Review: Jörn Morisse, Rasmus Engler – Wovon lebst du eigentlich?

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Schönes Supplement oder Ergänzung zum Evangelium über die Digitale Boheme “Wir nennen es Arbeit”, in dem 20 Interviews mit Menschen geführt werden, die man mehr oder minder der Klientel zuschreiben würde um die es in “Wir nennen es Arbeit” geht. Dankbarerweise sind das nicht nur Berlinr oder Leute zwischen 20 und 40, sondern auch viel Hamburg und andere Städte und Menschen jenseits der 60 sind auch dabei. Die Tätigkeiten decken dabei ales ab, vom Musiker bis zum Maler, von der Fotografin bis zum ehemaligen GZSZ Schauspieler reicht die Bandbreite derer, die über ihr Leben ohne Netz und doppelten Boden berichten. Eins wird in allen Interviews klar, mit Boheme hat so eine eigenverantwortliche Selbstständigkeit meist am wenigsten zu tun und in die Rentenkasse zahlen die wenigsten ein, einfach deshalb weil es dazu nicht reicht. Dafür viel prekäre Lebenskunst und allgegenwärtige Querfinanzierung der Sachen um die es einem eigentlich geht.
Das Buch ist verdammt ehrlich darin, was es hier und heute bedeutet auf das All Inclusive Paket der Festanstellung zu verzichten und sich auf das Abenteuer Selbstständigkeit einzulassen, seien es die Geldlöcher und die damit verbundene Panik, die gelegentlichen Selbstzweifel, ob man da auf’s richtige Pferd gesetzt hat und das schwarze Loch das andere Zukunft nennen. Allen gemein hingegen ist auch die Erleichterung darüber der eigene Chef zu sein und nicht in einer Mobbinghierarchie leben zu müssen, bei der einem ständig der Chef über die Schulter schaut und nachdem im Arbeitssektor eh nichts mehr sicher ist, fällt die fehlene Sicherheit auch nicht mehr so ins Gewicht wie früher vielleicht mal.
Auffällig ist, das fast alle Interviewten mehrere Standbeine aufgebaut haben um über die Runden zu kommen (wo ich mich sehr drin wiederfand) und dabei eine Flexibilität an den Tag legen, die andere vielleicht das Fürchten lehren würde.
Zusammen mit “Wir nennen es Arbeit” eine sehr gelungene Lesekombi für Leute die den Schritt in die Selbstständigkeit und Nichtfestanstellung wagen wollen, sich aber realistisch über die Risiken und Nebenwirkungen informieren wollen.

Kommentare (8) Schreibe einen Kommentar

  1. Klingt spannend. Gab da vor ein paar Jahren schonmal was ähnliches: Ingo Niermann – Minusvisionen. Dort ging es um Menschen die mit ihrer Selbstständigkeit gescheitert sind…

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  2. Digitale Boheme oder auch das projektbasierte Leben wird im “Evangelium” eh viel zu positiv geschrieben. Klar ist unterhaltend und soll auch keine empirische Arbeit sein. Dennoch ist Selbstständigkeit, zwar keine Ausbeutung im marxschen Sinne, aber leider allzu oft ne Art der Selbstausbeutung am Existenzminimum.

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  3. Wirklich spannend wird das Thema bei Boltanski behandelt (Luc Boltanski/Eve Chiapello – Der neue Geist des Kapitalismus). Das ist mal moderne Kapitalismuskritik, ohne gleich in den Marxismus zu verfallen. Sie zeigen darin die Entwicklung des Kapitalismus, wie er die Kritik der 68er positiv umdeutete und nun viele Lebensbereiche vereinnahmt. Vor allem das projektbasierte Leben.
    Kleiner Vorgeschmack hier: http://www.s173721806.online.de/frontend/position.php?id=110#110

    Dieser Text gibt einen guten Einblick von Boltanski selbst in seine Soziologie der kritischen Urteilskraft (oder der Kritik), auf die seine Werke aufbauen. Falls du mal ganz viel Zeit hast, dann empfehle ich natürlich die komplette Monographie.

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  4. als abhaengig beschaeftigter, der sein gehalt mitlerweile zu 100% als schmerzensgeld deklariert, hilft mir das buch auch nicht weiter.
    es ist zum kotzen, auch wenn ich vor der situation des einzelnen hoechsten respekt habe! es sind die sich staendig aendernden rahmenbedingungen die so manch eine(n) dazu bringen, – sich bar jeglichicher rueckgratfreiheit – , dem sich taeglich aufwallendem wahnsinn zu stellen. leider ist keine mauer mehr da, – die man in der illusion der heilsbringenden welt – , einreissen koennte. selbststaendigkeit als totalausverkauf seines eigenen selbst?

    willkommen in der realitaet, willkommen in der freiheit!

    schoenen dank auch. mutti hol mich hier ab, ick will nach hause.

    ps: geraete kosten echtes geld & dafuer muss ich richtig arbeiten. sie zu verstehen & zu bedienen kostet zeit, persoenliche hingabe, verzicht, & …… das sollte den computerkid´s mal einer beibigen. sorry, aber ich hab echt gar keine ahnung. helau, alaaf & wuppdika.

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  5. Traurig, dass es dazu jetzt schon Bücher gibt. Derartige Überlensformen finde ich weder erstrebenswert noch cool, da ich das aus meinem Umfeld kenne. Ein Staat, der sich so viele Beamte leisten kann, sollte solche Überlebensformen nicht dulden. Das ist abartig.

    Und, wer mit Mitte 40 noch kein “Vermögen” angehäuft hat, wirds nicht mehr schaffen. Mit 45 gehts nämlich abwärts auf dem Arbeitsmarkt und mit spätestens 55 ist man Rentner. Wenn man da nicht gespart oder 3 Rentenanalgen hat: GUTE NACHT !

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  6. nicht dulden? das sind so die letzten freiräume die es beruflich in dieser gesellschaft gibt! und deine negative sicht der dinge ab 45 kann ich auch nicht bestätigen, viele fangen da ja erst mit neuen kapiteln im leben an. die möglichkeit einer rente ist so oder so kaum noch gegeben, ich zumindest bin froh gar nicht erst in den versuch einer hoffnung zu kommen. was ich so an rentnern, gerade auch frührentnern, sehe, ist das eh kein erstrebenswertes ziel, die meisten siechen ab der rente geistig ziemlich dahin und lassen’s mit der weiterentwicklung sein, was dann zu depris und anderen begleiterscheinungen führt.
    also auch trotz der risiken finde ich es immer noch erstrebenswerter selbstbestimmt, denn fremdbestimmt zu arbeiten. bei selbstbestimmter arbeit besteht immerhin noch die möglichkeit eine nische zu finden die lukrativ ist, bei fremdbestimmter arbeit kann man sich sicher sein lebenslang höchstens tarif zu erhalten- natürlich mit dem all-inclusive-paket des staates mit seinen horrenden abgaben.
    ist ne veranlagungssache, sicherlich, aber mir persönlich ist die selbstständigkeit oder auch das arbeiten für mehrere in selbstbestimmung tausendmal lieber als 9-5 oder gar 8-4

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