Holm Friebe und Sascha Lobo – Wir nennen es Arbeit


Die beiden Autoren mit eher zweifelhaftem Leumund, so z.B. Trendforscher und Anzeigenkampagne für MTV’s Popetown, legen hier ein Buch vor, dessen Unterschrift der Überschrift lautet “Die digitale Bohème jensseits der Festanstellung” und so ziemlich alle Schwebteilchen behandelt, was in der Web 2.0 Tagnebelwolke an Worthülsen so rumfliegt.
Ich gebe zu, das ich mich zwar sehr neugierig, aber dennoch skeptisch an das Buch begeben habe, zu präsent waren noch die Erinnerungen an die Begleitbücher zur New Economy, wie Cluetrain Manifest oder Funky Business, die mit dem Zusammenbruch derselben ebenso mehr oder minder zu großmäuliger Makulatur wurden. Die beiden stellen es aber schlauer an und versuchen nicht die gesamte Welt umzukrempleln, sondern bringen hier zwischen zwei Buchdeckel, was an aktuellen Möglichkeiten und Hypes so alles im Windschatten von Web 2.0 so entstanden ist. Sei es das Schlagwort des Urbanen Penners, die damit verbundene Welt des gesharten W-Lans, die hier in Berlin insbesondere die Cafekultur momentan nachhaltig verändert, aber im Grunde ist es eine Status.Quo Beschreibung einer zunehmend größer werdenden, hauptsächlich urbanen, Schicht, derer, die von Hartz IV nichts wissen wollen und eigene Wege gehen, Nischen finden, die erst durch das Internet möglich wurden oder sich durch dieses erst ergeben. Dabei wird nicht nur das Hohelied des unabhängigen Freelancers gezeichnet, sondern auch durchaus ehrlich auf die Unwägbarkeiten in diesem rauhen Gelände eingegangen und gewarnt, ja sogar nützliche Tips gegeben, falls man doch mal in die Bredouille gerät und sich einem Arbeitgeber überantworten muß, falls die eigenen Projekte nicht so viel abwerfen oder eben grandios scheitern.
Natürlich haben auch Blogs, Podcasts und damit zusammenhängende, wenn auch eher periphere Dinge wie GTD ihren Teil in dem immerhin über 300 Seiten dicken Wälzer, der zunehmend interessanter wird, nachdem man sich ersmal durch den Anfang und damit die Verortung und Definition dessen gelesen hat, was die Autoren unter digitaler Boheme verstehen. Der weitere Verlauf ist für netzaffirne und Freelancer mit Sicherheit nicht unbedingt neu, das alles hat man im Verlauf der letzten 2 Jahre alles schon verfolgt, selbst erlebt und ist in den entsprechenden Kreisen sowieso Dauerthema (remember z.B: der Typ der auf die Idee kam seine Website zu nutzen um pixelweise Werbung zu verkaufen und tatsächlich in kürzester Zeit auf seine Millionen kam und wie man sich ärgerte nicht selbst auf die naheliegende Idee zu kommen? , aber es liest sich gut, sowas wie ein aktuelles Resümee zwischen zwei Buchdeckeln zu lesen und somit einen Strich unter die Rechnung zu machen und nun ab da weiter zu diskutieren. Ein Ende des Prozesses ist da sicher nicht i Sicht und so haben die Autoren auch konsequenterweise ein Blog zum Buch] gemacht, auf dem nicht nur die Links zum Buch enthalten sind, sondern in schöner Regelmäßigkeit aktuelle Ergänzungen zu lesen sind und auch bei Mario Sixtus Elektrischem Reporter war es letzte Woche Thema.
Fazit: Für denjenigen, der das Abenteuer wagen will aus einem mobbinngverseuchten Arbeitsverhältnis auszusteigen, sicherlich eine motivierende Investition, die auch nicht die vielen Schattenseiten verheimlicht und für denjenigen der aus dem Abenteuer Hartz IV aussteigen will sicherlich auch eine gute Inspiration, das Leben selbst in die Hand zu nehmen. Für Menschen, die sich der digitalen Bohème eh zugehörig fühlen quasi ein Lesemuß, und für diejenigen in Berlin sowieso, da man viele Beispiele persönlich kennt ,weil hier ja anscheinend das brütende Biotop ist, dem das alles hauptsächlich passiert (wenn ich auch nicht verschweigen möchte das hier so gut wie keiner Geld verdient, in Berlin scheint eher sowas wie ein Feierkommunismus zu entstehen, dazu aber an anderer Stelle mehr)
Ach und natürlich kommt das Buch genau recht zum nähereilenden Weihnachtsfest, da kann man es all jenen unter den Baum legen, die das eigene Tun nicht verstehen und denken man würde nur blöde vor dem Rechner sitzen oder brotlose Kunst fabrizieren, wo man doch eigentlich zur neuen Speerspitze der Gesellschaft gehört

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