Thema der Woche 180: Techno in der Provinz – Menschen, Musik und Party fern der Großstädte

Da gilt es erst mal zu definieren wo Provinz anfängt. Für Metropolenbewohner ist das ja schon alles an Städten was unter einer Stunde zu durchlaufen ist, das mag z.B. für jemanden aus dem Rhein Main Gebiet oder aus dem Ruhrgebiet ganz anders liegen, vielleicht sollte man sich doch eher auf jenseits des Urbanen einigen? Ich für meinen Teil denke ja immer Techno, so richtig, ist eher was für urbane Gebiete, da wo eine gewisse Anonymität gegeben ist, also da wo keiner komisch guckt wenn mittags um 12 noch die Rolläden unten sind, oder man morgens um 9 erst durchgerockt nachhause kommt und es nicht zum Spiessrutenlauf beim Bäcker verkommt wenn man erst nachmittags die Brötchen holt . Nun bin ich aber bestimmt nicht die beste Adresse um sich über Rural Raves oder Country Clubbing zu informieren, ich bin schliesslich aus guten Gründen damals in den Moloch gezogen. Irgendwann nervte es nämlich ungemein jede Woche die gleichen Visagen im Club zu sehen und jedes neue Gesicht ist entweder Frischfleisch oder kritisch beäugt.
Trotzdem fand ich es in den 90ern absolut spannend, als in fast jedem Kaff ein Plattenladen mit Guaranaauschank existierte, wo man auch die Knicklichter kaufen konnte wenn die örtliche Vereinshalle, Gokartbahn oder Sporthalle mal zu einem Raveaustragungsort umfunktioniert wurde, da gab es schon legendäres zu beobachten. Leider war das nur von kurzer Dauer und das Phänomen legte sich schnell wieder, heute sieht man dafür schonmal eine so annoncierte “Berghain Nacht” in einem Laden in dem an anderen Tagen schonmal der Wet-T-Shirt Contest oder die Miss Bauern Wahl stattfindet.
Aber es geht auch immer noch was in der Provinz, wenn auch eben ein bisschen anders. Die Crux mit der der gemeine Landraver oft zu kämpfen hat heißt z.B. Sperrstunde und weiterfeiern zuhause im kleinen Kreis zu Zeiten wo man in der Stadt nichtmal ans weggehen denkt, was natürlich auch sein Gutes haben kann, gerade im Alter wenn Nächte durchfeiern nicht mehr so gut geht. Die Vorstellung das mal ein paar Rentner ihre gemeinsame wilde Jugend in vertrautem Kreise rekapitulieren erscheint mir in meiner Vorstellung jedenfalls eher ländlich denn urban.
Oftmals habe ich auch schon erlebt das dort mit viel Liebe unspektakuläres im positivsten Sinne, in kleinstem Kreise geplant und veranstaltet wird. Fernab der Großstädte läuft das Leben in ruhigeren Bahnen und das führt auch zu einer sympathischen Unaufgeregtheit. Der in Städten oft vermisste Familygedanke ist dort allgegenwärtig, weil’s eben gar nicht anders geht, jeder kennt nunmal jeden, das kann dann auch gleichzeitig auch die Kehrseite der Medallie sein, weil meiner Beobachtung nach schmoren diese kleinen Szenen eben auch im eigenen Saft, Neues kommt später an, dafür gibt’s da so Possees, die ewig ihrem Stil treu bleiben, was durchaus nichts schlechtes sein muß, denn langfristig gesehen finden diese in der Elektronischen Tanzmusik ein zuhause das auch mit dem Sozialgefüge korreliert, in der Großstadt hat man ja manchmal schon das Gefühl in einem Raum mit lauter Getriebenen ohne Heimat zu sein.
Was mir allerdings desöfteren aufgefallen ist, je kleiner der Ort desto heftiger ist offenbar der Konkurrenzgedanke, während ich es aus der Stadt gewohnt bin das da eher ein laissez-faire Gedanke vorherrscht, der allein schon aus Bequemlichkeit ein leben und leben lassen forciert, gibt es in kleineren Gemeinden schonmal erbitterte Fights um die Vorherrschaft im Veranstaltungsgewerbe und zwar mit harten Bandagen. Plakate überkleben mit “fällt aus wegen Krankheit” bis zu kurzfristig anberaumten Konkurrenzververanstaltungen mit Starlineup, das am Ende beide Veranstalter in die Miesen treibt, alles schon erlebt.
Vermeindlich ist musikalische Innovation in so fluktuaktionsarmen und fern der Netzwerke Gebieten ja eher nicht so das Aushängeschild, was aber in Zeiten des Internet zunehmend relativiert sein dürfte, ich warte ja noch auf den Zeitpunkt der Stadtflucht als Trend, weil das Fehlen der Reizüberflutung und Ablenkung dort einen besser arbeiten und kreativ sein lässt und die Mieten billiger sind.

Kommentare (21) Schreibe einen Kommentar

  1. Also ich hatte das zweifelhafte Vergnügen als risieger Technofan meine gesamte 90er Jahre Jugend in einem 400Seelen Kaff in Westdeutschland zu erleben. Das Hauptproblem war da vorallem das Fehlen von gleichgesinnten, also Leuten die nicht Ballermann- und Schlager-oder mieseste Popmusik hören. So war man da mit max. drei-vier Teenies zusammen, die sich zuhause einschlossen und bei rutnergezogenen Rollos die eigenen Platten drehten. Diese Platten mussten erstmal in langen Exkursionen ins ferne Köln bezogen werden, wo man in einschlägigen Plattenläden als Teenielandei aber auch nur abfällig behandelt wurde. Ich bin auf jeden Fall direkt nach der Schule nach Berlin geflüchtet, aber an der Situation dort hat sich nichts geändert. Und von Raveveranstaltungen in Großraumdiskos o.ä. habe ich damals nichts mitbekommen, oder ich war zu jung.

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  2. ich denke die unterschiede sind gar nicht so groß. in berlin kennt man sich in seinen stammclubs ja auch. wenn man ein wochenende durchgefeiert hat ist eine ubahn heimfahrt (besonders wenn der stadtmarathon stattfindet und man vom motivierten sportlern umgeben) auch kein so tolles ding…
    das este an berlin ist jedoch das s hier nicht so auffällt wenn man mal ein wochenende daheim bleibt

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  3. jau. feiner beitrag.

    anfang der neunziger. meck-pomm. gabba, jungle, portugiesischer-arschwackel-house und immer wieder ein bisschen verstrahltes trance-zeugs… turnhale der grundschule, ehemaliger schweinestall, bunker, großkaliberschiesstände, klostergewölbe, besetzte häuser, alternative jugendzentren. ich glaub wir ham so ziemlich überall platten gedreht wo man nur konnte. sogar als after hour auf nem bikertreffen ging das…

    die wege waren verdammt lang. und mit sechs plattenkisten zu fünft in nem trabbi übers land… muss man auch mal gemacht haben. das geile war irgendwie immer – der chill lag immer ganz dicht dran. einfach raus und irgendwo war da sofort die stille.

    manchmal geht einem so’ne großstadt echt aufn zeiger. und da war das nicht das schlechteste am freitag an der friedrichstrasse miut nem döner anzufangen um am montagmorgen völlig durchgerockt wieder in der schule zu sitzen. dazwischen lag dann unsere dosis stadt. überschaubar. exzessiv.

    soll ja berliner geben die aus überangebotsoverkill nicht weggehen. ;)

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  4. Was mir allerdings desöfteren aufgefallen ist, je kleiner der Ort desto heftiger ist offenbar der Konkurrenzgedanke, während ich es aus der Stadt gewohnt bin das da eher ein laissez-faire Gedanke vorherrscht, der allein schon aus Bequemlichkeit ein leben und leben lassen forciert, gibt es in kleineren Gemeinden schonmal erbitterte Fights um die Vorherrschaft im Veranstaltungsgewerbe und zwar mit harten Bandagen

    Ähm das ist bei uns in der “Großstadt” trotzdem so: Gewisse Techno-Veranstalter erwarten (!) das andere sich mit ihnen gefälligst wegen der Terminplanung absprechen. Ironie: Umgedreht gehen sie aber auf andere nicht zu um sich abzusprechen :)

    Ansonsten ist die Großstadtszene sehr wohl von Konkurrenz geprägt – bei uns kommen ca. 50 halbwegs bekannte Techno-DJs auf 5 Technoclubs.

    Alle dieser 50 DJs produzieren “natürlich” auch und denken sie wären es.

    Und wehe es verlässt mal einer die seit Jahren eingefahrende 123 BPM Deep House Schiene… dann ist aber Kritik sicher!!!!

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  5. “Neues kommt später an”

    Die Regel gilt heute nicht mehr. Das was ich so an Sound aus Berlin die letzte Zeit gehört habe, war 0815 und null innovativ.

    Da gibt es Einzelgänger in der Provinz, die unabhängig sind, keinem Trend folgen müssen und damit viel spannendere Sachen produzieren.

    Das Postulat unbedingt in der Großstadt sein zu müssen dürfte mit dem Internet obsolet geworden sein.

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  6. Also ich kann jetzt nur von Brandenburg reden, da ging bis vor 10 Jahren einiges. Und damit meine ich jetzt nicht Städte wie Cottbus, wo ausser dem GladHouse und dem Aura und später Schaltwerk oder so, auch schon alles war. Sondern so richtig von der Pampa. Da gabs legendäre Clubs wie das K2 in Welzow. Die den harten Tekkno, fast schon Freetekno Sound etabliert haben. Dann natürlich das Eastteknival. Ansonsten Clubs wie der Beatbahnhof in Finsterwalde. Parties im Kraftwerk Vetschau und und und. Die Brandenburg Allstars sind ja heute noch sehr aktiv und hatten / haben ne richitge eingeschwörenen Szene am laufen. Also dort bzw im ganzen Osten war Techno (“in der Provinz”) schon immer gut dabei.

    Und wegen der Nähe zu Berlin hatten wir eigentlich auch immer die neusten Tracks am Start. Auch vor diversen Internetseiten.

    Wie es heute aussieht kann ich aber leider nicht mehr sagen. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob in den letzten Jahren die Zeit tatsächlich etwas stehen geblieben ist, da Schranz “in der Provinz” immer noch angesagt ist oder alle immer noch den langweiligen Minimal hören oder ob das eine bewusste Abgrenzung zur Großstadtszene ist. In Dresden ist ja auch harter Sound glaub ich ziemlich angesagt. Jedenfalls kommen mir öfters irgendwelche Hakkeflyer unter. ;)

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  7. m.e. verhält sich das eher umgekehrt, tanith: gerade in ländlichen gegenden sind die kids stolz wie bolle, wenn sie endlich den führerschein besitzen und dann am wochenende mal rauskommen aus ihrem kleinen kaff, weg von den immergleichen gesichtern. insofern wird dann auch ein weiter entfernterer club dem schuppen in nächster nähe vorgezogen. das publikum der sporadischen clubs kommt somit jeweils aus einem viel größeren umkreis angereist, was entsprechend eine höhere fluktuation und anonymität (zwischen den cliquen, die gemeinsam unterwegs sind) zur folge hat.

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  8. Ich bin der Meinung das Mitte der 90er, der Kreis Stralsund und Rügen in seiner “Heftigkeit” nur durch Berlin selbst übertroffen wurde. Bald mussten wir bis Rostock, Burg Stargard, Stavenhagen oder natürlich bis Berlin um den Exzess zu leben. Durch die nicht vorhandenen Sättigungsmöglichkeiten und einem einhergehenden Feierwissen ist vielen Leuten in meinem Alter eine tiefgreifende Sehnsucht zum Techno erhalten geblieben die im heutigen Veranstaltungsangebot garnicht mehr gestillt werden kann.

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  9. Party in der Provinz war doch immer was schönes.
    Besonders in Köln und Frankfurt fand ich dieses natürliche und familiere immer sehr symphatisch.

    :D

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  10. Bin ein Ostfriese, direkt von der Nordsee, hier ist nie was Besonderes gewesen. Als ich 91 oder 92 das erste Mal im Bunker in Berlin war, ist meine Liebe zur elektronischen Musik verfestigt worden. Hier war nach meinem jetzigen Wissen ein DJ Dolle X an den Decks. Der hatte eine Liebe zu dem Track Cafe del MAr. Ich bin der Meinung das hat er jede Stunde gespielt. Zurecht ;-)

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  11. Also ich kenne Landeier – der Schule sei dank -, die mehr Techno waren als viele Urbanen. Das einzige was fehlte waren Clubs, was man aber im Sommer durch erstklassige OpenAirs wieder wegmachte. Wir Stadtkinder wundern uns nämlich ziemlich was es nicht für Geile Locations auf dem Land gibt.
    So war noch nicht mal ein StarDJ nötig, ging trotzdem richtig ab mit mehreren Hundert Leuten.

    Im Winter dagegen mussten die schon ne Stunde fahren, um in Riem etc. aufzuschlagen, was die aber nicht abgehalten hat.

    Auch in Richtung Niederbayern gabs dann angemietete Locations, die im Internen Kreis legendär wurden.

    Land ist anders, die feiern Techno aber genau so, keine Angst.

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  12. Hey Tanith, erinnerst Du Dich noch an den 1210 Club in Hirschau, im tiefsten Bayern? Da warst Du, wenn ich mich nicht täusche, Anfang der 2000er auch mit einer gewissen Regelmäßigkeit gebucht.
    Bin davon ein paar Kilometer entfernt aufgewachsen und war deswegen recht häufig dort. Seitdem bin ich in vielen Clubs gewesen und hab keinen gefunden, der diesen liebevollen Charme wie das 1210 hatte.
    Die kulturelle Bedeutung für den nordbayerischen Raum war unermesslich. Teilweise nahmen Leute eine Anfahrt von mehreren Stunden in Kauf um dort zu feiern. Wie hast Du den Laden damals empfunden?

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  13. …jetzt fällt mir ein wo Provinz anfängt…..) In der Umgangssprache bezeichnet ‚Provinz‘ auch das Gebiet außerhalb der Hauptstadt oder an der Peripherie eines Landes, manchmal mit abwertender Konnotation: Da aktuelle Moden oder Sitten oft zuerst in den Städten auftreten und diese im ländlichen Raum noch wenig bekannt sind, gilt dieser als eine rückständige, ‚provinzielle‘ Gegend. ( …..und darum kann der nordosten halt keine sein, basta

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  14. … die Frage ist doch nicht nur, wo die Provinz anfängt… Eine wichtige Frage ist doch auch: Wo fängt für Menschen fern der Großstädte Techno an. Ich spielte vor Kurzem ein Set in Stendal… Der ortsansässige Schallplattenunterhalter spielte den Mat Zo Remix von Kylie Minogues Get Outta My Way – die besucher dort hielten das schon fast für Hardtechno… Ansonsten, wie immer ein sehr schön geschriebener Artikel – LG aus der Nachbarschaft…

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  15. Hehe, also mir ist aufgefallen, daß in der Stadt eher etwas runtergepitcht wird, während auf dem Land eher etwas hochgepitscht wird. Wenn man sich aber zu Schranzzeiten getraut hat, absichtlich etwas langsameres zu spielen war die Tanzfläche aber immer mit Frauen gefüllt. ;)

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  16. was bringen facebook links wenn man sie eh nich lesen kann wenn man da nich mitglied is ? komischer verein…

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  17. sinnloser Diskurs. Äpfel mit Birnen-Vergleich & umgekehrt! Fakt ist: Fuck the Club and the Mainstream Techno-Desease. Diese desillusionierte Szene bekommt sowieso nur den Fraß der Headliner & Labelchefs vorgeworfen. Sie ist Systemkonform und hat absolut nix mit dem Kerngedanke vom eigentlichen Tekno zu tun. Diese Musik soll schillernd,beruhigend und ständig neue Mode repräsentieren. Die Stadt prägt das Umland,aber nicht umgekehrt.Die verehren den götzenhaften DJ-Star und brauchen Türsteher. Das Publikum ist geistig total degeneriert & lässt sich von diesem Schicki-Micki total beeinflussen. absolute Kultur-Leichen prägen diese Szene. Niveau ist keene Handcreme. setzen,6!!!

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