Thema der Woche 52: Größenwahn in der Technoszene/Musikindustrie

Größenwahn, die Berufskrankheit Nummer eins der Branche und so angenehm wie, Pest, Cholera und Ebola zusammen. Menschen, die genauso stinken und Müll machen wie alle anderen, benehmen sich als wäre die Welt nur für sie gebaut worden und als machten die Spielregeln um sie einen Bogen. Jegliches gute Benimm ist schnell dahin, dafür werden Macken gehortet und kultiviert. Wie bei Krankheiten üblich, ist jeder dafür anfällig, aber einige sind besonders prädestiniert und natürlich fällt die eh eher extrovertierte DJ-Kaste da als erstes drunter. Was nicht heißt das gehypte Musiker oder verkokste Clubbesitzer und Booker dem nicht auch sehr schnell anheim fallen können, schwache Charaktere gibt es überall.
Es wird einem aber auch wirklich einfach gemacht und nicht ganz so stabile Naturen schenken so bauchpinselerischen Aussagen wie “boäh Aldää, hast du mich geschickt! Sowas hab ich noch niiieee erlebt” gerne Glauben. Die anschliessende Fürsorge im Backstage wird auch in Richtung Godmode interpetiert und schon haben wir ein ausgemacht widerliches Stück Mensch vor uns, das einem tierisch auf die Nerven gehen kann.

Genährt wird’s von der Schmeißfliegenfraktion, die allem was vermeindlich berühmt ist, nach dem Munde redet, zu Kreuze kriecht oder gleich die Rosette leckt, in der Hoffnung etwas von dem Ruhm färbe vielleicht ab. Eine symbiotische Beziehung zwischen Wirt und Parasit, wie man sie auch aus dem Tier- und Vampierreich kennt. Gebettet auf falschen Lobhudeleien gerät der Patient in ein Realitydistortionfield, in dem er glaubt tatsächlich sowas wie Größe und Wichtigkeit zu verkörpern, wohlgemerkt bei etwas per se unwichtigem wie Club oder Szene! Da steht nun also eine Witzfigur, die sich für ein Sexsymbol hält oder tatsächlich glaubt, irgendein Magic Touch hätte dafür gesorgt, das das mittlerweile recht alltägliche Ineinandermixen von Musik die andere gemacht haben, ausgerechnet bei ihm zur Kunst gereiche. Man bedenke aber auch, das nicht nur sie umflirrende Lakaienhorden, die nun endlich einen Sinn in ihrem kleinen Leben finden, sondern ganze Industriezweige an diesen exaltierten Persönlichkeiten hängen, angefangen von Hardwareherstellern über Riesenstudios, weil dem genialistischen Musikus die Samplebank nicht mehr gerecht wird, da muß schonmal das Orchester ran! Die klassische Statussymbolindustrie folgt dann mit Uhr, Auto, Penthouse und was der Überflussgesellschaft sonst noch so zeitgemäß zum Protzen erscheint.
Ist man nicht involviert, kann das von außen ganz putzig wirken, wenn z.B. der Mitarbeiter eines Technoheftchens wegen Geschwindigkeitsüberschreitung angehalten wird und dann ein Satz wie “Hören sie mal, ich muß weiter, ich fahre für das führende Magazin im Technobereich!” kommt. Auf die Lippen beissen, eine Runde Fremdschämen, aber man hat danach was lustiges zu erzählen. So richtig unangenehm wird das erst, wenn man direkt damit zu tun hat, z.B DJ-Kollegen, die bislang eher debil, unterwürfig daher kamen und nun meinen jetzt, nachdem sie ihren ersten Release draußen haben und in irgendeinem Radiosender zu nachtschlafener Zeit ein Interview geben durften, wäre ihr Zeitpunkt gekommen, Weltruhm wartet um die Ecke. Jahrelang drauf gewartet, Füße nicht mehr still halten könnend und sich schon auf dem Olymp wähnend, tun sich da menschliche Abgründe auf. Es werden unverschämte Forderungen laut, es wird mit Gagen geprahlt, ein zynisches Weltbild entwickelt, sexistische Kackscheiße für normal gehalten und auch sonst ein Verhalten an den Tag gelegt das einem die Ohren schlackern. Es nimmt sich auch nicht viel, ob der Überflieger drogen- oder anderweitig Wahninduziert ist, das Resultat ist immer das gleiche, eine durchgeknallte Person, die Opfer ihres eigenen Images wurde und nun mit einer Verblendung durch die Welt marschiert, das man ihr links und rechts eine Watschen möchte, auf das sie wieder zur Besinnung kommt.
Aber auch Überflieger sind nur Flieger und da greift die alte Pilotenregel, runter kommen sie immer, jede Welle ist mal zuende geritten und what goes up must come down, die geflissentlich ignorierten Spielregeln machen dann doch mal Meldung und dann ist das Gezeter groß! Natürlich sind erstmal alle anderen Schuld, der Booker, der A&R, bis kein anderer mehr da ist und dann? Ho hum! In vielen Fällen dienen die darauf folgenden Lektionen in Demut dazu, aus dem verzogenen Balg wieder sowas wie einen Menschen zu formen, bei anderen endet’s in einer unschönen Früher-war-alles-besser Mentalität, die sich in ihrer Nervigkeit nichts mit dem Zustand zuvor nimmt. Natürlich verleitet auch das allgemein vorgelebte Klischee einiger Szenecelebrities dazu, das genau die Personen, die für solche Peinlichkeiten prädestiniert sind, ihr Heil in einer solchen Funktion suchen. Das ist nicht erst seit Technotagen so, Künstlergehabe und Divenhaftigkeit gibt es nicht erst seit gestern. Patentrezepte dagegen scheinen bislang noch nicht gefunden zu sein und so bleibt einem nur die alte starke Waffe Ignoranz, oder, wer die Muse hat und daran Gefallen findet, das Warten und anschliessendem innerem Reichsparteitag beim Zugucken der Bauchlandung.

Kommentare (8) Schreibe einen Kommentar

  1. nun tust du der muse des kuenstlers jedoch echt keinen gefallen und ich gehe davon aus, das du die musse hast, dich der muse hinzugeben. auch eine form von demut.
    ansonsten schoen auf den punkt getroffen und ich hoffe sehr, das es da mal ne´ kinderschluckimpfung gegen gibt, schon wegen der nad(d)eln.

    Antworten

  2. ich mag mich irren, aber ich sehe da zwischen den zeilen deutlich den begriff ‘minus’ durchschimmern…

    aber mal weg von den anderen, hin zu dir: konntest du an dir auch schon mal solche züge feststellen? also, gab es mal einen punkt, an dem du dir selbst gesagt hast, “hoppla, das war jetzt aber ganz schön daneben.”

    Antworten

  3. hmm du beschreibst GW als Krankheit, doch wer legt da die Grenzen fest? Das Negativbeispiel kennt und hasst jeder, denke ich. Ist meist gepaart mit einer Überdosis Egoismus. *würg*
    Ich hab da mal nen Typ kennengelernt nett, sympatisch und gutherzig, glaubte aber ne Reinkarnation von Tutanchamun zu sein. Oder was wäre manche Party ohne irgendwelche duchgenallten Homos und Gaggas? So langweilig wie ein Bastelabend im Seniorenheim.
    Um bestimmte Sachen voranzutreiben muss man jedoch größer und weiter denken als der Rest um z.B. ne Revolution, also Verbesserung des Allgemeinwohl, voranzutreiben oder die Weltherrschaft an sich zu reißen, hoppla falscher Planet ;-)
    äh Amen
    Licht und Liebe

    Antworten

  4. War das wieder ein geiles Wochenende. erst mal wieder schön durch sämtliche Zonenbackstages gefressen und gesoffen. Dann dem Veranstalter ne Riesenstrasse aufgeschichtet und dann für die Kolummne ertmal mitgeschnitten, wie er Gage und Extras vom eingeflogenen Ami-DJ neu verhandelte. Ha – Was’n Spass! Wen interessiert da noch ‘ne Party?

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.