Thema der Woche 53: Groupies

Na, ich hab mich ja ehrlich gesagt gewundert wie lange es brauchte, bis das Thema mal auftaucht und bin erfreut hier und jetzt mit dem Mythos aufzuräumen, der vielleicht nicht unwesentlich dazu beigetragen hat, das in einer Umfrage in den 90ern ein Großteil der Schulabgänger DJ als Traumberuf angegeben hatte.
Die Legende lebt wohl von den Uschi Obermayer’s und Jenny Elvers dieser Welt, aber die Realität sieht, wie so oft, ganz anders aus und zwar nicht unbedingt besser. Der Durchschnitt der sich anbiedernden Garde sieht auch eher so aus, mit der Vorsilbe Unter davor und so sieht dannoft auch deren Existenz aus. Da haben wir dann auch oft schon den Grund des Gebahrens, sei es der Aufstieg in der Szenehierarchie mit anderen Mitteln, die Aussicht auf Teilhabe am glamourous DJ- oder Musikerlifestyle, oder einfach das Ausfüllen einer großen Leere, die ein uninspiriertes Leben eben so mit sich bringt. Der Fairness halber muß aber erwähnt werden das es durchaus unterschiedliche Groupietypen gibt, wobei die sympathischste noch die ist, die sich einfach berufen fühlt den Künstler des Abends zu bemuttern und ihm alles recht zu machen.

Interessanterweise denkt man bei Groupies auschliesslich an das weibliche Geschlecht, dabei ist die männliche Form mindestens ebenso oft vertreten, wenn man sich die ganzen selbstlosen Horden der Plattenträger und DJ-Fahrer vergegenwärtigt. Natürlich funktioniert der männliche Groupie anders als sein weibliches Pendant, aber jeder gibt auf seine Weise eben alles um dem Helden nach Möglichkeit zu Diensten zu sein. Das mag auf den ersten Blick selbstloserscheinen, nähere Inspektion ergibt aber meist doch recht egoistische Gründe. Neben den oben erwähnten ist das gerade bei der männlichen Spezies oft der mehr oder weniger insgeheime Wunsch an der Stelle des Betüdelten zu stehen oder der Traum ihn link(s) zu überholen, dabei bleibt ihnen ja dummerweise die Waffe der Frauen, das Hochschlafen, in den meisten Fällen verwehrt. Weibliche Groupies gründen dagegen nach der Erkenntnis das die Künstlergötter auch nur ganz normale Menschen, zudem gesegnet mit überdurschnittlichen Macken und Unzuverlässigkeiten sind, gerne mal aus Frust und Rache eine Bookingagentur oder machen die Bookings für den Club um direkt an der Quelle zu sitzen und die Fäden in der Hand zu halten.

Zu guter Letzt, worauf wohl jetzt einige gewartet haben, ich bin mir nicht zu schade euch zu pleasen und meine kassesten Groupieerfahrungen an dieser Stelle zu teilen. Meine Damen und Herren, halten sie sich fest, es geht los:
Nirgendwo sonst als in Schottland ist mir das Groupietum so unverblümt auf’s Auge gedrückt worden. Ich war auf einen Rave mit Carl Cox und anderen englischen Dons gebucht und Carl interviewte mich in einem Nebenraum der Halle für seine damalige TV-Sendung. Auf dem Weg zurück durch die Halle zum Backstage ging es vorbei an einer Schlange aufgetakeltem jungem weiblichem Gemüse. Ich dachte zuerst typisch Damenklo, nur machte mich dann stutzig das die Schlange ausgerechnet an der Tür zum Backstagebereich endete. Mir wurde erklärt, das die jungen Dinger da warten, das sie einer mit rein nimmt und dafür würden die alles machen. Habe ich so zum Glück auch nie wieder gesehen.
Groupieerfahrung zwei, entspricht auch nicht unbedingt dem lüsternen Klischee, das man gemeinhin von dem Sujet erwartet. Ich wohnte zu der Zeit in Kreuzberg und nicht weit entfernt von der Turbine, wo damals die Sonntagsnachmittagsafterhours stattfanden. Irgendwann war es Zeit für mich zu gehen und ich legte die paar hundert Meter zufuß zurück. Kaum aus der Turbine raus hatte ich ein kleines verpeiltes Ding am Rockzipfel hängen, das kiefermalmend und Augen groß wie Spiegeleier fragte, ob sie nicht mitgehen könne, sie habe denselben Weg. Im Verlauf des Weges wurde das Ding immer zutraulicher und ich war heilfroh als ich meine Haustür erreichte und hastig Tschüss sagen konnte. Aber jetzt hatte die unerwartete Wegbegleiterin plötzlich kein Zuhause mehr und wollte mit nach oben, mit eindeutiger Ansage, was sie dafür zu tun gedächte. Es dauerte dann eine Weile bis ich ihren Fuß aus der Tür hatte, so das ich mir gewiss sein konnte sie los zu sein, meinen richtigen Namen kannte sie ja nicht, von daher war auch kein Klingelterror zu erwarten. Ich schlief mich aus um abends mit Ellen Allien noch den Sonntagsausklang im Tresor abzureissen und als ich die Tür meines Dachgeschosses aufmachte liegt da ein schlafendes Häufchen Elend auf dem Fußabtreter! Luft angehalten, vorsichtig drüber hinweg gestiegen, aber kaum ein paar knarrende Treppenstufen weiter unten, gähnt mich das zerzauste Etwas an, sie möchte mitkommen und habe nur gewartet. War aber gar nicht in meinem Sinne, ließ sie sich aber nicht von abbringen und wurde nur dadurch verhindert, das ich ihr die Taxitür vor der Nase zuschlug, woraufhin mich die Fahrt über verurteilende Taxifahreraugen im Rückspiegel fixierten. Aber was wußte der auch schon!
Gruselig wird’s wenn Psychos sich einen als Zielscheibe ihrer verkorksten Gelüste auserkoren haben und man sich, ohne jeglichen Anlaß gegeben zu haben, in die Delirien solcher Subjekte integriert sieht. Auf die Spitze trieb das mal eine im Vereinsheim, die wohl davon ausging, das ihre billige Anmache willenlos macht und als das eher das Gegenteil bewirkte, die Flucht nach vorn anging und mich dermaßen penetrant belagerte, das mir schon fast die Hand ausrutschte, was ich nur mit dem Hilfeschrei “Ich fühl mich benutzt!” entschärfen konnte. Das ganze zog sich über einige Wochenenden und ging auch dem ganzen Umfeld so gehörig auf den Wecker, das ich schlußendlich deutliche als auch unflätige Worte benutzen mußte um die Situation auch für sie klar zu kriegen. Wer meint das damit dann aber Ende gewesen wäre, weit gefehlt! Eines Tages komme ich nachhause, höre den Anrufbeantworter ab, darauf die eindeutige weil ziemlich versoffene und rauchige Stimme: “Ich weiß jetzt wo du wohnst!” Horror! Aus solchem Stoff werden Psychothriller gestrickt! Passiert ist dann natürlich nichts, trotzdem hörte die Story nicht wirklich auf. Einige Jahre später suchten wir einen Praktikanten für das Timingüro. Da wäre so eine Frau gewesen, bisschen strange und durch, aber die hätte voll das Interesse hieß es. Strange und durch, das war durchaus bürokompatibel, aber als der Name der Dame genannt wurde klingelten bei mir laut alle Alarmglocken und ich war stinkesauer auf die Jungs, weil sie doch damals die ganze Geschichte eigentlich mitgekriegt hatten, aber keiner konnte sich erinnern, was mich allerdings auch nicht wunderte, nix mitkriegen war auch nix neues im Büro, abwenden konnte ich es dennoch gerade noch.
Einschneidendstes Erlebnis mit einem männlichen Groupie ergab sich in München, wo mir ein Ebengänger mit den gleichen Camoklamotten so devot hinterher hechelte und zwar so arg, das Münchengigs eine Zeit lang unter der Motivationsbremse litten, das ich immer nur dachte “Oh nein, da ist bestimmt der wieder am Start!”. Als er nach einem Gig im Ultraschall dann mal wieder darum bettelte meine Plattenkisten tragen zu dürfen, platzte mir der Kragen und ich brüllte die Type an, das er aber auch so gar nix begriffen habe und das er sich verfatzen soll, weil er mir so auf den Senkel geht. Bricht mir der Kerl doch heulend zusammen, man konnte bei jedem Wort sehen wie ein Stück seiner Welt wegbröselte. Seine Freunde schleppten das nach der Mama schreiende Wrack außer Sichtweite, kamen aber Stunden später nochmal an, um mir Vorwürfe zu machen, tja aber wer den Schuß nicht hört…

Kommentare (14) Schreibe einen Kommentar

  1. Ich habe mal “Sender Berlin” im Casino dabei geholfen ihr Equipment ins Auto zu laden und alles nur weil ich druff war und nett sein wollte. Bin ich jetzt auch ein Groupie? :) Und als du mir neulich in der Gleimstr. mit Sy entgegen kamst wäre ich dich auch am liebsten angesprungen *g*

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  2. Uhhahahaa,
    der zweite gute Text hintereinander. Am lustigsten fand ich die Geschichte aus dem Ultraschall, weil sie mich daran erinnert, dass man solche Gestalten ständig auf Partys, Konzerten oder sogar Kinopremieren trifft. Sie sind immer da, tragen die gleiche Frisur, die gleichen Klamotten von den bekannten Bildern…..jassas…..sogar in der deutschen alternativen Kleinkunstmusikszene ist mir beim letzten Stoppok Konzert doch tatsächlich einer über den Weg gelaufen, gleiche Matte,Klammoten und Schuhe…..gibt auch ein lustiges Hotzecomic dazu, hey wir finden es voll scheisse, das ihr den Sven da reinzieht, könnt ihr nix eigenes machen?,
    Sprüche von Klonen.

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  3. Köstlich! Sowas bringt einem nach einem verkorksten Wochenstart wieder hoch. Wie auch schon der Beitrag zum Thema letzter Woche sehr gut geschrieben. Ich habs zwar selbst nie so erlebt, aber ich kenne die Geschichten von Freunden, die teilweise auch mit solchen Psycho-Nummern oder groupie-bedingter Location-Unlust endeten.
    Aber das du so herzlos sein kannst… ;)

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  4. Hehe, interessanter Text. Ich finds auch sehr amüsant solche Szenerien als aussenstehender zu beobachten. Wie bestimmte Personen die ganze Zeit vorm Dj tanzen, ihm Zigaretten und Getränke anbieten, der die ganze Zeit abwinkt uns schwuppdiwuppp findet man die Person auf einmal hintern DJ sitzend wieder und versucht jeden ins irgendwelche Gespräche zu verwickeln. Natürlich hat der DJ kaum noch Platz und kommt fast nich mehr an die Platten ran. Und soweiter und sofort … ;)

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  5. Tanith, ich weiß, wo Dein Auto steht! :P

    Hm…warum fällt mir bei dem Thema eigentlich immer The Jeyenne ein?
    Da gäb`s wahrscheinlich auch reichlich
    Material zum erzählen, aber das wären wohl meist ziemlich schlüpfrige Geschichten. :D

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  6. also irgendwie scheint Tanith immer auf den falschen Parties gewesen zu sein oder aber er handelt hier ganz nach dem Motto: Der Kavalier genießt und schweigt … ;)

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  7. hehe, wundert mich auch ein wenig, dass es so gar keine “positiven” groupie-geschichten geben soll. aber vielleicht läuft das ja dann schon nicht mehr unter groupie?

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  8. ganz witzig auch die Typen zu beobachten, die die Veranstalter ect. schon beim Auf- und noch beim Abbau bespaßen.
    Warum gibts keine Groupies für “normale” Gäste??? :-(
    Ist regelmäßiges Kommentarschreiben eigentlich auch schon Groupie;???

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  9. Pingback: # thelastbeat.com » Friday Linkage #9

  10. @tanith:
    ja ist wirklich ein hartes Leben so als Superstar-DJ, dass man solche Probleme hat.

    Ein Vorschlag wäre, sich doch einfach mal wieder dem Kern der Sache zu widmen, dem Sound und weniger der Selbstvermarktung.

    By the way ich glaube nicht, dass die wirklichen Künstler wie z.B. Mike Banks von UR oder andere in dieser Kategorie diese Probleme haben. Denn die wollen gar nicht erkannt werden. Na Tanith klingelts. Es ist wie mit dem Zauberlehrling und den Geistern…

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  11. du, ich hab mir das thema nicht ausgesucht, ne?
    also blog zu, tüte über’n kopp und nur noch musik machen, da alles andere selbstvermarktung und die ist böse, oder wie?
    und woher weißt du das ein mike banks diese probleme nicht hat?
    diese leute die andere leute in den himmel heben, obwohl sie sie nicht persönlich kennen, well, weit weg vom groupie ist das nicht

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  12. @tanith
    danke für Deine Antwort. Selbstvermarktung per se ist nicht böse, nur steht heute die Musik nicht mehr im Vordergund, sondern das Ego und die persönlichen Interessen. Und die aktuellen Releases beweisen das ganz deutlich…

    Der Blog selber ist eine tolle Einrichtung und immer wieder interessant zu lesen. Aber Kritik gehört da halt auch dazu…

    Was den Herrn Banks angeht oder andere wie Spiral Tribe, Rephlex usw., so kann man wohl sagen, dass im Gegensatz zu manchen deutschen Labels, Produzenten und DJs wohl noch der Sound im Vordergrund steht. Uns Respekt vor dieser Arbeit hat da noch lange nichts mit Groupie-Verhalten zu tun. Ich muss dabei auch nicht jeden kennen und nicht alles kritiklos gut finden, vor dem ich Respekt habe. Oder sind wir alle Obama-Groupies. Ich finde ihn bis dato gut und kenne ihn nicht und da geht es glaube ich vielen so. Auf der anderen Seite gibt es genug Leute in der deutschen sogennanten Szene, die ich nicht kenne, und trotzdem Lachnummern sind.

    Abschließend möchte ich noch sagen, dass es immer die größte Lachnummer ist, wenn sich DJs als Künstler betrachten. Das gilt vielleicht noch für Bad Boy Bill, Terence Parker oder andere in dieser Größenordnung, aber mit Sicherheit nicht für Herr/Frau 0815, die es gerade mal schaffen 2 Platten im Pitch anzugleichen.

    Da haben sich viele ganz gewaltig die letzten Jahre selbstüberschätzt. Aber die Zeiten werden sich ändern…

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  13. na da sind wir doch gar nicht so weit auseinander, aber das mit den egos und persönlichen interessen ist doch nix neues, das ist in dem gewerbe vielleicht schon immer der fall gewesen, in anderen ländern sieht das auch nicht anders aus. ausnahmen davon gibt es glücklicherweise auch immer und ja, da ist meist mehr inhalt als blase. aber auch da will ich kein endgültiges urteil fällen,es gibt auch begnadete entertainer, selbstvermarkter, konsensheinis, deren kunst ist halt eben genau das und wer das sympathisch und unterhaltend an den mann bringt, nix dagegen. 0815 die sich aufspielen wie gott persönlich, das hatten wir ja im thema zuvor schon abgehandelt

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