Thema der Woche 51: Freiheit

Eigentlich müßte Freiheit ein Fourletterword sein, soviel Schindluder wie damit getrieben wird. Vielleicht ist es auch nur doppelt gebeutelt, weil es aus zweimal four Lettern besteht. Egal was einem verkauft werden soll, ein Pfund Freiheit wird immer dazu gepackt, ob das nun Zigaretten oder Kriege sind. Wenn man sich überlegt was für bräsige und und willfährige Freunde der Freiheit westlicher Definition man auf den Flecken, wo diese heute angeblich verteidigt wird, hätte schaffen können, wenn man den Leuten die Billionen einfach in Hand oder Rachen gedrückt hätte, anstatt sie mit Militär und Raketen zu verplempern!

Aber warum in die Ferne schweifen, was einem hier heute so als freiheitssichernd angedreht werden soll ist ja auch nix anderes, nimmt einen aber auch nicht Wunder, bei Leuten deren Freiheitsbegiff auf der Auswahl im Supermarkt fußt und mit “die Freiheit nehm ich mir” Butter mit ohne Kalorien assoziieren. Vielen mag ja das Freinehmen, im Sinne von Urlaub als Karneval der Seele, auch durchaus reichen, allerdings hat das nur bedingt was mit der Version einer freiheitlich demokratischen Grundordnung zu tun. Viele sind ja durchaus so genügsam, der Rest siedelt in den jeweiligen Narrenkäfigen an, ob die nun New York, Istanbul oder Berlin heißen, komischerweise hat ja fast jedes größere Land so ein Refugium als Biotop für die Einwohner, die nicht so recht in den regulären Betrieb passen. Freiheit meint nämlich auch die freie Wahl der Lebensform, die bei Menschen anscheinend die Anonymität braucht, die Freiheit zur Ausübung einer auch nur minimal abweichenden Lebensform ist in übersichtlichen Populationen aus Gründen der Selbstregulierung offenbar nicht gegeben. In Berlin kann man schonmal völlig druff in zerrissenen Frauenkleidern mitten auf der Kreuzung Bibelverse rezitieren (alles schon gesehen!) und am nächsten Tag ist alles vergessen, versuche das mal einer in einem 4000 Seelen Kaff! Dieses Beispiel sollte jetzt allerdings nicht als Freibrief zum Freidrehen verstanden werden. Sicherlich gibt es in diesen ländlichen Regionen andere Freiheiten, es fallen mir nur gerade keine ein, zeigt aber gut das Grundproblem zwischen gelenkter und freier Bahn auf. Wir wollen auch mal nicht zynisch werden, wie das die Politik mit der Verhaftung am Prinzip Arbeit zur Mittelverteilung gerne tut, obwohl jeder weiß das Vollbeschäftigung auf lange Sicht nicht erreichbar sein wird und so mittels christlicher Doktrin (Wer nichts arbeitet soll auch nichts essen) nicht nur das Selbstwertgefühl und die Freiheiten jener ungebührlich mit Füßen tritt, die beim Arbeit-macht-frei-Spiel, einem dreisten Plagiat von Reise nach Jerusalem übrigens, eher die arschigen Karten gezogen haben.
Die freie Marktwirtschaft hilft da auch nicht viel weiter, wenn sie mit Shareholdervalue rumprollt, unter frei, frei von Skrupel und Moral meint und die Phrase von “Die Freiheit des einen hört da auf wo die Freiheit des anderen anfängt” zu eigenen Gunsten zu einer hohlen macht. An der Aushöhlung des Begriffs haben aber auch Kalendersprüche wie “Freiheit für alle, laßt die Luft aus den Schläuchen” und unverhohlene Oxymorone wie Münchner Freiheit ihren Anteil mit besorgt.
Freiheit, meine Damen und Herren, Freiheit bedeutet auch, das ich so frei bin diesen Text hier enden zu lassen. Habe die Ehre, wir lesen uns hoffentlich nächste Woche wieder!

Kommentare (10) Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr gelungene Ausführung. Vor allem das Ende. Meine 2 Cents zum Thema:

    1. Vor ca. 6 Mio. Jahren haben die Menschen die Freiheit aufgegeben.

    2. Definition von Freiheit in der DDR-Ausgabe des Dudens: Freiheit – Einsicht in die Notwendigkeit.

    Noch Fragen, Kienzle? ;)

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  2. “Immer wenn ich in meiner Rede auf Freiheit und Ideale zu sprechen kam, hat es gedonnert” aus dem Hörspiel “Das Unternehmen der Wega” von Friedrich Dürremat

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  3. Toll finde ich aus das der Begriff “Big Brother” zu einem Begriff der Unterhaltungsindustrie verkommen ist und von vielen Leuten plötzlich positiv besetzt.

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  4. temperantia!
    freiheit ist doch nur ein uerbersetzungsfehler von caritas. love als fourletterword geht doch fast durch. es soll auch in deutschland noch gegenden geben, die man erst nach drei tagen fussmarsch erreicht, durch unwegsamstes gelaende, durch sumpf, wald & oase am see. mit offenen augen die welt betrachten duerfen, ist doch eher herausforderung als denn freiheit. esperantia? hilft fides & fortitudo? prudentia durch justitia, oder doch eher umgekehrt?

    toleranz vs.caritas = freedom?

    vote!

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  5. In unserer Gesellschaft über Freiheit zu diskutieren, ist ungefähr so, wie wenn Fische übers fliegen philosophieren ;-)

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  6. es soll auch in deutschland noch gegenden geben, die man erst nach drei tagen fussmarsch erreicht, durch unwegsamstes gelaende, durch sumpf, wald & oase am see.

    @malesiam: ja, stimmt, fängt gleich bei uns hinterm haus an (naja fast)- da bin ich der einen definition von freiheit ja quasi zum greifen nahe- oder etwa doch nicht?

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