Thema der Woche 201: MFS

Das größte am Label MFS war eigentlich die Entstehungsgeschichte und der Name, ich meine MFS, das sich die zur noch fast existierenden DDR gehörige Amiga auf dieses Kürzel für ein Sublabel, das damals noch für Ministerium für Staatssicherheit stand, eingelassen hatte zeigt wahlweise entweder in welchem desolaten Zustand der Laden war, oder welches Nixcheckertum da vorherrschte, in beiden Fällen nicht gerade ein Ruhmesblatt für die sinkende Republik und ihren Tonträgerhersteller, aber ein großartiger Coup von Mark Reeder.
Musikalisch war das anfangs eher so Gemischtwarenladen, wie viele Labels seinerzeit, es war halt noch nichts wirklich ausformuliert, die ersten Scheiben waren auch tatsächlich interessant für mich, wie z.B. VOOV, Futurhythm, Effective Force aber mit der Formulierung kam Trance und damit eher uninteressant, also für mich jetzt. Das war spätestens 1993 der Fall als diese MFS Doku kam in der sich wirklich jeder Hausartist von Techno distanzierte, man hätte es gern melodischer und musikalischer, da war für mich persönlich der MFS Drops gelutscht, nicht nur weil das ja mein vorrangiges Ziel war, musikalisches Neuland zu betreten, also Grenzen einzureissen, als auch dieses neuerliche Distinktionsding, das man ja eigentlich mit Techno, die 80er waren ja noch in guter Erinnerung, auch überwinden wollte.
Sicherlich ging es da erst so richtig ab für das Label, so mit PvD und Cosmic Baby, Mijk van Dijk, aber für mich eben komplett uninteressant. Von daher habe ich Label und Werdegang damals auch nicht weiter verfolgt, es kamen immer nur die kolportierten Künstlerdramen an meine Ohren, das ganze Gezicke bestärkte mich in der Annahme das meine oben beschriebenen Technowerte die schöneren und wahreren sind. Schön war das nämlich nicht ,was man so hörte, da wurde bei Geben und Nehmen einfach mal das Geben hinten runter fallen gelassen und es ging in diesen Geschichten eigentlich nur um Fame und Geld. Dazu noch dieses Gekitsche in Sound und Image, das den Stories um die Trennung von PvD und Cosmic Baby z.B so diametral entgegen stand, der Delfin als Trance Hello Kitty hätte da gut und gerne vom Hai ersetzt werden können, die Trance Diddelmaus hätte folgerichtig eine Regenbogenratte mit Einhorn vorne drauf sein können, war’s aber nicht, leider.
Ich weiß jetzt nicht ob der Weggang von PvD das Trancediktat beendete oder ob er ob dessen ging, jedenfalls versuchte sich danach das Label neu zu positionieren, aber das einzige was davon wirklich hängen blieb war der Hoax Berlin Mitte Boys, schade das in der Richtung nicht mehr passiert ist, auch wenn das Ergebnis grenzwertig war, die Ausführung war super und ein Label das solche Humoresken raushaut hätte dem ansonsten toternsten Technolabelzirkus wirklich gut zu Gesicht gestanden. Hat aber nicht sollen sein, ein Jahr später war Schluß mit Masterminded for Success.

Thema der Woche 200: Das verschwundene oder vergessene Thema der Woche 152: UR-Underground Resistance: Wie ein neuer Sound Techno veränderte, speziell Berlin

Es gibt in der Geschichte des Techno ja einiges an Zufällen und glücklichen Fügungen, aber wie Underground und Berlin, bzw. zusammen kamen ist noch mal ne Geschichte für sich. Schon weit vor der Tresoreröffnung waren wir DJs fasziniert von der Dystopie der frühen UR Scheiben die den Weg hierher gefunden hatten, ich machte dann auch für die Frontpage gleich ein Interview mit denen, per Fax, so machte man das damals noch. Die ersten Kontakte waren auch schon geknüpft, da Jeff Mills ja vorher bei Final Cut war und die hatten auf Dimitri’s Atonal im Künstlerhaus Bethanien gespielt. Als der Tresor dann öffnete sollte es auch nicht lange dauern bis Underground Resistance eingeladen wurden. Im Ufo hatte der Soundnicht wirklich zum Ambiente gepaßt, aber im Tresor paßte das wie Arsch auf Eimer und wir alle waren gespannt welches Armageddon uns erwarten würde. Man wurde nicht enttäuscht, aber ich glaube ebenso für die Jungs von UR war der Abend eine Offenbarung, jedenfalls klangen die nachfolgenden Releases noch kompromissloser und so richtig wie für unser Kellerloch gemacht, der Raveeinfluß war danach deutlich zu hören. Hier befruchteten sich zwei Szenen aus zwei kaputten Städten gegenseitig, da das deindustrialisierte Detroit mit all seiner Depression, und hier das mindestens ebenso desaströse Berlin, aber mit einer Aufbruchsstimmung die Hoffnung machte. Die Detroit-Berlin Achse war geboren und sollte in den Folgejahren noch breitere Schneisen schlagen,UR waren nur die Pioniere, die Vorhut, irgendwann gaben sich hier wirklich alle aus Detroit die Klinke in die Hand und werkelten mit Thomas Fehlmann, Moritz von Oswald, Mark Ernestus und anderen zusammen, manche blieben sogar gleich ganz hier, zumindest für eine Weile, ich nenne mal Jeff Mills und Blake Baxter. Von daher finde ich es immer etwas ungerecht zu behaupten das nur Detroit Berlin beeinflußt hätte, ich würde behaupten andersrum war’s ebenso, wenn auch man zugestehen muß, das ohne die Vorarbeit der UR Soundästhetik vieles anders und nicht unbedingt besser gelaufen wäre. Hier in Berlin fiel das alles auf fruchtbaren Boden, viele der Kollaborationen fanden hier statt, Hardwax sorgte für die Verbreitung und die Detroiter Künstler konnten sich hier locker machen, was der Kunst sicher auch keinen Abbruch tat. Sie konnten von absoluter Zustimmung zu ihrem Sound zehren und hatten zudem, im Gegensatz zu den Rip Offs die sie vorher in UK erfuhren, die Gewissheit das man ihnen auf gleicher Augenhöhe begegnete was das Business anging. Denn, das muß ja auch noch erwähnt werden, es gab ja schon früher den Versuch Detroit zu absorbieren, siehe frühe Releases auf Network, gerne auch das Sideproject von Altern8, namens Nexus21, da wurde schon 89 in typisch englischer Art versucht, dem Detroitsound respektvoll nachzueifern, was dann schließlich in Bleeps mündete, aber so eine knallige Reaktion wie UR und Berlin, die dann den Technosound global so beeinflusste, hatte das nicht ergeben, weil eben auch noch so etwas wie eine gemeinsame Philosophie und Ästhetik der beiden Städte dahinter stand.
Wie bei jeder Beziehung und jeder Reaktion müssen 2 Elemente füreinander geschaffen sein, das daraus mehr wird als nur die Summe der Teile und jede Reaktion hat auch mal ein Ende, aber bei diesem Ding zwischen UR und Berlin höre ich in vielen aktuellen Produktionen noch heute die Reechos dessen, was damals passierte, so wie Forscher die immer noch Fragmente des Urknalls nachmessen, möchte ich behaupten, wäre der heutige Berghainsound ohne UR-Berlin nicht vorstellbar und Techno insgesamt würde heute mit Sicherheit anders klingen, wenn es ihn in der Form noch gäbe.

Thema der Woche 199: Meine erste E und was an dem Abend passiert ist

Steht doch schon alles in Klang der Familie, aber rein numerisch hätte das Thema kaum passender droppen können, denn es war 1991, der Tresor hatte vielleicht einen Monat auf und schon auf den Tekknozids gab’s immer so Menschengruppen, die leicht debil grinsend in irgendwelche menschlichen Knutschkugeln verschwanden. Ich fand das alles immer ziemlich albern, andererseits forderten die Tresorexzesse einem auch allerhand ab und einige Kollegen hatten da schon durchscheinen lassen das sie das gelegentlich mal nehmen würden um da mitzuhalten. Ich war skeptisch aber neugierig und irgendwann meinte Rok dann mal, du wolltest das doch mal probieren, drückte mir einen unscheinbaren, klitzekleinen Pillenhalbmond in die Hand und ließ mich verdattert zurück. Das Teil wanderte erstmal in die Tasche und wog da tonnenschwer, damit hatte ich nicht gerechnet, sollte ich das jetzt tatsächlich nehmen? Erstmal fragen: “Wieviel denn?”- “Nimm alles.” – “Uiuiui, ne halbe gleich?”. Man hörte ja so Geschichten von den Dingern, das die blöd machen, das man stundenlang drauf tanzen könnte, was ich ja ohne schon tat und diese ganze Love, Peace und Happiness Blümchenwelt war eh nicht mein Verständnis von Techno. Ich traute dem Braten nicht so ganz und wartete mit der Einfuhr lieber bis ich mein letztes Set beendet hatte, was eine gute Entscheidung war, wie sich in bald herausstellen sollte. Mir wurde innerhalb kürzester Zeit recht blümerant, aber auf sehr angenehme Weise, nur damit muß man auch erstmal klar kommen, so mitten im Set, wer weiß wie das ausgegangen wäre. Ich saß also erstmal da und ließ wirken, mir wurde nämlich so einiges klar. Diese bunte Truppe, die es schon im UFO gab, ich fing an zu verstehen warum die so bunt war, die Farben! Der Weg an die Bar war so lang, das Wummern der Bässe trug mich dorthin, so noch nicht erlebt und alle so freundlich als wären die auch alle druff, mir wurde wabernd bewußt das dem dann auch tatsächlich so war.
Jetzt an der Bar bloß nicht schwächeln und sich bloß nix anmerken lassen beim Cola abholen. Und da standen dann auch noch diese beiden Mädels die schon seit Wochen immer so verschämt zu mir rüber schielten, aber ich war ja vergeben! Ach scheiß auf die Coolness und hastenich gesehen war ich plötzlich in einem Laberflash mit den beiden, keine Ahnung wie und wann das passiert ist, jedenfalls waren wir an dem Morgen alle schwer verknallt ineinander, passiert ist aber nix! Ich schwöre! Meinen Mitsubishi(!) Colt, mit dem ich immer zum den Gigs fuhr, ließ ich an dem Tag lieber vor dem Tresor stehen, die Traute in dem Zustand zu fahren hatte ich nicht, aber es sollte noch lange dauern bis ich wieder zuhause ankam.

Thema der Woche 198: Ist Sisyphos “echt” oder eine straff geführte Grossraumdiskothek? Kann etwas in dieser Größenordnung denn noch authentisch und echt sein?

Tja, woher soll ich das wissen? Ich war da erst zweimal und das erstemal war im Grunde vor der richtigen Eröffnung. Von daher kann ich zumindest sagen das die Sache gewachsen ist, denn zum damaligen Zeitpunkt war das lediglich eine runtergerockte Halle. Mittlerweile, besonders im Sommer, scheint dort ja mehr als ein Floor zu sein, aber deswegen gleich Großdissenalarm? Welcher etwas größere Club mit mehr als einem Floor wäre das dann nicht? Die Mengen von meist Noname DJs die dort an einem Wochenende durchgeschleust werden scheint mir auch eher als Gegenargument zu wirken. Großdissen haben für gewöhnlich ein recht begrenztes Arsenal an Schallplattenalleinunterhaltern und müssen mit irgendwelchen Publikumsmagneten ködern. Auch das tut das Lineup des Sisyphos nur sehr begrenzt. Inwieweit der Burlesque Stil, den man ja auch schon aus der Bar25 oder dem Ritter Butzke kennt, echt oder nur aufgesetzt ist, ich weiß es nicht, halte es aber für eine Art Zeitgeist, scheint so eine Corporate Identity des Glitzervolks zu sein.
Für mich bedeutet Großraumdiskothek immer noch Bonkarten mit Mindestverzehr, Kleiderordnung die einzuhalten ist, gebuchte Gogos, zwischendurch auch mal Schlager bis Wet T-Shirt Contest und dererlei Geschmacklosigkeiten mehr, von daher würde ich das Sisyphos da klar ausschliessen wollen.