Thema der Woche 75: Das Ding mit den Technomillionen – Wo kamen sie her, wo gingen sie hin und wieviele waren es denn überhaupt?

Die Technomillionen! Dafür müssen wir uns in eine Zeit zurückversetzen als Kohl noch Kanzler war und so ein Provinzkapitalismus herrschte, ein wiedervereinigstes Deutschland in dem Menschen mit so bezeichnenden Namen wie Windhorst oder Schreiber Karriere machten. Man konnte noch locker tausende Einheiten einer Maxi losschlagen und dann durch Lizensierungen auf obskure Sampler das gleiche und mehr nochmal reinholen. Modemarken konnten sogar aus Würzburg oder Mannheim kommen und machten trotzdem ordentlich Reibach. Clubs wurden im Wochentakt voller, Raves warfen Gewinnmargen ab, da konnte der Aktiensammler lange drauf warten, DJ-Gagen wuchsen in den Himmel und das schnell verdiente Geld steckte man wieder ins Label oder ins Studio, so entwickelte sich sogar ein Markt, der Instrumente speziell für Technoadepten entwarf, kennt noch jemand Quasimidi?

Sogar die Tourismusbranche entdeckte den Raver und bot ihm mit Air Raves und Rave & Cruise maßgeschneiderte Angebote. Lustige Nachwende Shopideen spiessten allerorten, Klamotten mit Platten, Platten mit Energydrinks, Cafe mit Platten, Cafe mit Platten und Mode, es gab kaum etwas was es nicht gab.
System Techno durchdrang binnen kürzester Zeit alles und entsprechend ging auch alles. Sponsoren und Marken suchten schon lange nach Zugang zur einer neuen jugendlichen Zielgruppe und plötzlich war die da auf dem Silbertablett namens Tanzfläche oder Kudamm, dazu auch noch sehr aufgeschlossen und gar nicht so anti, wie man das von den Subkulturen zuvor kannte. Eine Win-Win-Situation für alle Seiten, der Marketingler konnte auf Veranstaltungen und in Heften seine Reklame unterbringen, worauf der Veranstalter oder Magazinmacher dem zunehmenden Größenwahn huldigen konnte, das Geld floß nur so in Strömen und ermöglichte einiges. Innerhalb von 3 Monaten Mietwagen während einer Tour runterrocken? Wat soll’s! Willigen Geschäftspartnern die neuen Ideen mittels kolumbianischem Schneegestöber schmackhaft machen? Von der Musikindustrie lernen, hieß damals noch siegen lernen! Und so wuchs die Infrastruktur vom Dealer bis Label, bis Modelabel, das genau für diesen Markt entwarf, neben dem Geld das förmlich auf der Straße lag pumpten auch noch Zigarettenfirmen und Brauereien das Geld nur so in die Szene rein, diese vergrößerte sich daraufhin noch mehr und die jährliche Loveparade ergab Jahresbericht und Targetzählung in einem, und je höher die Zahlen desto höher der Cashflow, der innerhalb des Technosystems war alsbald ungeheuer und unergründlich anschwoll. Jede Vereinshalle in einem noch so kleinem Kuhkaff zelebrierte eine Minimayday und Ziele wie, alles von den Sponsorengeldern bezahlen und die Abendkasse ist der Gewinn, wurden zwar meines Wissens nach zwar nie wirklich erreicht, aber man war mehr als paarmal knapp dran.
Innerhalb kürzester Zeit waren sämtliche Bedenken weg, das der Strom irgendwann mal versiegen könnte und der Leichtsinn nahm überhand. Mitten in den Boom knallte dann 96, als Schuss vor den Bug, die Frontpagepleite, die einem ja schon hätte zu denken geben können. Ein Sponsor sprang ab nachdem der Vorschuss im wahrsten Sinne des Wortes verpulvert wurde und damit war das Konzept “Frontpage ein Magazin von Weltformat” Geschichte. So schnell, kann’s gehen und das Geld sucht sich andere Wege. Das Medieninteresse an Techno nahm zunehmend ab, die Verheissungen der Raving Society waren nicht eingetreten, dafür hatte man das Klischee des druffen Ufzufztänzers am Hals, was nicht gerade die Attraktivität erhöhte. Wie im Kapitalismus üblich, und zumal in der Entertainmentbranche, suchten sich die durchfliessenden Milliönchen andere Wege, die großen Adern erreichten noch die, die den Schlamassel angerichtet hatten, bis auch da das Versiegen begann. Labels und Clubs hatten sich in den Hochtagen in den besten Adressen niedergelassen und als der Geldschwall ausblieb liefen die Kosten natürlich weiter. Man kann eigentlich sagen das Techno die Avantgarde des Platzens der Blase war, das die New Economy bald auch ereilen sollte. Alsbald war Geld wieder ein knappes Gut und die Mär der Technomillionen, die irgendwo verborgen sein müssten, wurde raunend weitergegeben. Die Technomillionen sind der moderne Nibelungenschatz unser Kultur!

Kommentare (17) Schreibe einen Kommentar

  1. quasimidi… von denen hatte ich mal irgendwann so ne midi-box gekauft und plötzlich fangen die an, synths zu bauen. man, ist das lang her. ich erinnere mich noch an eine peinliche sneaker-werbung mit mark nrg (keine ahnung, wann das genau war, aber so frühe 90er). da dachte ich mir “jetzt wirds gruselig”.

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  2. Tanith hat das schon ganz richtig interpretiert. Ich meinte die Penunzen. Nachdem ich das Thema gepostet habe, dachte ich auch kurz, das könnte missverständlich sein. Aber “Technomillionen” ist ja mittlerweile so eine Art geflügelter Begriff. Ich dachte, das wäre also recht verständlich. Aber aus den Millionen (Leuten), die die Millionen (Scheine) möglich gemacht haben, kann man sicher ein weiteres Thema machen.

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  3. Money, Money, Money…
    UfzUfzUfzUfz

    Muss gleich mal ein ABBA-Dancefloorcover zusammenschrauben!
    Dann kommen die Millionen zu mir! Ihr werdet schon sehen…

    Ja, ja. Die Technomillonen. Die gibt es ja immer noch. Nur nicht mehr bei Techno. Techno hat, was Ausgehen, Musik, Mode, etc., angeht, ja einige Dinge geschaffen (oder zumindest reanimiert), die kommerziell sehr verwertbar waren oder sehr verwertbar sind.
    Geraucht wird im Nightlife ohne Ende, weswegen die Camel Silverpages nur einie logische Entwicklung waren.
    Gesoffen auch, weswegen Brauereien und diese komische Rum-mit-Guarana-Firma (geiles Zeugs, so um 1995) sich bei Techno eingeklingt haben.
    Energydrinks: Klar, passen zu Techno wie die Faust auf`s Auge (zumindest scheinbar. Bei uns tranken das nur die ein, zwei Hansels, die keine Chemie konsumierten, aber egal. Die Richtung stimmte…).
    Ausserdem war Techno, neu, frisch und hip. Und bunt sowieso. Genauso waren die Neunziger, weswegen man sich da einklinken musste. Die Neunziger waren Techno und umgekehrt…
    Die Zigarettenindustrie darf heute nicht mehr in dem Ausmaß werben wie 1995. Und ansonsten ist Techno einfach zu unwichtig geworden. Der Jägermeister hatte ja durch Techno und im Nightlife sein Revival (das ja nichts weniger als die totale Umschreibeung seines Images beinhaltete. Gemeistert werden die Jäger aber auch in Pop-, Indie oder Metaldiscos, weil Techno allein als Markt zu klein ist.

    Was ich damit sagen will: Nicht die Millionen an Werbegeldern sind verschwunden, sondern die Technoszene in dem Ausmaß, wie sie in den Neunzigern bestand.

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  4. Was ich damit sagen will: Nicht die Millionen an Werbegeldern sind verschwunden, sondern die Technoszene in dem Ausmaß, wie sie in den Neunzigern bestand.

    @Hellhannes ist nicht das eine unweigerlich mit dem anderen verbunden?!
    stimmt aber doch irgendwie. nur die Milliönchen auf einem Haufen sind weg (sowohl Diridari , als auch personell gesehen), aber dennoch ist diese Musikrichtung nach wie vor wandelbar und hat sehr wohl auch heute noch eingefleischte Anhänger :-)
    @Tanith: mich würden aber doch auch einige Beispiele interessieren wo das Geld investiert wurde, sofern es nicht gleich in Lables und Musikequipment gesteckt wurde ;-)

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  5. Also Claus Bachor erzählte auf der Popkomm in einem Panel mal was von schrägen Immobiliengeschäften der Low Spirit-Oberen. Darauf hin wollte Wlliam Röttger dem Guten an die Wäsche … vielleicht ist da die eine oder andere Million zu finden? ;)

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  6. @Hellhannes”Gesoffen auch, weswegen Brauereien und diese komische Rum-mit-Guarana-Firma (geiles Zeugs, so um 1995)”—>Du meinst sicher Starkstrom, habe noch so ein T-Shirt aus`m Matrix in der Alten Jakob Straße–habe es vom Barmann geschenkt bekommen weil wir den ganzen Vorrat weggesoffen haben :D .. ach ja das waren
    schöne Abstürze… Quasimidi war bei mir um die Ecke in Neukölln in der Boddinstrasse vertreten, habe mir dort die Workstation Sirius “andrehen” lassen, und dann irgendwann 98/99 oder so war auf einmal dicht…auf und davon mit den Millionen ;D

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  7. Der alte Tresorkeller ist bestimmt gar nicht abgerissen, sondern existiert noch und wurde wieder seiner alten Bestimmung zugeführt. :)

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  8. also die sachen von quasimidi funzen heute noch. ansonsten kann ich nur sagen, das viel geld und herzblut verbrannt wurde. bloederweise auf zwei unterschiedlichen haufen. das ist uneffizient. jeder bitte nur einen haufen bitte.

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