Thema der Woche 116: Das Loveparade Desaster

Tja, da hat sich aber auch wirklich keiner mit Ruhm bekleckert, seien es Veranstalter, Stadt, Polizei, die sich danach und bis heute gegenseitig die Schuld zuschieben, aber auch die üblichen Technogazetten, die im Vorfeld hyperventilierend für den Event Werbung machten, um danach in den großen Chor der Kritiker miteinzustimmen oder auch ein gewisser Herr, der sich effektvoll von Boulevardmedien dabei ablichten ließ wie er eine Woche später vor dem Ort des Geschehens zusammenbrach – um dann abends doch bei einer Großveranstaltung vergnügt auflegen zu können.
Sicherlich nicht ganz einfach in solch einem Falle das richtige Maß an Pietät an den Tag zu legen, aber was da im Nachhinein alles an ekligem Ego und geheucheltem Bedauern, nicht nur von der Politik, von denen man das ja gewohnt ist, abgesondert wurde, das war und ist schon harter Tobak und war, wenn man den noch brauchte, der letzte Beweis das die Sache so tot ist wie es nur tot sein konnte. Was mal als harmlos naiver Umzug einer kleinen Meute enthusiastischer Andersseiender angefangen hatte, ist zum Spielball und Prestigemonstrum für Leute verkommen, die von der Sache nicht den blassesten Schimmer hatten und die damit auch gar nicht hatten zu tun haben dürfen. Für mich war das ja schon anno 97 der Grund zu sagen, das ich damit nichts mehr zu tun haben will, aber es brauchte wohl noch ein paar Jahre und eine dumme vermeidbare Katastrophe um das so offensichtliche zutage treten zu lassen.

Ich hatte mich aus diesen Gründen auch im Vorfeld gar nicht über die diesjährige Loveparade informiert, schliesslich war die nicht nur in Sachen Kilometern weit weg von dem was mich interessiert, aber als ich dann in der Berichterstattung über das Desaster das Konzept sah, war mir auch völlig klar, wie pervertiert die ganze Chose mittlerweile gediehen war. Was hat ein abgeschlossenes Gelände auf dem Trucks mit Musik im Kreis rum fahren mit einer Parade zu tun? Und wenn man sich das Einlasskonzept ansieht ahnt man, das dies nur der Versuchsballon war, um in Zukunft für diese Entartung auch noch Eintritt zu verlangen. Das gepaart mit Großmannssucht und Größenwahn ist natürlich ein übles Gemisch aus dem so allerhand passieren kann und so kam es dann ja auch. Wer danach die Videos auf Youtube gesehen hat und dann die Relativierungen der Verantwortlichen, von denen es ja sogar zuerst hieß das die Leute selbst schuld gewesen wären, weil sie an unerlaubten Stellen hochgeklettert wären, was dann aber eben diese Videos sehr schnell widerlegen konnten, der konnte sich nur angewidert abwenden, wenn ebendiese Personen in der Nachbearbeitung auf ihren Posten kleben bleiben oder die Schuld erneut verschieben wollen.
Von daher ärgerte mich in der Nachbereitung der Medien auch immer wieder das Wort “Raver” das für die Besucher und Opfer benutzt wurde, das Ganze war ja nichts weiter mehr als ein Volksfest, auf dem traditionellerweise elektronische Tanzmusik zum Besten gegeben wurde, die mit Techno und Ravern nur noch sehr wenig zu tun hatte. Dabei schwang in diesem Wort “Ravern” immer dieses “druffe unkontrollierbare Masse” mit, das aber bei jedem Volksfest mindestens genauso zutreffend wäre.
Auch unverständlich für mich bleibt die von einigen getätigte Forderung die Parade zurück nach Berlin zu holen oder unter anderem Namen hier weiterlaufen zu lassen. Wie sehr muß man den Schuss nicht gehört haben um zu übersehen das dieses eh schon tote und von Geld zerfressene Konzept mit dieser Katastrophe endgültig seine Existenzberechtigung verloren hat? Man kann ja nun auch nicht gerade behaupten das Techno und Berlin sich seit dem Abgang der Loveparade schlecht entwickelt hätten, im Gegenteil, seitdem die Loveparade hier weg ist hat sich beides auf einen aktuellen Stand entwickelt, der eine Loveparade komplett überflüssig macht. Dafür gibt es Paraden und Demos die den Charakter der Loveparade in neuem Gewand zeigen, sei es der Karneval der Kulturen, die Megaspree Demo oder die Freiheit statt Angst Demo. Die Loveparade hatte ihre Zeit in einer gewissen Phase von Techno und man muß ihr heute noch zugute halten das sie den Charakter von Demonstrationen nachhaltig verändert hat, fing dann vom Kopf her aber sehr schnell an zu stinken. Wer das nach diesem Fiasko immer noch nicht realisiert hat muß entweder sehr verblendet oder geltungssüchtig sein, anders kann ich mir solches über Leichen zurück zum Business as usual gehen nicht erklären.

Kommentare (15) Schreibe einen Kommentar

  1. Naja, Techno und Raver gibts in Berlin ja auch nicht mehr so viel. Minimal und Feiertouristen wären da wohl die richtigen Termini. ;)

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  2. Ich kann dem Ganzen nur zustimmen, aber wer nicht.
    Ich fand das Thema hier unpassend, es gab auf Deiner site schon einige Einschätzungen diverser Grossveranstaltungen. Von daher war Dein comment dazu ja in der Form erwartbar. Aber o.k das voting entscheidet!
    Ich habe einige entfernte Verwandte in der Region. Die haben schon total aufgeregt der Sache hingefiebert, denen hätte ich ihr Oktoberfest mit elektronischer Musik gegönnt (wie zig anderen Städten auch). Aus meiner Sicht ist “die Großveranstaltung” in dem Kulturkreis die dominierende Feierkultur. Man sieht ja in diversen Videos vor der Katastrophe auch einige zugedröhnte oder doch nur angesoffene Horden gutgelaunter junger Männer und Frauen in albernen Verkleidungen, die ,nun ja aus meiner Sicht Karnevalshit´s gröhlen..
    Ich will das nicht verurteilen, kenne die Gegend/ den Menschenschlag dort kaum, aber die Erwartungen der Leute vor Ort, dass “wir so etwas auch können”, “bei uns auch mal was los ist” wurden ausgenutzt und bitter enttäuscht. Das haben sie nicht verdient.

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  3. ein merkwuerdiges gefuehl war es dennoch, als ich dat femalesiam mit unserem nachwuchs aus dem krankenhaus abholte und auf der rueckfahrt staendig das handy klingelte und x simsen eingingen mit der frage: “wo seid ihr?” das gleiche dann zu hause. AB voll und ne´n freund der nur sagte: mach mal wdr an. da hat es einem schon einen heftigen schauer ueber den ruecken gejagt, zumal ich da noch arbeiten sollte und die geburt unserer tochter 2 tage frueher, da einen riegel vorgeschoben hat. welch fügung des schicksals.

    die betroffenheitsduselei einiger (ex)protagonisten und diverse peinliche gedenkveranstalltungen taten dann ihr uebriges.
    selbst motte musste ja noch wieder einen kommentar abgeben, wo ich dachte, das er sich das auch haette sparen koennen.

    wie auch immer. unerlichkeit ueberall und das zum teil von amt´s wegen.

    na dann mal herzlichen glueckwunsch an die ravende gesellschaft! sehr geil das und wohl so auch nie wieder.

    RAVE ON!

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  4. Du sprichst mir aus der Seele Tanith. Das bis heute das Thema Geld und Position/Stellung bei den drei Verantwortlichen (Veranstalter, Bürgermeister und Oberbulle) immer noch über der Tragödie und den Albtraumgeschädigten Menschen steht ist der absolute Hammer und ungerecht in höchster Form. Die drei können doch auch mit Kohle und ihrer Arbeit nicht mehr glücklich werden und sind so oder so im Arsch. Schade, dass da die nötige Selbstreflektion weiterhin fehlt. Aber ich verstehe auch, wenn man sich sagt, dass man nicht akzeptieren will sich durch diese Fehler einzugrenzen und nun alles abzuhaken. Das muss nicht sein und die Mehrheit der Grossveranstaltungen laufen weltweit gut und haben eine Existenzberechtigung. Auch wenn wir nicht zu den klassischen Oktoberfestsäufern gehören.

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  5. kann mir einer sagen warum den ganzen tag kein reinkommen
    in die restrealität ist??
    ein ort des däschnos nowadays…..anyone?

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  6. Für mich gibts 3 fails:

    1. Die Stadt, die ein viel zu kleines Gelände, das nur für 250.000 Leute zu gelassen war, für einen Millionenansturm genehmigte.

    2. Mr. McFit und seine Gang, die nur EINEN Ein UND Ausgang bei mehr als 500.000 erwarteten Gästen wählten. Das ganze ohne Trennung, ohne Wellenbrecher. Wir sollen denn die Leute rauskommen, wenn gerade welche rein wollen? Sry, aber tote waren vorprogrammiert.

    3. Die Polizei, die die Leute weiterhin schön in den kilometerlangen Tunnel strömen liess und vorne dicht machte. Ja mein Gott, woher sollen denn die Zehntausenden da hinter wissen, dass da vorne zu ist??? Natürlich drücken sie weiter von hinten, ist doch klar!

    So, das musste ich mal los werden…

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  7. @civ31: ja aus freien Stücken hätte ich das hier sicher nicht behandelt, ich hab’s ja auch extra in der Babyzeit ausgelassen.
    Ich füge noch hinzu: man kann solch einen Event eben nicht einfach von B nach irgendwo verpflanzen, man hätte es von Anfang sein an lassen sollen

    @Armin: Ich sage nichts gegen Großveranstaltungen per se, das ist Geschmacksache, aber in diesem speziellen Fall war ja schon vorher alles ranzig

    @erdogan, also ich komm rein

    @Neo Bechstein: das sind 3 Punkte die wohl noch gerichtlich zu klären sind, so ganz ohne Schuld kommt m.E keiner dabei weg

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  8. motte hat sich nicht für euch auf den boden geschmissen sondern für die, die so eine geste grade brauchten. es war eine der wenigen anständigeren handlungen zum thema.

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  9. @subfunktion: sorry, aber bei mir kamen in seinen (überflüssigen?) interviews damals auch eine gewisse sehr überflüssige häme an. in meinen ohren eher weniger anständige handlungen. aber was solls, das thema loveparade ist nun (hoffentlich) eh durch.

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  10. @ subfunktion

    Motte schmeisst sich doch nur für Fotografen auf den Boden. Da gehts meiner Meinung nach mehr um Selbstdarstellung als um irgendwas anderes. Ich brauche jedenfalls keinen BZ Fotografen dabei, wenn ich an so einem Ort unbedingt meine Trauer zeigen will.
    Und von seiner Seite ordentlich draufkloppen, hat auch nur den Sinn sich selbst in den Fokus zu stellen. Die LP hätte auch nicht an McFit verkauft werden müssen, warum wurde es trotzdem getan? Natürlich des lieben Geldes wegen. Und dieses immer größer Ding wurde auch schon in Berlin massiv vorangetrieben. War wohl auch viel Glück dabei, dass dort nie mehr passiert ist.

    Dass in Duisburg einiges schief lief steht ausser Frage, aber man kann jetzt auch nicht so machen als wenn vorher alles super war.

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  11. naja fotografen geierten da genug rum das motte den mitegbracht hat bezweifel ich…

    tragödie selber naja ich bekam n link über msn vom spiegel… ich war etwas verdattert weil ich da love parade und katastrophe gelesen hab… das sind 2 wörter die für mich nich zusammen passen…und neben bei wusste ich eh nich das die “loveparade” war…

    zur loveparade selber fand ichs interessant zu lesen in laurent garniers buch elektroschock als er über sie herzog das es verträge für djs gab die besagten man dürfe 3 monate vor und nach der parade nich in deutschland auflegen um das ganze noch exklusiver klingen zulassen das gerade der eine dj nach langer zeit in deutschland auflegt… is da eigentlich was dran ?

    ansonstend as typische gelabber von allen die bullen haben quasi minuten später nach dem sie peilten was da abging einsatzbefehle und dokumente vernichtet, die veranstalter und stadt genau das selbe spiel…am ende war man garnich veranstalter der love parade… auf wikileaks tauchen die dokumente auf… die veranstalter selber machen auf ihrer klein csi seide selber ihre version der tatsache und joa…

    schaller fährt seine kiste zu schrott… kommt aber (leider) nicht weiter zu schaden… dem typen gehört aus meiner sicht denoch gehörig auf die schnauze gehaun….die tatsache ne fresse zu ziehn und quasi nix dazu zusagen is schonma eine sache…aba …nach dem die bild so schöne fotos veröffentlicht hat und quasi die “offiziele hauptberichterstattung” wie immer ansich gerissen hat…immerhin starben da endlich menschen… geht dieses stück scheisse zur bild und gibt denen nen exklusiv interview… naja der typ is halt menschlich nen haufen scheisse anscheinende…

    hm naja ich mach mal n punkt… das thema reizt immer noch… ich schrieb tanith bei twitter ja schon…das wird sowieso nix und verläuft… dafür wird niemand grade stehn…. wie immer wenn der staat seinen teil zu nem unglück beiträgt…

    für die zukunft wünsche ich allen beteiligten natürlich unfälle, mcfit die pleite und schaller nen platz unter ner brücke…

    und den djs die weiter aufgelegt haben hm gute frage… was soll einem zu sollchen leuden einfallen… die danach noch ihre großen partys schmeissen…

    ansonsten…endlich gibts ein ende…

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  12. Eigentlich ist es ja gut das man weiter über das Thema spricht, ich hab es eigentlich schon seit Wochen nicht mehr wahrgenommen und das ist ja auch die Krux an der Medienwelt heutzutage eine Woche viel Geschrei von Bild, dann noch ein zwei Wochen scheinbar seriöser Journalismus alla Spiegel und Stern und dann isses weg und eigentlich wird einem klar das es eigentlich nie jemanden wirklich interessiert hat.
    Wenn ich ganz ehrlich mich auch nicht wirklich, es musste irgendwann so was passieren, das Konzept war einfach dämlich (ich dachte nur letzte Woche das Melt waren 25 000 Tausend und da ne Million) und es ist abzuwarten ob die Politik die Auflagen für Grossveranstaltungen ändert und wie?
    Berichterstattung funktioniert nun mal so wie sie funktioniert ich sag nur Google Earth, totaler Schwachsinn halt!

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  13. hihi: http://www.titanic-magazin.de/badl_1009.html#c11295

    aber eigentlich ist Motte ja die tragische Figur der LP Geschichte. Wer sich ein wenig zurückerinnern kann, der weiß noch das Motte im Vorfeld der ersten Pressekonferenz (http://www.technobase.fm/news/80-dr-motte-s-pressekonferenz-zur-loveparade) unter Schaller 2006 noch versprach, das er die besten DJs der Welt für uns aussucht, das war so nicht abgesprochen und anschliessend flog er da deshalb hochkant raus. Ist also nix vonwegen “Der Spirit der Loveparade bin ich, den kann man nicht kaufen, der blieb in Berlin” (Zitat ZDF Interview), sondern wenn man ihn hätte machen lassen, wäre er auch heute noch dabei gewesen.

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