Thema der Woche 50: Meine ersten Schritte in Netz – Wie alles begann

Es war ein langer Weg bis zu UMTS, Internet in der Tasche und Twittern via iPhone. Damals, als all das noch wie weit ganz entfernte Zukunftsmusik erschien und das Internet noch via piepsigem Modem ins Haus kam, das sich mit einer Bleeparie mit dem Provider verband. Das war anno 95, mit Computern hatte ich natürlich vorher schon zu tun, schon meine Plattenreviews für die Frontpage schrieb ich auf einem Apple Classic und im Studio werkelte der zu der Zeit übliche Atari ST. Festplatten mit 4MB kosteten damals fast soviel wie der Computer selbst und Arbeitsspeicher konnte sogar ein mehrfaches des Rechners kosten. Seit 1993 kaufte ich auf meinen Reisen immer das Wired Magazine und wartete nur darauf, das das Internet endlich auch für Privathaushalte möglich und vor allem erschwinglich wurde. In der Redaktion der Frontpage gab es dann ab 95 Internet, was aber noch nicht dasselbe war wie dieses auch zuhause nutzen zu können. Das war dann Anfang 1996 der Fall, ich kaufte mir einen Power Macintosh 7200, mein Provider hieß SNAFU und Christian Jakubaschek, der Sysadmin der Frontpage der auch Techno.de initiierte, richtete mir alles zuhause persönlich ein. Das war natürlich nicht so simpel gestrickt wie man das heute gewohnt ist, das Modem wollte installiert sein und sollte zum Provider sprechen, damals eine Kunst für sich. Dazwischen waren noch lauter kleine Progrämmchen und alle wollten erstmal mit Daten, Kürzeln und kryptischen Codes gespeist werden, bevor da überhaupt was ging und wehe man beachtete die Groß- und Kleinschreibung nicht! Mit www. alleine kam man damals auch nicht weit, Newsgroups und IRC waren die Plätze wo es ebenso abging und auch das bedurfte natürlich auch einer Konfiguration die den alten Alchemisten zur Ehre gereicht hätten.
Irgendwann Ende Januar/ Anfang Februar 96 war ich dann drin und kam auch kaum noch raus, eine neue Welt tat sich da auf und ich konnte nicht genug davon kriegen, es kam mir vor als wäre das alles nur für mich gebaut worden, all meine Cyberpunkvisionen wurden wahr und da draußen gab es noch unglaublich viele denen das genauso ging. Zu der Zeit war das Netz noch völlig ungefiltert, man fand Sachen wofür man früher wochenlang in Bibliotheken und Antiquariaten gestöbert hätte, nur hier jetzt mit instant Gratification und zwar in Massen die man vorher gar nicht für möglich gehalten hätte, für Autodidakten und Freunde des abseitigen Humors wie mich also das Paradies schlechthin. Studiofragen, die vorher stundenlanges Telefonieren mit unwilligen und/oder geheimniskrämernden Kollegen bedeuteten, waren innerhalb von Minuten geklärt, mit Bebilderung und HowTo, irgendjemand hatte bestimmt schon an der gleichen Stelle gescheitert und hatte dankenswerterweise irgendwo einen Walkthrough hinterlegt. Treiber, für die man zuvor mit einer Diskette in den Laden rennen mußte, damit die einem den kopieren, waren jetzt schnell von der Site des Herstellers geladen. Wenn man mit der Arbeit fertig war vergnügte man sich auf Seiten wie Dan’s Gallery of the Grotesque, die seinerzeit das zeigten, wovon man vorher nur gehört hatte, Bilder der strangesten Art, Nahaufnahmen von Unfällen, forensische Bilder, Bilder aus Kriminalakten und andere Monstrositäten, die faszinierten weil sie vorher so unzugänglich und gehütet waren. Man wußte zwar von Auftritten von SPK und Throbbing Gristle das es solchen krassen Krempel geben müßte, aber unter Verschluß, es war mehr als schwierig, wenn nicht gar unmöglich, dessen habhaft zu werden. Nun schwappte der Kram also in Hülle und Fülle auf den Monitor und die Festplatte war schon bald zu klein um das alles zu speichern. Ein Zipdrive mußte her, das war im Grunde eine Diskette auf Steroiden, die Sage und Schreibe 100 MB speichern konnte!
Wir reden hier auch von einer Zeit vor Google, zum Suchen nahm man Yahoo, Alta Vista und später Fireball, aber auch einer Zeit ohne Werbung. War war das ein Aufruhr, als die ersten Kommerzialisierungstendenzen des Webs diskutiert wurden, das Ende des Internet für die einen, der Traum von der schnell gezocken Millionen für die anderen, die meist mit dem Platzen der Internetblase Anfang dieses Jahrtausends auch wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen war. Foren und Blogs waren zu der Zeit natürlich auch noch nicht existent, die eigentliche Kommunikation passierte in den schon erwähnten Kanälen des Usenet mit seinen Newsgroups und IRC Chats und ich war anfangs ziemlich verwundert, kaum was über Techno zu finden. Durch das Frontpagebüro und die Leute vom Planet, die ebenfalls in Sachen Internet aktiv wurden, war ich mir sicher, das meine Denke, vonwegen Techno hat was mit Technikafinität zu tun, eigentlich verbreiteter Konsens sein mußte, umso erstaunter war ich, das man viel leichter Abseitiges finden konnte, denn wirklich relevantes aus und über die ja damals äußerst lebendige Technoszene.
Meine ersten Chatversuche im IRC gingen dann auch in Richtung Technointeressierte oder Leute aus dem Umfeld zu finden. Ich dachte ich bin jetzt einer von vielen, die Techno und Internet als die nächste Stufe begriffen und hatte ein paar Chanel empfohlen bekommen in denen sich solcherne angeblich rumtreiben sollten, aber das erste was mir passierte war ein Bann, weil mich der Mod mit Motte verwechselte, der vor irgendeiner Loveparade im Interview gesagt hatte, das “die Juden mal ne andere Platte auflegen” sollen und mich als vermeindlichen Antisemit kickte. Bei einem anderen Chanel meinte ich endlich fündig geworden zu sein, da waren ja die ganzen FEOSe, Väth’s und Cosmic Babys, aber oh, mich, Tanith, gab es dort ebenso schon, über was die vermeindlichen Kollegen da plapperten war so gar nicht deren Stil und mein mir bislang unbekanntes Alter Ego schrieb was definitiv nicht von mir hätte stammen können. Mein erster Kontakt und dann gleich Fakeidentitäten, was für ein Anfang! Beim Durchscannen der paartausend Kanäle des IRC fiel mir irgendwann auf das überdurchschnittlich viel .fi unterwegs war, Finnen also und in einem anderen Kanal erklärte mir dann wer, das die Finnen ganz weit vorne wären im Internetausbau, im Winter aber viele zugeschneit seien oder auch einfach nicht raus wollen und per Internet Kontakt mit der Welt halten.
Im Usenet mit seinen Newsgroups wurde man schon fündiger da gab es einige, wo sich Technonerds tummelten, abfahrer.ger war z.B. so eine Keimzelle für das, was sich später auf eigene Technosites und Foren versprengte. Mir laufen heute noch gelegentlich Leute über den Weg, die ich dort virtuell kennen lernte.
Umso mehr irritierte mich allerdings, das bis auf die großen, wie Planet, Frontpage und Low Spirit, kaum einer in der Branche das Potential erkannte oder gesteigertes Interesse an dem Medium empfand, man regelte lieber weiterhin alles per Telefon und dem nervigen Fax. Bis ich mein damaliges Management auf E-Mail hatte, war ich schon auf ISDN. Noch komplizierter einzurichten als das Modem, aber für damalige Verhältnisse sauschnell und vor allem stabil, die Modemverbindungen rissen ja auch gerne mal ab. Zu Stoßzeiten gegen Abend gab es auch gerne mal Einwahlprobleme oder lahme, weil überlastete Leitungen. All das war Geschichte mit ISDN, es war wie von der Landstraße auf die Datenautobahn wechseln. In den Newsgroups starteten die ersten Filesharingversuche, indem man z.B. Filme in lauter kleine Teile zerlegte, die man zu einem .zip zusammenfügen mußte um dieses dann zu entpacken. Nur fehlten da grundsätzlich irgendwelche Teile, so das es eher ärgerlich gewesen wäre sich diesen Datenmüll auf die teure Platte zu holen. Immerhin gab es damals noch keine Flatrates sondern alles wurde nach Minuten berechnet.
Mobiles Internet hatte ich theoretisch auch seit 96, denn angefixt von Internet und Apple hatte ich mir bald darauf einen Newton mit PMCIA Modem geholt, allerdings brauchte es dazu immer eine Telefonleitung und das Kabel spielte nicht mit allen Dosen. Mit 24k Modem war auch nicht viel zu holen oder besser zu loaden, E-Mails ziehen oder ein paar Notizen per Mail an sich selbst zu schicken, dazu reichte es, aber schon Web und Browser gingen zwar, aber Spaß war das keiner, zumal mit monochrom Bildschirm, so toll das Gerätchen auch sonst war.
Ich lernte die Grundzüge von HTML und hatte sogar auf dem Newton einen Editor. Jahrelang bastelte ich mir mehr schlecht als recht Seiten zusammen, die dann irgendwann einmal tanith.org ergeben würden sollen, bis es dann allerdings 2000 endlich soweit war, war natürlich alles vorherige schon zigmal wieder über den Haufen geworfen und von Grund auf neu gemacht, HTML allein reichte irgendwann auch nicht mehr. Die Urform von tanith.org war aber tatsächlich eine reine HTML-Seite, bei der die Files noch richtig von Hand auf den Server gespielt wurden. Das kann man ruhig wörtlich nehmen, denn die ersten hier hochgeladenen Mixe brachten wir damals noch persönlich beim Provider vorbei, weil es billiger und schneller ging die dort einzuspielen, anstatt sie per ISDN auf den Server zu laden.

Kommentare (6) Schreibe einen Kommentar

  1. schöner text, danke!

    ich war erst 1998 zum ersten mal im internet, bei einem 4-wöchigen aufenthalt in den usa. dort hatten sie zu jener zeit allerdings schon flächendeckend flatrates, sowohl für telefon als auch für internet. ich wusste anfangs überhaupt nicht, was ich damit anfangen sollte und bis mir langsam dämmerte, was alles geht, musste ich auch schon wieder weg. zur gleichen zeit jagte mein bruder zuhause mit einem geliehenen modem und einem online-spiel die telefonrechnung meiner eltern in astronomische höhen. die hoffnung, selbst internet zu bekommen, war damit auch gestrichen. das musste ich bis 2000/2001 verschieben, als ich dann zuhause ausgezogen war.

    an das erste tanith.org kann ich mich noch gut erinnern. und ich fand und finde, dass das damals stilistisch schon ganz weit vorne war. gefällt mir tendenziell sogar besser als das aktuelle design, auch wenn frames, tabellen und statischer content inzwischen eindeutig nicht mehr “state of the art” sind.

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  2. [...]denn wirklich relevantes aus und über die ja damals äußerst lebendige Technoszene[...]Ich dachte ich bin jetzt einer von vielen, die Techno und Internet als die nächste Stufe begriffen[...]
    Ja, das erstaunt mich auch, dass viele in der lebendigen Szene erst sehr spät “online” waren.

    Lusitg waren auch die Icons mit dem Totenkopf im damaligen Postlogo… ;-)

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  3. richtig informativer Text! und mal wieder ordentlich lang! man hat das Gefühl, da gäbe es noch viiiiel mehr zu erzählen?!
    wäre vielleicht auch interessant für viele der heutigen, jungen Generationen, welche das Internet, Glasfaser Highspeed- Verbindungen und Flatrates schon von klein auf kennen…
    missen möchte man diesn Luxus der Informationsflut jedenfalls auf gar keinen Fall mehr!!

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  4. na klar könnte man da noch facetten ausarbeiten, wie war das z.b. die ersten virtuellen bekanntschaften in RL zu treffen, oder wie das mit den zeitschriften immer weniger wurde, weil das medium nicht mehr mithalten konnte. die ersten blogversuche von rainald götz oder ampool usw. aber wo anfangen wo aufhören?
    missen möchte ich die infoflut auch nicht mehr, obwohl es täglich auf’s neue herausforderung ist, diesen reissenden fluß zu bewältigen ;)

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  5. mitte 94 fand ich das alles auch noch unglaublich enterprise-maessig. modems wie das von dr.neuhaus waren von porsche designt und nix war besser als ne´n zyxel. bis zu dem tag, -jahre spaeter- , als wir die siams site wegen diverser komischer dinge vom netz nehmen mussten.
    heute ist es eigentlich nur noch ein arbeitsmittel, welches einem auch einarmig, aus der horizontalen lage herraus, von fast jedem ort der welt, das arbeiten ermoeglicht.
    wat sind wir doch frei, unter all den terroristen….

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