Thema der Woche 19: Tanith auf der Loveparade

Auch wenn ich einer der paar legendären bin, die bereits auf der ersten Loveparade dabei waren, die im Nachhinein immer mit “150 Leutchen, die auf dem Kudamm einem Wagen mit Musik hinterherliefen” beschrieben wurden, was auch durchaus der Realität entspricht, war ich keiner der von dem dem Gedanken beseelt war, was das mal werden könnte, noch ahnte man was das mal werden würde. So sehr Motte auch die Idee als seine beansprucht, so kannte doch jeder im UFO damals den Track “Streetparty” von Jazz & The Brothers Grimm, von welchem es nun keinen so große Eingebung mehr brauchte um auf die Idee zu kommen. Ich stand der ganzen Sache also mehr abwartend gegenüber,
zumal Motte und mich zu der Zeit eine von mir ungewollte Konkurrenz um das was den Sound hier rulte. Schon anno 89 gab es da durchaus Aufspaltungstendenzen zwischen der eher gemäßigten und housigen Fraktion und der ungestümen Technogeneration, zu der ich mich eher zählte. Entsprechend schwer wurde es mir gemacht bei der Loveparade mitzuwirken. Tape abgeben für den Wagen lief über Motte und war von daher ausichtslos. Platten auf dem Wagen zu spielen war übrigens auf den ersten beiden Paraden noch gar nicht möglich, da liefen tatsächlich Kassetten. Was blieb mir also übrig als, wie alle anderen, dem Wagen hinterher zu trotten und das ganze dann doch ziemlich geil zu finden. Die Reaktionen des Kudammkonsumentenvolks konnte ja keiner vorausahnen und das war dann eigentlich der Punkt, der uns alle in ungeahnte Euphorie versetzte, sei es verständnisloses Kopfschütteln oder ermunterndes Zwinkern der überraschten Einkäufer und Touristen dort, egal, es war ein Statement das polarisierte und man merkte, das man einigen eine Denkaufgbe mitgegeben hatte, sowas hatten die noch nicht gehört und erlebt. Abends gab’s dann noch eine Party im ersten UFO in der Köpenicker Straße und vorher scxhaute ich noch bei einer anderen Party vorbei, die nichts mit irgendeinem von unserem kleinen Aktivistenhäufchen stammt, die sich aber an den Event einfach ranhängte und irgendwo in Kreuzberg 61 auch etwas veranstaltete. Los war da nix und mit dieser frohen Kunde tauche ich dann im UFO auf, wo schon alle beisammen waren und die Geschehnisse erörterten.
Im Jahr darauf gab es schon das alte UFO nicht mehr, dafür wurde es schon internationaler, Hamburg und Köln schickte Delegationen, die dann am Abend im neuen UFO auflegten, Tobias Lampe und Henry aus Hamburg als auch Claus Bachor waren die Namen. Mittlerweile war Deutschland auch vereinigt und der Osten wollte natürlich mitfeiern, wenn er schon die Locations stellte. Leider aber tat sich da eine kleine Diskrepanz mit der mittlerweile herausgebildeten Leitung der Loveparade auf, mitmachen ja, mitreden, nein und außerdem schwelte ja immer noch die Missgunst zwischen mir und Motte und das ich mit Wolle unter einer Decke mit Tekknozid steckte, wo wir fröhlich Techno zelebrierten ohne der Mutter House die entsprechende Ehre zu erweisen, machte die Sache auch nicht leichter und so hatte man Angst darum, das wenn nun der Osten mit seinen Tekknokids dazukommt, das ganze etwas aus dem Ruder laufen könnte, was die eigene Geschmacksausrichtung belang und das eine Abstimmung mit den Füßen Techno sans regret bedeuten könnte, Politik gab es damals schon. Damit hätte man zwar einfach dem Vorschub geleistet was eh in der Luft lag, aber irgendwo auch verloren und so legte man einer Ostbeteiligung gleich mal ein paar Steine in den Weg. Was da genau vorgefallen war, da weiß Wolle besser als ich Bescheid, aber der redet ja gerade nicht mit mir ;)
Dann kam 91 und damit das Jahr in dem die Loveparade explodierte. Das war eigentlich noch besser als 89, ich wohnte damals gar nicht weit vom Wittenbergplatz, wo das Spektakel seinen Anfang nahm und konnte zu Fuß dort hin marschieren. Scho auf dem Weg war auffällig wieviel buntes Volk auf der Straße war und am Tauentzien war dann das absolute Chaos. Mit viel hatte man ja gerechnet, schlieslich verfügte man mittlerweile über Netzwerke in ganz Deutschlang und jeder wollte natürlich dabei sein, aber das unsere Sache mittlerweile so groß geworden war, das hatte keiner geahnt, die schiere Menge ließ einen schon erfürchtig werden, was man da geschafft hatte. Das war die erste Loveparade, die wirklich international war, nicht nur jede größere deutsche Stadt war vertreten, auch Leute aus England, Benelux, Frankreich usw. waren vor Ort und brachten die Kunde um unsere Loveparade wieder zu ihnen nachhause. Denkwürdig ar dabei der Auftritt Frankfurt’s, den Battle um die Lautstärke hatte man schon auf den ersten Metern verloren, als die Anlage auf dem Frankfurtwagen streikte. Dabei hatte Frankfurt da schon einen Ruf zu verlieren, schliesslich konnte man da schon auf eine Tradition von Elektronischer Tanzmusik zurückblicken, mit Talla, Fenslau und ähem, 16 Bit, aber nun war Berlin dabei nicht nur in der Presse, den wohlverdienten ersten Platz an sich zu reissen. Das konnte man natürlich nicht auf sich sitzen lassen und wollte mit dem fettesten Soundsystem anrücken. Später gab es dann noch lange Diskussionen im Frankfurter Lager, weil der Sven daraufhin schnell das weite gesucht hatte und auf einem Wagen mitfuhr wo er tanzen konnte. Es war auch die erste Loveparade wo Drogen in größerem Stil eine Rolle spielten, die waren vorher so gut wie inexistent.
92 hatte ich dann meinen ersten Wagen auf der Loveparade, der aus einem ollen Laster bestand, den wir nach der Party mit Tarnnetzen zum HarTcorewagen umgestalteten, dazu hatten wir noch Nebelkerzen aus Armeebeständen mit denen wir den halben Kudamm zunebelten und alle auf dem Wagen hatten Camo an, was einen hübschen Kontrast zu dem bunten Völkchen sonst abgab, wir waren definitiv anders!
Die Party am Abend fand auf einem alten Armeegelände statt und war irgendwie seltsam. Motte hatte irgendeinen Ausraster und jeder fragte sich wo er geblieben war. Auf der Party war eine komische Stimmung und man wollte in viele Ecken gar nicht so genau reingucken, denn da lagen meist ganz schön zerstörte Gestalten. Drogen hatten zwar bereits ihren Siegeszug durch die Technoszene angetreten, aber wir konnten damit doch verantwortungsvoll umgehen, druff bis zum Umkippen war eigentlich nie einer und wenn dann aus Ungeschicklichkeit oder weil die Sache neu war, aber dieses Abstürzen und wie ein Wrack paranoid in der Ecke hängen, das hatte ich da zum ersten mal in solcher Menge gesehen. Hatte im Nachhinein aber trotzdem sein Gutes, denn Paul, der Macher des englischen Universe Festivals wurde dort auf mich aufmerksam und holte mich als ersten Deutschen dorthin, der Auftritt dort wurde zur Legende und auf das Tape, das dort aufgenommen wurde, werde ich heute noch oft angesprochen, ich hatte HarTcore nach UK gebracht.
Dann kam das Jahr als ich mit dem Panzer über die Loveparade rollte, den hatten wir uns vom Tacheles ausgeliehen und farbmäßig wiederhergestellt, als wir das Ding übernahmen war es in Schweinchenpink, ging natürlich gar. Freilich waren auch alle auf dem Wagen und Panzer wieder in Tarn gekleidet und als wir mit diesem Panzer zwischen all den bunten, lustignaiven Wagen auftauchten war das schon ein Hingucker erster Güte. Ich hatte dazu noch so ein cybermäßiges Headset und einen Zepter mit Totenkopf mit dem gleichen Headset und Wirbelsäule dran, jeder Predator wäre stolz auf mich gewesen! Die Blicke die auf uns geworfen wurden reichten von absoluter Begeisterung bis zu fassungslosem Entsetzen, ich habe sogar verpillte Ravemädchen heulen sehen! Das polarisierte, ich nannte das ja Friedenspanzer, aber die Fraktion, die bei Camoklamotten und hartem Techno gleich Militarist oder Nazi assoziierte fühlte sich nur bestätigt, zumal ich zu der Zeit mit dem Exit Erfolge feierte, wo sich auch die Technohooligans einfanden.
Dort gab es bei dieser Loveparade ein dreitägiges Festival, das ich zusammen mit Laarmann organisierte. Dort legte auch ein gewisser DJ SS auf, woraus man mir und dem Exit einen Strick drehen wollte, so im Sinne von, da sieht man’s ja wieder, wie kann man sich als DJ nur SS nennen, das können ja nur Nazis sein. Dummerweise war DJ SS aber ein farbiger englischer Drum & Bass DJ, den wir eingeladen hatten um diese neue Musik hier zu kredenzen.
Denkwürdig war auch der Bus aus dem Rhein Main Gebiet von Koma und Taucher, einem Veranstalterteam, das damals berühmt berüchtigt war und von dem heute nur noch ein DJ Taucher übrig geblieben ist. Als deren Bus vor dem Exit hielt war das ein Anblick den man nicht mehr so leicht vergisst, nicht nur das die den ganzen Weg von Frankfurt aus bis Berlin im Bus zurückgelegt hatten, auch auf der Loveparade waren die als Wagen schon dabei und nun stand der Bus mit dem desolaten Haufen vor dem Exit und glotzte mit hohlen Augen und malmenden Kiefern aus den Fenstern raus, Hotze in Reinkultur.
Für mich war damit auch schon der Höhepunkt erreicht. Im Jahr 94 gab es dann Auflagen für die Wägen, wir hatten ein riesiges Schiff wie eine Arche Noah und das war ein paar cm. zu breit, so das der angeblich Wagen nicht durchkam. Irgendwie schafften wir es aber dennoch das Go zu erhalten und wieder wogte eine Masse Camogekleideter durch bunte Beaniehats und Zipfelmützen.
95 durfte unser Schiff dann nicht mit, die Breite mal wieder, eine Baustelle auf dem Kudamm hätte das Wendemanöver verhindert, außerdem waren die Gebühren ungebührlich hoch geworden. Mein Enthusiasmus an der Parade war aber auch schon wieder abgeklungen, ich bekam einiges von den Ränkespielen im Hintergrund mit und mit Friede, Freude, Eierkuchen war da nur wenig, stattdessen Größenwahn, Profilierungssucht und miese Tricks. Da ich keinen Wagen hatte nutze ich die Chance mir das Spektakel vom Dach desFrontpagebüros aus anzusehen, das zu dieser Zeit direkt am Tauentzien lag. Es war eine tierische Hitze in der Stadt und im Büro war’s nicht auszuhalten, nicht nur wegen des Wichtigmobs der sich dort tummelte, sondern eben auch diese Hitze war unerträglich, es stank wie chemisch vergifteter nasser Hund da drin. Schon der Weg dorthin war anders als z.B. 91, als man sich noch freute soviele Gleichgesinnte zu sehen. Jetzt wurde mir das schon zuviel, waren ja auch nicht mehr wirklich Gleichgesinnte, sondern halt auch viel Mob und Gesocks unterwegs, war es 91 noch eine Freude mitten im Publikum zu stehen, war es 95 eher ernüchternd zu sehen was “Somewhere over the Rainbow” und Konsorten so an Treibgut angespült hatte. Vom Dach aus besehen war klar zu sehen das der Kudamm mittlerweile zu klein geworden war, das sah von da oben aus wie eine üble Darmverstopfung, urban nachgestellt. Zwar hatte man es im Vorfeld schon geahnt, aber ein paar naïve Gemüter mußten ihr Auto natürlich doch auf dem Tauentzien stehen lassen, irgendwo habe ich auch noch die Bilder von den demolierten Karren, auf denen getanzt wurde und über die einfach drüber gelaufen wurde, wahrscheinlich nichtmal in böser Absicht, sondern weil einfach kein Platz war und man nicht ausweichen konnte. Nicht nur mein Interesse verschob sich weg vom eigentlichen Event zu den angegliederten Veranstaltungen.
96 mußte natürlich aus dem Resultat des Vorjahres ein Resümee gezogen werden und das bedeutete die Loveparade war in den Tiergarten verlegt worden. Hatte zwar den Vorteil das unser Schiff wieder mitwogen konnte, aber der ursprüngliche Reiz, mitten in der Stadt zu feiern war damit perdu. Das stellte sich für mich jedenfalls während des Abfahrens der Strecke heraus, war zwar spannend zu sehen wie sich die neue Strecke so machen würde, aber das Gefühl das das Zukunft haben würde stellte sich nicht ein. Dazu kam auch noch, das die Loveparade zum Lieblingskind für Sponsoren geworden war und der Platz an der Siegessäule für diese natürlich ideal war um ihre Webung zu präsentieren, mit Techno hatte das immer weniger zu tun, stattdessen wurden die Teinehmer zunehmend zu Konsumenten degradiert und die Unsitte Eintrttskarten für Wägen zu verkaufen fing ab da auch an. Es war für mich auch das Jahr eines persönlichen musikalischen Umbruchs, Techno war für mich in vielen Bereichen zu langweilig geworden und ich hatte Breaks für mich wiederentdeckt, das stand zwar diametral dem geläufigen Geschmack entgegen, aber ich konnte gar nicht anders um meine Motivation zu erhalten. Was angesichts der gebotenen Musik auf den meisten anderen Wägen im Nachhinein nur zu verständlich, das hatte nur noch wenig mit meinem Technoverständnis zu tun und auch das Präsentieren und Inszenieren der Szenestars auf den Wägen wurde für mich immer peinlicher. Der ursprüngliche Battle um das lauteste Soundsystem oder den abgedrehtesten Wagen, das hatte für mich noch was gesundes, aber DJs als Gallionsfiguren, die vom Publikum noch Geld abknöpften, wenn sie auf den Wagen wollten oder gar Tänzerinnen im Vorfeld casteten, das war mir schon zu nahe an Wet T-Shirt Contests und ähnlichem Provinzgeseier, das hier eigentlich nichts zu suchen hatte.
Meinen letzten Wagen hatte ich 97 und nicht nur die Besucherzahlen hatten sich potenziert, sondern auch die unschönen Begleitumstände. Masse ist immer blöd und was mich da von unten anglotze wollte ich gar nicht mehr sehen, da waren Hepel und Krepel plus Kind unterwegs um sich den anderen Provinzmob mit Bausparvertag anzugucken, die einmal im Jahr aufdrehten und ich fragte mich wie das so lief, wen man stundenlang vor dem Spiegel steht und sich bei dem geschmacklosen Anblick sagte “Ja, so präsentiere ich mich der Welt”, schlimme Einblicke in die gemeingültige Geschmackswelt gab es zu bestaunen, die erst Jahre später in den Castingshows der Privatsender wieder auflebten. Ich wollte eigentlich nur 2-3 Stunden auf dem Wagen mitfahren, weil ich sowas schon aus den Ergebnissen des Vorjahres vorausgeahnt hatte, aber das es so schlimm wurde hatte ich nicht erwartet. Ich war ja vom landläufigen Techno mittlerweile weit entfernt und ging ganz in meiner Mission auf, Techno mit Breaks zu fusionieren, aber auch eben das dortige Publikum machte es mir verdammt einfach, die ganze Chose nur noch zu verachten. Leider blieb es nicht bei den 2-3 Stunden, es war so voll, das ich gar nicht vom Wagen runtergekommen wäre, ohne die ein oder andere Ömme einzutreten, mir wurde schlecht, ich wollte nur noch weg da, das ganze ar zu einem billigen Event verkommen, der nur auf Sponsorengelder hinschielte und natürlich um das Low Spirit Imperium zu stärken, das ja überhaupt keine Berührungsängste mit dem Billigsten hatte, was nicht Wunder nimmt bei einer Firma nimmt, auf deren ersten Flyern neben Acid als Musik auch noch hundert Liter Freibier versprochen wurden. Die Loveparade war für mich zu einem Trashspektakel verkommen, so wie es die Sponsoren vom Privatfersehen gerne, aber mit der ursprünglichen Idee nichts mehr zu tun hatte. Es war noch gar nicht so lange her, da war das das Treffen der unterschiedlichsten Stämme im Technoland, spätestens jetzt war es aber nur noch Rheinländischer Frohsinn ohne Kamellen. Auch das zum Fußvolk degradierte Publikum lief nicht mehr mit den Wägen mit sondern stand meist nur glotzend da und jubelte der vorbeiziehenden Karawane zu, es fehlten wirklich nur noch die Kamellen.
In den folgenden Jahren war ich immer nur auf den Veranstaltungen drumherum unterwegs und vermied es mich auf die Loveparade zu verlaufen. Zwar mußte ich die auf dem Weg zu Interviews paarmal streifen, aber so weit es ging machte ich einen großen Bogen und schaute mir das ranzige Spektakel lieber mit den Gästen, die ein Berliner zu diesen Zeiten immer hat, im TV an. Wenn da noch ein Bedürfnis gewesen wäre doch mal vorbei zu schauen, spätestens bei den Fernsehbildern hatte sich das erledigt. Ich konnte zwar verstehen, das der Besuch, extra angereist, sich das geben wollte, auch als Initiationsritus für die Landjugend mag dieses chaotische Abenteuer mitsamt erster Drogeneinnahme und was einem Jungspund da noch alles passieren konnte, das er später im Jugendzentrum oder im Verein staunenden Zuhörern zwecks Erhöhung des Respekts bunt ausgemalt erzählen konnte, seine Berechtigung haben, aber mit Techno, Berlin oder mir hatte das zunehmend weniger zu tun und Paraden hatten wir ja auch andere, authentischere, sei es der CSD, die Fuckparade oder seit 96 auch den Karneval der Kulturen, die allesamt zeitgemäßer und berlinesker waren. Diese Zurechtstützung auf Low Spirit Niveau hatte der Loveparade seit Jahren die Seele geraubt. Man kann im Nachhinein darüber diskutieren ob es auch andere Wege für die Loveparade gegeben hätte, aber mit den IchIchIch-Protagonisten die dort das Sagen hatten wäre ein anderer Weg wahrscheinlich unmöglich gewesen, man wollte ja die Raving Society oder zumindest vom Pöbel geliebt werden, auf das der einen reich und berühmt mache, ich frag mich nur immer noch wozu? Was nützt Ruhm wenn man nix zu sagen hat, wie die Reden ja z.B. Jahr für Jahr unter Beweis stellten.
Im Jahr 2003 traute ich mich dann mal wieder mit dem Bike auf die Parade, erstens weil ich dort ein Interview haben sollte und um zu sehen wie sich das so alles entwickelt hatte und wie sich das nun anfühlt, ich schrieb damals im Tourbericht:
Das erste was mir auffiel war, das ich dieses Jahr ohne weiteres mit dem Bike bis zur Siegessäule kam. Das war vor ein paar Jahren noch anders, da hatte ich ein Interview bei Viva und dachte ich bin schlau und fahre mit Bike hin, gab‘s dann aber irgendwo zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule auf, weil ich entweder unablässig hätte Entschuldigung sagen, oder lauter Idioten hätte totfahren müssen. Zu den Leuten will ich gar nicht viel sagen, da waren keine, die ich hätte kennenlernen wollen oder die ich interessant fand, eine einzige Hölle des schlechten Geschmacks, des verkrüppelten Humors und mich wundert nur, wie das alles so entgleiten konnte, meinetwegen kann das ganze Ding ersatzlos gestrichen werden, sowohl die kleine Horde die sich auf der Goldelse selber feiert, als auch das Fußvolk dort unten sind nun wirklich nicht mehr zeitgemäß oder irgendwie sonst relevant. DJs die mehr durch Image glänzen als durch große Taten, die meisten davon schon weit über ihre besten Tage hinaus und nur durch ein ekliges Netzwerk von gegenseitgen Abhängigkeiten noch an dem Platz wo sie dann generös die Hände über die selige Masse ausbreiten. Das Fußvolk ein immer noch großer, nixdestotrotz erbärmlicher Haufen auf Alkohol alles ertragender Pöbel, der sonst wahrscheinlich nicht mal weiß was Techno ist, woher er kommt, noch für was die Loveparade einstmals stand, herrrje, sogar die guten alten Drogen scheinen nicht mehr genommen zu werden, stattdessen also wieder langweiliger Alk und das war auch eindeutig an den Kirmesbuden entlang der Strecke zu sehen, wo man „Alkohol formte diesen schönen Körper“-T-Shirts kaufen konnte. Der Agression nach war davon schon einiges geflossen, man mußte nicht danach suchen, allerorten standen sich oberkörperfreie Machos sich mit hervorquellenden Augen in Kampfpose gegenüber, vonwegen Love Rules. Nach einer Stunde des beäugens hatte ich genug

Das war meine letzte Berührung mit der Loveparade und ich vermisse nix. Im Grunde ist sie da,wo sie jetzt ist, besser aufgehoben So als Jugendkarneval im Sommer mit abgehalfterten Helden aus alten Tagen und heißspornigen Youngstern, die darauf hoffen, das die Loveparade ihre Karriere beflügelt und den Ruhm in der Welt nährt, plus normierte Wägen vom Sponsor , fehlt nur noch einer der die Kamellen sponsort. Mit dem Konzept kann man sicherlich noch ein paar Jahre durch das Ruhrgebiet tingeln, auch wenn das alles nur noch sehr wenig mit Techno zu tun hat.
Das einzige was mich nochmal reizen würde bei einer Loveparade mitzumachen, wären schöne Guerilliaaktionen, so das ein agen plötzlich ausschert und die Strecke entgegen gesetzt fährt, oder Aktionen aus der Menge heraus. Das würde diesem verschnarchten Ritual vielleicht mal wieder ein wenig Pep und Überraschungsmomente bescheren.

Kommentare (17) Schreibe einen Kommentar

  1. sher interressant zu lesen wie es dir so erging, naja denken konnt ick mir den grössten teil eh schon, aber ja sehr schön geschrieben. und ja guerilla aktion wären echt ma nen hit. ick wär dabei, bin eh für son spass zu ham.lustig wär auch sich mit sagen wir 200 schwarz gekleideteten leute in der menge, an einem bestimmten ort zu einer betimmten zeit zu treffen um dann fange zuspieln, oder einfach nur den weg zu plokieren. hehe dit gibt ne paniattacke und ne lustige presse, wie böse doch der schwarze block ist…

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  2. Die Grundidee der LP fand und finde ich immer noch genial – bloß was daraus wurde gefällt mir gar nicht.
    In den 90igern hat mir besonders die Frontpage mit ihrer Berichterstattung die LP gewalltig versaut – Tenor “Des Ravers größter Feiertag” oder “Nur wer auf der LP war darf sich Technofan nennen”.
    Vor allen das rumreiten auf der Demonstrationstatus fand ich irgendwann nur noch peinlich – die LP war eine Veranstaltung – Punkt. Es wurden Plakate gedruckt , Flyer verteilt & Busreisen organisiert – und dann behaupten es wäre eine Demo. Einfach lachhaft.

    Übrigens ist es lustig das es mittlerweile mehr Leute gibt , die behaupten bei der ersten LP dabei gewesen zu sein als es tatsächlich waren. Ist schon so etwas wie ein Urban Myth.

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  3. Schöner Text. Techno ist halt mal irgendwann mal explodiert und das war sicher nicht nur “Somewhere Over The Rainbow” sondern auch die LoveParade und Mayday. Das ist halt mit jedem neuen Stil so und Techno war halt schon neu. Jetzt ist er wieder da wo er hingehört und da kann er auch sein ganzes Potential zeigen. Die anderen hören halt weiterhin Sunshine live und Zeugs das genauso klingt wie vor 15 Jahren und gehen auf die Loveparade. Die Spreu trennt sich vom Weizen ;-)
    Ich war 96 dabei, bin ja noch ein bischen Jünger und auch schon damals fand ich das mit dem Alk echt schon sehr krass, etwas was ich bis heute nicht verstehen kann. Der Begriff “Clubmusic” macht finde ich auch Sinn. Heute tanzen die Leute ja auch Richtung Kanzel, was ich auch schon schlimm finde, wie auf einen Konzert. An Techno war ja das tolle, das da nicht Mister Superstar XY am start war, die Musik stand im Vordergrund, wer da oben stand hat mich Anfangs nicht intressiert, haupsache guter Sound. Und als es mich nicht interssiert hat fand ich toll, wie die Local Heros versucht haben den Gaststar herauzufordern und mit jeder Paltte sagen wollten, kannst du das auch? Und manchmal konnten sie es nicht.
    Ich war natürlich ’89 auch dabei, war zwar erst 13 aber danach fragt ja keiner :-) Also gut sechundneunzig hab ich mich getraut aus meinem provinzkaff mit freunden per wochendticket hochzufahren und uns im Tiergarten gleich mal gummireifen und tee andrehen lassen. Aber abgesehen von der Parade war überall Party und das war schon toll. Einmal hat trotzdem gereicht. Man konnte es im Tv verfolgen es wurde immer furchtbarer. Und die Leute, Tanith du sprichst mir aus der Seele, die Leute, auch wenn wir nur Touristen waren haben wir die Musik geliebt und wussten schon was geht…und das ging einfach nicht.

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  4. Bei einer Berichterstattung im Fersehen musste ich auch denken, die zieht meine geliebte Musik in den Schmutz und die gesamte Szene. Ich war sehr erbost. Junges Mädel mit Teddybär rucksack, Bufallos und der ganze Müll:
    “Techno ist halt die Musik, die immer BummBumm macht.” Arghhh, hab ich bis heute nicht vergessen und immer noch wache ich schweissgebadet auf davon

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  5. Ich fand das alle nicht wirklich schlimm. es sorgte nicht nur für ein wenig aufregung und die damligen Talkshows im PrivatTV waren gutes Samplematerial und das nicht nur auf Deustche seite, ich sage nur mal Dominee Dimitri oder andere z. B. von BC Kid und Speedfreak will ich nciht missen, genausowenig, wie ich nachmittags bei Freunden vorbei schaue und da plötzlich irgend ne Show in der Glotze lief, wo die damalige Berliner Technoelite samt Inhaber des damals berüchtigten Szenemags vorstellig waren…und alle quer durch die Bank komplett verpeilt. Ha! Schade das man das nicht auf youtube findet.

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  6. Sehr guter Text wieder. UNd sehr interessant. Also ich war 1999 auf der Love Parade. OK, da wars für Tanith ja schon mehr als durch bzw schon nicht mehr relevant aber ich als 18jähriger wollte eben mit Kumpels auch mal hin. Wobei wir, zu unsere Verteidigung, nicht nur Dorfjugend waren die mal einen draufmachen wollten, sondern “richtige” Technofreaks waren und sonst immer auf irgendwelchen Bunkerparties irgendwo in Brandenburg waren. Aber es war tatsächlich krass. Assis die lauwarmes Bier trinken und vor mir in Ohnmacht fallen, überteuerte Döner mit rohem Fleisch, Kitsch ohne Ende, Müllberge und weil wir nach und nach einige aus unserer Gruppe verloren hatten haben wir im Tiergarten direkt von der Musik garnicht mehr so viel mitgekriegt. Es war dann auch meine erste und letzte Love Parade. Es war toll es mal miterlebt zu haben aber nochmal musste wirklich nicht sein. Ich war dann ein paar Jahre später lieber aufm Karneval der Kulturen. Vorallem hinter dem Wagen von den Pyonen, hehe.

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  7. @dit winta: wenn ich’s mir so recht überlege, wenn dat dingens noch in berlin wäre, wäre das auf jeden fall ne überlegung wert, aber dafür extra ins ruhrgebiet reisen? och nö, so wichtig is mir das dann doch nicht ;)

    @DoctorBenway: na das meinte ich ja mit initiationsritual was du von deinem loveparadeausflug erzählst. dafür hat es ja auch immer noch berechtigung, ist aber egal ob da dann techno oder die fischerchöre bei zu hören sind
    gilt auch @Elektrosandy

    @escii: jo, die allgemeine verpeilung die bis ins fernsehn schwappte vermisse ich auch, alles viel zu brav geworden

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  8. als ich 1992 das erste Mal auf der LP war, war das ein einzigartiges Erlebnis und hat mit dafür gesorgt, dass die nächsten Jahre bei mir von nix anderem geprägt waren als von House, Techno, Parties und dem ganzen Zirkus und die Jobs die damit zu tun hatten.
    damals ist man einfach von Wagen zu Wagen getigert und wo einem der Sound zugesagt hat, da ist man dann drauf geklettert oder hat nebenher abgefeiert. so einen Sch*** mit Wagenpässen, VIP-Karte etc. gabs damals nicht. wenn Platz war, wurdest du von anderen auf den Wagen gezogen und ab gings … ach ja, soweit ich mich erinnere ist der Sound auf dem FFM-Wagen 1992 auch ausgefallen, da war ich nämlich Anfangs´. ;-)
    naja, und als nach der großartigen Parade dann der Jahrhundertregen einsetzte und alle weiter tanzten – von oben bis unten nass, voller Dreck & Auspuffgasen – war das einfach ein “magischer Moment”, den man nicht vergisst. die Parties in Adlershof waren dann eher so lala, aber ok.
    1993 und 1994 wars auch noch sehr schön und familiär, ätzend fand ich es erstmals 1995, da viel zu voll und damit einhergehend viel Gesindel und rücksichtsloses Volk. 1996 bestätigte dann die Erlebnisse von 1995. nach 20 Minuten am Ku-Damm bin ich entsetzt zurück ins Hotel, bad vibes ohne Ende, Schlägereien, rücksichtloses Gedrängel … das war dann vom Kopf her irgendwie das Ende der Geschichte, auch wenn ich bis 2000 immer wieder hingefahren bin. war halt immer ein Wochenende, um Leute zu treffen und sehr gute Line Ups auf den Parties zu haben.
    auf der letztjährigen LP war ich dann doch mal wieder und es ist halt heut was völlig anderes. um Leute zu treffen ok, aber der Geist und die vibes, die die Parade ursprünglöich ausmachten, sind weg und sie werden nicht zurückkehren.

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  9. @tanith: wenn die noch in berlin wär, würd ick och nich auf der strasse fange spieln, sondern lieber die siegessaüle stürmen um dann ordentlichen speedcore zu spielen, sodaß den menschen mal das gehirn freigeblassen wird,hehe spassig.

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  10. puuuuh, das war viiiel zu lesen.

    irgendwie hatte ich so einiges davon schon von meiner besseren hälfte zu hören bekommen.
    seine zeitrechnung in sachen techno beginnt in etwa bei `90.
    deine aktion mit dem panzer war eine der ersten geschichten, die ich zu hören bekam als wir uns kennen lernten und ich endlich den zugang zum elektronischen bekam, den ich zwar immer schmerzlich vermisste und doch (wie so viele andere) nicht wirklich wusste was mir eigentlich genau zu meinem seelenheil fehlte!- jetzt weiß ich es und es deprimiert mich dahin gehend mehr denn je, dass ich verdammt nochmal zu jung bin um selbst dabei gewesen zu sein…. aber was soll ich sagen: aus naivität wurde leidenschaft. ich möcht`behaupten die therapie hat gewirkt;)

    nee, mal im ernst- mir kommt die galle hoch, wenn ich mir überlege, was man sich heute so an lobiisten und möchtegern-selbst- darstellern reinziehen muss…aussergewöhnliches wie diese bewegung damals und ihre abspaltungen im speziellen MUSS man heute suchen wie die nadel im heuhaufen- erst recht, wenn man sich geographisch nicht in kulturell geprägten nischen sammelt, sondern irgendwo unter “ferner liefen” zwischen dem ende der welt und nirgendwo.
    ich für ,meinen teil bin froh, dass du deinen input weitergibst.

    ps: solltes du dich doch zur revolte entschließen- schick mir BITTE ne einladung!ich will aufs gruppenfoto!
    viva la revolution !

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  11. @Tanith
    Ne, als initiationsritual hätte ich dies nicht bezeichnet, denn wir waren schon voll drin. Die Loveparade war uns ungefähr seit 94 ein Begriff da sie halt durch die Medien gehypt wurde wie noch was und als Technofreak wollte man auch dabei sein. Ich hab die Loveparade nicht als das all und einzig alleinige Glücksversprechende erlebt, wo man dabei sein musste und es war auch nicht der Sinn der Sache. Wir dachten wirklich da treffen sich Leute die alle die Musik lieben, die wir auch lieben und so war es eben nicht. Wenn es so gewesen wäre, wäre es ein initiationsritual gewesen, weil dann wär man jedes Jahr hingefahren und die Loveparade wäre auch anderes gewesen und zwar so, dass du du sie auch toll gefunden hättest.

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  12. Hab grad die doku auf einslive (irgendwas mit techno zur wendezeit) gesehen und musste an 94 denken als ich völlig baff tanith auf dem panzer sah. War mega! 95 das letzte mal auf der lp. 94 noch frieden und liebe, 95 plötzlich von prolls angemacht weil ich auf der Straße selbstvergessen getanzt hab. Schade! Aber so läuft es ja in vielen subkulturen.

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