Was von der Extase übrig bleibt

Kontrastprogramm: Morgen beginnt Nature One, eine der jährlichen Rückversicherungen der Größe von Techno und im Spiegel steht fast zeitgleich ein trauriger Artikel über den DJ Don Ibiza’s, Alfredo.

Nun, zuerst fand ich diesen Artikel etwas sehr schwarzmalerisch, pretentiös und tendentiös, aber nach einigem Verbleib im Hinterstübchen klingt da doch etwas nach. Wievielen von uns professionellen DJs wird es über kurz oder lang ähnlich ergehen? Wieviele von uns haben eigentlich auch nix anderes drauf oder gelernt, als das was wir am besten können? Ich denke da wird in nächster Zukunft noch branchenweit großes Heulen und Zähneklappern erklingen. Ich kenne genug Kollegen, die darauf gehofft haben, das es nun ewig so weitergeht, mit hohen Gagen und unbegrenzten Möglichkeiten, ich selbst schliesse mich dabei nichtmal aus.
Ich kann mich noch an ein Interview mit der selbsternannten Elite der deutschen DJs erinnern, wo die Aussage fiel, das wir wohl die erste Generation seien, die das bis zum Lebensende durchzieht. Würde das heute noch einer so wiederholen? Ich glaube kaum, den meisten macht dann doch irgendwann das Alter zu schaffen, Marathonsets und Auflegezeiten nach 6:00 morgens sind ab einem gewissen Alter einfach selbstzerstörerisch, oder man modelt seinen Tagesrhythmus so um, das man zwar des nächtens wach ist, dafür das Sozialleben aber gleich null ist und die [url=http://www.dancecube.de/index.php?category=news&action=showArticle&Article_ID=85510]Meldung[/url], das Moby vom ewigen Getoure die Schnauze erstmal gestrichen voll hat unterstreicht diese Beobachtung. Sicherlich kann man nun mit Häme darüber herfallen, aber man bedenke das die Aussichten vor dem Milleniumwechsel noch ganz anders aussahen und die prekäre Situation, die wir momentan haben, bei weitem noch nicht absehbar war. Ich für meinen Teil dachte mir, laß das 10 Jahre gut gehen, dann wird’s Zeit für etwas anderes, Studio, Produktionen, whatever. Nun bin ich im 13. Jahr und die Situation hat sich drastisch verändert, denn auch im Produktionsbereich ist nicht wirklich was zu holen, da diese sich, wie diverse andere Branchen auch, gerade im tiefsten Tal der Umwälzungen befindet und wie es danach aussehen wird, vermag keiner wirklich zu sagen.
Dabei geht es mir noch relativ gut, was paradoxerweise darauf zurückzuführen ist, das ich die Krise, die andere jetzt kalt erwischt, letztes Jahr schon durchstehen durfte. Als es für mich vorbei war, mit Timing und Bash, war da erstmal ein großes Loch, keiner fühlte sich für meine Bookings mehr zuständig, bzw. sind da ziemlich unrunde Dinge abgelaufen, die dafür sorgten, das ich fast ohne Einnahmequellen dastand und erstmal von Reserven und Studioverkäufen leben mußte. Gottlob hat man zu der Zeit für Studiohardware noch was gekriegt. In der Zwischenzeit ging ich daran Ballast abzuwerfen, Versicherungen kündigen, Lebenstandard runterschrauben, eben die Sachen, die man tut, wenn’s nicht mehr so üppig kommt. Ich will nun nicht behaupten, das ich bereits dabei am Ende angekommen bin, aber ich denke ich habe dadurch frühzeitig gelernt mit der Krise umzugehen.
Aus Gesprächen mit Kollegen kristallisiert sich aber deutlich heraus, das der Fall Alfredo beileibe kein Einzelfall ist, natürlich will damit keiner an die Öffentlichkeit, denn über sowas spricht man nicht, es gilt weiterhin “Party, Party, Party” und wer will schon der Spaßverderber sein? Im Technobizz gilt, wie in vielen anderen Branchen, besonders im U-Sektor, halt nur: besser, weiter, mehr. Tiefschürfendes bleibt gerne mal im Sinne des smoothen Ablaufs außen vor. Lediglich im Backstage oder auf Reisen zum Gig kommen die wahren Begebenheiten auf den Tisch, das das eigene Label trotz riesiger Pressefeatures nur noch 250 Einheiten pro Release vertickt und die jetzt niedrigeren Gagen zum Teil für Labelarbeit und Büro draufgehen. Die Angst so etwas öffentlich zu bekunden ist groß, käme einem Malus gleich, denkt man. Auch bemerkbar wird, das viele der ersten Generation mindestens ebenso ausgelaugt wie Alfredo sind, was man leicht am gallopierenden Zynismus festmachen kann, und die sind noch lange nicht 50! Allerorten fällt einem ein hektisches Gescharre auf, das die Schäfchen ins Trockene bringen soll, wobei der Selbstbetrug in Sachen Integrität manchmal obskure Formen annimmt.
Nochmals: kein Grund zur Häme, damals als die Sache rollte, hatte das alles noch eine gewisse Logik, Studios aufbauen, mit deren Erlös, sei es durch Vermietung oder Abstoßen, man den Lebensabend zu finanzieren gedachte. Netzwerke bilden, bei denen man dachte, sie überdauern auch Krisen. Musikwerke, von deren GEMAerlösen man ein wenig Zubrot erhoffte. All das machte in den easy 90ern durchaus Sinn und jetzt ist das meiste davon entweder durch Entwicklungen hinfällig geworden oder die grausame Wahrheit hat desillusioniert. So viele Musiker und DJs werden vielleicht nie wieder benötigt. Sicher, man hätte es sich denken können, das es irgendwann nicht mehr so überfliegerisch leicht läuft, aber denkt man daran, wenn die Steuererklärung mühelos und über Jahre 200.000 DM und mehr vor Steuer auswies? Wenn die halbe Welt in Aktien investiert, während man ehrgeizig seine eigenen Unternehmen aufbaut und die Gagen in diese investiert? Heute sieht die Steuererklärung meist mickriger aus. So gesehen erwischt uns die Rezession halt nur leicht verspätet. Es ist ähnlich wie mit den Aktienkursen, die jahrelang nach oben gingen und dann ziemlich flott einbrachen, so das man nicht wußte wie einem geschah. Bei uns bricht es erst seit ca. 2 Jahren und zwar allmählich, das ist dann so wie der berühmte Frosch, der nicht merkt, wie er gekocht wird, wenn die Temperatur langsam steigt.
Vielleicht sind die Sicherungen nicht einmal zuviel durchgeknallt, vielleicht hat man nur einmal zuwenig aufgepaßt.

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