppy – VIVIsectVI

1988: Die einzige Platte hier im Sinne von prägend als Kapitel beendend. Skinny Puppy verfolgte ich eigentlich von Anfang an aber das hier war der Höhepunkt. Für mich war klar, danach konnte nichts besseres auf dem Gebiet mehr kommen, zumal da zum direkten Vergleich schon Acid und House um die Ecke kamen, die für mich das Update darstellten.

808 State – Newbuild

1988 gab es so viele prägende um nicht zu sagen bewußtseinsverändernde Platten. Acid pumpte Woche für Woche neues Hirnfutter raus und das korrelierte perfekt als Soundtrack für meine Cyberpunkliteratur damals. Newbuild war dann aber die Krönung und hievte Acid nochmal in eine andere Dimension, ich kann mich noch gut erinnern wie das nonstop auf meinem Walkman lief. Ich hatte die Zukunft der Musik entdeckt, es war wie “das wollte ich doch schon immer hören!” Und gleichzeitig wußte ich was mich an Industrial der letzten Zeit genervt hatte, endlich elektronische Musik ohne diesen kopfigen Überbau

Chemical Brothers – Exit Planet Dust

1995: Eigentlich nur das erste dieses Doppelalbums. Ich war genervt von den Dogmen des Techno, während nebenan Drum & Bass eine Soundgrenze nach der anderen einriss, aber eben nicht wirklich kompatibel zu meinen Technosets war. Dann entdeckte ich die Exit Planet Dust, insbesondere Fuck Up Beats, Chemical Beats und Three Little Birdies Down Beats und war fortan auf der Suche das mit Techno zu verbinden

Various Artists – Grime

2004: Nachdem die Breaks mal wieder tot waren gab es noch einen kleinen Nebenausläufer namens Breaksgarage, der unter 2 Step unterschwellig brodelte, aber 2003 war der auch versiegt und ich dachte schon das war’s jetzt mit den Breaks. dann kam 2004 Grime und Dubstep auf, ich versuchte das zu verfolgen, aber die Releases waren nur spärlich zu finden, als dann diese Compilation auf Aphex Twins Label erschien war ich hooked, wie man so sagt und in Folge immer auf der Suche nach Sachen aus der Richtung, Breaks und die Welt wiedermal gerettet und das Hardcore Continuum fortgesetzt.

Thema der Woche 166: Insolvenz der Raveline

Lange ist es her das ich die letzte Raveline in der Hand hielt, für mich war diese Mischung aus Disco Boys, Kröcher und Novykolummne in der er Namedropt und über Laptop DJs lästert während er mit CDs auflegt nicht sonderlich interessant und fragte mich schon lange für wen diese Mixtur noch relevant sein sollte. Zudem, was mich bei Musikjournalismus interessiert ist Tiefe und das da jemand mehr weiß als ich, nicht das ein Thema erst Thema wird wenn alle schon drüber Bescheid wissen und dann halt auch mal was in Print darüber kommt, was man sonst schon allerorten lesen konnte. Oder wo wurden von der Raveline schonmal Talente entdeckt, Künstler vor ihrem Aufstieg gefeatured oder gar über Trends berichtet, bevor sie welche waren, auf die Gefahr hin auch mal falsch zu liegen, aber zumindest mal Kontur gezeigt zu haben? So hatte das alles etwas von einer Techno Bravo, was vielleicht für Einsteiger interessant sein mag, aber auch die werden sich heute schon andernorts billiger und besser informieren.
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Thema der Woche 165: GEMA

DIe Sache mit der alten Tante GEMA, die vielleicht irgendwann mal eine fesche Braut für Musikschaffende war und heute nur noch als keifende alte Vettel wahrgenommen wird, die sie ja in vieler Hinsicht ja auch ist. Sei es als Mitglied, als Musikkunde, als Veranstalter, als Künstler oder lediglich Youtube Gucker, jeder hat sein Kreuz mit dieser Dame mit der verschrobenen Realität aus einer anderen Zeit. Selten das man nur in einer Rolle steckt in der man mit der GEMA zu tun hätte und je mehr sich die Rollen häufen, desto ärgerlicher wird das.
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Thema der Woche 164: Wie bereite ich ein Set vor?

Die hohe Kunst des Set Vorbereitens! Immer wieder auch ein interessantes Thema sich darüber mit Kollegen auszutauschen, weil man ahnt ja gar nicht wieviele unterschiedliche Möglichkeiten es da so gibt. Angefangen von “Ich tu einfach die Platten die ich spielen will in den Koffer” bis zu wirklich ausgefeilten komplexen Herangehensweisen ist da wirklich alles vorhanden und mit Digital wird das ja nochmal anders.
Meine Herangehensweise ist noch stark vom Plattencase geprägt, den hatte ich nämlich immer in Modulen gepackt, also vorne die eher ruhigen Introsachen, dann schon eher abgehende, Peaktimetracks, ein Teil war dann noch für neue und bislang noch nicht gewußt wo einzusetzende, aber unbedingt zu spielende Tracks reserviert und hinten eher Ausklang, was dann mit vorne den Intros korrelierte. Im Extremfall das Ganze dann mal zwei, einmal in gerade (Techno) und einmal in ungerade (Breaks, Nuskool, Dubstep, whatever).
Die Urangst jeden Umsteigers ist ja, das man die gewohnte Orientierung an Cover und Haptik verliert, aber meine Erfahrung ist, mit ein bisschen Logistik ist das leicht ersetzt, hier kommt mein System:
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