Thema der Woche 190: Tacheles

Kaum zu glauben das das nun auch schon wieder über 20 Jahre her ist das man gegenüber vom Obst & Gemüse zusehen konnte wie das Tacheles besetzt wurde und in der tote, dunkle Klotz zu leben anfing. Es war eine Zeit als Mitte noch lebendig war, kurz nach der Wende, ein riesiges Experimentierfeld und alles was verschlossen war wurde aufgebrochen und als Wohnraum, Galerie, Studio, Bar zweckentfremdet, gerne auch alles zusammen, kannste dir heute dort gar nicht mehr vorstellen. Und auch wenn das der Touristenführer den durchstaunenden Gruppen in Mitte täglich zig mal erzählt, sieht man den Gesichtern doch an, das die Vorstellung zu unreal ist als das sie wirklich in den Köpfen ankäme, lediglich der dunkle massive Klops Tacheles läßt da noch eine Ahnung aufkommen, wie es hier mal überall ausgesehen hat. Damals, als man die Schlacke aus den Kellern beförderte und diese neue Musik Techno dort unten feierte. Später kamen die Spiral Tribes und verbuddelten Migs, Panzer und Autos im Hinterhof, auch mein Panzer auf der Loveparade war von dort geliehen.
Irgendwann, ich weiß nicht mehr wann, zog dann auch Theatervolk dort ein und damit auch die typischen Hierarchien. Trotzdem war da noch ein Wuseln und ein Hämmern und ein Dengeln und ein Malern. Hinter den Kulissen war es oft genauso laut, egal ob Cafe Zapata gegen den Rest oder andersrum. Techno war irgendwann nicht mehr so gern gesehen und mein Interesse auch irgendwie erloschen. Trotzdem gab es immer wieder Gelegenheiten dort aufzuschlagen, sei es um den Sonnenuntergang im offenen Panoramafenster zu genießen, Konzerte, befreundete Künstler zu besuchen, mit Genesis P. Orridge dort aufzutreten und sogar eine Tekknozid hat’s da mal zum 10 jährigen Jubiläum im Theatersaal gegeben.
Aber nach meinem, zugegebenermaßen außenstehenden, Empfinden, hatte mit den Jahren hatte auch dieser freie Esprit nachgelassen, wenn er nicht gar verloren ging. Am Schluß war das Ding ein Relikt aus einer Zeit die es nicht mehr gibt, der letzte Widerstand, schön zum Vorzeigen für Stadtführungen, aber bezüglich des Anspruchs hatte der Rest von Berlin ja Mitte eh schon lange aufgegeben.
Ich weiß nicht ob man das Tacheles hätte retten können, die Politik, aber auch die Politik die da veranstaltet wurde war zunehmend unübersichtlich und was ich mitkriegte waren nur noch Verfeindungen von Lagern, das was sich so ab Mitte der 90er eigentlich schon abgezeichnet hatte. Aber wie gesagt, das ist der Blick eines Außenstehenden, der das seit Jahren eigentlich nur noch per Medien mitverfolgt hat

Kommentare (8) Schreibe einen Kommentar

  1. …trotz deiner wahren Worte ein R.I.P. für die schöne Kultstätte.Ich jedenfalls war in all den jahren immer gern mal dort.Aber Berlin-Mitte hat sich seit den 90zigern stark verändert und deshalb war dieses geile Haus leider schon lang am richtigen Ort,aber in der falschen Zeit ;)

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  2. jedesmal das rumgeheule wenn was zumacht – jede ‘szene’ lebt und die neuen kids haben neue locations! wenn nix neues kommt, dann auch zurecht, weils tot ist!

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  3. zumindest die teKKnozid im loveparedekontext anno 2000 war schon was sehr eigenes. schon wegen dem laser, der auf die gegenueblerliegenden boxentuerme knallte und auf denen man in selbigem focus so herrlich tanzen konnte. doch da war tacheles doch eigentlich schon nicht mehr das, was es mal war. draussen war zu dem zeitpunkt alles horrend teuer und echter nepp. drinnen dafuer voll agrowesen unterwegs. gibt´s die s-bar eigentlich noch? der morgen danach war jedenfalls unvergesslich und dat femalesiam musste mich leider schon damals in der vergangenheit haengen geblieben ertragen. ;-) vorbei, nicht vergessen!

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  4. Tacheles ist für mich immer der kleinste Club der Welt, jedenfalls das “Ding” (Schuppenruine?, altes Trafohäusschen?) da im Hof. Ich bin da immer nur mit Berlin Besuchern hin. Hatte das eigentlich einen Namen?

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  5. Ich lebe zwar schon eine längere Zeit in Berlin (zwei Jahre), aber in der Gegend habe ich mich noch nie länger aufgehalten. Dieser hässliche Klotz ist für mich so eine Art Hippie-Touristen-Müll.
    Das richtiges Berlin findet man in der Warschauer Straße am Späti.
    Also kein Verlust. Eine Dreckecke weniger.

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  6. @joachimwolfshaut richtiges Berlin findeste überall in der Stadt wennste die Augen aufhälst und ich hoffe das genug Hässlichkeit und Dreckecken übrigbleiben. Geleckt gibt’s schon viel genug

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